Dudajew ist nicht der Einzige, der Korruptionsfälle im Gesundheitsministerium aufgedeckt hat. Das tschetschenische Finanzministerium hatte im Jahr 2001 eine Revision im Gesundheitswesen durchgeführt. In dem Revisionsbericht, der der SZ vorliegt, geht es um „die gesetzliche Verwendung von Geldern für den Kauf von Medikamenten, Lebensmitteln für Patienten und anderen Materialien in den Jahren 2000 und 2001”. Ergebnis: Im untersuchten Zeitraum wurden mit den Hilfsgeldern Medikamente mit abgelaufener Gültigkeit, verfaulte Lebensmittel, alte Ausrüstung und Maschinen gekauft. Abgerechnet wurde alles als neue Ware.
Manche der in den Revisionsakten aufgeführten Beispiele sind grotesk. So seien mehrere Tonnen Wandfarbe abgerechnet worden. „Die angelieferte Farbe war von 1975. Ihre Gebrauchsdauer war seit 26 Jahren abgelaufen”, heißt es in dem Bericht. Insgesamt sei unbrauchbare Farbe für knapp 200000 Euro geliefert worden. In einem anderen Beispiel geht es um 30000 Liter Speiseöl. Das gekaufte Öl sei bei Anlieferung mit anderem Öl vertauscht worden, „das als Lebensmittel nicht verwendbar ist”.
Das Schema derartiger Geschäfte ist laut Dudajew klar: Während die unbrauchbare Farbe und das nicht genießbare Öl den Krankenhäusern geliefert werden, können die für die Hilfsgelder gekaufte neue Farbe und das hochwertige Öl „auf dem Markt teuer verkauft werden. Das gibt einen hübschen Gewinn”. Insgesamt beläuft sich allein der in dem Revisionsbericht aufgeführte Schaden auf rund 1,5 Millionen Euro. Der Bericht stellt in einem Fall sogar fest, dass in Tschetschenien internationale Hilfsgüter gestohlen würden.
Der seit Mitte 2000 amtierende Gesundheitsminister Uwais Magomadow erklärte auf Anfrage, er wisse von keinerlei Korruptionsverdacht in seinem Haus. „Bei uns ist alles bestens. Wir bauen diese Republik wieder auf.” Zudem sei er nicht für die Ausgabenpolitik seines Hauses verantwortlich. „Ich bin Arzt, ich bin für die Patienten verantwortlich.” Seinen Vertreter Dudajew bezeichnete er als „Kranken”: „Das sind alles Lügen.” Zu dem Revisionsbericht wollte der Minister nicht Stellung beziehen.
Dudajew sagt, er habe das von Moskau eingesetzte Oberhaupt Tschetscheniens, Achmed Kadyrow, bereits im vergangenen Jahr auf die Vorgänge im Ministerium hingewiesen. Das Ergebnis sei gewesen, dass dieser ihm am nächsten Tag den Zutritt zu einer Kabinettssitzung zu Gesundheitsfragen verweigert habe. Dudajew weiter: „Eine derartige Korruption ist ohne Deckung aus dem zuständigen russischen Gesundheitsministerium nicht denkbar. Ich habe Moskau darauf hingewiesen – bisher ohne Ergebnis.” Und noch etwas sagt Dudajew: „Warum sollte es in anderen tschetschenischen Ministerien ehrlicher zugehen als in meinem?”
Vize-Gesundheitsminister Issa Dudajew attackiert die Korruption in Tschetschenien. Viele seiner Landsleute wie auch Russen bereichern sich an den Hilfsgeldern, die für den Wiederaufbau des Landes und seiner total zerstörten Hauptstadt Grosny (rechts) gedacht sind.