Wie sich ein Informant doppelt abgesichert hatte. Und den bekanntesten Gewerkschaftsboss zu Fall brachte

Hinweis vorab

Diese Geschichte handelt davon, wie ein Insider einer Bank vorgegangen ist, um einen Heuchler zu Fall zu bringen, sich selbst aber dabei zu 100% vor Entdeckung geschützt hatte. Der journalistische Informantenschutz, abgesegnet vom Bundesverfassungsgericht, funktioniert gut. Und ist sicher. Aber manchmal kann es vorkommen, dass es doch irgendwo eine unbemerkte Lücke geben kann, an die niemand gedacht hat. Aber der Informant.

Diese Rekonstruktion eines großen Berichts der Illustrierten “stern” aus dem Jahr 1993 basiert auf den Recherchen des stern-Journalisten Michael BACKHAUS für die Geschichte und den Informationen, die er uns zusätzlich zur Verfügung gestellt hatte.

Die Geschichte stellt zugleich eine ONLINE-Ergänzung zum Kapitel 5.5 des Lehrbuchs “Investigatives Recherchieren” dar, in dem es um Informanten und Whistleblower geht.

Diese Site lässt sich direkt aufrufen und auch verlinken unter www.ansTageslicht.de/Informant.


Wie der Informantenschutz perfekt funktionieren kann

Dass Informantenschutz in Deutschland nicht nur rechtlich, sondern auch journalistisch lückenlos funktionieren kann, belegt die Affäre Franz STEINKÜHLER aus dem Jahre 1993. Hintergrund ist folgendes Problem:

Der notwendige Grad des Schutzes von Informanten ist u.a. abhängig von der Brisanz der Informationen und/oder Materialien. Zum zweiten davon, welche Art von System-Schutzvorschriften damit verletzt werden: hohe oder niedrige Schranken, strenge oder offene Geheimnisse. Anders formuliert: bis in welche Persönlichkeitssphären eines OdR die fraglichen Informationen hineinreichen.

  • Öffentlichkeits- und Sozialsphäre stellen (in der Regel) kein Problem dar.
  • Kritischer kann es bei der Privat- und Geheimsphäre werden.

Am sichersten ist es, wenn beide Seiten, Informant und Journalist, alles tun, um mögliche Probleme bzw. Pannen, wie (un-)realistisch diese auch seien, zu vermeiden. Das folgende Beispiel soll hier in ausführlicher Darstellung demonstrieren, erstens wie wichtig solche Überlegungen sind, und zweitens wie sicher der Informantenschutz funktionieren kann, selbst wenn es bis in die zweitbest geschützte Persönlichkeitssphäre geht – im konkreten Fall um das Bankgeheimnis bzw. die finanziellen Privattransaktionen einer Person des öffentlichen Lebens. Die Rede ist vom ehemaligen IG-Metall-Chef Franz STEINKÜHLER, der seinerzeit in dieser Funktion auch im Aufsichtsrat der Daimler Benz AG saß, sowie seine Spekulationsgeschäfte im Frühjahr 1993 mit Aktien der Mercedes Aktien Holding (MAH), die mit der Daimler Benz AG verschmolzen werden sollte. STEINKÜHLER galt als hemsärmelig, war knallhart, agierte gnadenlos und sehr erfolgreich und war für die Arbeitgeber ein Schreckgespenst. Eines seiner Lieblingsthemen: das Verteufeln Geldgier und von Spekulanten aller Arten.

So man die Geschichte in der Illustrierten "stern" zustande

Der stern-Redakteur Michael BACKHAUS vom Bonner Büro, der gerade mit einer weiteren Story den seinerzeit berühmt-berüchtigten Bundesverkehrsminister Günther KRAUSE, CDU, zum Rücktritt veranlasst hatte – die treibenden Kräfte waren neben dem stern (Umzugsaffäre) der SPIEGEL (Putzfrauenaffäre) –, wird im Frühstücksfernsehen von SAT.1 mit der Frage konfrontiert: Wie erfährt man solche Informationen? Der damalige stern-Jounalist nutzt die Gelegenheit und betont vor allem die Rolle von Informanten, die kein Risiko eingingen, weil sie wirksam geschützt werden könnten.

Nur wenige Tage später klingelt bei BACKHAUS das Telefon, der Anrufer bleibt anonym: Der IG-Metall-Chef, der bekanntlich gerade in aller Öffentlichkeit zur Solidarität mit den ostdeutschen Arbeitskumpeln aufrufe, um mittels eines Arbeitskampfes einen neuen Tarifvertrag durchzusetzen, hätte für sich ganz privat seinen besten Abschluss, sprich mehrere größere Aktienkäufe getätigt, die ganz offensichtlich nach einem Insider-Geschäft aussähen. Allein der zeitliche Ablauf von Käufen, Aufsichtsratssitzung, in der die Fusion verkündet wurde, und Wiederverkäufe der inzwischen gestiegenen Aktienwerte stimme verdächtig. Interessiert?

Der Journalist erhält erste Informationen und Hinweise am Telefon, die er nun gegenchecken muss, um die Zuverlässigkeit des Informanten zu überprüfen: Die Namen der Firmen und Aktien sowie ihre Kursentwicklung, die Daten und Tagesordnungspunkte der Aufsichtsratssitzungen usw. Danach muss der Redakteur warten, denn er hat weder Telefonnummer noch Namen des Anrufers und somit keinerlei Anlauf- oder Rückmeldestelle – der Informant geht offenbar auf Nummer sicher.

Der zweite Anruf lässt auf sich warten, aber er kommt. Die Informationen werden brisanter: die Nummern des Aktiendepotkontos, erste Daten zu den Transaktionen usw.. Die Informationen stellen einen klaren Bruch des Bankgeheimnisses dar – es ist (derzeit immer noch) eines der best geschützten Geheimnisse in vielen Ländern der Welt. Die Informationen erweisen sich als korrekt: Am 18. März 1993 hatte der Gewerkschaftsführer der IG Metall eine Tranche im Wert von fast einer Viertelmillion DM an MAH-Aktien über seine Bank erworben, eine Woche später nochmal für etwa die gleiche Summe und dann nochmals ein kleineres Paket. Einen Tag vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung dann nochmals ein größerer Aktieneinkauf: für rund eine halbe Million – dieses Mal auf den Namen und das Konto seines zehnjährigen Sohnes. Zweieinhalb Wochen später ist der Wert aller eingekauften Aktien gestiegen: STEINKÜHLERS Kursgewinn beträgt fast 180.000 DM. Und dies in genau vier Wochen.

Nach mehreren einseitigen Telefonanrufen ist man sich einig: Der stern wird die Geschichte bringen, aber erst nach Beendigung des Streiks; zweitens, der Informant bekommt sein gewünschtes Honorar in sechsstelliger Höhe, muss dazu aber nach Hamburg in die Gruner+Jahr-Zentrale kommen – Honorarverträge werden auf kaufmännischer Basis, sprich über einen ordentlichen Vertrag abgewickelt: 

  1. die Zahlung erfolgt erst nach Veröffentlichung, 

  2. die Story muss bis dahin exklusiv bleiben und 

  3. die Fakten zutreffend sein. 

Dazu muss sich der Informant offenbaren. Dies geschieht. 

Bei einem ausführlichen Frühstück im Hotel Steigenberger, zu dem der Journalist im Einvernehmen mit dem Informanten einen Freund hinzugebeten hatte, der aus der Aktien- und Börsenwelt stammt und sich auskennt, werden letzte Fachfragen geklärt, ob alles stimmig ist, und letzte Details der Story gecheckt und bewertet: Kann man das so formulieren? Ist das die richtige Schlussfolgerung? Was will die ganze Geschichte eigentlich sagen?

Die Geschichte steht. Einem Notar gegenüber hat sich der Informant via Personalausweis zu erkennen gegeben und so nimmt alles seinen vorgesehenen Lauf. 

Am Samstag, den 15. Mai 1993, kommt Franz STEINKÜHLER von einer Sitzung aus Genf zurück. Kaum zuhause klingelt das Telefon. Am anderen Ende: Michael BACKHAUS: Er möge sich doch bitteschön mal anschauen, was ihm die Redaktion gerade über das Faxgerät schicke.

Nóch während das Gerät Seite um Seite ausspuckt, ist der stern-Redakteur wieder am Telefon: Ob das “seine” Kontoauszüge seien?

BACKHAUS nutzt das Überraschungsmoment. STEINKÜHLER kann gar nicht anders: Ja, das sind seine Auszüge. Aber: “Die Fakten stimmen”, so der Gewerkschaftsboss, aber sie seien “falsch interpretiert”!

Damit ist die Echtheit der Vorgänge verifiziert.

Zwei Tage vor der Veröffentlichung

Der stern gibt seine übliche Vorabmeldung via Presseverteiler an die Medien am Montagmorgen. Am nächsten Tag steht die Meldung in allen Tageszeitungen. Der IG-Metall-Chef beraumt noch für den gleichen Tag eine Pressekonferenz an – sie wird für ihn zum Desaster – den gezielten Fragen und Schlussfolgerungen der vielen Journalisten ist er nicht mehr gewachsen: 

  • Entweder man macht solche Geschäfte und denkt an nichts Böses – dann ist man blauäugig und sollte nicht im Aufsichtsrat sitzen. 

  • Oder aber: Man ist clever und macht solche Insider-Geschäfte, die zwar verpönt, aber derzeit ja noch nicht strafbar seien; dann aber wäre die Frage, ob sich ein solches Verhalten mit den Attituden eines Gewerkschaftsführers vereinbaren lasse, der regelmäßig Spekulanten verteufele.

Die Kommentare tags drauf fallen bissig aus. Jetzt rufen auch die Funktionäre aus rund 200 Bezirksverwaltungen in der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt an, denn sie verstehen die Welt von Franz STEINKÜHLER nicht mehr. Der hatte zwar noch am Samstagnachmittag den Daimler-Chef telefonisch beim stern vorgeschickt, der die Ordnungsmäßigkeit der fraglichen Vorgänge attestieren, sich aber nicht für des Gewerkschaftsführers weiße Weste verbürgen mochte.

Die Geschichte jetzt im Blatt

stern-Titel vom 19. Mai 1993

Am Mittwoch, dem 19. Mai, weil der reguläre Donnerstagstermin auf einen Feiertag fällt, steht die Geschichte im Blatt (stern Nr. 21/93): »Sein bester Abschluss« (nachzulesen ganz unten).

Im persönlichen Beraterkreis überlegt STEINKÜHLER, ob er kämpfen soll. Es sieht danach aus. Doch dann bekommt er mit, dass der stern noch von weiteren Aktiendeals weiß: seine am 8. März eingekauften Aktien des niederländischen Flugzeugherstellers Fokker, der wenig später von der Daimler-Tochter »Dasa« mehrheitlich übernommen wird. Am Dienstag darauf, noch vor Erscheinen der zweiten stern-Geschichte (Nr. 22/93: »Wie stehen die Aktien, Franz?«)  tritt STEINKÜHLER zurück. Seine Erklärung, die er vor seinen Kollegen abgibt, besteht aus ganzen drei Sätzen.

Die Fakten, die der stern in seiner zweiten Geschichte zur ersten nachlegt, sind erdrückend. Allerdings sind Insider-Geschäfte erst seit 1994 strafrechtlich relevant, waren aber seinerzeit bereits aufgrund eines Ehrenkodex absolut verpönt, und schon damals haben Experten nach klaren gesetzlichen Regelungen gerufen. So gesehen hat STEINKÜHLER nicht gegen geltende Gesetze verstoßen. Jedoch hat ihn diese selbst verursachte Affäre seinen Job, seine Glaubwürdigkeit, sprich seinen Ruf gekostet.

Die Bank. Und ihr Bankgeheimnis.

Ein Image-Problem (Bankgeheimnis!) hat nach der Veröffentlichung auch die Bank: die damals noch teilsweise gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), Filiale Stuttgart, die ehemals auch Hauptfinanzier aller grandios pleite gegangenen gewerkschaftseigenen Unternehmen war, die eigentlich alles besser, sprich sozialer und menschenfreundlicher machen wollten: 

  • Neue Heimat(-Affäre 1982, vgl. SPIEGEL 6, 20, 22/1982) 
  • und Co-op-Affäre 1988, vgl. SPIEGEL 42-44, 47, 48, 50/1988). 
  • 1992 ist die BfG selber an der Reihe: Die Gewerkschaften müssen ihre völlig abgemagerte Bank mehrheitlich verkaufen (heute: SEB – Svenska Enskilda Bank).

Die Suche nach dem Täter: dem Informanten

Franz STEINKÜHLER ist sauer. Er hat kein Verständnis für das, was geschehen ist. Am wenigsten dafür, dass er sich das selbst eingebrockt hat. Und so spricht er mit Journalisten der “Süddeutschen Zeitung”.

Der Ex-Gewerkschaftsführer, der ein knappes Jahr nach seinem Rücktritt, am 18.3.1994, dem SZmagazin unter der Überschrift "Ich werde nicht aufhören, den zu suchen, der mich verraten hat. Und ihm dann eine runterhauen!" ein Interview gibt, sowie die BfG-Bank tun sich zusammen. 

Sie versuchen, den Übeltäter zu entlarven. 

Insgesamt dreizehn Personen, die potenziell in Frage kommen, kann man eingrenzen – doch weiter kommen die Bank und STEINKÜHLER nicht. 

Man versucht es anders: mit Fotos – wer hat wen wann und mit wem zusammen wo gesehen? 

Die Bilder stammen aus den Personalakten der Bank. Auch dies führt zu keinem Ergebnis.

STEINKÜHLER und die BfG ziehen ihr letztes Register: Gewerkschaftssolidarität – zumindest kennen wir für die nachfolgende Darstellung keine andere plausible Erklärung.

Das unscheinbare Leck: die Buchhaltung

Auch in Medienunternehmen gibt es Mitarbeiter, die Mitglied einer Gewerkschaft sind. Zum Beispiel in der IG Medien, der damaligen ÖTV (heute ver.di) u.a.m. Und auch in Spesenabrechnungs-Abteilungen arbeiten solche Leute. Wie auch immer: Jedenfalls erlangt die BfG Kenntnis von jenem Namen, den der stern-Redakteur auf seiner Spesenabrechnung als “bewirtete Person” eingetragen hatte – Anlass war das gemeinsame Frühstück im Hotel Steigenberger vor der fraglichen Vertragsunterzeichnung mit dem Informanten.

Auf der Spesenabrechnung stehen indes nur zwei Namen: der des Redakteurs und jener seines Freundes, den er als Börsenfachmann im Einvernehmen mit dem Informanten dazugebeten hatte. Der Name des Informanten findet sich auf dem Beleg (natürlich) nicht. 

Das können der abgetretene Gewerkschaftsboss, die Ex-Gewerkschaftsbank sowie jene Person, die diese Spesenabrechnung weiter gegeben hatte, zunächst nicht wissen, und so wird der Frankfurter Aktienexperte auf Verlangen der BfG-Bank zum Vorstand der Deutschen Börse einbestellt. Dort legt man ihm dreizehn Fotos vor: Er solle – doch bitteschön – sagen, mit wem er zusammen in Hamburg auf Kosten des stern getafelt habe. So weit geht der Einfluss von Banken schon, dass man Börsenmitarbeiter über den Börsenvorstand zur ‚Inquisition‘ vorladen kann.

Doppelte Vorsicht

Der Versuch, mittels gewerkschaftlicher Solidarität und Bankenmacht, den Informantenschutz auszuhebeln, misslingt: Der dritte Mann, der so genannte Informant, befindet sich nicht auf den fraglichen Fotos. 

Er kann es auch nicht. Der wirkliche Informant ist nämlich nie in Erscheinung getreten – weder am Telefon noch persönlich beim stern in Hamburg. 

Der Kontakt zwischen eigentlichem Informanten und dem Journalisten lief die gesamte Zeit über einen Vertrauensmann, den der tatsächliche Informant – ganz offensichtlich aus Gründen der Vorsicht angesichts der Brisanz der gelieferten Informationen – zwischengeschaltet hatte. So ist dem stern zwar der Mittelsmann vom Gesicht her bekannt, der in Hamburg war (die Personalien weiß nur der Notar). Und für den gilt der reguläre rechtliche Informantenschutz. Den wirklichen Informationsgeber kennt bis heute nur sein eigener Gewährsmann. 

Und so ist es auch geblieben.

Lessons learned

Der stern hat aus dieser Geschichte gelernt: dass selbst interne Spesenabrechnungen im Zweifel zum Problem werden können. Der Verlag hat daraufhin ein Agreement mit den Finanzbehörden getroffen. Gegen eine Pauschale werden seither keine Spesenabrechnungen mehr steuerlich geltend gemacht.



"Sein bester Abschluss"

Die Geschichte des "stern" von 1993 im Original - mit freundlicher Genehmigung

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