SZ-Berichte zu CIA & Guantanamo,

Die Jagt auf Abu Omars Häscher

Washingtons Anti-Terror-Kampf mitten in Europa: Eine Geheimaktion, die Spuren hinterlässt

München/Rom, 26. Dezember – Der Mailänder Vize-Generalstaatsanwalt Armando Spataro hat sich mit der Mafia und den Roten Brigaden angelegt, mit Mördern und Wirtschaftskriminellen, und er fürchtet auch nicht die Großen der Politik. In jeglicher Hinsicht ist der 57-Jährige ein sehr zäher Mann. Auch in seiner Freizeit. In drei Stunden und 13 Minuten ist Spataro in Chicago mal den Marathon gelaufen. Ein großes Fotos der Stadt ziert sein Büro im vierten Stock des Mailänder Justizpalastes. „Chicago“, sagt er, „ist meine Lieblingsstadt.“ Aber Strafverfolger wie Spataro lassen niemandem etwas durchgehen, selbst Freunden nicht, und schon gar keine Verbrechen.
Deswegen ist der Staatsanwalt mit der kräftigen Nase und dem dichten Schnurrbart für manchen in der Regierung des George W. Bush zum Feind geworden: Spataro fordert die Auslieferung von 22 Agenten des US-Geheimdienstes Central Intelligence Agency (CIA) wegen schwerster Verbrechen auf italienischem Boden. Vorige Woche hat ein italienischer Richter europäische Haftbefehle gegen die Verdächtigen erlassen. Auch Interpol ist eingeschaltet. Die zur Festnahme in Europa ausgeschriebenen Geheimdienstmitarbeiter sollen am 17. Februar 2003 in Mailand den islamistischen Prediger Abu Omar gekidnappt, über Ramstein in Deutschland verschleppt und nach Ägypten transportiert haben, wo er monatelang gefoltert wurde.


„Der Krieg kann überall sein“

Der italienische Justizminister Roberto Castelli steckt nun in einem Dilemma. Billigt er den Auslieferungsantrag, dann droht der Regierung von Silvio Berlusconi massiver Ärger aus Washington. Bremst der Justizminister dagegen – aus höherem Staatsinteresse – die Ermittler, so könnte jeder sehen: Die CIA darf in Italien machen, was sie will. In seiner Not hat der Minister ausgerechnet den Amerika-Freund Spataro als „Militanten“ und Anti-Amerikaner beschimpft. Aber mit Schmähungen und Herabsetzungen durch die Politik sind Mailänder Staatsanwälte vertraut. Als Spataros Kollegen Anfang der neunziger Jahre mit ihrer Aktion „Mani pulite“ (Saubere Hände) in der schmutzigen italienischen Politik aufräumten, polemisierte der heutige Premier Berlusconi gegen „rote Roben“ und „Kommunisten im Justizapparat“.

Spataro bleibt gelassen. Wenn sich Castelli und dessen US-Freunde stur stellen, dann macht er den CIA-Agenten eben in Abwesenheit den Prozess. Die Akten, die er und seine Leute in mühevoller Kleinarbeit gefertigt haben, wollen sie sich nicht mehr aus den Händen winden lassen. Auf Hunderten Seiten dokumentieren die Papiere, wie die CIA, Washingtons unsichtbare Hand, in Italien zupackte. Die Exzesse im Kampf gegen den Terror – Verschleppungen, Folter, Missachtung von Gesetzen – sind nun in Urkunden dokumentiert, sie erzählen die atemberaubende Geschichte, wie ein Agentenkommando nach monatelanger Vorbereitung einen Islamisten verschwinden lässt.

Das Opfer, der Ägypter Nasr Osama Mustafa Hassan, 42, den die meisten Abu Omar nennen, wird in Mailand zuletzt am 17. Februar 2003 gesehen. Wie immer läuft der bärtige Mann im langen Gewand die am Stadtrand gelegene Via Guerzoni entlang, von seiner Wohnung zum Mittagsgebet in der Moschee. Auf dem Gehsteig hält plötzlich ein weißer Transporter. Omar hatte das Fahrzeug schon vor seiner Haustür bemerkt, aber offenkundig keinen Verdacht geschöpft. Zwei Männer kommen auf ihn zu und fordern seine Papiere, dann sprühen sie ihm etwas ins Gesicht. Omar schreit um Hilfe, die Männer packen ihn ins Auto und knebeln ihn. Dann brausen sie davon.

Ein Freund hatte ihn gewarnt. „Du musst auf der Straße aufpassen, weil der Krieg überall sein kann“, so steht es in einem der vielen Polizeiprotokolle.

Staatsanwalt Spataro und mehrere Geheimdienste interessierten sich für Abu Omar. Die Mailänder Islamistenszene gehörte zu den aktivsten in Europa, und er war einer der mutmaßlichen Anführer. Er hat Afghanistan besucht, wollte die Regierenden in seiner Heimat Ägypten vertreiben und hat Italien wegen der Beteiligung am Irak-Krieg mit Vergeltung gedroht. Lange vor seiner Entführung wurde er observiert und belauscht. In einer Moschee sprach er einmal mit einem Freund aus Deutschland über die radikale Hizb-Al-Tahrir-Gruppe. Die Aufzeichnung des Gesprächs ist bei den Gerichtsakten: „Wir müssen Geld sammeln, weil wir eine islamische Armee bilden“, sagte der Gast. „Wie kommen die Dinge in Deutschland voran?“, fragte Omar. „Wir können nicht klagen“, antwortete der andere.

Als Abu Omar verschwand, fiel der Verdacht in seinem Umfeld zunächst auf die italienische Polizei. Sein Anwalt erkundigte sich bei den Mailänder Beamten, wo sein Mandant geblieben sei. Die hatten auch keine Ahnung, erhielten aber bald eine Information von den US-Behörden. Omar, erklärten die Amerikaner, habe sich auf dem Balkan niedergelassen. Näheres sei nicht bekannt. Hatte der Ägypter eine Entführung vorgetäuscht, um in den heiligen Krieg zu ziehen? Das klang seltsam, aber immerhin stammte der Hinweis vom engsten Verbündeten der Italiener im Anti-Terror-Kampf. Auf die Amerikaner war immer Verlass gewesen, vor allem auf den Mann, den sie Bob nannten.

Robert „Bob“ Seldon Lady war ein damals knapp 50 Jahre alter Beamter des US-Konsulats in Mailand. Jeder Carabinieri wusste, dass er in Wahrheit der örtliche CIA-Chef war – und was für einer: ein echter Haudegen. Er hatte sich für die New Yorker Polizei die Sohlen abgelaufen und später als Agent gezeigt, wie man Informanten auspresst. Ein Mann mit vielerlei Eigenschaften und auch Talenten. Er spricht perfekt Spanisch, weil er 1954 in Honduras geboren wurde und dort auch eine Weile gelebt hat. In Mittelamerika unterwanderte er im Auftrag der Agency linke Oppositionsgruppen. Im September 2000 wechselte er nach Mailand.


Handys im Fahndungsnetz

Die Italiener hielten Bob für einen Freund. Er hatte einen Landsitz in Penango und soll die Ermittler früher öfters zum Abendessen eingeladen haben. Und wenn es gegen Islamisten ging, dann war Bob stets zu Diensten. Er verteilte geheime Dossiers und gab technische Hilfe beim Verwanzen und Abhören. Natürlich weihten ihn die Italiener in ihre Ermittlungen ein, auch in jene gegen Abu Omar.

Eine scheinbar perfekte Kooperation, bis zum Frühjahr 2004, denn da ist der verschwundene Islamist plötzlich wieder zu hören. Mailänder Polizisten zeichnen noch immer alle Telefonate bei seinen Bekannten auf. Am 20. April haben sie ihn selbst in der Leitung. Omar ist nicht, wie die Amerikaner behaupteten, auf dem Balkan, sondern im ägyptischen Alexandria. „Mir geht es gut, Gott sei Dank“ , sagt er seiner Frau Nabila. Er dürfe Alexandria nicht verlassen und fügt, für die Lauscher zumindest etwas rätselhaft, hinzu: „Es wird keine zweite Entführung geben, sicher nicht, verstehst du?“

In den folgenden Wochen spricht Abu Omar immer wieder mit seiner Frau sowie einem Mailänder Freund, und langsam wird den Zuhörern klar, was im Februar 2003 und danach passiert ist. Omar erzählt von monatelangen Misshandlungen in ägyptischer Gefangenschaft. „Ich wurde aus gesundheitlichen Gründen freigelassen, ich war fast gelähmt. Noch immer kann ich kaum laufen. Ich bleibe immer sitzen.“ Seinem Freund schildert er die Entführung in der Via Guerzoni: Der weiße Transporter sei fünf Stunden gefahren, dann habe er auf einem US-Luftwaffenstützpunkt gehalten. Die Flugzeuge hätten amerikanische Zeichen gehabt. Ein schlimmer Verdacht drängt sich den italienischen Staatsanwälten auf: Haben die amerikanischen Freunde hinter ihrem Rücken in Mailand einen Menschen gekidnappt und verschleppt? Und was war mit Bob? Hatte der alte Freund sie tatsächlich so dreist hinters Licht geführt?

Solche Fragen lassen keine einfachen Antworten zu. Akribische Ermittlungen laufen an. Die Polizei rechnet aus, dass nur der US-Stützpunkt im norditalienischen Aviano in fünf Stunden erreichbar ist. Die einzige Zeugin der Entführung hatte beobachtet, dass einer der Täter ein Mobiltelefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt hatte, und Staatsanwalt Spataro lässt prüfen, ob eines jener Handys, das damals in der Via Guerzoni benutzt wurde, später auch in Aviano zu orten war. Die Polizei macht, was nach so langer Zeit in Deutschland nicht möglich gewesen wäre: Sie überprüft die Telefondaten des 17. Februar und der Monate davor. In Italien bleiben solche Angaben, anders als in der Bundesrepublik, lange gespeichert. Mobiltelefone verhalten sich wie Peilsender, liefern ein Bewegungsprofil des Verdächtigen und hinterlassen so eine Art elektronischen Fingerabdruck. Alle paar Sekunden nehmen die Geräte Kontakt mit der nächsten Funkstation auf, die das Signal an die Zentrale weitergibt.

Je länger die italienischen Polizisten ermitteln, desto klarer wird ihnen, dass sie es mit einer groß angelegten Geheimdienstoperation zu tun haben. Tatsächlich waren am Tatort elf Handys in Betrieb, sie standen in ständiger Verbindung mit sechs Anschlüssen ein paar Straßen weiter. Die Beamten rechnen nach: Sie kommen auf 62 verdächtige Telefonate, die meisten in genau jenen Augenblicken, in denen Omar verschleppt wird. Zwei Gruppen mindestens sind beteiligt: die Greifer in der Via Guerzoni und eine Reserveeinheit mit vermutlich sechs Agenten. Handy-Signale aus beiden Teams werden anschließend von Funkstationen an der Autobahn A 4 von Mailand nach Venedig erfasst. Die Agenten benutzen drei Fahrzeuge, zwei fahren, dicht hintereinander, in gleich bleibendem Tempo, ein weiteres folgt im Abstand von zehn bis fünfzehn Kilometern. Ihr Ziel ist die US-Basis in Aviano, auf der 3500 Amerikaner arbeiten. Während der Fahrt halten sie ständig Kontakt mit dem Luftwaffenstützpunkt. Die Ermittler sind von der eigenen Rekonstruktion des Ablaufs sehr angetan: In „absolut erstaunlicher Weise“, notieren sie, stimmten die Handydaten mit den Details überein, die Abu Omar am Telefon geschildert hat.

Die Amerikaner hingegen haben lausige Arbeit geleistet – wahrscheinlich fühlten sie sich im Freundesland zu sicher, denn es handelte sich, wie CIA-Quellen behaupten, um Spezialisten für solche Aktionen. Im Fall Omar soll eine paramilitärische Gang der CIA, die von Analysten unterstützt wurde, zugeschlagen haben. Die meisten von ihnen agierten vermutlich unter falschem Namen, aber die italienische Polizei konnte sich ohne Mühe Fotos von den Tätern beschaffen. Die Amerikaner hatten in ihren Hotels angerufen; die Hotels wiederum hatten die Pässe ihrer Gäste routinemäßig kopiert, natürlich einschließlich der Passbilder. Die Fotos zeigen Männer und Frauen im Alter zwischen 30 und 50. Die meisten wohnen in Washington oder im Bundesstaat Virginia, wo die CIA-Zentrale liegt. Einige von ihnen haben in der CIA-Zentrale angerufen, andere haben die Nummer eines CIA-Agenten an der US-Botschaft in Rom gewählt. Es gibt viele Spuren. Eine Agentin, die in die Vorbereitung der Kidnapping-Aktion eingeschaltet war, ist kurz vor der Verschleppung Abu Omars nach Deutschland abgereist.

Als Anführer des Kommandos macht die Polizei einen alten Bekannten aus: Bob. Natürlich Bob. Als sie seine Telefonspur verfolgen, stellen sie fest, dass er ein paar Tage nach der Entführung von Zürich aus nach Kairo geflogen ist. Schaute er zu, als Abu Omar in den ersten Vernehmungen durch ägyptische Spezialisten weich gekocht wurde?
Selbst die abgebrühtesten Ermittler hatten das den amerikanischen Freunden nicht zugetraut. Staatsanwalt Spataro spricht von einem „äußerst schweren Verbrechen gegen die Freiheit“. Er vermutet sogar, dass die Amerikaner jederzeit wieder zuschlagen könnten. Angesichts der „bemerkenswerten Organisation der beteiligten Personen“ und der „immensen finanziellen und technischen Mittel“ gehe er von dieser Gefahr aus. Außerdem, so klagt er, habe die Aktion auch den eigenen Kampf gegen den Terror behindert. Wäre Abu Omar nicht verschleppt worden, so hätte ihm die Mailänder Justiz den Prozess gemacht und womöglich weitere Islamisten gefasst.

Spataro sucht Verbündete. In Den Haag bei Eurojus hat er neulich den deutschen Leitenden Oberstaatsanwalt Eberhard Bayer getroffen, der Chef der Behörde in Zweibrücken ist. Bayer ist im Entführungsfall Omar von den italienischen Kollegen um Hilfe gebeten worden. Die Behörde in Zweibrücken ist zuständig für Ermittlungen auf dem US-Stützpunkt in Ramstein. Der Learjet, der Omar am 17. Februar in Aviano abholte, war zuvor in Ramstein gestartet und dann zurückgekehrt. Omar ist auf deutschem Boden in eine Gulfstream V verladen worden, die abends um 20.31 Uhr abhob und nach Kairo flog. Bayer hat ansonsten wenig Ansatzpunkte für eine zünftige Ermittlung, aber er will nicht einfach die Akte schließen. In den nächsten Tagen möchte er die deutsche Regierung um Hilfe bitten.

Die US-Außenministerin Condoleezza Rice sei ja neulich in Berlin gewesen, sagt Bayer, und die habe doch vielleicht etwas erzählt, was ihn interessieren könnte. Ansonsten gerät er ins Schwärmen, wenn er die italienischen Akten in den Händen hält. „Ich habe Spataro zu seiner Arbeit gratuliert“, sagt Bayer. „Die Auswertung von Handy-Daten kann eine panzerbrechende Waffe sein.“


Venedig, alles inklusive

Bob sieht das sicherlich anders. Er soll sich über die Ermittlungswut der Italiener sehr gewundert haben. Ein Mann, der an so vielen Fronten gekämpft hat wie er, weiß natürlich, dass Handys verräterische Begleiter sein können. Oft genug hat die CIA auf diese Art mutmaßliche Terroristen aufgespürt. Aber Bob und seine Leute hinterließen Spuren wie Elefanten im Busch. Selbst nach der Entführung genossen sie noch tagelang den Luxus italienischer Hotels, etwa im Sofitel Venezia, das am Tolentini-Kanal direkt in der Altstadt liegt, und zahlten mit CIA-Kreditkarten. 158 096,56 Dollar kamen allein für die Übernachtungen zusammen, auch wenn manchmal Agentin und Agent, aus Gründen der Mimikry vermutlich, nur ein Zimmer brauchten. Die ganze Operation könnte leicht eine halbe Million Dollar gekostet haben. Da kommt manches zusammen: Leihwagen, zwei Flugzeuge, von den Personalkosten ganz zu schweigen; rund zwanzig Agenten waren zwischen fünf und 42 Tagen im Einsatz.

Bob hatte die wichtigsten Details der Operation auf seinem Privatcomputer gespeichert, den die Polizei beschlagnahmte. Offensichtlich ging er ebenso wie die anderen davon aus, dass die Aktion geduldet wurde. Mancher Ermittler mag nicht einmal ausschließen, dass irgendjemand in der Regierung Berlusconi zugestimmt hatte. Die CIA hätte allerdings wissen müssen, dass die italienische Justiz solche Geheimabsprachen, falls es sie gegeben haben sollte, niemals dulden würde, Spataro schon gar nicht. Die Mailänder sind entschlossen, den Kampf mit der Politik durchzufechten. Auch von Berlusconi lassen sie sich nicht einschüchtern, selbst wenn der Premier vor ein paar Tagen bezweifelte, dass die Vorwürfe der Ermittler fundiert seien. Und er fügte hinzu: „Terrorismus lässt sich nicht mit dem Gesetzbuch in der Hand bekämpfen.“

Bob ist vorsichtshalber aus Italien verschwunden. Er hat den Dienst bei der CIA quittiert. Sein Handy wurde von den Italienern zuletzt in Honduras geortet. Er soll in Florida leben. Von dem Islamisten Abu Omar fehlt seit Februar 2005 jede Spur, wahrscheinlich sitzt er wieder in einem ägyptischen Kerker. Er hat wohl am Telefon zu viel geredet.