
Dieser Artikel wurde von unserem Redakteur Dietmar SEHER verfasst. Er wurde 1986- so wie viele andere - unmittelbar von den flächendeckenden Regenwolken getroffen, die hochgradig radioaktiv verseucht waren. Das ist die eine Geschichte. Die andere: Niemand wurde gewarnt. Und: Möglicherweise nutzte ein deutscher Kraftwerksbetreiber die Gelegenheit, seine eigene Radioaktivität loszuwerden.
Hier ist Dietmar SEHER's Bericht. Sie können ihn direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/Tschernobyl.
1986, eine Woche nach Tschernobyl, werden in einer rheinischen Stadt und einem Kernreaktor im östlichen Ruhrgebiet zweifelhafte Entscheidungen getroffen. Sie bringen die Gesundheit von Menschen in Gefahr. Eine Chronologie.
Von Dietmar Seher
Das Ereignis klebt in vielen Gehirnen wie Kennedymord, Mauerfall oder 9/11. Am 26. April 1986, vor 35 Jahren, explodierte das Kernkraftwerk Tschernobyl. Eine radioaktive Wolke zog über Europa. Sie erreichte das Rheinland und das Ruhrgebiet. Fast vergessen: Tage später kam es in Bonn und Hamm zu Fehlentscheidungen und Fehlgriffen, die möglicherweise gefährlich für manche menschliche Gesundheit geworden sind. Denn Radioaktivität wirkt sehr langfristig. Diese Geschichte handelt von 48 Stunden im Mai. In ihr spielen naive Regierungen und Behörden eine Rolle, Vertuschungen und gezielte Täuschungsversuche. Und ein anderer Zeitgeist.
Es ist nur ein Testlauf. Was passiert, wenn der Strom ausfällt? Kann Reaktor 4 auch mit einer Kühlung nur durch Notaggregate weiterarbeiten? Die Ingenieure im Kernkraftwerk Tschernobyl in der noch sowjetischen Ukraine wollen es wissen. Der Test schlägt fehl. Nach eineinhalb Stunden entgleitet dem Leitstand die Kontrolle über die atomare Kettenreaktion. Es kommt zur Kernschmelze. Eine gewaltige Explosion zerlegt das Reaktordach. Radioaktivität steigt fast zwei Kilometer in die Höhe und verteilt sich über den Kontinent. Die sowjetische Führung verschweigt zunächst den eingetretenen GAU.
In Düsseldorf schlägt ein Alarm aus Schweden auf. Die Schweden melden hohe Radioaktivität, ohne die Quelle orten zu können. Moskau gesteht einen kerntechnischen Unfall zwei Tage zuvor. Nordrhein-Westfalens Landesregierung weist Fachämter in Dortmund, Düsseldorf und Münster an, die Lage engmaschig zu beobachten. Ihr Ergebnis: Die Belastung in NRW ist von 2 Bequerel pro Kubikmeter Luft vor dem Unglück auf 70 Bequerel am Abend des 2. Mai 1986 angestiegen. Dabei hat Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) beruhigt. Gibt es eine Gefahr für Deutschland? „Nein“. Und: „Obwohl wir über keine genauen Informationen verfügen, ist die Lage bei uns unter Kontrolle.“
Medien veröffentlichen erste alarmierende Lokalwerte. Sehr hoch sind sie in Süddeutschland. Aber einsetzende Südostwinde brächten „Reste radioaktiver Strahlung“ auch nach NRW, zitiert die WAZ an diesem Samstag das Wetteramt Essen. „Harmlos“, so die Wetterfrösche. Dabei: In Essen hat sich die Radioaktivität verdreizehnfacht, in Aachen liegt sie 19 mal höher als normal .
Der Tag hat in Bonn mit Sonnenschein begonnen. Zehntausende sammeln sich in der Rheinaue, um zu essen, zu trinken, Musik zu hören. Rita Süßmuth (CDU), die Gesundheitsministerin im Kabinett des Kanzlers Kohl, wirbt für ein langes Leben dank „Trimm Dich“. Am Abend soll hier das erste Großfeuerwerk seit Jahrzehnten abgehen, „Rhein in Flammen“.
Mehrere hunderttausend Zuschauer werden erwartet. Es ist ein Wochenende, das die Nachrichten aus der 2000 Kilometer entfernten Ukraine schnell vergessen lässt. Zu schnell. Das Wetter schlägt um. Einige in der Menschenmasse sind offenbar konkreter über das Risiko an diesem Abend unterrichtet. Die Mehrzahl hat keinen blassen Schimmer.
Dietmar Strehl, 2019 bis 2023 Finanzsenator in Bremen, war damals in Bonn ein junger Kommunalpolitiker und Geschäftsführer der Fraktion Bündnis90/DIE GRÜNEN im Rathaus. Später formuliert er im Gespräch mit uns einen Kernvorwurf: „Es kam der Regen. Rotkreuzhelfer und Feuerwehrleute waren von der Stadt gewarnt worden. Sie sollten sich schützen. Die Besucher des Festes waren dagegen dem Regen und damit dem nachgewiesenen radioaktiven Niederschlag schutzlos ausgeliefert“.
Der Regen, an den sich Strehl heute erinnert, erreicht das Rheintal zum Einbruch der Dunkelheit, als die Feuerwerker die ersten Raketen zünden. Er wird zum Wolkenbruch, der radioaktiv aufgeladen ist, eine “strahlende” Wetterfront. Die durch die Reaktorkatastrophe verseuchte Luftschicht ist binnen weniger Tage quer über Mitteleuropa gezogen und wird in ihrer Brisanz von deutschen Behörden völlig unterschätzt. Hunderte Helfer sichern das Feuerwerk-Festival ab.
Zeugen berichten Jahrzehnte später dem Bonner „Generalanzeiger“, wie informiert viele Helfer waren. Axel Wolf, 1986 beim Technischen Hilfswerk (THW) Bühnentechniker: „Kollegen wurden angewiesen, mit kompletter Kluft unter die Dusche zu gehen, dann alles auszuziehen, die Wäsche zweimal zu waschen und sich selbst auch ordentlich abzuduschen“. Feuerwehr-Teams hatten die Empfehlung erhalten, möglichst in den Fahrzeugen zu bleiben. Der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation: „Im Straßenstaub wurden damals 3000 Bequerel gemessen. In unserer Organisation rechneten wir damit, dass die Veranstaltung abgesagt würde, weil nicht abzusehen war, welche Folgen der Regen haben würde“.
„Rhein in Flammen“ wird nicht abgesagt.
Folgen? Davon will keiner wissen. Hunderttausende genießen im heftigen Niederschlag das Feuerwerk und machen sich gegen Mitternacht triefnass auf den Heimweg.
Stunden später kommt über den Rundfunk eine vage Empfehlung. Radioaktivität aus Tschernobyl sei mit Regenwolken übers Rheinland gezogen. Man solle sich gründlich duschen und Haare waschen. Strehl: „In den Tagen danach wurden wir zu Fachleuten von Bequerel“.
In Bequerel wird der radioaktive Niederschlag gemessen. Wie viel Radioaktiviät hat am Wochenende des 3. und 4. Mai 1986 das Land NRW tatsächlich erfasst?
Drei Monate nach Tschernobyl nennt die Düsseldorfer Landesregierung Zahlen. Sie schockieren. „Der Regen am 3. und 4. Mai 1986 ergab in ganz Nordrhein-Westfalen schlagartig eine Erhöhung der Radioaktivität am Boden und im Wasser. Auf dem Boden wurden in den folgenden Tagen bis zu 50 000 Bequerel pro Quadratmeter und im Rhein bis zu 50 Bequerel pro Liter gemessen“. 24 Stunden nach dem radioaktiven „Rhein in Flammen“ empfiehlt das Kabinett Schwangeren, Stillenden und Kindern keine Frischmilch und Frischmilchprodukte zu verzehren. Dienstags folgt das Verbot, Salat und Spinat zu verkaufen und zu essen.
Am ersten Maiwochenende 1986 wird die Bevölkerung nicht nur in Bonn in Unkenntnis belassen. Im östlichen Ruhrgebiet steht in Hamm-Uentrop das Kernkraftwerk THTR 300. Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) hält die Bauart für die „sicherste Reaktorlinie“ überhaupt. Ausgerechnet Hamm wird in den nächsten Stunden zum zweiten Tatort von Täuschung und Vertuschung.
Der Regen aus Südost ist abgezogen. Die meisten der 600 Mitarbeiter des Hammer Atommeilers sind im Wochenende.
Sonntagnachmittag kommt es zu einer Panne. Eine Graphitkugel zum Steuern der atomaren Kettenreaktion bleibt im Rohrsystem stecken. Versuche des Leitstandes, sie durch Gasdruck mit Helium wegzublasen, scheitern. Kontaminiertes Gas strömt in eine Schleuse. Nach offizieller Darstellung steht ein Ventil offen. Ein Versehen. Radioaktiv belastetes Helium gelangt so in den Kamin und nach draußen.
Die Aufsicht im Steuerraum des Reaktors schreibt eine Gefahrenmeldung: „Aktivitätskonzentration Aerosole am Kamin hoch“. Warnleuchten blinken. Aber das Kernkraftwerk bläst weiter Radioaktivität in die Luft. In der Nacht zum Montag wird die Anlage vorübergehend abgestellt.
Im Land wächst die Nervosität der Menschen. Das „Bürgertelefon“ der Landesregierung mit 30 Apparaten steht nächtelang nicht still, teils melden sich 10 000 Anrufer gleichzeitig.
Die Werksleitung in Hamm will den Vorfall nach außen verschweigen. Ein Eintrag ins Störungsbuch unterbleibt. Doch es gibt einen bis heute anonymen Hinweisgeber. Information gelangen an Umweltorganisationen und ins Umfeld der Landesregierung. Danach ist nach einem Ereignis Radioaktivität in der Umgebung des Hammer Reaktors aufgetreten, die nicht alleine mit Tschernobyl erklärbar ist.
Als der NRW-Wirtschaftsminister am Mittwoch, dem 7. Mai, anruft, wehrt die Werksleitung allen Verdacht ab: Nichts dran. Um möglichen Ärger mit der Politik zu verhindern, schickt sie am 12. Mai eine „Eilpost“ hinterher. Adressat: Der Landtag. Die Kernsätze: „Die in der Umgebung des THTR 300 in Hamm-Uentop festgestellte radioaktive Belastung von bis zu 50 000 Bequerel je Quadratmeter Boden ist ausschließlich durch das Reaktorunglück in Tschernobyl verursacht worden“.
Ausschlaggebend seien die starken Regenfälle des 3. Mai gewesen. „Ein Zusammenhang der Messwerte mit dem Betrieb des Kernkraftwerks kann völlig ausgeschlossen werden“. Das Freiburger Öko-Institut und der bekannte spätere Bochumer Mediziner und Radiologe Dietrich Grönemeyer glauben den Verfassern des Schreibens nicht. War die Messeinrichtung am Kamin zeitweise nicht in Betrieb? Sie starten eigene Messungen und ermitteln einen größeren Eigenanteil des THTR-300 an der nuklearen Bodenbelastung der Region.
Ende Mai finden die Ministerialbeamten in der Landeshauptstadt die Erklärversuche der Reaktorleitung zunehmend „diffus“. Gleichzeitig meldet das Öko-Institut: Bei „mindestens 70 Prozent“ der dem Tschernobyl-Desaster zuerst zugeordneten Radioaktivität in der Umgebung sei der deutsche Reaktor die Quelle.
Eine „ausgemachte Sauerei“, ruft Arbeitsminister Hermann Heinemann (SPD). Sein Wirtschaftskollege Reimut Jochimsen (SPD) spricht von einem „unglaublichen Vorgang der Vertuschung“.
Am 3. Juni verfügt die NRW-Regierung als atomrechtliche Aufsicht die Stilllegung des Meilers. Mitte des Monats darf der Kugelhaufen-Reaktor, dessen Haupteigner die Dortmunder Vereinigten Elektrizitätswerke Westfalen (VEW) sind, nach baulichen und organisatorischen Veränderungen wieder angefahren werden.
„Wieso wurde 'Rhein in Flammen' nicht abgesagt?“.
Das fragt sich Dietmar Strehls Parteifreund Roland Appel. Er war 1986 in der Bonner Grünen-Organisation und später Fraktionschef im Landtag. Es ist eine Frage, wie sie ähnlich auch der Duisburger Stadtverwaltung 2010 nach dem Tod von 21 jungen Leuten bei der Love Parade gestellt wurde. Da fand sie viel Aufmerksamkeit. 1986 „ging das einfach unter“, sagt Appel, „auch, weil über vieles zu spät informiert wurde“.
So bleibt am Ende auch unscharf, wer in Bonn dafür sorgte, dass Helfer Informationen über Schutzmaßnahmen erhielten, nicht aber die Bürger. Vielen Zeitzeugen fehlt die Erinnerung. Für eine Absage des Open Air-Events angesichts überall im Land steigender Radioaktivitätswerte wäre die Stadt zuständig gewesen. Chef der Verwaltung war Oberstadtdirektor Karl-Heinz van Kaldenkerken. Er verstarb 2020.
Der Untersuchungsbericht des Landes zum Hammer Vorfall fällt vorsichtig aus. Die Freisetzung der Radioaktivität wird als „Betriebsstörung“ angesehen, nicht meldepflichtig. Sie sei „gering“ und kaum messbar gewesen, verursacht durch Fehlhandlung des Personals und eine „technische Fehlfunktion“.
Doch im Frühjahr 2016, 30 Jahre nach dem Vorgang, lässt der 83-jährige Hermann Schollmeyer eine Bombe platzen. Der Mannheimer war 1986 im Auftrag des Herstellers Brown Boveri in Hamm tätig. In Interviews bestätigt er ein seit 1986 waberndes Gerücht: Dass die Radioaktivität in die Luft geblasen wurde, „das war Absicht“. Er konkretisiert: Im Werk sei länger darüber nachgedacht worden, „den Dreck“ im Rohrsystem loszuwerden. Die Werksleitung habe dann so entschieden, „wegen der Tschnernobyl-Wolke würde das doch ohnehin niemand merken“.
Schollmeyer: „Man hätte damals nur warten müssen. Filteranlagen waren schon bestellt. Aber man wollte den Reaktor nicht noch weitere zwei oder drei Wochen abschalten“. Andere Mitarbeiter weisen die Aussage scharf zurück. Auch die Landesregierung teilt 2016 mit, Schollmeyer habe keine weiteren Belege für seine Behauptung liefern können. Und: „Strafrechtliche Relevanz ist nicht mehr gegeben, da die Verjährung längst eingetreten ist“. Akte geschlossen.
Am 29. September 1989 wurde der Hammer Hochtemperaturreaktor nach nur 423 Betriebstagen und einem Verlust von 3,5 Milliarden D-Mark zu Lasten der Steuerzahler endgültig stillgelegt. Frühestens 2027 kann der Abriss beginnen.
Ob überhaupt und wie viele Einwohner in NRW durch die Ereignisse von 1986 gesundheitlich geschädigt wurden? Mediziner haben im „Ärzteblatt“ 2016 eine Gesundheits-Bilanz der Tschernobyl-Emmissionen in Deutschland aufgeschrieben. „Millionen von Menschen kamen in Kontakt mit radioaktiven Isotopen wie Jod-131 und Cäsium 137 und nahmen sie in der Atemluft, kontaminierter Nahrung, Milch und Trinkwasser in den Körper auf“.
Als mögliche Folgen listeten sie auf: Erbgut-Veränderung, Fehlgeburten, Herzprobleme, Schilddrüsenkrebs. Gezielte regionale Untersuchungen hat es nie gegeben.
So wie in vielen anderen Fällen.
(DS)