
Der nachfolgende Text steht in engem Zusammenhang mit einer anderen Dokumentation: Die Jagd nach dem TCP (Tricresylphosphat), aufrufbar unter www.ansTageslicht.de/TCP, und lässt sich direkt aufrufen und verlinken unter dem kurzen (Perma)Link www.ansTageslicht.de/Schindler2013
Regelmäßig aufgefahren – für die angebliche Irrelevanz einer potenziellen Exposition / Einwirkung durch TCP bzw. ToCP (Tricresylphosphat aus der Gruppe der sog. Organophosphate, die im Triebwerksöl enthalten sind) - wird die sog. SCHINDLER et al-Studie aus dem Jahr 2013 (Bibliographie siehe Anhang):
Diese sog. SCHINDLER et al-Studie zeichnet sich durch erhebliche Schwächen aus, und zwar
Hier seien die wichtigsten Kritikpunkte zusammengestellt wie sie sich aus mehreren Einzelkritiken (ANDERSON, Vereinigung Cockpit, RFB, AA) ergeben, die im Anhang gelistet sind.
Die zentralen Kritikpunkte und das Aufzeigen der methodischen Schwächen stammen von mehreren Wissenschaftlern und Institutionen:
Zusammengefasst wurde alles von Prof. Dr. Johannes LUDWIG (Kommunikationswissenschaftler).
Die Studie fördert keine nennenswerten neuen Erkenntnisse zutage: TCP konnte auch hier in seinen toxischen Varianten (Isomeren) nicht nachgewiesen werden.
Ein solches Negativergebnis in der Wissenschaft ist nicht unüblich. Es besagt nur, dass man nicht das finden konnte, wonach man gesucht hatte. Soweit der Fakt.
Die Interpretation dieser Tatsache führt zu 2 Optionen. Option 1: Es existiert das, was man gesucht hatte, de facto nicht. Punkt, Ende. Option 2: Das, wonach man gesucht hatte, existiert. Aber man konnte es nicht finden bzw. nachweisen. Zum Beispiel weil die Suchmethode ungeeignet war.
Für SCHINDLER et al ist die Sache klar: es kommt nur Option 1 in Frage. Vermutlich deshalb, weil es eine Auftragsstudie der DGUV bzw. der DGUV-eigenen IPA-Instituts war: Man wollte einen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass an der ständig vorgebrachten Kritik der Gefährlichkeit von Fume Events und den damit begründeten Ansprüchen von Geschädigten ‚nichts dran ist‘.
Genau so schreibt denn auch SCHINDLER et al:
Eine andere Erklärung, Option 2, wird überhaupt nicht angesprochen. Also etwa die Fragen diskutiert, ob
a) der richtige Metabolit als Messgröße gewählt wurde,
b) die zu messenden Mengen ausreichend waren,
c) oder der ‚minimum level of detection‘ adäquat gesetzt wurde. Und
d) überhaupt nicht, dass es bekanntlich genetische Unterschiede bei der Metabolisierung von Menschen gibt.
Allerdings: Gefunden, sprich gemessen wurden „significantly higher values“ für beispielsweise TBP und TPP, egal mit welch anderen Belastungen man dies vergleicht. TBP und TPP sind ebenfalls potenzielle Gefahrstoffe, die z.B. als Flammschutz in Hydraulik-Flüssigkeiten eingesetzt werden.
In der Datenbank PubChem wird TBB (Tributylphosphat) als krebsverdächtig eingestuft (Abschnitt 12.1.1.): https://pubchem.ncbi.nlm.nih.gov/compound/tributyl_phosphate#section=Safety-and-Hazards. Auf die deutlich höheren Werte beim Flugpersonal geht die Sudie nur als Nebensache ein.
Wissenschaftliche Redlichkeit beginnt beim exakten Beschreiben dessen, was man untersucht und analysiert bzw. woran man experimentiert hat.
Damit könnte man Anmerkungen zur Aussagekraft einer solchen Studie, die seitens der BG Verkehr regelmäßig hoch gehandelt wird und die – eigentlich – Aussagen über die gesundheitlichen Auswirkungen auf das Flugpersonal treffen möchte, wegen Irrelevanz beiseite legen.
Da sie aber in der Strategie der Gesetzlichen Unfallversicherung (GUV) bzw. der zuständigen Berufsgenossenschaft Verkehr (BG V) einen wichtigen Baustein darstellt, potenzielle Gefahren und Gefahrstoffe zu verharmlosen, um darüber Ansprüche Betroffener abzuwehren und dabei auf Unkenntnis über die Komplexität der Zusammenhänge bei den Betroffenen und/oder deren Anwälte inklusive der Richterschaft zu setzt, sollen hier weitere Kritikpunkte angeführt werden.
Auf weitere Details sei hier nicht weiter eingegangen.
Bliebe als letzte Anmerkung die Frage: Haben sich die Autoren im Zusammenhang mit ihrer Arbeit zu möglichen Interessenskonflikten geäußert, wie dies allgemeiner Standard ist?
SCHINDLER et al haben es laut ihren eigenen Angaben nicht. Aus der Soziologie und der ethischen Medizindiskussion wissen wir, dass viele Wissenschaftler sich als völlig unabhängig und neutral in ihren Aussagen sehen bzw. darstellen, und es nicht im mindesten für möglich halten, dass es auch anders sein könnte. So scheint es auch bei SCHINDLER et al zu sein.
Die maßgebliche Autorin der Veröffentlichung, Birgit Karin SCHINDLER, ist – ebenso wie alle anderen Co-Autoren - Angestellte des IPA-Instituts, einer Einrichtung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), die als Verein organisiert und von den Berufsgenossenschaften getragen wird. Und die über diese zentrale Dachorganisation ihre Interessen bündeln und aufgrund ihrer Monopolstellung auch durchsetzen (können).
Die hier mit kritischen Anmerkungen versehene ‚Rezension‘ der Studie ist eine Auftragsarbeit jener Berufsgenossenschaft, die von der Luftfahrtindustrie finanziert wird und deshalb naturgemäß kein Interesse haben kann, andere Erkenntnisse zu kommunizieren.
Die gibt es natürlich. Denn nicht nur das von SCHINDLER et al untersuchte ToCP und die hier nicht weiter untersuchten ebenfalls toxischen TCP-Versionen (insgesamt 5 weitere Isomerstellungen von TCP) spielen bei den Cabin Air Contamination Events eine Rolle, sondern auch viele andere Stoffe. Etwa das nicht minder toxische n-Hexan), das bei einer Kontamination durch Hydraulikflüssigkeiten in die Kabinenluft gelangen kann (siehe beispielsweise MACKENZIE-ROSS 2008 und 2016, RENEMANN 2016).
Wie wichtig die Berufsgenossenschaften bzw. deren IPA-Institut die SCHINDLER et al-Studie in ihrem strategischen Maßnahmenbündel einschätzen, wird auch daran deutlich, dass sich bei dieser - technisch und organisatorisch nicht gerade aufwendigen - Untersuchung bzw. Publikation weitere Mitautoren haben mit draufsetzen lassen:
(JL)
Die Studie SCHINDLER et al 2013:
Birgit Karin Schindler, Tobias Weiss, Andre Schütze, Stephan Koslitz, Horst Christoph Broding, Jürgen Bünger, Thomas Brüning (2013): Occupational exposure of air crews to tricresyl phosphate isomers and organophosphate flame retardants after fume events, Arch Toxicol (2013) 87; doi: 10.1007/s0024-012-0978-0
Kritische Anmerkungen machen:
ANDERSON, Judith (2014): Comment on Schindler, BK, Weiss, t; Schütze, A.; et al. „Occupational exposure o fair crews to tricresyl phosphate isomers and organophosphate flame retardants after fume events”, Arch Toxicol (2013) 87: 645-648 – Letter to The Editor
Vereinigung Cockpit (2013): Review and comment on Schindler et al, document written for the use of the scientific based discussion at the IFALPA Meeting in Auckland
Mündliche und schriftliche Anmerkungen und Diskussionen mit Rainer FRENZEL-BEYME (RFB), Xaver BAUR (XB), Arie ADRIAENSEN (AA)
Studien, die andere Gefahrstoffe im Fokus haben und hier erwähnt sind:
Sarah J. Mackenzie Ross (2008), Cognitive function following exposure to contaminated air on commercial aircraft: a case series of 27 pilots seen for clinical purposes, Journal of Nutritional & Environmental Medicine 2008
Virginia Harrisson, Sarah J. Mackenzie Ross (2016): An emerging concern: Toxic fumes in airplaine cabins. Cortex, Vol. 74, 297-302; doi: 10.1016/j.cortex.2015-11-014
Reneman L, Schagen SB, Mulder M, Mutsaerts HJ, Hageman G, de Ruiter MB (2016):. Cognitive impairment and associated loss in brain white microstructure in aircrew members exposed to engine oil fumes. Brain Imaging Behav. 2016, 10 (2): 437-444; doi: 10.1007/s11682-015-9395-3
Hinweis:
Dieser Text entstand im Rahmen des Forschungsprojekts „Risikowahrnehmung“ am Competence Center Communication (CCOM) der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) Hamburg: (www.haw-cc.com/risikowahrnehmung sowie www.ansTageslicht.de/risikowahrnehmung) und lässt sich direkt aufrufen unter www.ansTageslicht.de/Schindler2013
Eine damit in Zusammenhang stehende Dokumentation zu dem hier in Rede stehenden Stoff Tricresylphosphat (TCP) ist aufrufbar unter www.ansTageslicht.de/TCP