
Irene BECKER arbeitet seit 1995 als Krankenschwester auf der kardiologischen Intensivstation 104i an der Charité Berlin, Europas größter Uniklinik. Ob sie schon vorher Patienten getötet hat, lässt sich nicht sagen. Ihr können nur die in der Chronologie erwähnten Morde nachgewiesen werden. Sie hat sich 2005 von ihrem Mann getrennt.
1. Fall: Mord
Hans-Joachim S. (66) liegt auf der Intensivstation der Berliner Charité. Irene BECKER spritzt ihm ein blutdrucksenkendes Mittel, während ihn die Ärzte zu reanimieren versuchen. Die Ärzte merken nichts, da Krankenschwestern den Patienten häufig Spritzen geben. Nach sieben Minuten stirbt der Patient.
2. Fall: Mord(versuch)
Irene BECKER gibt einem Patienten das Mittel Dormicum, ohne auf die Dosis zu achten. Als der Patient wiederbelebt werden muss, verlässt Irene BECKER das Zimmer. Der Patient überlebt.
Irene BECKER schlägt einer geistig verwirrten Frau auf die flache Hand, weil diese sich die Hände mit Kot beschmiert hat. Eine Kollegin meldet den Vorfall ihrer Vorgesetzten, der Stationsleiterin. Die verspricht, sich darum kümmern zu wollen.
Erst fünf Monate später muss sich Irene B. schriftlich zu diesem Vorfall äußern. Sie will erst einmal abwarten, ob sich ein solcher Vorfall wiederholen wird.
3. Fall: Mord(versuch) und doch kein Mord(versuch)
Anfang April begibt sich Kurt M. (79) ins Krankenhaus – er hat Blut im Urin und sein Urologe ist nicht erreichbar. Nach vier Wochen Klinikaufenthalt stirbt Kurt M. unerwartet. Die Krankenschwester Irene BECKER hat dem Mann eine Überdosis an Medikamenten verabreicht.
Der Fall wird später vor Gericht nicht als Mord gewertet, da der Patient an inneren Blutungen und nicht an der Giftspritze gestorben sei. Die Verwaltung der Charite erklärt der Ehefrau von Kurt M., er sei wegen eines Magendurchbruchs gestorben.
4. Fall: Mord
Der Rentner Helmut W. (66) liegt auf der Intensivstation 104. Der Patient lebt alleine, hat keine Familie. Irene BECKER gibt ihm eine Narkose-Spritze, die schließlich zu seinem Tod führt.
Ein Patient beschwert sich bei einer Krankenschwester, dass Irene BECKER ihn geschlagen habe. Erst jetzt informiert die Stationsleiterin die Pflegedienstleiterin, die vorschlägt, die beiden Vorfälle anonym zu protokollieren, um anschließend ein Gespräch mit Irene BECKER zu führen.
Bis zur Verhaftung im Oktober 2006 passiert jedoch nichts.
5. Fall: Mord
Irene BECKER spritzt dem herzkranken Gerhard A. (77) entgegen der Anordnung der Ärzte ein Narkosemittel. Wenige Minuten später stirbt der Mann. Ein misstrauischer Kollege, André S., findet die leere Ampulle im Mülleimer, meldet den Vorfall aber nicht. Er erzählt zunächst nur zwei Kollegen davon und fährt dann in den Urlaub.
Die Kollegen schweigen ebenfalls und geben diese Information nicht weiter.
6. Fall: Mord
Karin S. (48) liegt wegen Herzmuskelschwäche auf der kardiologischen Intensivstation. Irene BECKER spritzt ihr im Beisein des Ehemannes ein blutdrucksenkendes Mittel, das schließlich zum Tod führt.
7. und 8. Fall: 2 x Mord
Irene BECKER tötet die Patienten Achim W. und Uwe M. mit eigenmächtig verabreichten, blutdrucksenkenden Arzneimitteln.
Erst neun Tage nachdem Irene BECKER Karin S. getötet hat, äußern drei Ärzte auf der Intensivstation einen konkreten Verdacht gegenüber dem Chefarzt der Klinik, Prof. Gert BAUMANN. Noch am selben Tag hält BAUMANN Rücksprache mit dem Vorstand der Charité und informiert schließlich die Polizei.
Irene BECKER wird noch am selben Tag wegen Mordverdachts festgenommen. Sie gibt zu, zwei Patienten durch einen Medikamenten-Überdosis getötet zu haben.
Bis zu diesem Zeitpunkt hat sie 35 Jahre lang als Krankenschwester gearbeitet.
Irene BECKER legt das Geständnis ab, zwei weiteren Patienten “das Leben verkürzt “ zu haben. Ihre Motive bleiben weiterhin offen.
Die Charité-Leitung kommentiert die zu spät gemeldeten Verdachsmomente gegen Irene BECKER nicht. Sie werde entsprechend reagieren, sollten sich die Vorwürfe als korrekt erweisen, so das Statement.
Gegen Irene BECKER wird wegen 5fachen Mordes und eines versuchten Mordes Anklage erhoben.
Irene BECKER scheint noch mehr Patienten getötet zu haben. Weitere Fälle werden geprüft.
Mehr dazu im Kapitel Notizen aus den Gerichtsverhandlungen
Das Berliner Landesgericht verurteilt Irene BECKER zu lebenslanger Haft. Wegen fünffachen Mordes an schwerkranken Patienten. Die Urteilsverkündung nimmt sie regungslos wahr. Neben der Angeklagten wird auch die Charité vom Richter 'verurteilt'. Die dort aufgedeckten Defizite machen nachdenklich und sollen Anlass für Veränderungen sein.
In der Zwischenzeit hat die Kommunikationsfortbildung an der Charité begonnen. Kernfragen sind dabei, ob das CIRS, das in der Zwischenzeit eingerichtet wurde, hilfreich ist oder ob Irene BECKER von Supervision Gebrauch gemacht hätte, wäre es zu ihrer Zeit angeboten worden.
Die zu lebenslanger Haft verurteilte Irene BECKER wird im Gefängnis von Norbert SIGMUND interviewt.
Die unabhängige Untersuchungskommission "Patientensicherheit" hat an der Charité interne Mängel festgestellt. Dazu gehören organisatorische, kommunikative und strukturelle Probleme. Sie legt einen 14seitigen Ergebnisbericht vor. Um einen Fall wie „Irene B.“ künftig zu vermeiden, installiert die Charité jetzt ein System zur Meldung verdächtiger Geschehnisse.
Das NDR-Magazin panorama berichtet über die Privatisierung von Krankenhäusern und die daraus entstehenden Probleme für Patienten. Patienten berichten über ihre Erfahrungen in Privat-Krankenhäusern: "Außen hui, innen pfui - Chaos an privaten Krankenhäusern"
Charité möchte Schwachstellen durch die Zusammenlegung einiger Abteilungen, die ständige Anwesenheit von mehreren Ärzten, Weiterbildungskursen etc. verbessern.
Bisher rund 200 Meldungen von Mängeln an der Charité seit Einführung des Frühwarnsystems. Dabei handelt es sich überwiegend um technische Probleme.
(JB)