
Die Berichte des Tagesspiegels, 14.01.2015
von Matthias MEISNER
Ja. Ich ärgere mich zwar auch manchmal über Berichte in der Presse. Aber ich würde nie auf die Idee kommen zu behaupten, dass wir in Deutschland eine gesteuerte Medienlandschaft haben. Wenn man sich anschaut, was "Reporter ohne Grenzen" über Pressefreiheit in Deutschland schreibt, dann stehen wir in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern gut da. Darauf können wir stolz sein.
Ich würde einen Dialog schon allein deshalb anbieten, um sich später nicht den Vorwurf anhören zu müssen, man hätte gar nicht zugehört, wäre nicht gesprächsbereit gewesen. Um mit Luther zu sprechen: Dem Volk sollte man schon aufs Maul schauen, aber das kann nicht heißen, ihm nach dem Mund zu reden. Das ist ein Unterschied. Die sächsische Regierung und die dortige CDU machen das richtig, und ich unterstütze den Kurs von Stanislaw Tillich. Er sagt: Ich höre mir das an, aber wenn ich anderer Meinung bin, dann sage ich das auch – selbst wenn es auf Widerspruch trifft.
Ich teile Ihre Einschätzung nicht. Stanislaw Tillich hat schon im Dezember bei einer großen Veranstaltung in Dresden sehr klar Haltung gegen "Pegida" gezeigt und trotzdem versichert, dass er immer offen ist, über die Themen zu diskutieren, die die Menschen bewegen. Und das erwarten die Leute von einem Ministerpräsidenten.
So richtig kenne ich da keinen. Manche sorgen sich allerdings, dass der Eindruck entsteht, wir seien nicht gesprächsbereit. Diese Sorge möchte ich gern zerstreuen. Mit der CDU kann man immer ins Gespräch kommen, mit unseren Abgeordneten in den Wahlkreisen, mit uns als Parteizentrale und über soziale Medien. Wenn dann allerdings Leute Weltverschwörungstheorien verbreiten, werden sie von uns eine klare Antwort bekommen. Diesen demokratischen Diskurs müssen sie aushalten.
Die "Pegida"-Leute treiben ein unlauteres Spiel. Ihre 19 Thesen sind nur vorgeschoben, um sich politisch korrekt zu präsentieren und sich gegen Angriffe verteidigen zu können. Wenn "Pegida" diese Forderungen auf einer ihrer Versammlungen vorlesen würde – etwa die nach mehr Sozialarbeitern zur Betreuung von Flüchtlingen oder nach einer dezentralen Unterbringung – würde wohl fast keiner klatschen. Das ist der erste Punkt der Unredlichkeit. Der zweite, und das finde ich noch viel schlimmer: Es wird der Eindruck erweckt, die Politik kümmere sich nicht. Das ist perfide, weil es einfach nicht stimmt. Man kann immer noch darüber streiten, ob die Politik die Probleme schnell genug löst, aber dass sich die Politik der Probleme nicht annehme, ist schlichtweg falsch.
Nein.
Alle Umfragen belegen: Die Anhänger der Union wollen nicht, dass wir mit der AfD zusammenarbeiten. Nicht nur aufgrund des aktuellen Schauspiels, das diese Partei aufführt, ist das verständlich. Schlagzeilen macht diese Partei doch nur mit Zerrissenheit, Machtkämpfen zwischen Lucke & Co., nationalistischen Tönen, denen dann wieder halbherzige Beschwichtigungsversuche folgen. Mit solchen Leuten kann man beim besten Willen keine Politik für die Zukunft unseres Landes machen.
Wir brauchen eine Debatte über den Zusammenhalt in unserem Land. Was verbindet uns, und wer gehört dazu? Wenn wir diese Fragen beantworten – was gar nicht so leicht ist in einer pluralistischen Gesellschaft –, kommt die Frage hinzu: Wer soll künftig dazukommen? Das dürfen wir dann nicht auf die Frage reduzieren, ob ein Einwanderer die richtige berufliche Qualifikation hat. Ich hätte gerne – und so ist das in klassischen Einwanderungsländern –, dass wir auch darüber diskutieren, welche Werte ein Zuwanderer teilen muss. Hat er verstanden, was diese Bundesrepublik prägt – von der Gleichberechtigung bis zur Meinungsfreiheit? Ob es neuer Gesetze bedarf, muss man sehen. Eine spannende und lohnenswerte Debatte ist es auf jeden Fall.
Ich weiß nicht, ob das dieselben Leute sind. Aber wie auch immer: Die Diskussion über Zuwanderung werden wir nie abschließen, sondern immer wieder neu führen müssen. Das ist auch ein Vorzug eines Einwanderungsgesetzes: Jahr für Jahr kann neu entschieden werden, ob wir mehr oder weniger Zuwanderung brauchen. Ich habe eine Debatte angestoßen, die weit über reine Gesetzestexte und Arbeitsmarktbetrachtungen hinausgeht und dabei vor allem die gesellschaftlichen Anforderungen an Zuwanderung in den Blick nimmt.
Gut an Mike Mohrings Vorschlag ist die Idee, mit Zeitzeugen zu reden. Obwohl es eine wahre Flut von Literatur zur Geschichte der Ost-CDU gibt, kenne ich bisher kein Projekt, das Zeitzeugen einbezogen hat. Das ist also ein spannender neuer Aspekt und gute Ergänzung. Mir ist allerdings wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, es hätte keine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Ost-CDU gegeben. Die hat sogar sehr intensiv stattgefunden. Dennoch hält sich beispielsweise die Legende, die CDU Deutschlands habe das Vermögen der Ost-CDU übernommen. Aber das ist erwiesenermaßen falsch. Das kann die Linkspartei nicht behaupten, die noch heute vom Vermögen der SED zehrt.
Peter Tauber (40) ist seit Dezember 2013 Generalsekretär der CDU. Das Gespräch führte Matthias Meisner.