Der stern-Redakteur Michael BACKHAUS vom Bonner Büro, der gerade mit einer weiteren Story den seinerzeit berühmt-berüchtigten Bundesverkehrsminister Günther KRAUSE, CDU, zum Rücktritt veranlasst hatte – die treibenden Kräfte waren neben dem stern (Umzugsaffäre) der SPIEGEL (Putzfrauenaffäre) –, wird im Frühstücksfernsehen von SAT.1 mit der Frage konfrontiert: Wie erfährt man solche Informationen? Der damalige stern-Jounalist nutzt die Gelegenheit und betont vor allem die Rolle von Informanten, die kein Risiko eingingen, weil sie wirksam geschützt werden könnten.
Nur wenige Tage später klingelt bei BACKHAUS das Telefon, der Anrufer bleibt anonym: Der IG-Metall-Chef, der bekanntlich gerade in aller Öffentlichkeit zur Solidarität mit den ostdeutschen Arbeitskumpeln aufrufe, um mittels eines Arbeitskampfes einen neuen Tarifvertrag durchzusetzen, hätte für sich ganz privat seinen besten Abschluss, sprich mehrere größere Aktienkäufe getätigt, die ganz offensichtlich nach einem Insider-Geschäft aussähen. Allein der zeitliche Ablauf von Käufen, Aufsichtsratssitzung, in der die Fusion verkündet wurde, und Wiederverkäufe der inzwischen gestiegenen Aktienwerte stimme verdächtig. Interessiert?
Der Journalist erhält erste Informationen und Hinweise am Telefon, die er nun gegenchecken muss, um die Zuverlässigkeit des Informanten zu überprüfen: Die Namen der Firmen und Aktien sowie ihre Kursentwicklung, die Daten und Tagesordnungspunkte der Aufsichtsratssitzungen usw. Danach muss der Redakteur warten, denn er hat weder Telefonnummer noch Namen des Anrufers und somit keinerlei Anlauf- oder Rückmeldestelle – der Informant geht offenbar auf Nummer sicher.
Der zweite Anruf lässt auf sich warten, aber er kommt. Die Informationen werden brisanter: die Nummern des Aktiendepotkontos, erste Daten zu den Transaktionen usw.. Die Informationen stellen einen klaren Bruch des Bankgeheimnisses dar – es ist (derzeit immer noch) eines der best geschützten Geheimnisse in vielen Ländern der Welt. Die Informationen erweisen sich als korrekt: Am 18. März 1993 hatte der Gewerkschaftsführer der IG Metall eine Tranche im Wert von fast einer Viertelmillion DM an MAH-Aktien über seine Bank erworben, eine Woche später nochmal für etwa die gleiche Summe und dann nochmals ein kleineres Paket. Einen Tag vor der entscheidenden Aufsichtsratssitzung dann nochmals ein größerer Aktieneinkauf: für rund eine halbe Million – dieses Mal auf den Namen und das Konto seines zehnjährigen Sohnes. Zweieinhalb Wochen später ist der Wert aller eingekauften Aktien gestiegen: STEINKÜHLERS Kursgewinn beträgt fast 180.000 DM. Und dies in genau vier Wochen.
Nach mehreren einseitigen Telefonanrufen ist man sich einig: Der stern wird die Geschichte bringen, aber erst nach Beendigung des Streiks; zweitens, der Informant bekommt sein gewünschtes Honorar in sechsstelliger Höhe, muss dazu aber nach Hamburg in die Gruner+Jahr-Zentrale kommen – Honorarverträge werden auf kaufmännischer Basis, sprich über einen ordentlichen Vertrag abgewickelt:
die Zahlung erfolgt erst nach Veröffentlichung,
die Story muss bis dahin exklusiv bleiben und
die Fakten zutreffend sein.
Dazu muss sich der Informant offenbaren. Dies geschieht.
Bei einem ausführlichen Frühstück im Hotel Steigenberger, zu dem der Journalist im Einvernehmen mit dem Informanten einen Freund hinzugebeten hatte, der aus der Aktien- und Börsenwelt stammt und sich auskennt, werden letzte Fachfragen geklärt, ob alles stimmig ist, und letzte Details der Story gecheckt und bewertet: Kann man das so formulieren? Ist das die richtige Schlussfolgerung? Was will die ganze Geschichte eigentlich sagen?
Die Geschichte steht. Einem Notar gegenüber hat sich der Informant via Personalausweis zu erkennen gegeben und so nimmt alles seinen vorgesehenen Lauf.
Am Samstag, den 15. Mai 1993, kommt Franz STEINKÜHLER von einer Sitzung aus Genf zurück. Kaum zuhause klingelt das Telefon. Am anderen Ende: Michael BACKHAUS: Er möge sich doch bitteschön mal anschauen, was ihm die Redaktion gerade über das Faxgerät schicke.
Nóch während das Gerät Seite um Seite ausspuckt, ist der stern-Redakteur wieder am Telefon: Ob das “seine” Kontoauszüge seien?
BACKHAUS nutzt das Überraschungsmoment. STEINKÜHLER kann gar nicht anders: Ja, das sind seine Auszüge. Aber: “Die Fakten stimmen”, so der Gewerkschaftsboss, aber sie seien “falsch interpretiert”!
Damit ist die Echtheit der Vorgänge verifiziert.
Zwei Tage vor der Veröffentlichung
Der stern gibt seine übliche Vorabmeldung via Presseverteiler an die Medien am Montagmorgen. Am nächsten Tag steht die Meldung in allen Tageszeitungen. Der IG-Metall-Chef beraumt noch für den gleichen Tag eine Pressekonferenz an – sie wird für ihn zum Desaster – den gezielten Fragen und Schlussfolgerungen der vielen Journalisten ist er nicht mehr gewachsen:
Entweder man macht solche Geschäfte und denkt an nichts Böses – dann ist man blauäugig und sollte nicht im Aufsichtsrat sitzen.
Oder aber: Man ist clever und macht solche Insider-Geschäfte, die zwar verpönt, aber derzeit ja noch nicht strafbar seien; dann aber wäre die Frage, ob sich ein solches Verhalten mit den Attituden eines Gewerkschaftsführers vereinbaren lasse, der regelmäßig Spekulanten verteufele.
Die Kommentare tags drauf fallen bissig aus. Jetzt rufen auch die Funktionäre aus rund 200 Bezirksverwaltungen in der IG-Metall-Zentrale in Frankfurt an, denn sie verstehen die Welt von Franz STEINKÜHLER nicht mehr. Der hatte zwar noch am Samstagnachmittag den Daimler-Chef telefonisch beim stern vorgeschickt, der die Ordnungsmäßigkeit der fraglichen Vorgänge attestieren, sich aber nicht für des Gewerkschaftsführers weiße Weste verbürgen mochte.