Das Protokoll der 'Vor-Wannseekonferenz' vom 12. November 1938

Vorbemerkung: Was man wissen muss:

Einen Tag nach dem großen Judenprogrom, am Freitag, den 11. No­vember 1938, beruft Hermann GÖRING eine große »Besprechung über die Judenfrage« ein. Er bittet alle wichtigen Vertreter zu dieser Sitzung, die bereits am nächsten Tag, Samstag, den 12. November, pünktlich um 11 Uhr im großen Sitzungssaal seines Luftfahrtministeriums stattfinden soll. Diese Konferenz wird eine Art »Vor-Wannseekonferenz« werden. Adolf HITLER hatte den Generalfeldmarschall beauftragt, die »Judenfrage ... so oder so zur Erledigung zu bringen«. Für GÖRING ist dieses Problem - zu dieser Zeit jedenfalls noch - vor allem ein wirtschaftliches Problem.

Die Überlieferung dieses Sitzungsprotokolls ist einem Zufall zu verdanken. Einer der Stenografen, Dr. Fritz DÖRR, hat seine stenografischen Aufzeichnungen nach Übertragung des Protokolls mit Schreibmaschine ins Reine nicht vernichtet, sondern - entgegen der Dienstvorschrift - mit nach Hause genommen. Dort legt er sie irgendwo ab und vergißt das Ganze - seine Gedanken kreisen auf das gerade zur Welt gekommene Baby.

Erst nach dem Krieg fällt dem jetzt bei der Stadtverordnetenversammlung von Berlin tätigen »Parlamentsstenografen« wieder ein, was er seinerzeit irgendwo zu Hause vergraben hat. DÖRR, der das »Ur-Stenogramm« wiederfindet, bringt das Protokoll erneut maschinenschriftlich zu Papier und gibt ein Exemplar an den Direktor der früheren Reichstagsbibliothek weiter, der nach 1945 Dokumente aus der Zeit des Nazi-Terrors sammelt. Über einen weiteren Ex-Kollegen gelangt dieses Dokument in die Hände der Amerikaner, die es sofort zum Militärtribunal nach Nürnberg weiterleiten. Dort wird diese Niederschrift als Dokument »PS 1816« eine Rolle spielen.

Die Mitschrift der Sitzung vom 12. November 1938 ist nicht vollständig - es fehlt etwa die Hälfte: Fritz DÖRR hatte sich in dieser Mammutsitzung alternierend mit einem Kollegen abgewechselt. Die aus heutiger Sicht wichtigstem Teile dieser Sitzung sind offenbar überliefert. Die Diskussion dieser >Vor-Wannseekonferenz< wird vor allem von Hermann GÖRING, Joseph GOEBBELS, Reinhard HEYDRICH als Chef der Sicherheitspolizei und des SD, dem Ordnungspolizeichef Kurt DALUEGE, dem österreichischen Handelsminister Hans FISCHBÖCK, Finanzminister Schwerin von KROSIGK, dem seit Februar amtierenden neuen Wirtschaftsminister Walther FUNK, Unterstaatssekretär Ernst WÖRMANN aus dem Auswärtigen Amt und Ministerialrat Rudolf SCHMEER aus dem Wirtschaftsministerium bestritten. Außerdem und fast im Mittelpunkt stehend: Ein Vorstandsmitglied der Allianz-Versicherung: Eduard HILGARD. Seine Versicherung, die größte Deutschlands, ist potenziell zuständig für die Erstattung der Schäden. HILGARD ist über die Vorkommnisse ‘not amuzed’. Aber es wird - für ihn jedenfalls und das “Hoffentlich-Allianz-versichert -Unternehmen - sehr glimpflich ausgehen.

GÖRING knüpft gleich zu Beginn der Konferenz an die letzte Sitzung vom 14. Oktober an, die ohne konkrete Ergebnisse zu Ende gegangen war und auf der er wiederholt darauf hingewiesen hatte, daß sich die Wirtschaft an den Erfordernissen des Vierjahresplanes auszurichten habe und dass hierzu die Juden endlich aus der Wirtschaft heraus müßten. Aber nicht so wie das in Österreich seit dem »Anschluß« vor sich gegangen sei, wo die Arisierung »als ein Versorgungssystem untüchtiger Parteigenossen« gehandhabt würde. Hans FISCHBÖCK aus Wien hatte daraufhin energisch protestiert. Hans FISCHBÖCK ist auch heute wieder dabei.

Diese Site lässt sich direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/Vor-Wannseekonferenz-1938


GÖRING's Reichsluftfahrtministerium: Bundesarchiv Bild 146-1979-074-36A_WIKIPEDIA

»Meine Herren, die heutige Sitzung ist von entscheidender Bedeutung«, stellt Hermann GÖRING gleich zu Anfang klar. »Ich habe heute einen Brief bekommen, den mir der Stabsleiter des Stellvertreters des Führers, BORMANN, im Auftrag des Führers geschrieben hat, wonach die Judenfrage jetzt einheitlich zusammengefaßt werden soll und so oder so zur Erledigung zu bringen ist. Durch Anruf bin ich gestern vom Führer noch einmal darauf hingewiesen worden, jetzt die entscheidenden Schritte zentral zusammenzufassen. Da das Problem in der Hauptsache ein umfangreiches wirtschaftliches Problem ist, wird hier der Hebel angesetzt werden müssen. Selbstverständlich ergeben sich daraus auch eine Reihe rechtlicher Maßnahmen, die sowohl in das Gebiet des Justizministers wie des Innenministers fallen, dann die daraus zu folgernden Propagandamaßnahmen, die in das Gebiet des Herrn Propagandaministers fallen, selbstverständlich auch Maßnahmen des Finanzministers und des Wirtschaftsministers. In der Sitzung, in der wir damals zum ersten Mal über diese Frage sprachen und den Beschluß faßten, die deutsche Wirtschaft zu arisieren, den Juden aus der Wirtschaft heraus- und in das Schuldbuch hineinzubringen und auf die Rente zu setzen, haben wir leider Gottes nur sehr schöne Pläne gefaßt, die dann aber nur sehr schleppend verfolgt worden sind. Wir haben dann hier in Berlin eine Demonstration gehabt. Daraufhin ist dem Volk gesagt worden: es geschieht jetzt etwas Entscheidendes. Es ist aber wieder nichts geschehen. Wir haben jetzt diese Sache in Paris gehabt. Darauf folgten wieder die Demonstrationen, und jetzt muß etwas geschehen!«

GÖRING, von Natur aus beleibt, nimmt eine andere Sitzhaltung ein und fährt mit eindringlicher Stimme fort: »Denn, meine Herren, diese Demonstrationen habe ich satt. Sie schädigen nicht den Juden, sondern schließlich mich, der ich die Wirtschaft als letzte Instanz zusammenzufassen habe. Wenn heute ein jüdisches Geschäft zertrümmert wird, wenn Waren auf die Straße geschmissen werden, dann ersetzt die Versicherung dem Juden den Schaden - er hat ihn gar nicht -, und zweitens sind Konsumgüter, Volksgüter zerstört worden. Wenn in Zukunft schon Demonstrationen, die unter Umständen notwendig sein mögen, stattfinden, dann bitte ich nun endgültig sie so zu lenken, daß man sich nicht in das eigene Fleisch schneidet. Denn es ist irrsinnig, ein jüdisches Warenhaus auszuräumen und anzuzünden, und dann trägt eine deutsche Versicherungsgesellschaft den Schaden, und die Waren, die ich dringend brauche - ganze Abteilungen Kleider und was weiß ich alles -, werden verbrannt und fehlen mir hinten und vorn. Da kann ich gleich die Rohstoffe anzünden, wenn sie hereinkommen.«

Das ist GÖRINGs größte Sorge: das Funktionieren seines Vierjahresplanes. Die Rohstoffversorgung ist der zentrale Punkt dabei. Da an die Bevölkerung ständig appelliert wird, bei Rohstoffen und volkswirtschaftlichen Werten zu sparen, wo es nur geht, muß man auch mit gutem Beispiel vorangehen. Sonst ist alles für die Katz, wie GÖRING seiner Zuhörerschaft erklärt: »Das Volk versteht das natürlich nicht, und deshalb müssen hier Gesetze gemacht werden, die dem Volk einwandfrei zeigen, daß hier etwas getan wird. Ich wäre wirklich dankbar, wenn durch die Propaganda einmal auf diesen Punkt hingewiesen werden könnte, daß der Schaden, leider Gottes, nicht den Juden trifft, sondern tatsächlich die deutschen Versicherungsgesellschaften. Nun habe ich aber keine Lust, die deutschen Versicherungsgesellschaften diesen Schaden tragen zu lassen. Ich werde deshalb auf Grund meiner Vollmacht eine Anordnung erlassen und bitte da natürlich um die Mitarbeit der zuständigen Ministerien, damit das in das richtige Lot kommt und die Versicherungsgesellschaften den Schaden nicht zu tragen haben.« 

Das ist das erste Problem. GÖRING erläutert das zweite:

Ehemaliges Reichsluftfahrtministerium Berlin: heute Sitz des Bundesfinanzministeriums

»Diese Versicherungsgesellschaften können im Ausland rückversichert sein. Falls eine solche Rückversicherung hier in Frage kommt, möchte ich wieder nicht darauf verzichten, weil sie Devisen bringt. Das muß also untersucht werden. Aus diesem Grunde habe ich auch Herrn Hilgard von den Versicherungen hierher bestellt, der uns am besten darüber Auskunft geben kann, wie­weit die Versicherungsgesellschaften durch Rückversicherungen gegen solche Schäden gedeckt sind. Denn darauf möchte ich auf keinen Fall verzichten

GÖRING, dem - aufgrund seiner Körperfülle - langes Sitzen unbequem ist, beugt sich wieder nach vorne und stellt unmißverständlich klar:

»Darüber möchte ich keinen Zweifel lassen, meine Herren: Die heutige Sitzung ist nicht dazu da, sich erneut darüber zu unterhalten, was getan werden sollte, sondern es fallen jetzt Entscheidungen, und ich bitte die Ressorts inständig, nun aber Schlag auf Schlag die notwendigen Maßnahmen zur Arisierung der Wirtschaft zu treffen!«

GÖRING, der sich wieder in seinem breiten Stuhl zurücklehnt, erläutert seine Vorstellungen dazu: Man müsse zwischen größeren Firmen unterscheiden, die »in den Außenhandel hinübergreifen« und deswegen mehr »Schaden« anrichten als »Nutzen, der erreicht werden soll« und dem was für die Bevölkerung »das Sichtbarste« ist: »die jüdischen Kaufläden«. Also müsse mit denen begonnen werden. Dazu ist es notwendig zu unterscheiden, welche Geschäfte man fortführen lassen wolle und welche liquidiert werden können. Das soll ein Treuhänder entscheiden, und der bestimmt auch, was »der Jude bekommt«. 

Jetzt kommt GÖRING auf einen heiklen Punkt, bei dem er sich im Oktober noch lautstarken Widerspruch eingehandelt hat: »Hier setzen die Schwierigkeiten ein. Es ist menschlich verständlich, daß in starkem Maße versucht wird, in diese Geschäfte Parteigenossen hineinzubringen und ihnen so gewisse Entschädigungen zu geben. Ich habe da entsetzliche Dinge in der Vergangenheit gesehen, daß sich kleine Chauffeure von Gauleitern derart bereichert haben, daß sie auf diese Weise schließlich eine halbe Million Vermögen an sich gebracht haben. Die Herren wissen Bescheid?« - stellt GÖRING mit schärferer Stimme die rhetorische Frage und tastet jedes Augenpaar in der Runde ab. »Zustimmung« - notiert das Protokoll.

Hermann GÖRING in Luftwaffenuniform, aufgenommen nach seiner Gefangennahme 1945 durch die US Airforce

»Das sind natürlich Dinge, die unmöglich sind«, fährt GÖRING fort, befriedigt, daß sich kein Widerspruch meldet. »Ich werde nicht davor zurückscheuen, dort, wo unsauber verfahren wird, rücksichtslos einzugreifen. Sollte es sich um eine prominente Person handeln, die das Delikt ermöglicht, so werde ich binnen zwei Stunden beim Führer sein und diese Schweinerei ganz nüchtern vortragen!«

GÖRING, seine Warnung losgeworden, referiert weiter, immer noch über die »sichtbaren« Geschäfte. Derjenige, der ein jüdisches Geschäft übernehmen möchte, muß von der Branche auch etwas verstehen. Wenn das Parteigenossen sein sollten, um so besser. Doch darf es auf keinen Fall mehr vorkommen, »daß Arier ein jüdisches Geschäft übernommen haben und dann so geschäftstüchtig waren, den Namen dieses jüdischen Geschäftes in irgendeiner Form mit >vormals< beizubehalten oder überhaupt beizubehalten. Das darf nicht sein; das darf ich nicht erlauben. Denn sonst kommen Dinge vor, wie sie jetzt wieder passiert sind, daß Läden eingeschmissen wurden, deren Aushängeschild jüdisch klang und auch einmal jüdisch war, die aber jetzt längst arisiert waren

Bei den Fabriken, den nächsten Punkt, den GÖRING anspricht, ist es das gleiche: Werden sie gebraucht, dann werden sie arisiert. Sind sie nicht notwendig, dann eben liquidiert. Die ganzen Maschinen usw. werden dann »jener Aktion zur Verfügung gestellt, die ich sowieso in den nächsten Wochen durchführen muß, nämlich der Aktion zur Umwandlung von nicht lebensnotwendigen Produktionsstätten in lebenswichtige.« Die Teilnehmer wissen, daß GÖRING damit seine nächsten Pläne für die wirtschaftliche Vorbereitung eines Krieges andeutet.

Bei »größeren Fabriken« ist es wiederum genauso und bei »ganz großen Unternehmungen« nicht anders: Der Jude liefert seine Aktien ab und erhält eine kleine Entschädigung. Aber: »Diese Fälle können allerdings nicht mehr die Gaue und Reichsstatthalter regeln, sondern die müssen von uns hier oben gemacht werden, weil nur wir überblicken können, wo diese Fabriken hingebracht werden müssen, in welchen Vereinigungen sie vielleicht mit anderen zusammengefaßt werden, wieweit der Staat sie selbst behalten wird, wieweit er sie einer Gesellschaft geben wird, die dem Reich gehört. Ich weiß natürlich: je größer, umfangreicher und gewinnbringender das Unternehmen ist, desto stärker wird sich der Drang auch all der Herren Gauleiter und Statthalter von den verschiedenen Seiten bemerkbar machen, in den Besitz dieser Anteile zu kommen. Damit werden große Versprechungen auf Verschönerung der Hauptstädte usw. gemacht werden. Das kenne ich alles«, so GÖRING aus eigener Erfahrung. Aber: »Das geht nicht! Wir müssen hier zu einer ganz klaren, für das Reich Gewinn bringenden Aktion kommen!« 

GÖRINGs Arisierungsformel: der Jude verkauft zu einem geringen Preis, den der Treuhänder festsetzt, und der Arier kauft - nach kaufmännischen Regeln - zum regulären Verkehrswert, der natürlich höher liegt. Die Differenz, also der Arisierungsgewinn, kommt dann dem Reich zugute.

Einziges Problem, das GÖRING dabei sieht, sind die Juden mit ausländischer Staatsangehörigkeit:

»Wir müssen hier unterscheiden. Solche Juden, die wirklich Aus­länder waren und geblieben sind, sind natürlich nach den Gesetzen zu behandeln, die wir mit diesem Land haben. Aber auch hier ist dafür Sorge zu tragen, daß sie freiwillig, durch sanften oder stärkeren Druck, durch geschickte Manöver hinausmanövriert werden. Auf die Juden aber, die im allgemeinen Deutsche waren, die immer in Deutschland gelebt haben und die eben nur, um sich in Sicherheit zu bringen, in den letzten Jahren diese und jene Staatsangehörigkeit angenommen haben, bitte ich keine Rücksicht zu nehmen. Mit denen wird man fertig. Oder haben Sie Bedenken?«, fragt GÖRING den anwesenden Unterstaatssekretär WÖRMANN vom Auswärtigen Amt. 

WÖRMANN, erschrocken auf die direkte Frage: »Ich würde bitten, daß das Auswärtige Amt im Einzelfalle beteiligt wird, weil sich das generell sehr schwer entscheiden läßt.« Im Auswärtigen Amt fürchtet man nicht nur formelle Protestnoten, sondern handfesten Ärger mit ausländischen Regierungen.

GÖRING»In jedem Falle beiziehen können wir Sie nicht. Aber im Ganzen selbstverständlich

WÖRMANN»Ich möchte jedenfalls den Anspruch des Auswärtigen Amtes auf Beteiligung anmelden. Man kann nicht wissen, welche Schritte unternommen werden.«

GÖRING»Aber nur bei wichtigen Sachen! Auf jeden Fall möchte ich auch auf diese Kategorie keine Rücksicht nehmen. Denn ich habe jetzt erst gesehen, in welchem Ausmaß das geschehen ist. Das trifft besonders auf Österreich und die Tschechei zu. Wenn also jemand vorher im Sudetenland Tscheche war, so brauchen wir überhaupt keine Rücksicht zu nehmen. Da braucht auch das Auswärtige Amt nicht beteiligt zu werden. Weil man da der Auffassung sein kann, daß der jetzt zu uns gehört. Aber es sind in Österreich und auch im Sudetenland sehr viele plötzlich Engländer oder Amerikaner oder sonst was geworden, und darauf können wir im allgemeinen nicht allzuviel Rücksicht nehmen


Die Konferenz hat etwa 25 Minuten gedauert. Der Stenograf, Dr. Fritz DÖRR, hat jetzt Pause. Da sein Kollege weiterschreibt, wissen wir nicht, wie diese Diskussion weitergeht. Nach 25 Minuten - das ist der verabredete Wechsel - kommt DÖRR wieder. Als er seinen Notizblock zur Hand nimmt, zieht GOEBBELS gerade eine Bilanz der Geschehnisse - er ist bei den zerstörten Geschäften - und bringt auch seine Forderungen dazu vor, als er vom Wirtschaftsminister Walther FUNK unterbrochen wird, der, bevor er von GÖRING in dieses hohe Amt plaziert wurde, Pressesprecher von Joseph GOEBBELS war. Dem Wirtschaftsminister wird nach dieser »Vor-Wannseekonferenz« mit die wichtigste Funktion zukommen, wenn es um die endgültige Ausschaltung aller Juden aus dem Geschäftsleben geht.


FUNK will wissen, ob die jüdischen Geschäfte wieder aufgemacht werden sollen: »Das ist für uns eine ganz entscheidende Frage!« 

GOEBBELS: »Ob sie aufgemacht werden, ist eine andere Frage. Es handelt sich vielmehr darum, ob sie wiederhergestellt werden. Ich habe Frist gestellt bis Montag.«

GÖRING, unwirsch zu GOEBBELS: »Ob sie wieder aufgemacht werden, brauchen Sie nicht zu fragen - dafür sind wir zuständig!« 

GOEBBELS, der sich von GÖRING nicht aus der Ruhe bringen läßt, führt weiter aus: »Nr. 2: Es sind fast in allen deutschen Städten Synagogen niedergebrannt. Nun ergeben sich für die Plätze, auf denen die Synagogen gestanden haben, die vielfältigsten Verwendungsmöglichkeiten. Die einen Städte wollen sie zu Parkplätzen umgestalten, andere wollen dort wieder Gebäude errichten.«

GÖRING: »Wieviele Synagogen sind tatsächlich niedergebrannt?« 

HEYDRICH: »Es sind im ganzen 101 Synagogen durch Brand zerstört, 76 Synagogen demoliert, 7500 zerstörte Geschäfte im Reich.«

GÖRING: "Was heißt: durch Brand zerstört?« 

HEYDRICH »Zum Teil abgebrannt, zum Teil ausgebrannt.« 

Joseph GOEBBELS, Bundesarchiv-Bild-102-17049-Georg PAHL, WIKIPEDIA

GOEBBELS: »Ich bin der Meinung, daß das der Anlaß sein muß, die Synagogen aufzulösen. Alle, die nicht mehr vollkommen intakt sind, müssen von den Juden niedergelegt werden. Die Juden müssen das bezahlen. Hier in Berlin sind die Juden dazu bereit. Die Synagogen, die in Berlin gebrannt haben, werden von den Juden selbst niedergelegt. Wir können sie z.T. zu Parkplätzen umgestalten, z.T. werden dort andere Gebäude errichtet werden. Das muß nun, glaube ich, als Richtschnur für das ganze Land herausgegeben werden, daß die Juden selbst die beschädigten oder abgebrannten Synagogen zu beseitigen haben und der deutschen Volksgemeinschaft fertige freie Plätze zur Verfügung zu stellen haben. Nr. 3: Ich halte es für notwendig, jetzt eine Verordnung herauszugeben, daß den Juden verboten wird, deutsche Theater, Kinotheater und Zirkusse zu besuchen. Ich habe schon auf Grund des Kulturkammergesetzes eine solche Verordnung herausgegeben. Ich glaube, daß wir uns das auf Grund unserer heutigen Theaterlage leisten können. Die Theater sind sowieso überfüllt. Wir haben kaum Platz. Ich bin aber der Meinung, daß es nicht möglich ist, Juden neben Deutsche in Varietés, Kinos oder Theater hineinzusetzen. Man könnte eventuell später überlegen, den Juden hier in Berlin 1 oder 2 Kinos zur Verfügung zu stellen, wo sie jüdische Filme vorführen können. Aber in deutschen Theatern haben sie nichts mehr verloren.« 

Die »heutige Theaterlage«, die GOEBBELS anspricht, wird auch davon bestimmt, daß Schauspieler wie Gustaf GRÜNDGENS oder Dirigenten vom Stile Wilhelm FURTWÄNGLER's oder Herbert von KARAJAN's so tun, als ginge in Deutschland alles mit normalen Dingen zu. Theater und Kino ist aber nur eine Sorge des Propagandaministers. Er hält es »für notwendig, daß die Juden überall da aus der Öffentlichkeit herausgezogen werden, wo sie provokativ wirken: »Es ist z. B. heute noch möglich, daß ein Jude mit einem Deutschen ein gemeinsames Schlafwagenabteil benutzt. Es muß also ein Erlaß des Reichsverkehrsministers herauskommen, daß für Juden besondere Abteile eingerichtet werden und daß, wenn dieses Abteil besetzt ist, die Juden keinen Anspruch auf Platz haben, daß die Juden aber nur dann, wenn alle Deutschen sitzen, ein besonderes Abteil bekommen, daß sie dagegen nicht unter die Deutschen gemischt werden und daß, wenn kein Platz ist, die Juden draußen im Flur zu stehen haben.« 

GÖRING: "Da finde ich es viel vernünftiger, daß man ihnen eigene Abteile gibt.«

GOEBBELS: »Aber nicht, wenn der Zug überfüllt ist.« 

GÖRING»Einen Moment! Es gibt nur einen jüdischen Wagen. Ist er besetzt, müssen die übrigen zu Hause bleiben.« 

GOEBBELS: »Aber nehmen wir an: es sind nicht so viele Juden da, die mit dem Fern-D-Zug nach München fahren, sagen wir: es sitzen zwei Juden im Zug, und die anderen Abteile sind überfüllt. Diese beiden Juden hätten nun ein Sonderabteil. Man muß deshalb sagen: die Juden haben erst dann Anspruch auf Platz, wenn alle Deutschen sitzen.«

So viel Spitzfindigkeit findet GÖRING nun doch etwas übertrieben: »Das würde ich gar nicht einzeln fassen, sondern ich würde den Juden einen Wagen oder ein Abteil geben.« Und zu GOEBBELS gewandt: »Wenn es wirklich jemals so wäre, wie Sie sagen, daß der Zug sonst überfüllt ist - glauben Sie es: das machen wir so! Da brauche ich doch kein Gesetz! Da wird er herausgeschmissen, und wenn er allein auf dem Lokus sitzt während der ganzen Fahrt!«

GÖRING, der leicht in Wallung gekommen ist, holt Luft, doch GOEBBELS ist schneller. Der Propagandaminister beharrt auf seinem Standpunkt: »Das will ich nicht sagen. Ich glaube das nicht, sondern da muß eine Verordnung herauskommen, daß es den Juden verboten ist, deutsche Bäder, Strandbäder und deutsche Erholungsstätten zu besuchen. Im vergangenen Sommer...« 

GÖRING, wieder zu Luft gekommen, unterbricht: »Vor allen Dingen hier im Admiralspalast sind wirklich widerwärtige Sachen passiert.«

GOEBBELS»Auch im Wannseebad!«

GOEBBELS bringt nochmal seine Verordnung uns Spiel: »Eine Verordnung, daß es den Juden absolut verboten ist, deutsche Erholungsstätten zu besuchen!« 

GÖRING: »Man könnte ihnen ja eigene geben.« 

GOEBBELS: »Man könnte sich überlegen, ob man ihnen eigene gibt oder ob man deutsche Bäder zur Verfügung stellt, aber nicht die schönsten, daß man sagt: in den Bädern können sich die Juden erholen. Es wäre zu überlegen, ob es nicht notwendig ist, den Juden das Betreten des deutschen Waldes zu verbieten. Heute laufen Juden rudelweise im Grunewald herum. Das ist ein dauerndes Provozieren, wir haben dauernd Zwischenfälle. Was die Juden machen, ist so aufreizend und provokativ, daß es dauernd zu Schlägereien kommt.«

GÖRING: »Also wir werden den Juden einen gewissen Waldteil zur Verfügung stellen und Alpers wird dafür sorgen, daß die verschiedenen Tiere, die den Juden verdammt ähnlich sehen - der Elch hat ja so eine gebogene Nase -, dahin kommen und sich da einbürgern.«

GOEBBELS: »Ich halte dieses Verhalten für provokativ.« 

GOEBBELS ist ganz ruhig - von GÖRING läßt er sich nicht aus der Ruhe bringen: »Dann weiter, daß die Juden nicht in deutschen Anlagen herumsitzen können. Ich knüpfe an die Flüsterpropaganda durch Judenfrauen in den Anlagen am Fehrbelliner Platz. Es gibt Juden, die gar nicht so jüdisch aussehen. Die setzen sich zu deutschen Müttern mit Kindern und fangen an zu mosern und zu stänkern.«

GÖRING: »Die sagen gar nicht, daß sie Juden sind.« 

GOEBBELS: »Ich sehe darin eine besonders große Gefahr. Ich halte es für notwendig, daß man den Juden bestimmte Anlagen zur Verfügung stellt - nicht die schönsten - und sagt: auf diesen Bänken dürfen die Juden sitzen. Die sind besonders gekennzeichnet. Es steht darauf: Nur für Juden! Im übrigen haben sie in deutschen Anlagen nichts zu suchen. 

Als letztes wäre noch folgendes vorzutragen. Es besteht tatsächlich heute noch der Zustand, daß jüdische Kinder in deutsche Schulen gehen. Das halte ich für unmöglich. Ich halte es für ausgeschlossen, daß mein Junge neben einem Juden im deutschen Gymnasium sitzt und deutschen Geschichtsunterricht erteilt bekommt. Ich halte es für notwendig, daß die Juden absolut aus den deutschen Schulen entfernt werden und man ihnen anheimgibt, innerhalb ihrer eigenen Kultusgemeinde selbst die Erziehung zu übernehmen.« 

Inzwischen ist es gerade 12 Uhr 30 geworden. Im Vorzimmer wartet bereits seit 11 Uhr, also seit genau1 ½ Stunden, Eduard HILGARD, der einen der wachhabenden Beamten zu GÖRING in das Sitzungszimmer schickt, um zu erfragen, ob er denn überhaupt noch gebraucht würde. Eineinhalb Stunden Wartezeit ist für ein Vorstandsmitglied der Allianz-Versicherung das Äußerste, was ein internationaler Versicherungsfachmann an Geduld auch hochrangigen Politikern gegenüber aufzubringen bereit ist. Schließlich ist heute Samstag und zu Hause, in der Winklerstraße 15 a in Grunewald, warten Frau und Kinder auf ihn. Außerdem verspürt der Allianz-Mann um halb eins bereits Hunger. 

Eduard HILGARD, Allianz-Versicherung. Quelle: Sonderdruck "Fünfzig Jahre Allianz" 1940

HILGARD, 54 Jahre und NSDAP-Mitglied seit Februar 1934, ist gut vorbereitet, wie sich das für einen Mann seiner Branche und Stellung gehört. In der Allianz sitzt er im Vorstand. Als Aufsichtsrat kontrolliert er weitere Versicherungsunternehmen, zum Beispiel die »Globus« und die »Hermes«. Da er bei den Nazis hohes Ansehen genießt, ist er auch der Leiter der »Reichsgruppe Versicherungen«, Chef des obersten Versicherungsverbandes. 

Ihn beschäftigt im Zusammenhang mit der gezielten Zerstörungswut und den Millionenschäden der vorgestrigen Nacht nur eines: 

  • Wer soll das bezahlen? 
  • Die Versicherungen etwa? 
  • Und ohne dabei pleite zu gehen?

»Herr Hilgard«, eröffnet GÖRING das Gespräch, indem er dem Allianz-Mann einen leeren Stuhl zuweist, »es handelt sich um folgendes: durch den berechtigten Zorn des Volkes gegenüber den Juden sind eine Anzahl von Schäden im ganzen Reich ange­richtet worden. Fenster sind eingeschmissen worden, Sachen und Menschen zu Schaden gekommen, Synagogen ausgebrannt und soweiter. Ich nehme an, daß ein Teil der Juden - wahrscheinlich das Gros - auch versichert ist gegen Tumultschäden undsowei-ter...«

»Ja«, Eduard HILGARD nickt bestätigend mit dem Kopf. Aber GÖRING ist noch nicht fertig mit seiner Einführung in das Problem:

»Es würde also jetzt dabei folgendes herausspringen: daß das Volk in einer berechtigten Abwehr dem Juden hat einen Schaden zufügen wollen und daß dann tatsächlich der Schaden von der deutschen Versicherungsgesellschaft gedeckt wird. Hier wäre nun die Sache verhältnismäßig einfach, indem ich eine Verordnung mache, daß diese Schäden, die aus dieser Aufwallung gekommen sind, nicht von der Versicherung zu decken sind. Aber die Frage, die mich brennend interessiert, weshalb ich Sie hierher gebeten habe, ist folgende: 

Für den Fall, daß hier irgendwie auf dem Gebiet der Tumultschädenversicherung Rückversicherungen im Auslande liegen, möchte ich selbstverständlich nicht auf diese Rückversicherung verzichten, sondern möchte die an sich heranholen und darum mit Ihnen den Weg besprechen, wieweit diese Rückversicherung, die womöglich noch Devisen bringt, nicht zum Juden kommt, sondern zur deutschen Volkswirtschaft. Ich hätte gern einmal von Ihnen gehört - das ist die erste Frage, die ich an Sie zu stellen habe -: Sind nach Ihrer Auffassung die Juden in großem Ausmaß gegen diese Schäden versichert?« 

HILGARD erklärt erst einmal die in Frage kommenden Versicherungsarten: »Die Sache liegt so, daß wir es mit drei Arten von Versicherungen zu tun haben, und zwar nicht mit der Aufruhrversicherung und der Tumultschädenversicherung, sondern mit der regulären Feuerversicherung, mit der regulären Glasversicherung und mit der regulären einfachen Diebstahlversicherung. Die Versicherten, also diejenigen, die hier einen Anspruch auf Grund dieser Verträge haben, sind teils Juden, teils Arier. Bei der Feuerversicherung, die hier den größten Teil ausmacht, sind es wohl durchgängig Juden. Bei den Warenhäusern ist der Geschädigte mit dem Juden, mit dem Eigentümer identisch, bei der Synagoge natürlich erst recht, abgesehen von den Nachbarschäden, die dadurch entstanden sind, daß das Feuer übergegriffen hat. 

Aber nach meinen Feststellungen, die ich noch in der letzten Nacht getroffen habe, sind diese Schäden verhältnismäßig gering. Vollkommen anders liegen die Verhältnisse bei der Glasversicherung, die eine sehr große Rolle spielt. Hier ist der weitaus größere Teil der Geschädigten arisch. Das ist nämlich der Hausbesitz, der überwiegend in arischen Händen liegt, während der Jude in der Regel nur der Mieter des Ladens ist, - ein Vorgang, den Sie auf der ganzen Linie, z.B. am Kurfürstendamm, feststellen können.«

GOEBBELS: »Da muß der Jude den Schaden bezahlen!« 

GÖRING, leicht ungehalten über den Propaganda-Mann, der keine Ahnung von seinen Wirtschaftsproblemen hat, direkt zu GOEBBELS gewandt: »Es hat ja keinen Sinn! Wir haben keine Rohstoffe! Es ist doch alles ausländisches Glas. Und das kostet Devisen! Man könnte die Wände hochgehen!« 

HILGARD, der die Animositäten zwischen den beiden kennt, versucht, die Situation zu beruhigen:

»Ich darf vielleicht folgendes feststellen. Das Ladenfensterglas wird nicht in der böhmischen Glasindustrie fabriziert, sondern es ist ausschließlich in den Händen der belgischen Glasindustrie. Der Umfang dieser Schäden ist nach meinen Schätzungen ungefähr folgender: Wir haben etwa mit Glasschäden für 6 Millionen zu rechnen, d.h. für das Glas, das wir auf Grund der Versicherungsbedingungen den in der Hauptsache arischen Geschädigten als Ersatz liefern müssen, müssen wir etwa 6 Millionen aufwenden - meiner Schätzung nach. Ich muß hier aber alle Vorbehalte machen, Herr Generalfeldmarschall, denn ich habe für die Feststellungen nur einen Tag Zeit gehabt. Wenn man rechnet - das kann ich nicht genau sagen, da wird die Industrie besser Auskunft geben können -, daß etwa die Hälfte dieser 6 Millionen im Handel usw. hängen bleibt, so möchte ich immer noch ungefähr damit rechnen, daß wir für etwa 3 Millionen belgisches Glas einführen müssen. Nebenbei bemerkt, werden die Schäden die Hälfte einer Jahresproduktion der gesamten belgischen Glasindustrie sein. Wir sind der Auffassung, daß man von der Fabrikationsseite aus ein halbes Jahr braucht, um das Glas zu liefern, das zum Ersatz dieser Schäden notwendig ist.«

GÖRING: »Hier muß eine Volksaufklärung stattfinden.« 

GOEBBELS»Das kann jetzt nicht im Augenblick gemacht werden.«

GÖRING: »So kann das nicht weitergehen. Das halten wir gar nicht aus. Unmöglich!«

HILGARD kommt jetzt auf den dritten Fall, die Diebstahlversicherung zu sprechen, als ihn GÖRING unterbricht: »Da muß ich eine Frage stellen. Wenn Waren jeder Art aus den Geschäften herausgenommen  wurden  und draußen  auf der Straße verbrannt worden sind, fällt das auch darunter?« 

HILGARD:»Ich glaube nicht.«

GÖRING: »Fällt das unter Aufruhr?«

HILGARD: »Das ist gerade die Frage, die wir im Augenblick noch nicht zu beantworten in der Lage sind: liegt ein einfacher Diebstahl dann vor, wenn nach der gewaltsamen Erbrechung eines Wohnungseingangs oder von Behältnissen eine Sache entwendet wird?«

GÖRING»Es liegt Aufruhr vor.«

HILGARD: »Der Aufruhr spielt bei dieser Sache gar keine Rolle, weil wir kaum mehr nennenswerte Aufruhrversicherungen haben. Die sind längst von uns abgebaut und abgewickelt.« 

GÖRING: »Das hier ist doch Aufruhr. Das ist der juristische Begriff. Es ist nicht gestohlen, nicht eingebrochen worden, sondern ganz öffentlich wälzt sich die Masse herein und zertrümmert die Sachen. Oder Tumult.«

HILGARD»Tumultschäden. Es ist kein Aufruhr.« 

Rheinische Landeszeitung, Abendausgabe vom 10. November 1938


GÖRING»Sind die gegen Tumultschäden versichert?« 

HILGARD»Nein, nicht mehr.«

Der hohe Allianz-Vertreter schildert ein konkretes Beispiel, von dem gerade seine Versicherung getroffen ist: das Juweliergeschäft der Fa. Margraf & Co GmbH. Die hat nicht nur eine Filiale am Tauentzien, sondern ein weit größeres Geschäft Unter den Linden 65. Obwohl kein jüdisches Geschäft, wurde dort im allgemeinen Tohuwabohu geplündert: Scheiben rein, Juwelen raus. Die noble Firma ist mit einer kombinierten Police versichert. »Da ist eigentlich jeder Schaden gedeckt, der passieren kann«, erläutert der Allianz-Mann der insgeheim leicht belustigten Runde. »Dieser Schaden ist bei uns in Höhe von 1,7 Millionen angemeldet, weil er vollkommen ausgeplündert worden ist.« 

GÖRING: »Daluegue und Heydrich, ihr müßt mir diese Juwelen wieder herschaffen durch Riesenrazzien!« 

DALUEGUE: »Das ist schon angeordnet. Die Leute werden dauernd kontrolliert. Nach den Meldungen von gestern Nachmittag sind bisher allein 150 verhaftet.« 

GÖRING: »Die Sachen werden sonst verschoben. Wenn einer mit Juwelen in ein Geschäft kommt und sagt, er hätte sie gekauft, müssen sie ihm rücksichtslos weggenommen werden ohne große Geschichten. Irgendwo hat er sie gestohlen oder gehandelt.« 

HEYDRICH: »Im übrigen ist in rund 800 Fällen im Reich geplündert worden entgegen der Vermutung, aber wir haben Plünderer schon in einer Zahl von mehreren Hundert und sind auch dabei, das geplünderte Gut herbeizuschaffen.« 

GÖRING: »Und die Juwelen?«

HEYDRICH: »Das ist sehr schwer zu sagen. Sie sind z.T. auf die Straße herausgeschmissen worden und dort aufgegriffen worden. Ähnliches hat sich bei Pelzläden abgespielt, z.B. in der Friedrichstraße im Revier C. Da hat sich natürlich die Menge draufgeworfen, hat Nerze, Skunkse usw. mitgenommen. Das ist sehr schwer wiederzukriegen. Z.T. haben auch Kinder lediglich aus Spielerei sich die Taschen vollgesteckt. Man müßte anregen, daß die H.J. nicht ohne Wissen der Partei eingesetzt werden darf und an solchen Dingen beteiligt wird.«

DALUGUE: »Es wäre vor allen Dingen notwendig, von der Partei aus einen Befehl herauszugeben, daß sofort an die Polizei Mel­dung erstattet wird, wenn etwa die Nachbarsfrau - man kennt ja den Nachbarn ganz genau - einen Pelz umarbeiten läßt oder die Leute mit neuen Ringen oder Armbändern ankommen, daß uns die Partei da unterstützt.«

HILGARD»Diese Schäden fallen wohl nicht unter die Police, aber ich muß das unter Vorbehalt sagen. Darf ich überhaupt einmal ein Wort über unsere Haftpflicht sagen und eine Forderung der Versicherungswirtschaft anmelden? - Wir legen großen Wert darauf, Herr Generalfeldmarschall, daß wir an der Erfüllung unserer vertraglichen Verpflichtungen nicht gehindert werden.

Wenn ich das begründen darf, es hängt einfach damit zusammen, daß wir in starkem Maße auch internationale Geschäfte treiben. Wir haben für unsere Geschäfte eine sehr gute internationale Basis, und wir müssen gerade im Interesse der deutschen Devisenbilanz Wert darauf legen, daß das Vertrauen zu der deutschen Versicherung nicht gestört wird. Wenn wir es heute ablehnten, klare, uns gesetzlich obliegende vertragliche Verpflichtungen zu erfüllen, so wäre das ein schwarzer Fleck auf dem Ehrenschild der deutschen Versicherung.«

GÖRING, der die Probleme der Devisenlage nur allzugut kennt, hat sich schon eine Lösung ausgedacht, die er dem Versicherungskaufmann Schritt für Schritt nahebringt: so einen »Versicherungsonkel« mal ein bißchen zappeln zu sehen, breitet auch dem Generalfeldmarschall ein wenig Freude. Im Innern hält auch Hermann GÖRING Versicherungsgesellschaften für »Halsabschneider«. So offen sagen kann er das natürlich nicht. Jetzt schon gar nicht. Er braucht sie ja für seine »Judenlösung«. GÖRING wirft HILGARD, der zwar seinen Verpflichtungen - des guten Rufes wegen - nachkommen möchte, auf der anderen Seite aber auch ganz froh wäre, um diese Pflicht herumzukommen, einen ersten Rettungsanker zu:

»Aber nicht in dem Augenblick, wo ich durch eine staatliche Verordnung, durch ein Gesetz eingreife.« 

HILGARD, erleichtert, dies zu hören: »Darauf wollte ich nämlich kommen ...« wird von HEYDRICH unterbrochen: »Man mag ruhig die Versicherung ausschütten, aber nachher bei der Auszahlung wird sie beschlagnahmt. Dann ist formell das Gesicht gewahrt.«

HILGARD: »Das, was Obergruppenführer Heydrich eben gesagt hat, möchte ich eigentlich auch für den richtigen Weg halten: sich zunächst einmal des Apparates der Versicherungswirtschaft zu bedienen, die Schäden festzustellen, zu regulieren und auch auszuzahlen.« 

HILGARD macht eine ganz kurze Pause, um dann seine Vorstellungen zu Ende zu führen: »Dann aber der Versicherungswirtschaft die Möglichkeit zu geben, in irgendeinen Fonds...« 

GÖRING, der inzwischen merkt, wohin der Hase nach HILGARD's Vorstellungen laufen soll, unterbricht ihn auf der Stelle: »Einen Moment! Auszahlen müssen Sie sowieso. Weil Deutsche geschädigt sind. Sie bekommen aber ein gesetzliches Verbot, die Auszahlung unmittelbar an die Juden vorzunehmen. »Die Schäden, die Sie an die Juden auszuzahlen hätten, müssen Sie in jedem Fall auszahlen - aber nicht an den Juden, sondern an den Finanzminister!«

»Aha!« HILGARD ist leicht überrascht ob dieses Vorschlages. 

GÖRING weiter: »Was der damit macht, ist seine Sache.« Jetzt schaltet sich zum ersten Mal der Ministerialdirigent im Wirtschaftsministerium, Rudolf SCHMEER ein. Er ist Leiter der Hauptabteilung III (Wirtschaftspolitik und Grundsatzfragen), zu der auch das Judenreferat »III Jd« gehört. SCHMEER will die auseinanderlaufenden Ziele wieder auf einen Nenner bringen:

»Herr Feldmarschall! Ich hätte den Vorschlag zu machen, daß man von den angemeldeten Vermögen - es soll ja eine Milliarde eingezogen werden - einen bestimmten Prozentsatz festlegt, meinetwegen fünfzehn Prozent, und diesen Prozentsatz noch etwas erhöht, so daß alle Juden gleichmäßig zahlen und von diesem Betrag den Versicherungen das Geld zurückerstatten.« 

HILGARD, dem dieser Vorschlag auch recht wäre, kommt nicht zu Wort, GÖRING ist schneller: »Nein - ich denke gar nicht daran, den Versicherungen das Geld zurückzuerstatten! Die Versicherungen sind ja haftbar! Nein, das Geld gehört dem Staat! Das ist ganz klar! Das wäre ja ein Geschenk für die Versicherungen!« 

Und direkt zu HILGARD: »Sie haben hier ja ein großartiges Petitum abgegeben. Sie werden erfüllen. Verlassen Sie sich drauf!« 

HILGARD ist sichtlich enttäuscht: für die Schäden, die er - entgegen seiner ursprünglichen Hoffnung - offenbar nun doch bezahlen muß, gibt es keine Rückversicherungen, die in einem solchen Schadensfalle die Schäden der Versicherungen selbst, also deren eigene Auszahlungsverpflichtungen, abdecken würden: »Ich muß hier hinzufügen, daß dieser Schaden, der jetzt entstanden ist, ungefähr die doppelte Höhe eines normalen Jahres-Schadens beträgt, also alle Kalkulierungen über den Haufen wirft. Die Gesamtprämie der deutschen Glasversicherung beläuft sich auf ungefähr 14 Millionen. Der normale Schadensverlauf bei ungefähr 4 bis 5 Millionen. Die Glasversicherung ist unsere beste Branche. Da ist an sich bisher am besten verdient worden. Aber nunmehr ist der Schadensbetrag in der Gesamtheit das doppelte eines normalen Jahresbetrages.«

GÖRING, überrascht ob dieser offenen Sprache, rechnet blitzschnell nach: »Einen Moment! Vier bis fünf Millionen normal. Das Doppelte wären ungefähr 10 Millionen. 14 Millionen nehmen Sie ein - da bleiben immer noch 4 Millionen übrig!« 

HILGARD, der merkt, was er mit seiner Freimütigkeit angerichtet hat, versucht unter Hinweis auf die komplexen Schadenszusammenhänge abzulenken: »Die Kosten müssen wir auch bezahlen. Nein, für uns ist es eine sehr große Katastrophe. Ich darf vielleicht ausführen, daß nach meinen Schätzungen der Gesamtschaden in ganz Deutschland sich auf ungefähr 25 Millionen belaufen wird. Ich wollte nur vorsichtig sein!«

HEYDRICH springt in die Bresche: »Sachschaden, Inventar- und Warenschaden schätzen wir auf mehrere hundert Millionen, allerdings einschließlich des Schadens, den das Reich durch Steuerausfall erleiden wird: Umsatz-, Vermögens- und Einkommen­steuer. Das wird Herr Finanzminister sicher auch erfahren haben?«

Der fühlt sich zwar angesprochen, kommentiert aber nur lustlos: »Ich habe keinerlei Einblick in den Umfang.« 

HEYDRICH hat Zahlen: »7.500 zerstörte Geschäfte im Reich!« 

DALUEGUE meldet sich zu Wort, und tischt ein Problem auf, das ihm als Chef der Ordnungspolizei zu Ohren gekommen ist: In den Polizeistellen liegen Verlust- und Diebstahlsanzeigen betroffener Ladeninhaber zu Häuf. »Eine Frage muß noch besprochen werden. Die Waren, die sich in den Läden befanden, sind nicht Eigentum des Besitzers gewesen, sondern laufen größtenteils auf Rechnungen von anderen Firmen, die Waren geliefert haben. Jetzt kommen die unberechneten Lieferungen von Firmen, die bestimmt nicht alle jüdisch, sondern arisch sind: die Waren, die auf Kommission gegeben waren.« 

HILGARD»Die müssen auch bezahlt werden.« 

GÖRING, eingedenk seiner gesamtwirtschaftlichen Verantwortung als Vierjahresplanlenker: 

»Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und hättet nicht solche Werte vernichtet!« 

HEYDRICH: »35 Tote sind es.«

Um wieder auf das eigentliche Thema zu kommen, faßt der Staatssekretär im Innenministerium, KEHRL, nochmals zusammen: »Ich glaube, man könnte es so machen: Soweit es Juden sind, wird sowieso nicht gezahlt. Soweit es Arier sind, muß gezahlt werden, und dann mag die Versicherungsgesellschaft über die Reichsgruppe mit uns in Verbindung treten, und wir prüfen die Fälle.«

Wirtschaftsminister FUNK: »Wenn die Juden den Schaden bezahlen, brauchen es die Versicherungsgesellschaften nicht zu bezahlen!«

»Eben«, stellt GÖRING befriedigt fest. »Also, meine Herren, es ist ganz sonnenklar! Das halten wir fest! In diesem Augenblick denkt keine Versicherung - Herr HILGARD ausgenommen, der hier ist - etwas anderes, als daß sie für den Schaden zahlen muß. Sie wollen es auch, und ich habe volles Verständnis dafür. Sie müssen das, damit ihnen nicht vorgeworfen werden kann, sie wären nicht stark genug, den Schaden zu tragen.« 

Eine Bemerkung kann sich GÖRING dann doch nicht verkneifen - er denkt immer noch daran, daß die Glasversicherung das beste Geschäft überhaupt ist. Und auch GÖRING hat zu Hause Fenster aus Glas, eine ganze Anzahl sogar in seinem fürstlichen Anwesen, die hin und wieder auch mal kaputtgehen - 14 Millionen Prämien und nur 4-5 Millionen Schäden: »Es wäre ja ein Wahnsinn, Versicherungsgesellschaften zu besitzen, die solchen Schaden nicht mehr zu übernehmen in der Lage sind. Eine solche Versicherungsgesellschaft wäre absolut ein Betrug am Volk!« 

Allianz-Mann Eduard HILGARD zieht es vor zu schweigen.


Während GÖRING die bisherigen Ergebnisse nochmals zusammenfaßt und danach Versicherungsfragen behandelt werden, ist bei den Stenografen wieder Schichtwechsel. Dr. DÖRR löst seinen Kollegen ab, als GÖRING zum letzten Mal die vollständigen Besprechungsergebnisse mit dem Allianz-Mann resümiert. Für die Fälle der zerstörten oder geplünderten Kommissionswaren hat man sich geeinigt, daß die Juden dafür aufkommen müssen, der Lieferfirma insofern kein Schaden entsteht.


GÖRING: »Alles ganz klar: Der Arier kann keinen Schaden anmelden, weil er keinen hat: Der Jude ersetzt ihn ja. Der Jude muß seinen Schaden anmelden. Er kriegt die Versicherung, aber die wird beschlagnahmt. Es bleibt im Endeffekt immerhin doch noch insofern ein Verdienst für die Versicherungsgesellschaften, als sie einige Schäden nicht auszuzahlen brauchen. - Herr HILGARD! Sie können schmunzeln?"

HILGARD: »Ich habe gar keinen Grund. Wenn das ein Verdienst genannt wird, daß wir einen Schaden nicht zu zahlen brauchen - na, ich weiß nicht.«

GÖRING ganz entrüstet: »Erlauben Sie einmal! Wenn Sie juristisch verpflichtet sind, 5 Millionen zu zahlen, und auf einmal kommt Ihnen hier ein Engel in meiner etwas korpulenten Form und sagt Ihnen: 1 Million können Sie behalten - zum Donnerwetter noch einmal - ist das kein Verdienst?« 

HILGARD zieht es erneut vor, nichts zu sagen. 

GÖRING: »Ich müßte direkt Kippe mit euch machen, oder wie nennt man das sonst. Ich merke es am besten an Ihnen selbst. Ihr ganzer Körper schmunzelt. Sie haben einen großen Rebbes gemacht!«

»Wir wollen eine Tumultschadensteuer für die Versicherungen einführen«, hallt es aus der Runde.

HILGARD, der sich in seiner Geschäftsehre gekränkt sieht, gibt sich beleidigt: »Es ist für mich eine Selbstverständlichkeit, daß der ehrbare deutsche Kaufmann nicht der Leidtragende sein darf. Ich habe auch mit den Unternehmungen selbst gesprochen. Ich habe dafür gesprochen, daß der Schaden nicht an den Ariern hängenbleiben darf. Und er bleibt an den Ariern hängen, weil die Versicherungsgemeinschaft - nicht die Versicherungsgesellschaft - dadurch getroffen wird, indem sie erhöhte Prämien zahlen muß und verminderte Dividenden bekommt. Infolgedessen ist sie der endgültig Geschädigte. Das ist und bleibt so. Das wird mir niemand abstreiten.«

GÖRING, der inzwischen genug hat, zu HILGARD: »Dann sorgen Sie gefälligst dafür, daß nicht so viele Fensterscheiben eingeschmissen werden! Sie sind auch ein Teil unseres Volkes. Schicken Sie Ihre Vertreter hinaus zu den Leuten. Die sollen sofort aufklären! Wenn noch besondere Fragen auftauchen, dann sprechen Sie mit Herrn Lange!« Mit einer unmißverständlichen Handbewegung komplimentiert Generalfeldmarschall Hermann GÖRING den Allianz-Mann zur Tür hinaus.

»Reichsgruppenleiter HILGARD verläßt die Sitzung«, stenografiert Fritz DÖRR in seinem Protokoll.


Kaum hat HILGARD den großen Sitzungssaal verlassen, meldet sich der Unterstaatssekretär aus dem Auswärtigen Amt, Ernst WÖRMANN wieder zu Wort: Es entspinnt sich eine Diskussion über die rechtliche Gleichstellung der inländischen und ausländischen Juden:

WÖRMANN: »Ich glaube, daß die ausländischen Juden jetzt im § 1 ganz ausfallen. Sie stehen nur im §2. Die ausländischen Juden müßten im § 1 auch berücksichtigt werden. Sonst sind sie nur erfaßt, wenn sie versichert sind, und nicht, wenn sie nicht versichert sind.«

GÖRING»Dann sollen sie sich eben versichern, oder was meinen Sie sonst?«

WÖRMANN: »Wie ich den Wortlaut verstehe, sind die ausländischen Juden jetzt nur im §2 oder 3 bei der Versicherung erwähnt, dagegen nicht in § 1. Wenn ich recht in Erinnerung habe, wollten Sie im § 1 sagen: inländische Juden. Dann haben wir eine Fülle von Reklamationen.«

GÖRING»Aber verzeihen Sie! Laut § 2 bekommen die den Versicherungsschaden ausbezahlt.« 

WÖRMANN: »Wenn sie versichert sind.« 

GÖRING»Solche, die nicht versichert sind, gibt es kaum

HEYDRICH»Darf ich noch etwas Grundsätzliches sagen. Wir brauchen die Beschlagnahme nicht in die Verordnung hineinzunehmen, sondern das würde ich stillschweigend machen.« 

GÖRING: »Nein, das können Sie nicht stillschweigend machen, sondern das muß klares Recht sein. Das trifft aber nicht das, was Herr Wörmann meint. Da dreht es sich um die ausländischen Juden, die nicht versichert sind. Soweit sie versichert sind, sind sie gedeckt. Es handelt sich nur um die, die nicht versichert sind. Das könnte einmal da und dort der Fall sein.« 

WÖRMANN: »Dann haben wir die Fülle der Reklamationen.«

GÖRING: »Ich möchte vermeiden, hier zu viel auf die ausländischen Juden hinzuweisen.«

WÖRMANN: »Aber wenn das sowieso im § 2 drinsteht, könnte es im § 1 auch drin sein

Die Diskussion geht in diesem Stile weiter, bis GÖRING die Notwendigkeit feststellt, »daß wir diese Frage erst mit den Staaten zusammen besprechen, die auch gegen die Juden etwas unternehmen. Das muß aufhören, daß jeder dreckige polnische Jude hier eine Rechtsstellung hat und wir ihn ertragen müssen«. Und zu WÖRMANN gewandt: »Ich möchte bitten, daß wir die Erwähnung der ausländischen Juden hier vermeiden, wo wir sie vermei­den können.«

Walther FUNK, der Wirtschaftsminister, meldet sich wieder zu Wort. Seine für ihn wichtigste Frage war vor einer dreiviertel Stunde im Rededuell zwischen GOEBBELS und GÖRING völlig untergegangen, die lieber darüber diskutierten, wo bzw. in welchem Abteil eines D-Zuges wohl ein Jude fahren dürfe. Und dann war HILGARD aufgetaucht, der nicht mehr länger draußen vor der Tür seine Zeit totschlagen wollte:

FUNK»Die entscheidende Frage ist: Sollen die jüdischen Geschäfte wieder aufgemacht werden müssen oder nicht?« 

GÖRING»Das hängt davon ab, wieweit diese jüdischen Geschäfte einen verhältnismäßig großen Umsatz haben. Wenn das der Fall ist, ist das ein Zeichen dafür, daß das deutsche Volk, obwohl es ein jüdisches Geschäft ist, einfach gezwungen ist, dort zu kaufen, weil ein Bedürfnis vorliegt. Wenn wir die gesamten jüdischen Geschäfte, die jetzt zu sind, noch vor Weihnachten schließen wollten, kämen wir in die Bredouille

Hans FISCHBÖCK aus Wien hat während der letzten Worte schon mehrmals aufgeregt Luft geholt: Jetzt kommt seine Stunde. Da wird er dem Herrn Feldmarschall mal zeigen, was eine Harke ist: »Wir haben darüber in Österreich (dieses Wort läßt Fischböck genüßlich auf der Zunge zergehen) schon einen genauen Plan, Herr Feldmarschall«, und blickt dem mit Orden übersäten GÖRING direkt in die Augen: 

»In Wien gibt es 12.000 jüdische Handwerksbetriebe und 5.000 jüdische Einzelhandelsgeschäfte. Für diese zusammen 17.000 offenen Läden lag die endgültige Planung für alle Gewerbetreibenden schon vor dem Umbruch vor. Von den 12.000 Handwerksbetrieben sollten nahezu 10.000 endgültig gesperrt und 2.000 aufrechterhalten werden. Von den 5.000 Einzelhandelsgeschäften sollten 1.000 aufrechterhalten d.h. arisiert und 4.000 geschlossen werden. Nach diesem Plan würden also 3.000 bis 3.500 von den im ganzen 17.00 Geschäften offenbleiben, alle übrigen geschlossen werden. Das ist auf Grund von Untersuchungen für jede einzelne Branche nach den örtlichen Bedürfnissen abgestimmt, mit allen zuständigen Stellen erledigt und kann morgen hinausgehen, sobald wir das Gesetz bekommen, das wir im September erbeten haben, das uns ermächtigen soll, ganz allgemein ohne Zusammenhang mit der Judenfrage Gewerbeberechtigungen zu entziehen. Das wäre ein ganz kurzes Gesetz.« 

GÖRING ist auf einmal ganz begeistert: »Die Verordnung werde ich noch heute machen!«

FISCHBÖCK erklärt im Detail, und GÖRING hört aufmerksam zu: Die vorbereitete Verordnung sieht vor, daß ab 1. Januar 1939, also in sechs Wochen, kein Jude mehr Inhaber bzw. »Betriebsführer« einer Firma sein kann. Ist ein Jude nur in leitender Stellung tätig, etwa als Vorstand einer Aktiengesellschaft, kann er mit einer Frist von 6 Wochen gekündigt werden. Gleichzeitig erlöschen alle sonstigen Ansprüche aus dem Dienstvertrag wie Pensionen undsoweiter. Findet sich für ein jüdisches Geschäft kein Käufer, dann geht es in den Besitz einer Treuhandstelle über. »Auf diese Weise könnten wir bis Ende des Jahres die gesamte nach außen sichtbare jüdische Geschäftswelt beseitigt haben«, betont FISCHBÖCK nochmals. 

GÖRING»Das wäre hervorragend!«

FISCHBÖCK, stolz auf die Zahlen, die er präsentieren kann: »Dann wären von 17.000 Geschäften über 12.000 oder 14.000 geschlossen und der Rest arisiert oder an die Treuhandstelle übertragen, die dem Staat gehört.«

GÖRING ist fasziniert: »Ich muß sagen: der Vorschlag ist wunderbar! Dann würde in Wien, einer der Hauptjudenstädte sozusa­gen, bis Weihnachten oder Ende des Jahres diese ganze Geschichte wirklich ausgeräumt sein.«

Jetzt funkt Wirtschaftsminister FUNK wieder dazwischen, dem es allmählich peinlich wird, daß ihm der »österreichische« Kollege die ganze Schau stiehlt: »Das können wir hier auch machen«, und betont, daß auch er eine solche Verordnung vorbereitet habe. Die Regelungen, die er vorstellt, sind bis auf Winzigkeiten die gleichen wie die von FISCHBÖCK.

GÖRING interessieren die Rivalitäten der beiden nicht; ihm geht es ums Ergebnis: »Ich glaube, daß wir diese Verordnung unter­schreiben können« - und blickt in die Runde. 

»Zurufe: Jawohl«, wird im Stenogramm festgehalten.

»Mir scheint das einfach hervorragend vorbereitet zu sein«, betont GÖRING nochmals. 

FISCHBÖCK siegt nach Punkten. Nur eines will GÖRING noch wissen: »Was passiert, wenn der Jude das Geld für den Verkauf in den Händen hat?« 

SCHMEER, der für seinen Chef FUNK in die Bresche springt: »Er bekommt den Betrag, der weit unter dem Wert liegt, und die Arisierung muß wie bisher genehmigt werden.« 

GÖRING: »Der Jude bekommt den Betrag und kommt nicht ins Schuldbuch hinein

SCHMEER: »Nein. Das können wir später laufen lassen. Er kann das Geld auch nicht fressen. Die Summe liegt ja fest, und der Jude ist laut Verordnung verpflichtet, jede Änderung in seinem Vermögensbestand anzumelden, so daß das laufend registriert wird. Das läuft uns nicht davon, sondern das haben wir im Reich. Sie brauchen nur eine Verordnung zu erlassen oder dem Wirtschaftsminister die Befugnis des § 7 zu übertragen, um die Be­schlagnahme des jüdischen Vermögens zu ermöglichen. Weglaufen kann es uns nicht.«

GÖRING: »Herr Schmeer, ist nicht folgendes möglich? Hier wird einer arisiert, bekommt 300.000 Mark in die Hand. Er rennt damit um die Ecke in einen Juwelierladen herein und kauft einen Schmuck nach dem anderen auf, um am gleichen Tag noch über die Grenze zu gehen?«

SCHMEER: »Dann muß er diese Vermögensänderung anmelden.« 

GÖRING»Wenn er aber ausrücken will.«

FISCHBÖCK: »Die Genehmigung zur Arisierung wird nicht erteilt, wenn der Kaufpreis ausgezahlt wird. Bei uns wird es so gemacht: es wird nur noch unter der Bedingung genehmigt, daß entweder der Kaufpreis in langfristigen Raten zu bezahlen ist, wenn der Käufer nicht barzahlen kann, oder, sofern Barzahlung erfolgt, daß der Betrag vorläufig auf Sperrkonto gelegt wird.« 

GÖRING»Das können wir auch machen.« 

FISCHBÖCK ist noch lange nicht fertig: »Was uns außerordentlich beschäftigt, sind die jüdischen Mietzinshäuser, die von den gesamten jüdischen Vermögen einen erheblichen Bruchteil ausmachen. Während erstaunlicherweise das jüdische Volksvermögen in Österreich nach der Anmeldung bloß 320 Millionen Mark ausmacht, betragen die Zinshäuser allein 500 Millionen. Wir würden großen Wert darauf legen, daß nunmehr die Bestimmung über die Anforderungsmöglichkeit von jüdischem Vermögen auch auf die Zinshäuser ausgedehnt wird, so daß wir in die Lage versetzt werden, diese Häuser in eine Treuhandgesellschaft hineinzubringen und dann dem Juden Reichsschuldbuchforderungen auszuhändigen. Da wäre auch der Anlaß, die Kontribution einzuziehen, die man bei dieser Gelegenheit vorweg in Abzug bringen könnte. Die Verwaltung dieses großen Komplexes von Zinshäusern wäre überhaupt kein Problem. Dazu braucht man nur Verwalter. Solche gibt es genug. Wir würden bitten, daß wir die Zinshäuser in dieser Weise einfordern können und außerdem die Wertpapiere. Bisher ist die Frage der Wertpapiere offen geblieben. Bei uns ist ein sehr großer Teil des jüdischen Vermögens, und zwar 266 Millionen Reichsmark in Wertpapieren aller Art, Aktien, aber auch festverzinslichen Wertpapieren angelegt. Eine Gefahr für den Markt ist meiner Ansicht nach deshalb nicht gegeben, weil die Papiere in eine Hand kommen.« 

320 Millionen an Geschäftsvermögen plus 500 Millionen für Grundbesitz plus 266 Millionen an Wertpapieren summieren sich auf über 1 Milliarde Mark, wie alle nachrechnen. Eine lukrative Beute für Vater Staat.

FUNK»Warum dürfen Juden keine Wertpapiere mehr behalten?«

GÖRING: »Damit wäre der Jude beteiligt.« 

FUNK: »Das ist ganz neu

GÖRING»Nein, ich habe vorhin ganz klar gesagt: Aktien und Anteile

FUNK: »Aktien ja, aber Schuldverschreibungen des Reiches nicht

FISCHBÖCK»Es ist doch besser, wenn man dem Juden 3% be­zahlt, statt 4%. Die Möglichkeit einer Kontrolle des jüdischen Vermögens ist ganz aus in dem Augenblick, wo wir ihm die Wertpapiere lassen.«

GÖRING»Meine Herren, keine Diskussion, ganz ausgeschlossen, daß er die Wertpapiere behält. Die muß er weggeben.« 

FISCHBÖCK: »Dann würde ich bitten, die Sache in der Form zu regeln, daß die Papiere abgefordert werden, damit der Wertpa­piermarkt dadurch nicht gestört wird. Das kann sehr einfach geschehen. Die werden eingeliefert. Bei den Wertpapieren ist auch die Verwaltung viel einfacher. Die kann die Treuhand übernehmen. Sie gibt sie ins Depot und gibt dafür Reichschuldbuchforderungen. Damit ist die Sache erledigt. Es fragt sich nur, ob man die Sache wieder anderweitig unterbringen will.« 

FUNK»Da wird das Reich Besitzer von ¼ Milliarde Wertpapieren.«

 GÖRING, sichtlich erfreut: »Ja, ja.«

FISCHBÖCK hat sich wirklich alles überlegt, bis ins letzte Detail: »Es ist deshalb sehr wichtig, weil die ganze Aktion keinen Erfolg hat, wenn die Juden im Besitz von Werten bleiben, die sie rasch realisieren können und mit denen sie sonst etwas anderes machen können.«

GÖRING: »Das ist es! Wir wollen den Juden die Möglichkeit nehmen, gegen uns wieder irgendwie versteckt zu manipulieren.«

FISCHBÖCK»Wenn wir z. B. nicht wollen, daß die Juden Juwelen besitzen, so würde man das dadurch verhindern können, daß sie nur Reichsanleihen behalten dürfen, also die Juwelen nur gegen Reichsanleihen erwerben können.«

Wieder glänzt der Hauptabteilungsleiter im Wirtschaftsministerium, Ministerialdirigent Rudolf SCHMEER, mit Details. Sein oberster Chef ist nicht so fit: »In §7 der Verordnung ist die Vollmacht enthalten, daß der Vierjahresplan den Einsatz des jüdischen Vermögens für die deutsche Volkswirtschaft regelt«, erwähnt der Fachmann. Mit »Volkswirtschaft« ist natürlich »Kriegswirtschaft« gemeint, was jeder der im großen Sitzungssaal Anwesenden nur zu genau weiß und was deshalb so prononciert auch gar nicht ausgesprochen werden muß.

GÖRING»Ich finde, dieser Vorschlag von FISCHBÖCK ist sehr gut. Den müßte man jetzt tatsächlich in eine Form bringen: zunächst die Mietzinshäuser, dann die Aktienanteile, undsoweiter, undsoweiter.«


Wieder wechseln die Protokollanten. Als Dr. Fritz DÖRR wieder an der Reihe ist, kommen die Sitzungsteilnehmer gerade darauf zu sprechen, daß diese Regelungen selbstverständlich auch für das vor sechs Wochen »ins Reich zurückgeholte« Sudetenland gilt.


SS-Obersturmbannführer Adolf EICHMANN im Jahre 1942. Zur Zeit der Vor-Wannseekonferenz 1938 in Wien zuständig für die (erzwungene) Ausreise der Juden aus dem Deutschen Reich, zu dem seit dem "Anschluss" im März 1938 auch Österreich gehört. Quelle: US Holocaust Memorial Museum

Nachdem FISCHBÖCK soviel Lob und Anerkennung aus dem Munde GÖRINGs abbekommen hat, muß HEYDRICH endlich mal seine Arbeit und Pflichterfüllung demonstrieren. Er möchte vor allem auch auf einen seiner fähigsten Mitarbeiter aufmerksam machen, der zur Zeit in Wien ganze Arbeit leistet: Adolf EICHMANN.

»Bei allem Herausnehmen der Juden aus dem Wirtschaftsleben bleibt das Grundproblem letzten Endes doch immer, daß der Jude aus Deutschland herauskommt. Darf ich dazu einige Vorschläge machen?«

Alles blickt gespannt auf den bekanntermaßen tüchtigen und um Einfälle nie verlegenen Chef der Sicherheitspolizei und des SD. »Wir haben in Wien auf Weisung des Reichskommissars eine Judenauswanderungszentrale eingerichtet, durch die wir in Österreich immerhin 50.000 Juden herausgebracht haben, während im Altreich in der gleichen Zeit nur 19.000 Juden herausgebracht werden konnten, und zwar ist uns das durch Zusammenarbeit mit dem zuständigen Wirtschaftsministerium und den ausländischen Hilfsorganisationen gelungen.« 

GÖRING dazwischen: »Vor allen Dingen habt Ihr doch mit den örtlichen Führern der >grünen Grenze< zusammengearbeitet. Das ist doch die Hauptsache?«

HEYDRICH»Das waren die geringsten Zahlen, Herr Generalfeldmarschall«, verteidigt HEYDRICH seine Arbeit, »es sind illegal...« 

GÖRING, erneut dazwischen: »Die Geschichte hat in der ganzen Weltpresse gestanden: Die Juden wurden die erste Nacht nach der Tschechei ausgewiesen. Am nächsten Morgen haben sie die Tschechen gepackt und nach Ungarn abgeschoben. Von Ungarn ging es zurück nach Deutschland und zur Tschechei. Sie fahren so herum und so herum. Schließlich landeten sie auf einer alten Prahm [gemeint: ein Schiff ohne eigenen Antrieb, z.B. eine Fähre, Anm. d. Red.] der Donau. Da hausten sie, und wo sie auch an Land gingen, wurden sie zurückgewiesen.«

HEYDRICH ist verärgert: »Das war diese Zeitungsmeldung! Es handelte sich um keine hundert Juden!«

GÖRING: »Es war doch vierzehn Tage lang praktisch so, daß immer um Mitternacht eine Anzahl Juden auswärts gewandert sind. Das war zum Beispiel im Burgenland so.« 

HEYDRICH beharrt auf seinem Standpunkt: »Durch legale Maßnahmen sind mindestens 45.000 Juden herausgebracht worden!« 

GÖRING muß klein beigeben: »Wie war das möglich?« 

HEYDRICH: »Wir haben das in der Form gemacht, daß wir den reichen Juden, die auswandern wollten, bei der jüdischen Kulturgemeinde eine gewisse Summe abgefordert haben. Mit dieser Summe und Devisenzuzahlungen konnte dann eine Anzahl der armen Juden herausgebracht werden. Das Problem war ja nicht, den reichen Juden herauszukriegen, sondern den jüdischen Mob

GÖRING: »Aber, Kinder, habt ihr euch das einmal überlegt? Es nützt doch auch nichts, daß wir vom jüdischen Mob Hunderttausende herauskriegen. Habt ihr euch überlegt, ob dieser Weg nicht letzten Endes so viele Devisen kostet, daß er auf die Dauer nicht gangbar ist?«

HEYDRICH: »Nur die Devisen, die jeder Jude bekommen hat. Auf diese Weise. Darf ich vorschlagen, daß wir eine ähnliche Zentrale im Reich unter Beteiligung der zuständigen Reichsbehörden einrichten und daß wir auf Grund dieser Erfahrungen unter Abstellung der mit Recht vom Herrn Generalfeldmarschall kritisierten Fehler eine Lösung für das Reich finden? Das Zweite, um die Juden herauszubekommen, müßte eine Auswanderungsaktion für das Judentum im übrigen Reich sein, die sich auf mindestens 8 bis 10 Jahre erstreckt. Wir kriegen im Jahr nicht mehr als höchstens 8- bis 10.000 Juden heraus. Es bleibt also eine Unzahl Juden drin. Durch die Arisierungen und die sonstigen Beschränkungen wird natürlich das Judentum arbeitslos. 

Reinhard HEYDRICH, Bundesarchiv, Bild 146-1969-054-16 / Heinrich HOFFMANN, CC-BY-SA

Wir erleben eine Verproletarisierung des zurückbleibenden Judentums. Ich muß also in Deutschland solche Maßnahmen treffen, daß sie auf der einen Seite den Juden isolieren, damit er nicht in den normalen Lebenskreis des Deutschen eintritt. Ich muß aber auf der anderen Seite Möglichkeiten schaffen, die den Juden auf einen engsten Kundenkreis beschränken, aber eine bestimmte Betätigung zulassen, in der Rechtsanwaltsfrage, Arztfrage, Friseurfrage usw. Diese Frage müßte auch geprüft werden. Für die Isolierung möchte ich rein polizeilich einige Vorschläge kurz unterbreiten, die auch wegen ihres psychologischen Einflusses auf die öffentichkungen wird natürlich das Judentum arbeitslos. Wir erleben eine Verproletarisierung des zurückbleibenden Judentums. Ich muß also in Deutschland solche Maßnahmen treffen, daß sie auf der einen Seite den Juden isolieren, damit er nicht in den normalen Lebenskreis des Deutschen eintritt. Ich muß aber auf der anderen Seite Möglichkeiten schaffen, die den Juden auf einen engsten Kundenkreis beschränken, aber eine bestimmte Betätigung zulassen, in der Rechtsanwaltsfrage, Arztfrage, Friseurfrage usw. Diese Frage müßte auch geprüft werden. 

Für die Isolierung möchte ich rein polizeilich einige Vorschläge kurz unterbreiten, die auch wegen ihres psychologischen Einflusses auf die öffentliche Meinung von Wert sind. Z.B. die persönliche Kennzeichnung des Juden, indem man sagt: Jeder Jude im Sinne der Nürnberge Gesetze muß ein bestimmtes Abzeichen tragen. Das ist eine Möglichkeit, die viele andere Dinge erleichtert - in bezug auf Ausschreitungen sehe ich keine Gefahr -, die uns auch das Verhältnis zum ausländischen Juden erleichtert.« 

GÖRING ganz begeistert: »Eine Uniform!« 

HEYDRICH: »Ein Abzeichen! Dadurch könnte man auch die Schäden abstellen, die dadurch anstehen, daß die ausländischen Juden, die sich in ihrem Äußeren nicht von inländischen Juden unterscheiden, in Mitleidenschaft gezogen werden.« 

GÖRING»Aber lieber HEYDRICH, Sie werden nicht darum herumkommen, in ganz großem Maßstab in den Städten zu Ghettos zu kommen. Die müssen geschaffen werden.« 

HEYDRICH: »Ich darf gleich zur Frage des Ghettos Stellung nehmen. Das Ghetto in der Form vollkommen abgesonderter Stadtteile, wo nur Juden sind, halte ich polizeilich nicht für durchführbar. Das Ghetto, wo der Jude sich mit dem gesamten Judenvolk versammelt, ist in polizeilicher Hinsicht unüberwachbar. Es bleibt der ewige Schlupfwinkel für Verbrechen und vor allen Dingen für Seuchen und ähnlichen Dingen. Heute ist es so, daß die deutsche Bevölkerung - wir wollen die Juden auch nicht in demselben Haus lassen - in den Straßenzügen oder in den Häusern den Juden zwingen, sich zusammenzunehmen. Die Kontrolle des Juden durch das wachsame Auge der gesamten Bevölkerung ist besser, als wenn Sie die Juden zu Tausenden und aber Tausenden in einem Stadtteil haben, wo ich durch uniformierte Beamte eine Überwachung des täglichen Lebenslaufes nicht herbeiführen kann.«

GÖRING: »Wir brauchten nur das Telefonieren nach auswärts zu unterbinden

HEYDRICH: »Ich könnte den Verkehr des Judentums aus diesem Stadtteil heraus doch nicht ganz unterbinden.« 

GÖRING: »Und in wirklich eigenen Städten?« 

HEYDRICH: »Wenn ich sie in vollkommen eigene Städte tue, jawohl. Dann bildet diese Stadt aber ein solches Zentrum für Verbrechergesindel, daß sie die größte Gefahr darstellt. Ich würde andere Wege gehen. Ich würde Sperrgebiete für das Judentum einrichten und würde sagen: in München das Regierungsviertel und das Gebiet

GÖRING: »Halt! Mir kommt es weniger darauf an, daß die Juden nicht irgendwo auftauchen, wo ich sie nicht haben will, sondern mir kommt es mehr auf folgendes an. Wenn der Jude jetzt nicht mehr in der Arbeit drin ist, wird er bescheiden leben müssen. Von den 3½ % wird er keine großen Sprünge machen können mit Speisehäusern usw. Er wird mehr arbeiten müssen. Das wird eine Zusammenfassung des Juden ergeben, die vielleicht doch von vornherein irgendwie die Kontrolle erleichtert. Man weiß: in diesem Hause wohnen nur Juden. Wir müssen auch die jüdischen Metzger, Friseure, Lebensmittelhändler... usw. in jüdischen Straßenzügen zusammenbringen. Es ist allerdings die Frage, ob wir das noch dulden wollen. Wenn nicht, dann muß der Jude beim Arier kaufen.«

HEYDRICH: »Nein. Ich würde sagen, daß man es für die kleinen Dinge des täglichen Lebens ausschaltet, daß der Deutsche den Juden bedient.«

GÖRING: »Einen Moment! Verhungern lassen können Sie ihn nicht. Jetzt kommt aber folgende Schwierigkeit: Wenn Sie sagen, daß der Jude soundso viele Geschäfte des Einzelhandels bedienen kann, dann sind wieder welche im Geschäft drin, und die nächste Erweiterung ist: er muß sich beim Engros-Laden eindecken.« 

SCHMEER: »In einer Kleinstadt ist das gar nicht durchführbar.«

GÖRING»Das wäre nur durchführbar, wenn Sie von vornherein ganze Stadtteile bzw. ganze Städte für den Juden reservieren. Sonst müssen Sie zulassen, daß nur Deutsche im Geschäftsverkehr bleiben und der Jude dort kaufen muß. Sie können keine jüdische Barbierstube einrichten. Der Jude muß doch Lebensmittel, muß Strümpfe kaufen können.«

HEYDRICH: »Es muß entschieden werden, ob man das will oder nicht.«

GÖRING»Ich möchte das gleich heute entscheiden. Wir können hier nicht noch einmal eine Art Unterteilung vornehmen. - Das geht nicht, daß wir sagen: soundso viel Geschäfte bleiben für den Juden bestehen; denn dann hört sofort die Kontrolle wieder auf, weil diese Geschäfte wieder Engrosgeschäfte brauchen usw. Ich möchte sagen: Alles, was Geschäft ist, soll arisches Geschäft sein, wo der Jude kaufen kann. Man kann höchstens einen Schritt weitergehen und sagen: Voraussichtlich werden die und die Geschäfte in der Hauptsache von Juden aufgesucht werden. Man könnte gewisse Barbierstuben durch Juden einrichten. Man könnte gewisse Konzessionen in der Richtung geben, einen Beruf in bestimmten Straßenzügen für bestimmte Aufgaben auszuüben. Läden aber nicht.«

HEYDRICH»Wie wäre es im Ghetto? Müßte da der Jude in den arischen Teil zum Einkaufen gehen?«

GÖRING»Nein. Da würde ich sagen: es gibt genug deutsche Geschäftsleute, die sich mit Wonnegrunzen in das Ghetto hereinsetzen, weil sie da ein Geschäft machen. Ich würde nicht mehr von dem Grundsatz abweichen, daß der Jude in der Wirtschaft nichts mehr zu suchen hat

HEYDRICH: »Das möchte ich nicht entscheiden. - Dann einige Dinge, die auch psychologisch wichtig sind.« 

GÖRING versucht sich das bereits im Detail auszumalen: »Wenn wir überhaupt einmal ein Ghetto haben, könnten wir feststellen, was für Geschäfte da hereinkommen müssen, und dann kann man sagen: du, Jude Soundso, bekommst mit dem und dem zusammen die Konzession für die Anlieferung. Dann wird eine deutsche Engrosfirma beauftragt, für dieses jüdische Geschäft zu liefern. Dieses Geschäft ist dann nicht ein Einzelhandelsgeschäft, sondern eine Konsumwirtschaft - ein Konsumverein für die Juden

HEYDRICH: »Diese ganzen Maßnahmen werden praktisch-organisch zu einem Ghetto führen. Ich muß sagen: man soll heute nicht ein Ghetto bauen wollen. Aber durch diese Maßnahmen werden die Juden automatisch in ein Ghetto gedrängt in der Form, wie das angedeutet wurde

Wirtschaftsminister FUNK»Der Jude muß ganz eng zusammenrücken. Was sind drei Millionen? Da muß der einzelne für den anderen einstehen, der einzelne verhungert.« 

GÖRING»Jetzt kommt das, was Minister GOEBBELS vorhin sagte: Es kommt das Zwangsvermieten. Jetzt kommen die jüdischen Mietparteien zusammen.«

HEYDRICH, verärgert, daß man ihn nicht ausreden läßt: »Als Maßnahme würde ich weiter vorschlagen, daß man alle persönlichen Berechtigungen wie Zulassungsscheine und Führerscheine den Juden entzieht, daß der Jude nicht Eigentümer von Kraftwagen sein darf, daß er aber auch nicht fahren darf, weil er damit deutsches Leben gefährden kann, daß man ihn weiterhin in seiner Freizügigkeit durch Aufenthaltsverbote beschränkt. Ich würde sagen: Der Königliche Platz in München, die Reichsweihestätte, darf in einem bestimmten Umkreis von Juden nicht mehr betreten werden. Dasselbe bei kulturellen Einrichtungen, Grenzzäunen, Festungswerken. Des weiteren, was Minister Dr. GOEBBELS vorhin sagte: Ausschließung der Juden von öffentlichen Theatern, Kinos usw. Zum Kurbetrieb darf ich folgendes sagen: Der Kurbetrieb in der Heilstätte ist an sich eine Zusatzangelegenheit der Körpergesundung, die nicht unbedingt für den einzelnen Menschen notwendig ist. Viele Millionen deutscher Volksgenossen sind nicht in der Lage, ihren Gesundheitszustand durch einen Besuch eines Heilbades zu verbessern. Ich sehe nicht ein, warum der Jude überhaupt in Bäder gehen soll.« 

GÖRING: »In Heilbäder, nein.«

HEYDRICH»Dann würde ich dasselbe für die Krankenhäuser vor­schlagen. Ein Jude kann nicht im Krankenhaus mit arischen Volksgenossen zusammenliegen.« 

GÖRING: »Aber das muß allmählich gemacht werden

HEYDRICH»Dasselbe mit den öffentlichen Verkehrsmitteln.« 

GÖRING»Gibt es nicht jüdische Sanatorien und jüdische Krankenhäuser? (Zurufe: Jawohl.) Das muß alles durchgefiedelt werden. Diese Dinge müssen hintereinanderweg herauskommen.« 

HEYDRICH»Ich wollte bloß grundsätzlich das Einverständnis erbitten, daß wir diese Dinge einleiten dürfen.« 

GÖRING»Noch eine Frage, meine Herren: Wie beurteilen Sie die Lage, wenn ich heute verkünde, daß dem Judentum als Strafe diese 1 Milliarde als Kontribution auferlegt wird?« 

Zwischenruf von BÜRCKEL: »Die Wiener werden sehr damit einverstanden sein.« 

GOEBBELS»Ich meine, ob die Juden die Möglichkeit haben, sich zu entziehen, etwas auf die Seite zu schaffen.« 

BRINKMANN: »Dann machen sie sich schon strafbar.« 

Finanzminister von KROSIGK: »Herr FISCHBÖCK, eine Frage: Kann man die Kontri­bution ausschreiben, ohne gleichzeitig ein Verbot der Versilberung herausgehen zu lassen? Es ist naturgemäß die Gefahr gegeben, daß sie ihre Anleihen auf den Markt schmeißen

FUNK»Das ist alles angemeldet. Das Geld müssen sie auch angeben.«

Finanzminister von KROSIGK: »Aber sie können vorläufig darüber verfügen.« 

GÖRING»Es nützt ihnen nichts, wenn sie das versilbern. Das Geld können sie nicht weggeben

FUNK: »Wenn sie ihre Effekten verkaufen, haben sie den Schaden.«

FISCHBÖCK, der über einschlägige Erfahrungen in Österreich verfügt, unterstützt die Meinung des Finanzministers: »Die Gefahr hat schon etwas für sich. Aber ich glaube nicht, daß sie sehr groß ist. Das setzt allerdings voraus, daß man tatsächlich die anderen Maßnahmen im Laufe der nächsten Woche trifft.« 

»Spätestens im Laufe der nächsten Woche müssen sie getroffen werden«, betont nochmals Finanzminister Schwerin von KROSIGK

Und GÖRING»Das würde ich als Bedingung setzen.« 

FISCHBÖCK: »Es ist vielleicht gut, wenn wir uns selbst auf diese Weise unter Druck setzen

GÖRING hat jetzt klare Vorstellungen von dem, was er möchte. Und er kann sich auch genauestens ausmalen, was auf die Juden zukommt: »Ich werde den Wortlaut wählen«, faßt er nochmals zusammen, »daß die deutschen Juden in ihrer Gesamtheit als Strafe für die ruchlosen Verbrechen undsoweiter, undsoweiter eine Kontribution von 1 Milliarde auferlegt bekommen. Das wird hinhauen! Die Schweine werden einen zweiten Mord so schnell nicht machen. Im übrigen muß ich noch einmal feststellen: Ich möchte kein Jude in Deutschland sein!«

Die Sitzung ist noch nicht ganz zu Ende, wiewohl jeder merkt, daß alles Wesentliche gesagt, besprochen und entschieden ist. Die ersten haben auch schon längst verstohlen einen Blick auf die Uhr riskiert: immerhin gerade 14 Uhr 30 durch. Trotzdem kommt es nochmals zu einem kleineren Wortwechsel.

von KROSIGK: »Deswegen möchte ich erst einmal das stark unterstreichen, was Herr HEYDRICH zu Anfang gesagt hat: Wir müssen alles versuchen, im Wege eines zusätzlichen Exportes die Juden herauszubringen ins Ausland. Das muß doch immer das entscheidende sein, daß wir nicht das ganze Gesellschaftsproletariat hier behalten. Es wird immer eine Last sein, sie zu behandeln, die fürchterlich ist. Ich stelle mir den Zwang zum Ghetto auch nicht gerade als angenehme Aussicht vor. Die Aussicht, zum Ghetto kommen zu müssen, ist auch keine angenehme. Infolgedessen muß das Ziel sein, was HEYDRICH gesagt hat: heraus, was herausgebracht werden kann!«

GÖRING»Das zweite ist folgendes. Wenn das Deutsche Reich in irgendeiner absehbaren Zeit in außenpolitischen Konflikt kommt, so ist es selbstverständlich, daß auch wir in Deutschland in aller erster Linie daran denken werden, eine große Abrechnung an den Juden zu vollziehen. Darüber hinaus wird der Führer jetzt endlich einen außenpolitischen Vorstoß machen zunächst bei den Mächten, die die Judenfrage aufgeworfen haben, um dann tatsächlich zur Lösung der Madagaskar-Frage zu kommen. Das hat er mir am 9. November auseinandergesetzt. Es geht nicht mehr anders. Er will auch den anderen Staaten sagen: »Was redet ihr immer von den Juden? - Nehmt sie!« Dann kann man noch einen Vorschlag machen: die reichen Juden können in Nordamerika, Kanada oder sonstwo ein großes Territorium für ihre Glaubensgenossen kaufen. 

Ich möchte noch einmal zusammenfassen. Der Wirtschaftsminister wird die Kommission leiten und wird alle Maßnahmen, die in dieser Richtung liegen, in wenigen Tagen in irgendeiner Form treffen.« 

Nun ist die Sitzung inhaltlich tatsächlich zu Ende. Die ersten haben ihre Akten und Schreibblöcke bereits eingepackt. Da meldet sich das von der Reichsbank zu dieser Sitzung abgeordnete Mitglied des Direktoriums zu Wort, das die ganzen drei Stunden über nicht ein einziges Wort gesagt hat. Jetzt, bevor es zu spät ist, will sich Karl BLESSING doch noch wenigstens einmal zu Wort melden. Daß BLESSING, der alles genau mitbekommen hat, in genau zwanzig Jahren Präsident der Deutschen Bundesbank der Bundesrepublik Deutschland sein und sich dann bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit zu Wort melden wird, ahnt er an diesem Tag nicht. Jetzt ist er erst einmal 38 Jahre alt und hat es die ganzen drei Stunden lang nicht gewagt, irgend etwas zu dem, was da beschlossen wurde, zu sagen. Erst jetzt und auch nur dies:

BLESSING»Ich habe Bedenken, daß die Juden in den nächsten Tagen ab Montag für Hunderttausende Reichsanleihen verkaufen, um sich Mittel zu beschaffen. Da wir den Kurs der Reichsanleihe halten im Hinblick darauf, daß wir weiter Reichsanleihe begeben wollen, müßte das Anleihekonsortium bzw. der Reichsfinanzminister diese Reichsanleihe aufnehmen.« 

GÖRING»In welcher Form kann der Jude seine Reichsanleihe auf den Markt bringen?«

BLESSING: »Das müßte durch eine Verordnung geschehen.

GÖRING»Ich sehe nur keinen Vorteil für den Juden darin. Er weiß auch nicht, wieviel er selbst zu zahlen hat. Ich glaube im Gegenteil: er wird sich zunächst nicht rühren.« 

GOEBBELS: »Im Augenblick ist er klein und häßlich und bleibt zu Hause

GÖRING»Ich würde keine Logik darin sehen. Sonst muß man das tun. Weshalb ich die Veröffentlichung rasch haben will: wir haben zwar momentan Ruhe, aber wer garantiert mir dafür, daß am Sonnabend/Sonntag nicht eine neue Sache kommt. Ich will ein für allemal jede Sonderaktion endgültig beseitigen. Das Reich hat die Sache in die Hand genommen. Der Jude kann nur Sachen verkaufen. Er kann ja gar nichts machen. Da muß er das Geld abliefern. Den Schaden hat er so und so. Er weiß auch nicht, in welcher Höhe er drankommt. Der einzelne Jude wird jetzt zunächst nicht daran denken, etwas auf den Markt zu werfen, sondern jetzt wird ein Geschnattere kommen, dann wird der Sturmlauf bei uns losgehen usw. Dann werden sie sich erst mal alle die großen Arier aussuchen, von denen sie glauben, daß sie mit ihnen Glück haben, die sogenannten Reichsbriefkästen verschiedener Ordnung, wo sie ihre Beschwerden ablagern. Dann werden die auf mich losstürmen. Da vergeht schon eine ganze Menge Zeit, bis die Sache so weit ist.« 

DALUEGUE: »Kann die Kraftfahrzeugbeschlagnahme heraus?« 

GÖRING»Ebenfalls muß das Innenministerium mit seiner Polizei überlegen, welche Maßnahmen nun ins Auge zu fassen sind. Dann danke ich Ihnen.«

»Schluß der Sitzung 14 Uhr 40«, 

notiert sich Dr. Fritz DÖRR, als sich Hermann GÖRING, völlig echauffiert, aus seinem Sitz erhebt und den Saal verläßt. Auch GÖRING hat inzwischen einen mächtigen Hunger bekommen, den es nun zu stillen gilt. Für die anderen ist der Tag gelaufen, für GÖRING nicht. Er wird nach dem Essen wieder in sein Luftfahrtministerium zurückkommen, um die beschlossene Verordnung zu Papier zu bringen und sie noch heute offiziell zu verkünden: “Die Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben”:

"Zweite Verordnung zur Durchführung der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12. November 1938". Anklicken öffnet den Text

Und so geht es weiter:

Hermann GÖRING erläßt noch am gleichen Tag drei Verordnungen:

  • Die erste belegt die jüdischen Bürger wegen der »feindlichen Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk und Reich, die auch vor feigen Mordtaten nicht zurückschreckt« mit einer Kollektivstrafe von 1 Milliarde Reichsmark.
  • Die zweite »Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes« zwingt die jüdischen Geschäftsleute, alle Schäden auf eigene Kosten zu beseitigen. Die vorhandenen Versicherungsansprüche kassiert Vater Staat.
  • Die dritte »Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben« entspricht in allem dem, was auf der Sitzung festge­legt wurde: Ab 1. Januar 1939 darf kein Jude mehr »Betriebsführer« sein.

Praktisch wird die Kollektivstrafe bzw. “Sühneleistung” so abgewickelt, daß die jüdischen Gemeinden eine bestimmte Quote von der einen Milliarde zugerechnet bekommen, die sie erfüllen müssen. Die Gemeinden wiederum müssen dann bei ihren Mitgliedern im Wege einer Umlage dafür sorgen, daß das Geld zusammenkommt und dem zuständigen Finanzamt überwiesen werden kann. Insgesamt kassiert das Reich auf diese Weise 1.127.000.000 Mark plus 225.000.000 an ausgezahlten Versicherungsgeldern für Sachschäden, auf die eigentlich jüdische Geschädigte Ansprüche hatten. Allerdings entsprechen die 225 Millionen nicht der gesamten vesricherten Schadenssumme: HILGARD ist nämlich nicht wirklich mit GÖRING's Plan einverstanden und hintertreibt ihn - indem er als Leiter der “Reichsgruppe Versicherung” den Versicheren verbietet, Auszahlungen vorzunehmen. Seine Begründung:

“Die Vergeltungsaktion gegen die Juden hat den Charakter einer dem Judentum verhängten Strafe. Es würde dem allgemeinen Rechtsempfinden in höchstem Maße widersprechen, wenn die deutschen Versicherungsgesellschaften den Juden die diesen auferlegte Sühne abnehmen müssten.”

Damit wiederum ist GÖRING nicht einverstanden und das gegenseitige Geplänkel zieht sich bis kurz vor Kriegsbeginn 11 Monate später hin und endet in einem Kompromiss: Die Versicherungen und auch die Allianz zahlen die Hälfte der versicherten Schäden. An den Staat. 

Aber das alles ist nur das ‘Vorspiel’. Was noch alles passieren wird, wissen die wenigsten, einige ahnen es. In der (eigentlichen) Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 werden die letzten Pläne geschmiedet: für den industriell organisierten Massenmord in Auschwitz …

Nach dem Krieg

versuchen Überlebende und/oder Nachfahren von Ermordeten die vorenthaltenen Schadensersatzgelder einzuklagen. Dies misslingt. In höchster Instanz entscheidet der Bundesgerichtshof bzw. dessen ‘braune’ Richter am 23. April 1952 (Az: II ZR 262/51), dass es sich bei den “Ausschreitungen” 1938 “um den Tatbestand des Landfriedenbruchs” gehandelt habe, was “Aufruhr” gleich käme. Und deshalb die Versicherer - meist schon auf Grund entsprechender Ausschlussklauseln - nicht zur Zahlung verpflichtet gewesen seien.

Diese Sicht der Dinge hat dann auch das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (heute BaFin - Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht) übernommen und mir in einem Schriftwechsel mitgeteilt.


(JL)