
Das Nachrichtenmagazin Focus und das heute-journal berichten von Hackern, die es geschafft haben, Telefonkarten zu fabrizieren, die sie selber wieder aufladen können. Es sind Telefonkarten der Telekom
Ein Spitzel der Telekom namens "Eric-David LOTZE", der sich als Journalist ausgibt, erschleicht sich die Nummer des Informanten von der Focus -Redaktion und kauft 100 Telefonkarten für € 25.000. Das Geld hat er von der Deutschen Telekom
Jetzt will der "Journalist" LOTZE sogar 30.000 Telefonkarten zum Wiederaufladen für insgesamt € 1,2 Mill. kaufen. Während der Transaktion mit den Hackern schlägt - wie mit Herrn LOTZE abgesprochen - ein Münchener Sondereinsatzkommando der Kripo zu. Der "Journalist" taucht ab, der Hacker wird verurteilt und muss später wegen gewerbsmäßiger Hehlerei ins Gefängnis
Die Telekom befürchtet, dass Hacker das Unternehmen "angreifen wollen". Hagen HULTZSCH, Telekom-Vorstand für Technik und Dienste, Chefjustitiar Gottfried HERBIG und Jürgen HAAG, Leiter des konzerneigenen Zentrums für Netzsicherheit, halten eine Krisensitzung ab. HULTZSCH weist HAAG an, Hacker abzuhören. Die Abhöraktion läuft unter dem Codewort "Bunny" (siehe auch 20.06.2008)
Die Abhöraktion beginnt, nachdem HAAG energisch wird und dem zuständigen Experten, der die Nummern aufschalten soll, die Anweisung schriftlich erteilt.
Das Formblatt für die Abhörmaßnahme heißt "G-10". Das Kürzel steht - sinnigerweise - für Artikel 10 des Grundgesetzes, der das Fernmeldegeheimnis hütet
Die Staatsanwaltschaft wird eingeschaltet
Die Aufschaltung der Telefonleitung wird gekappt. Bis zu diesem Zeitpunkt wurden 121 Telefonate von der Telekom aufgezeichnet. Ein Hacker wird verhaftet. Kleine Überraschung: die vermeintlichen Saboteure sind Angestellte der Telekom; sie gehören einer Spezialeinsatztruppe der damaligen Telekom-Tochter T-Mobile an, die sich Tag und Nacht darum kümmert, dass man beim Telefonieren auf der Autobahn nicht aus dem Netz fliegt
SPD-Mitglied Manfred BALZ, bisher im Bundesjustizministerium, geht als Chefjurist zur Telekom
Nach dem peinlichen Ende der vermeintlichen "Angriffe" wird eine Sitzung mit den beteiligten Akteuren anberaumt. Personalchef Heinz KLINKHAMMER belässt es bei der Sitzung nicht bei Apellen an die Verschwiegenheit der Sitzungsteilnehmer. Noch vor der Sitzung zum Umgang mit der rechtlich höchst fragwürdigen Abhöraktion wurde ein Gutachten von Rechtsanwalt DAHS erstellt, das KLINKHAMMER in Auftrag gegeben hat. Das Gutachten empfiehlt, das Fernmeldegesetz und das Strafgesetzbuch so weit auszulegen, dass die Beteiligten im Zweifel auf Notwehr plädieren könnten
Bundesministerium für Post- und Telekommunikation: Staatssekretär Gerhard PFEFFERMANN erhält das Gutachten. In dem Begleitschreiben ist keine Rede von den 121 aufgezeichneten Telefonaten. Es wird von vier Aufschaltungen berichtet, die aus technischen Gründen nicht vollzogen werden konnten
PFEFFERMANN nennt die Aktion in einem Schreiben an Telekom-Chef Ron SOMMER eine strafrechtlich in hohem Maße bedenkliche versuchte "Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes" nach § 201 StGB (Strafgesetzbuch). Darauf steht eine Geldstrafe oder Freiheitsentzug bis zu 3 Jahren
Die Telekom plant umfangreiche Entlassungen. Von den ehemals 230.000 Angestellten im Jahr 1994 sollen bis zum Jahr 2000 nur noch 170.000 Menschen die Telekom ihren Arbeitgeber nennen dürfen. Die Produktivität des ehemaligen staatlichen Bürokraten-Molochs hat sich bis heute dank vieler Rationalisierungsmaßnahmen um runde 30 % erhöht
Die Fa. Desa Investigation & Risk Protection, Berlin, übernimmt für die Telekom einen Auftrag: sie beginnt mit der Beschattung des Journalisten Tasso ENZWEILER von der Financial Times Deutschland (FTD) . Der Journalist hat mehrere Artikel über die Telekom veröffentlicht, die auf Interna des Telekom-Unternehmens beruhen. Der Telekom gefällt das garnicht.
Die Beschattung findet 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, und dies zwei Wochen lang statt. Mit Hilfe einer versteckten Kamera werden insgesamt 17 Bildern von seinem Büro geschossen. Dabei werden durch die fleißigen Privatschnüffler auch familiäre Details festgehalten. Auszug aus dem 16-seitigen Bericht der tüchtigen Detektivfirma über die Zielperson (ZP):
"Im privaten Bereich offenbart die ZP eine vertrauensvolle und enge Bindung zu den mit ihr zusammenlebenden Kindern. "Er geht mit ihnen im Wald spazieren oder nimmt sie zum Einkaufen mit. Dabei spricht er mit ihnen, passt die eigenen Gehgeschwindigkeit den Kindern an, gibt ihnen die Hand oder nimmt sie auf den Arm."
Völlig unabhängig von der Telekom gleicht die Lufthansa die Passagierdaten eines Journalisten mit anderen Personen ab, um ein Leck in ihrem Aufsichtsrat zu finden. Auch dieser Journalist scheint über interne Informationen zu verfügen, was diesem Unternehmen ebenfalls nicht gefällt. Dieser Vorgang wird erst Anfang 2008 bekannt werden
Chefreporter Tasso ENZWEILER von der Financial Times Deutschland (FTD) bekommt Besuch von einem Fernsehteam: von Report Mainz . Die Reporter wollen Gerüchten nachgehen, wonach bei der Telekom eine "Akte ENZWEILER" kursiere. Zu einer Sendung kommt es nicht - die Belege sind zu dünn
Das Wirtschaftsmagazin Capital enthüllt Interna der Deutschen Telekom. Und zwar konkrete Informationen über die Planung der Telekom bis 2007: Umsatz, operatives Ergebnis, Jahresüberschuss, Abschreibungen. Der Artikel ist mit "Strahlender Sieger" betitelt. Autor: Reinhard KOWALEWSKY
Die Telekom startet die "OPERATION Rheingold": Man will das Leck aufspüren, durch das Informationen offenbar aus dem Aufsichtsrat an die Zeitschrift Capital geflossen sind.
Folgende Maßnahmen werden getroffen:
René OBERMANN ist zu dieser Zeit (noch) T-Mobile-Chef und (nur) Mitglied des Konzernvorstands der Telekom
Capital bzw. deren Redakteur Reinhard KOWALEWSKY berichtet, dass die Telekom weitere 32.000 Stellen abbauen will: "Trauer um die Volksaktie" ist der Artikel überschrieben. Dem Telekom-Konzernchef Kai-Uwe RICKE gefällt dieser Bericht überhaupt nicht
Die Telekom sammelt von Anne PREISSNER, Journalistin des manager-magazins , vier Monate lang Telekommunikations-Verbindungsdaten von insgesamt 4 T-Mobile-Anschlüssen, um dem Leck im Aufsichtsrat etwas näher zu kommen. Auch die Berichterstattung dieser Zeitschrift missfällt der Telekom
Wilhelm WEGNER, der für den Betriebsrat im Aufsichtsrat der Telekom sitzt, wird von Dr. Klaus ZUMWINKEL, dem ehemaligen Chef der Deutschen Post AG, angerufen, der inzwischen als Vorsitzender des Telekom-Aufsichtsrats agiert.
WEGNER erfährt von ihm, dass eine eidesstattliche Versicherung eines Journalisten vorliege, die besagt, dass er, Wilhelm WEGNER, Interna an den Journalisten weiter gegeben habe. Die eidesstattliche Versicherung sei angeblich in den Räumen der Redaktion von Capital aufgrund von polizei- und staatsanwaltlichen Ermittlungen beschlagnahmt worden.
Wilhelm WEGNER bestreitet diesen Vorwurf und kann nach Beendigung des Gesprächs wieder gehen. Das Gespräch hat nur 10-15 Minuten gedauert.
Das "Projekt Rheingold" wird unter dem neuen Code "Clipper" ausgeweitet. Neben Wilhelm WEGNER werden weitere Angestellte, die als Mitarbeiter der Telekom im Aufsichtsrat sitzen, überprüft
Im Telekom-Vorstand ist man immer mehr verärgert ob der detaillierten Berichterstattung in einigen Medien. Jetzt überlegt man, einen Maulwurf in die Redaktion des Wirtschaftmagazins Capital einzuschleusen. Beauftragt wird damit die Fa. Control Risks Deutschland GmbH, die wiederum die Detektei DESA Investigation + Risk Protection einschaltet
Bei der Sonderermittlungseinheit "KS3" der Telekom wird der Geschäftsverteilungsplan geändert. Unter Ziffer 2 wird ausdrücklich festgeschrieben, dass nicht nur Vorstandsvorsitzende, sondern auch der Aufsichtsratschef dieser Sondertruppe Aufträge erteilen kann. ZUMWINKEL ist Aufsichtsratschef der Telekom
Bei der Telekom werden die Daten von rd. 17 Millionen Handy-Kunden gestohlen. Um dem Dieb auf die Schliche zu kommen, werten Mitarbeiter die Verbindungsprotokolle von Telekom-Mitarbeitern aus, die als verdächtig gelten (könnten). Die beiden Sicherheitsmanager der Telekom, Erwin RECKTENWALD und Uwe SCHÖNBORN, sind allerdings nicht in diese Aktion eingeweiht
Die Verbindungsdaten von Anne PREISSNER, Journalistin des manager-magazins , werden erneut wie im Jahr 2005 vier Monate lang gesammelt. Zusätzlich zu den vier T-Mobile-Nummern werden vier Festnetzanschlüsse überwacht. Sogar das Mobiltelefon von ihrem Sohn wird überwacht
Die Telekom bespitzelt erneut Journalisten: Jürgen BERKE und Thomas KUHN: beide Redakteure der Wirtschaftswoche in Düsseldorf
Ein "Geschäftspartner" der Telekom weist einen ihm bekannten Telekom-Mitarbeiter auf ein kursierendes Verkaufsangebot über Kundendaten von T-Mobile Deutschland hin. Der wiederum informiert am nächsten Tag die Telekom-Sicherheitsbeauftragten. Ergebnis: René OBERMANN, Chef von T-Mobile, gründet eine Task Force, die das untersuchen soll
Ein weiterer für die Telekom unliebsamer Artikel erscheint in Capital: "Im Stresstest" . Autor u.a. auch hier: Reinhard KOWALEWSKY
Der Informant bzw. der "Geschäftspartner" wird durch die Telekom zu seinen Informationen befragt. Stichproben der Daten, die im Internet zum Kauf angeboten werden, werden eindeutig als T-Mobile-Kundendaten identifiziert. Es handelt sich um Kundenverträge, die bereits vor April 2006 bestanden. Inhalt der Datensätze sind Mobilfunkrufnummern der Kunden, Vorname, Nachname, Postleitzahl, Ort, Straße, Hausnummer und teils Geburtsdaten sowie teilweise auch Mailadressen
Die Telekom stellt Strafanzeige gegen den vermeintlichen Anbieter namens W., den sie über den Informanten, den "Geschäftspartner", ausfindig machen konnte. Bei dem erfolgt tags darauf eine Hausdurchsuchung
Bei der Kriminalpolizei in Hürth geht ein zweiter Datenträger mit T-Mobile-Kundendaten mit einem anonymen Entschuldigungsschreiben ein
Die Telekom bittet einen anderen Telekommunikationsanbieter um Verbindungsdaten, angeblich zur Aufklärung des Datendiebstals bei T-Mobile, damit sie auch die Verbindungsprotokolle von Nicht-Telekom-Kunden auswerten kann
Über seinen Rechtsanwalt meldet sich Tobias HUCH, Unternehmer aus der Erotik- und Musikbranche. Auch er ist im Besitz eines Datenträgers mit T-Mobile Kundendaten. Die Telekom bittet HUCH, den Datenträger nicht zu löschen, weil die Staatsanwaltschaft zwecks Beweissicherung auf ihn zukommen würde.
Die interne Task Force ermittelt derweil weiter nach den gestohlenen Daten
Die Telekom erstattet Strafanzeige gegen zwei T-Mobile Mitarbeiter: Verdacht auf unbefugte Verwendung von T-Mobile-Kundendaten im Rahmen eines Dienstleistungsvertrages mit einer Drittfirma. Offiziell erklärt die Telekom dazu:
Es bestehe "kein direkter Zusammenhang mit Datendiebstahlsvorgängen". Die beiden angezeigten Mitarbeiter werden entlassen
René OBERMANN löst Kai-Uwe RICKE als Vorstandsvorsitzender ab. Allein im Jahr seines Abgangs hat die Telekom 1,5 Millionen Kunden an die Konkurrenz verloren
Die Firma Network Deutschland GmbH stellt der Telekom eine Rechnung für ihre bisher geleistete Arbeit: € 359.000 . Sie wird auch bezahlt: aus einem Telekom-Konto bzw. einer Kostenstelle, über die nur das Topmanagement der Telekom verfügen kann. Dies betrifft den Vorstand und den Aufsichtsrat
Die Firma Network Deutschland GmbH stellt der Telekom eine Rechnung für ihre bisher geleistete Arbeit: € 359.000 . Sie wird auch bezahlt: aus einem Telekom-Konto bzw. einer Kostenstelle, über die nur das Topmanagement der Telekom verfügen kann. Dies betrifft den Vorstand und den Aufsichtsrat
Die Operation "Clipper" wird mit der Ablösung des Vorstandsvorsitzenden Kai-Uwe RICKE durch Rene OBERMANN, den neuen Vorstandschef der Telekom, gestoppt
Eine interne Überprüfung über die Größenordnung der Bespitzelungsaktion beginnt. Dieses Projekt trägt den Namen "Phylax" und steht für "Wächter". Auch diese Überprüfung wird durch den neuen Vorstandschef René OBERMANN in Gang gesetzt. Inhalt dieser Überprüfung ist u.a. die über externe Unternehmen ausgeführte Überwachung eines Journalisten von Capital
Entlassung des Sicherheitschefs Harald STEININGER aus der Sicherheitsabteilung durch René OBERMANN.
Die Telekom-Abteilung "Konzernsicherheit" wird für die Vergabe der Spitzelaufträge verantwortlich gemacht
Die Telekom Task Force, die sich mit den gestohlenen Kundendaten befasste, stellt ihre Arbeit ein.
Die Ergebnisse werden mit der Bonner Staatsanwaltschaft besprochen
Die Telekom Abteilung Unternehmenssicherheit schließt ebenfalls ihre Arbeit zu den gestohlenen Kundendaten ab. Die Ergebnisse werden ebenfalls an die Bonner Staatsanwaltschaft weitergeleitet
Harald STEININGER, ehemals Leiter der Konzernsicherheit, erklärt in einem Gespräch mit Manfred BALZ, dem Justitiar der Telekom, dass der kritisierte Austausch von Verbindungsdaten zwischen Telekommunikationsanbietern untereinander "gelebte Praxis" sei
Das Detektei- und Sicherheitsunternehmen Network Deutschland GmbH stellt seine letzte Rechnung in Höhe von € 650.000 an die Telekom. Im Gegensatz zu ersten Rechnung vom November 2006 (€ 359.000) wird diese nicht sofort bezahlt
Bei der Telekom in Bonn geht ein dreiseitiges Fax der Berliner Sicherheitsfirma Network Deutschland GmbH ein. Tenor: Man stecke in finanziellen Schwierigkeiten und hoffe von der Telekom übernommen zu werden. "Unterschätzen Sie nicht mein Aggressionspotential und meine Leidensfähigkeit", heißt es in dem Schreiben des Geschäftsführers
Die Anwaltskanzlei Oppenhof und Partner aus Köln wird vom Vorstand mit der internen Untersuchung der Vorwürfe des Datenabgleichs betraut
Einen Tag vor der alljährlichen Hauptversammlung der Aktionäre, die immer im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht, überweist die Telekom eine erste Rate in Höhe von € 174.000 an Network Deutschland GmbH: für den Teil der "legalen Aufträge", wie die Telekom meint.
Zuvor hatte Network Deutschland GmbH per Fax gedroht, die Hauptversammlung bei Nichtüberweisung massiv zu stören. Das will die Telekom in keinem Fall
Hauptversammlung der Telekom. Motto der Aktionärsversammlung: "Strategie für langfristigen Erfolg"
Die Telekom stellt jetzt selbst Strafanzeige bei Bonner Staatsanwaltschaft
Beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL läuft ein Fax ein. In der Chefredaktion macht sich daraufhin professionelle Aufgeregtheit breit. Nur sehr wenige Redakteure werden in die Informationen eingeweiht:
Freitag ist ein schwieriger Tag beim SPIEGEL : Abends ist immer Redaktionsschluss, damit die ersten gedruckten Exemplare am Samstagnachmittag zum Transport in alle Welt gehen können.
Redakteure, die sich in dem fraglichen Metier auskennen, werden sofort auf die Geschichte angesetzt, telefonieren sich die Finger heiß. Man will bis zum Spätnachmittag soviel wie möglich der eingegangenen Informationen verifizieren und weitere offene Fragen klären. Das gelingt dem SPIEGEL auch
Aufgeschreckt durch die Recherchen des SPIEGEL erklärt René OBERMANN, dass es allein um "Uhrzeit, Länge und Teilnehmer von Gesprächen gegangen sei, aber nicht um die Gesprächsinhalte". Er bestätigt, dass der Vorstand Kenntnis von Datenmissbrauchsvorgängen hat
SPIEGEL ONLINE berichtet vorab "Spionageskandal: Telekom-Schnüffler jagen vermeintliche Verräter im Aufsichtsrat : monatelange Bespitzelung von Managern, Aufsichtsräten und Journalisten durch die Telekom
Jetzt erscheint auch der gedruckte SPIEGEL mit der Story
und das, was man vorab bereits online lesen konnte:
Der Chefredakteur von Capital , Klaus SCHWEINSBERG, sieht sich zu einer Stellungnahme veranlasst:
"Nach eigener Verlautbarung vom 24. Mai 2008 war die Deutsche Telekom im Sommer 2007 aufgrund interner Hinweise "einem Einzelfall nachgegangen", dessen Aufklärung zu "weitreichenden personellen und organisatorischen Veränderungen in der Konzernabteilung Sicherheit" geführt habe.
Im Nachgang dazu habe die Deutsche Telekom Capital mitgeteilt, dass jener "Einzelfall" mit einer Ausspähung des Capital-Redakteurs Reinhard KOWALEWSKY, 48, in Zusammenhang stehe und man den Vorgang der Staatsanwaltschaft übergeben habe. Wegen der laufenden Ermittlungen sind derzeit weder die Deutsche Telekom noch die Staatsanwaltschaft zu weiteren Auskünften bereit."
Dass man "möglicherweise" sogar einen Journalisten abgehört bzw. "überprüft" habe, wird als ungeheuerlich empfunden
Die Bonner Staatsanwaltschaft leitet ein Ermittlungsverfahren wegen Verletzung des Datenschutzes, Bruch des Post- und Fernmeldegeheimnisses sowie Verstöße gegen das Bundesdatenschutzgesetz, möglicherweise auch wegen Veruntreuung von Firmenvermögen und Geheimnisverrats ein. Noch am selben Tag veranlasst sie die Durchsuchung der Telekom-Konzernzentrale in Bonn. Ebenso werden Privathäuser und Büros, u.a. von OBERMANN und ZUMWINKEL durchsucht.
Auch die Gewerkschaften werden aktiv. Offenbar wurden nicht nur die mitbestimmungsberechtigen Mitglieder im Telekom-Aufsichtsrat und Journalisten bespitzelt, sondern möglicherweise auch weitere Personen, z.B. Gewerkschaftsführer. Ron SOMMER vom DGB und Lothar SCHRÖDER von Verdi erstatten deshalb ebenfalls Anzeige gegen Unbekannt.
SPIEGEL ONLINE meldet an diesem Tag: "Telekom wollte Bewegungsprofile von Journalisten und Aufsichtsräten erfassen"
SPIEGEL ONLINE meldet: "Obermann dementiert Überwachung von Bankdaten"
Die Telekom ernennt den ehemaligen Bundesrichter Gerhard SCHÄFER zum Chefaufklärer der Affäre. Der hatte zwei Jahre zuvor den so genannten Schäfer-Bericht im Auftrag der Bundesregierung erstellt. Damals hatte der BND Journalisten bespitzelt. Siehe dazu "Der BND + "Curveball" - Deutsche Agenten am Irak-Krieg beteiligt?" .
Der Jurist, der gleichzeitig Datenschutzexperte ist, soll auch ein neues Sicherheitskonzept für die Telekom entwickeln
Bundesinnenminister Wolfgang SCHÄUBLE, CDU, ist erschrocken. Nach wie vor hält der Staat die Mehrheit der Aktien an der Deutschen Telekom AG. Als Eigentümer fühlt man sich ein wenig verantwortlich für das Treiben des Konzerns. Davon abgesehen, dass die Vorgänge krass gegen geltendes Recht verstoßen.
SCHÄUBLE lädt zu einem Gespräch ins Berliner Ministerium ein. Nur wenige Unternehmen der Telekommunikationsbranche sagen zu - sie fühlen sich nicht betroffen oder angesprochen. Nur die Telekom und der Bundesverband Informationswirtschaft Telekommunikation und neue Medien e.V. (BITKOM) kommen
Das Gespräch zwischen SCHÄUBLE und OBERMANN dauert ganze 10 Minuten. Es verläuft mehr oder weniger ergebnislos - zu groß ist der Dissens in der Beurteilung der Lage. Der Bundesinnenminister besteht auf bessere Kontrollen. Die Telekom ist der Ansicht, dass sie bereits die höchsten Standards praktiziere. Was geschehen ist, sei ein typischer "Einzelfall". Man verabredet, dass sich die Fachleute im Juli erneut treffen sollen.
Es müsse jetzt ohne Hektik überlegt werden, "ob wir aus den Vorgängen gesetzgeberisch weiter Folgen ziehen müssen", erklärt Regierungssprecher Ulrich WILHELM
Die Wirtschaftswoche veröffentlicht den Vorfall aus dem Jahr 1996, als Focus und das heute journal des ZDF von einem Hacker berichteten, der wiederaufladbare Telefonkarten fabrizierte. Die Wirtschaftswoche berichtet, wie die Geschichte weitergegangen ist: die Telekom beauftragte einen Spitzel, der sich als "Journalist" von der Focus -Redaktion Namen und Adresse des Informanten ergaunerte (siehe 10. Juli 1996)
Gruner + Jahr , Herausgeber von Capital , stellt Strafanzeige gegen Unbekannt, weil die Telekom nicht innerhalb einer Frist mitgeteilt hat, wie groß das Ausmaß der Bespitzelung war
Wilhelm WEGNER gibt dem Berliner Tagesspiegel ein Interview: "Ich lasse mich nicht erpressen!"
Jetzt lässt auch die Wirtschaftswoche wieder eine Bombe platzen: „Telekom: Wir haben mitgehört“.
SPIEGEL ONLINE berichtet, dass auch ein Call-Center in Bremerhafen mit Daten von Telekom-Kunden arbeitet und handelt: Wie ein Mini-Callcenter Kundendaten der Telekom missbrauchte
René OBERMANN entschuldigt sich im Namen des Unternehmens bei Wilhelm WEGNER für die missbräuchliche Nutzung der Telefon-Verbindungsdaten
HUCH, der Erotikunternehmer, spricht Brigitte Zypries (Bundesjustizministerin) an und erzählt ihr von dem Fall der entwendeten T-Mobile-Kundendaten (siehe 20.06.2006)
Die Telekom erhält vorweg Einsicht in einen geplanten SPIEGEL -Artikel und bestätigt den Redakteuren den Inhalt: Einen Diebstahl von 17 Mill. Kundendaten bei T-Mobile. Der Artikel soll am Montag, den 6. Oktober erscheinen
SPIEGEL ONLINE meldet, dass die geklauten 17 Mill. Kundendaten von T-Mobile als Verkaufsangebot im Netz kursieren: Telekom bietet Kunden neuen Handy-Nummern . Die Telekom bietet daraufhin T-Mobile Kunden eine eigens eingerichtete Hotline an: Jeder kann sich erkundigen, ob die eigenen Kundendaten betroffen ist
Die Online-Ausgabe der Frankfurter Rundschau meldet, dass T-Mobile auch eigene Aufsichtsräte bespitzelt habe. Die Informationen seien in Aktenordnern gesammelt worden, die bis 2006 im Büro des Aufsichtsrats gestanden hätten. T-Mobile bestätigt die Archivierung von Telefonverbindungsdaten.
René OBERMANN entschuldigt sich in einem Interview mit der Bild am Sonntag ( BamS ) bei seinen Kunden offiziell für das Datenklau-Debakel: Es wurden lediglich Anschrift und Mobilfunknummer, in einigen Fällen auch Geburtsdaten und E-Mail-Adresse geklaut
Tobias HUCH (Unternehmer in der Erotik- und Musikbranche) ist auch zwei Jahre nach seiner Mitteilung (siehe 20.06.2006) immer noch im Besitz der Datenträger
Jetzt erscheint der erwartete und angekündigte Artikel des SPIEGEL : "Mit höchster krimineller Energie" . Autoren sind Frank DOHMEN und Thomas SCHULZ. Sie decken den Datenklau-Skandal bei der Telekom auf: Er hatte vor 2 Jahren, 2006, stattgefunden
T-Mobile-Aufsichtsrat Ado WILHELM beklagt mangelnde Informationen seitens der Telekom zu den Geschehnissen
Auch das Bundesinnenministerium bestätigt mangelnde Kooperation seitens der Telekom im Bezug auf Informationen zu den Geschehnissen
Der SPIEGEL -Redakteur Frank DOHMEN kauft sich in dem T-Punkt-Laden in Bonn, direkt neben dem Telekom-Konzernsitz, eine Prepaid-Karte und klinkt sich wenige Stunden später zusammen mit seinem Kollegen Thomas SCHULZ via Internet in die Handelsplattform ein. Sie stellen fest, dass man sich mit wenigen Klicks und ohne "Hacker" zu sein, in die Kundendatenbank einloggen und Daten manipulieren kann.
Es kommt den Redakteuren natürlich nicht darauf an, Daten zu manipulieren, aber darauf, deutlich zu machen, dass die Telekom ein Sicherheitsproblem hat. Am selben Tag übergibt DER SPIEGEL der Telekom auch eine DVD mit den geklauten 17 Millionen Daten, an die auch die Redaktion herangekommen war
DER SPIEGEL kommt min einer weiteren Geschichte heraus:
Pressemitteilung „Telekom schaltet Internetseite zur aktuellen Datenschutzklage“:
Manfred BALZ wird in den Vorstand berufen mit der Zuständigkeit für Datenschutz und Recht und Compliance.
Dieses Ressort wurde neu geschaffen, um die Themen Datenschutz und Datensicherheit auf oberster Managementebene zu verankern
Die Telekom erhält den "Big Brother Award" in der Kategorie Arbeitswelt und Kommunikation zugesprochen
Die Wirtschaftswoche enthüllt, dass Manfred BALZ, der gerade in den Vorstand für Datenschutz berufen wurde, schon vor 11 Jahren, sprich unmittelbar nach seinem Wechsel zur Telekom, über die Lauschangriffe gegen vermeintliche Hacker etc Bescheid wusste. So gab er z.B. ein Gutachten in Auftrag, das Lauschangriffe gegen vermeintliche Hacker rechtfertigen sollte. Der Gutachter spielte aber nicht mit: "Der Zweck des Fernmeldegeheimnisses ist auch beim jetzt privatwirtschaftlich tätigen Großunternehmen Deutsche Telekom nicht entfallen"
Telekom Vorstand BALZ gesteht ein, dass bei den internen Ermittlungen nach dem Diebstahl von 17 Millionen T-Mobile-Kundendaten Verbindungsdaten von etwa 20 Personen überprüft worden sind
Telekom „zwangsbeurlaubt“ vier Manager der Mobilfunktochter T-Mobile und einen Telekom-Manager. Grund: Die Manager wendeten illegale Methoden bei der Wiederbeschaffung der entwendeten T-Mobile-Kundendaten an
René OBERMANN entschuldigt sich telefonisch das erste Mal bei den ersten Bespitzelungsopfern, u.a. bei dem Redakteur der Wirtschaftswoche, Jürgen BERKE.
Nach bisherigen Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft wurden 55 Menschen bespitzelt, darunter 7 Journalisten, Mitglieder der Aufsichtsräte Deutschen Telekom und deren Tochterfirma T-Mobile, ein ehemaliges Vorstandsmitglied (Ex-Personalchef Heinz KLINKHAMMER) der Deutschen Telekom sowie Betriebsräte
Philip HUMM, Vorstandssprecher von T-Mobile, legt wegen des Datenklaus sein Amt nieder und ist nun Vertriebschef der Telekom Deutschland
Frank BSIRSKE, Verdi-Chef, wirft der Telekom Stasi-Methoden vor: Die Bespitzelung von Betriebsräten sei ein eklatanter Angriff auf das Mitbestimmungsrecht und „durchaus vergleichbar mit Stasi-Methoden“. Die Änderung des Geschäftsverteilungsplans für die Auftragserteilung an die Konzernsicherheit (KS3) wird durch die Staatsanwaltschaft aufgedeckt: Die Verdachtsmomente gegen RICKE und ZUMWINKEL verdichten sich
Die Hotline für T-Mobile Kunden erweist sich als nicht brauchbar. T-Mobile-Kunden bekommen keine Auskunft darüber, ob ihre Daten vom Datenklau betroffen sind, weil sie in der regulären Service-Hotline landen, die keine Auskunft geben kann
Nach ersten Ermittlungsergebnissen der Staatsanwaltschaft sollen rd. 60 Menschen bespitzelt worden sein, die nicht nur aus Aufsichtsräten, Journalisten und Gewerkschaftern bestehen. Zu den Bespitzelten gehören u.a.
Frank BSIRSKE hat eine Unterlassungserklärung an die Telekom geschickt. Inhalt:
Klaus TRZESCHAN, Leiter der internen Sonderabteilung „KS 3“, wird wegen akuter Fluchtgefahr festgenommen. Es besteht akute Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Man hatte Anhaltspunkte dafür, dass er seinen Lebensmittelpunkt ins Ausland verlegen wollte
Im Politmagazin Report Mainz erhebt der Ver.di Chef Frank BSIRSKE schwere Vorwürfe, u.a. direkt gegen Telekom-Chef Rene OBERMANN. Der hatte immer erklärt, er sei von den Dingen erst Ende April 2008, also kurze Zeit vor der SPIEGEL -Enthüllung "vollumfänglich konfrontiert worden". BSIRSKE:
"„Nach allem, was wir wissen, entspricht das nicht der Wahrheit. Nach allem was wir wissen, ist der Vorstand seit September 2007 über den Vorgang umfänglich informiert gewesen. In dieser Situation, ein halbes Jahr später zu behaupten, man hätte erst seit einem Monat von dem Vorgang Kenntnis, das ist gelogen."
Zu einem Interview mit dem Fernsehmagazin ist OBERMANN nicht bereit - er hält an seiner Aussage ("vollumfänglich informiert") fest
Die Telekom lässt den "Sonderuntersuchungsbericht: Compliance-Fragestellungen im Zusammenhang mit Aktivitäten der ehemaligen Abteilung Konzernsicherheit" vorlegen, den die KPMT erstellt hat: Darin werden die Verstöße in verschiedene Kategorien eingeteilt und entsprechende Maßnahmen vorgeschlagen, die aber nicht genauer spezifiziert werden.
Die Telekom will dies alles bis zum Sommer des Jahres 2010 umsetzen