Über Korruption und Diebstahl in großem Maßstab beim Wiederaufbau Tschetscheniens berichtete im März auch der russische Rechnungshof. So gaben die Beamten in Grosny an, sie hätten mit dem Geld aus Moskau 2000 private Häuser instand gesetzt. Tatsächlich, so fanden die Prüfer der Tageszeitung Kommersant zufolge heraus, bezahlen den Wiederaufbau überwiegend die Eigentümer. Oft findet er auch nur auf dem Papier statt.
Winkt allerdings genügend Geld, wird der Spaten auch in Grosny schnell geschwungen. Zum Beispiel beim Bau des riesigen Megapolis-Marktes im Stadtzentrum, der den alten Zentralen Markt ersetzen soll. "Wir bauen auch mit gebrauchten Ziegelsteinen", sagt Vorarbeiter Salman, "die kosten im Vergleich zu neuen weniger als die Hälfte. Das ist gut für uns und gut für die armen Leute, die die alten Steine sammeln und uns verkaufen."
Doch häufig wird das Baumaterial nicht von armen Leuten eingesammelt. Ein Unternehmer, der in Grosny an mehreren Großprojekten beteiligt ist, bestätigte der Frankfurter Rundschau, dass korrupte Verwaltungschefs auch für Häuser, die eigentlich wiederaufgebaut werden sollen, Abrissgenehmigungen erteilen. Die Abrissfirmen verkaufen die so gewonnenen Ziegelsteine als Baumaterial weiter.
An der Parafinowa-Straße fürchten Wiktoria Kuratschan und ihre Nachbarn, dass auch ihr Heim als illegaler Steinbruch dienen soll. Als Ende August vergangenen Jahres plötzlich Bagger mit dem Abriss der Parafinowa-Straße 1 beginnen, ziehen die Bewohner zur Verwaltung. Vize-Bezirksvorsteher Adam Eidamirow lässt sich die Akte geben. "Es ist ein Irrtum, das Haus ist tatsächlich zur Renovierung vorgesehen", sagt er und befiehlt, den Abriss unverzüglich zu stoppen. "Geht ruhig nach Hause."
Doch nachdem sich die Verwaltung samt dem Vize-Bezirksvorsteher ins Wochenende verabschiedet hat, rücken die Bagger wieder an. Die Bewohner rufen die tschetschenische Polizei und den Chef des russischen Militärgeheimdienstes ihres Bezirks zu Hilfe. Die Beamten wundern sich aber nicht schlecht, dass die Bauarbeiter eine vom Bezirksvorsteher unterschriebene Abrissgenehmigung vorweisen. Damit die Arbeiter keine vollendeten Tatsachen schaffen, setzt die Polizei sie trotzdem fest.
Als die Hausbewohner protestieren wollen, ist der Bezirksvorsteher nicht zu sprechen. Sein Stellvertreter, der den Bewohnern geholfen hat, wird entführt, angeblich von Rebellen. Larissa Abdurahmanowa, die den Protest der Hausbewohner in der Bezirksverwaltung anführte, verliert ohne Begründung ihre Stelle in der Krankenstation des Viertels. Jetzt überlebt die Mittvierzigerin mit den rötlichen Haaren und den grünen Augen, indem sie Kranke zu Hause betreut.
Immer wieder werden die Einwohner der Parafinowa-Straße 1 - überwiegend alte Frauen - unter Druck gesetzt. Vorarbeiter des Abrissunternehmens bedrohen mehrere Einwohner. Eines Morgens bemerkt Larissa Abdurahmanowa, dass Flammen aus dem Keller schlagen. Die Bewohner löschen das Feuer in letzter Minute. Doch schließlich ist es so weit: Die rechte Hälfte des Hauses wird abgerissen. Jetzt schieben Wiktoria Kuratschan und die anderen Frauen abwechselnd Wache und fürchten trotzdem, "dass auch unsere Haushälfte bald zerstört wird".
Nachts lässt die Furcht nicht nach. Häufig zerreißen Schüsse die Stille. Dann greifen junge Rebellen in der Nähe einen russischen Posten an. Oft schießen die Posten ziellos zurück. Manchmal jagt auch ein vorbeifahrender Schützenpanzer zur Unterhaltung eine Maschinengewehrsalve in ein Haus. Schlimmer noch ist es, wenn die Panzer stehen bleiben. Immer wieder werden in Tschetschenien Wohnungen und ihre Bewohner von maskierten russischen Soldaten oder Spezialkommandos ausgeraubt.
Manchmal trinkt Wiktoria Kuratschan mit Krankenschwester Larissa eine Tasse dünnen Tee, schon ein paar alte Kekse machen den Tag zum Festtag. Dann erzählt Wiktoria von ihrer Enkelin, die in einem Flüchtlingsheim in Krasnodar in Südrussland wohnt und so gern studieren möchte. Deswegen gibt Wiktoria ihr den größten Teil ihrer Rente von umgerechnet 50 Euro im Monat. "Ich bin alt, was soll ich mit dem Geld. Das Mädchen ist jung und soll leben", sagt die alte Frau in dem Zimmer mit der Katze und dem Kanonenofen.