Am Beispiel der Arisierung des Kaufhauses der Gebrüder LÖWENTHAL in Elbing/Westpreußen durch FRANZ JACOBI wird nachfolgend ein exemplarisches Beispiel der Entschädigungspraxis durch den Lastenausgleich dokumentiert. Alle nachfolgend genannten Details der Entschädigungsverfahren und des Lastenausgleichs basieren auf Recherchen in Originaldokumenten, die sich im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, im Lastenausgleichsarchiv Bayreuth, im Landesamt für Bürger und Ordnungsangelegenheiten/ Entschädigungsbehörde Opfer des Nationalsozialismus Berlin-Lichterfelde und im Landesarchiv der Stadt Berlin, das die Entschädigungsverfahren der Holocaust - Überlebenden archiviert, befinden.
Neben dem Lastenausgleichsverfahren war für die Eigentümer des Kaufhauses und ihre Erben ein eigenständiges Entschädigungsverfahren beim Entschädigungsamt Berlin anhängig über gezahlte Beträge wie die, für die Reichsfluchtsteuer, die Judenvermögensabgabe, ein zusätzlich fälliger Betrag für den eingerichteten Fond zur Auswanderung notleidender Juden (Graf Hellersdorf Spende)und die Zwangsabgabe an die jüdische Gemeinde in Berlin - um nur einige Zahlungen zu nennen, die zur Zerschlagung jüdischer Vermögen führten.
Das Kaufhaus war 1933 im gemeinsamen Besitz dreier Brüder, von denen zwei im operativen Geschäft tätig waren. Zu dem Zeitpunkt bestand das Kaufhaus seit 54 Jahren und war seit dem im Familienbesitz, ebenso wie das 1914 errichtete Geschäftsgebäude. Der Umsatz des Kaufhauses wurde mit 2.000.000,-RM jährlich angegeben. Es lässt sich nicht mehr recherchieren, wie hoch mögliche Umsatzrückgänge bedingt durch die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre waren.
Sicher litt aber auch dieses Kaufhaus, wie alle Warenhäuser unter den 1929 beginnenden Boykottmaßnahmen, denn der NS-Ideologie galten Kaufhäuser als „jüdische Erfindungen“. Die gewalttätigen Störaktionen wurden initiiert von Gruppierungen der NSDAP die Namen trugen wie: „Kampfgemeinschaft gegen Warenhaus, Konsumvereine und Großfilialbetriebe“, „Arbeitsgemeinschaft deutscher Geschäftsleute“ oder „Kampfbund zur Erhaltung des deutschen Mittelstandes“.
Der Pressedienst des Einzelhandels beschrieb die Folgen der gewaltsamen Übergriffe: „Zertrümmerte Fensterscheiben, Ladeneinrichtungen...Tränengas-Bomben in Geschäften, Gewaltandrohungen und offene Boykottforderungen auf dem Wege anonymer Flugzettel: Der politische Kampf, der im Laufe des Sommers“ (gemeint ist das Jahr 1932) „teils schon Formen des latenten Bürgerkriegs angenommen hatte, scheint in ein Stadium zu geraten, in dem – unter der Maske der Politik – Gewaltmittel nicht nur gegen Andersdenkende, sondern auch gegen wirtschaftlich unbequeme Konkurrenten möglich werden.“
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der 1.April 1933 zum Boykotttag erklärt, an dem die deutsche Bevölkerung mit großen Plakaten aufgefordert wurde, nicht bei Juden einzukaufen. HERMANN GÖRING hatte auf einer Rede am 10. März bereits gerufen, dass die Polizei keine „Schutztruppe jüdischer Warenhäuser“ sei. Wenn die Geschäfte an diesem Tag nicht ganz geschlossen blieben, zogen SA Truppen vor den Eingängen auf und hinderten Kunden daran, die Geschäfte zu betreten. Welche Maßnahmen im Kaufhaus der Gebrüder LÖWENTHAL an diesem Tag getroffen wurden, lässt sich nicht recherchieren.
Allerdings ist davon auszugehen, dass in einer Stadt wie Elbing bekannt war, dass die Eigentümer Juden waren. Hinzu kommt, dass der Gauleiter für Danzig-Westpreußen ALBERT FORSTER seinen Gau als ersten „judenfrei“ melden wollte. Zugleich begann eine abstruse Debatte über die Frage mit welchen Merkmalen sich Warenhäuser von Kaufhäusern unterscheiden ließen. In den als jüdisch geltenden Warenhäusern war nicht nur eine große Anzahl an Waren zu finden, sie waren auch zu Orten der Moderne geworden, an denen ein Lebensgefühl zum Verkaufskonzept wurde.
Nicht selten waren auch die Gebäude architektonisch stilbildend. Eine Revue, die 1928 in der „Komödie“ am Berliner Kurfürstendamm unter dem Titel „Es liegt in der Luft. 24 Bilder aus einem Warenhaus“ aufgeführt wurde, spiegelte den Reiz der modernen Konsumtempel. Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann ein unaufhaltsamer Umsatzrückgang oder der Zwang sich als „judenfrei“ zu deklarieren. Filialen in der Provinz, die von großen Kaufhauskonzernen, Firmen wie HERMANN TIETZ oder den Gebrüdern SCHOCKEN betrieben wurden, schlossen.
Für alle anderen Warenhäuser von jüdischen Besitzern kamen massive Einschränkungen hinzu. Alle Güter, die unmittelbar mit der nationalsozialistischen Ideologie verbunden waren, wie Volksempfänger, NS-Uniformen, aber auch Bezugsscheine von Fürsorgeempfängern, Berechtigungsscheine für Ehestanddarlehn durften nicht verkauft oder eingelöst werden.
