
Der Geschäftsführer des Kinderhilfswerks Unicef Deutschland, Dr. Dietrich GARLICHS, beschäftigt für die Spenden-Aquise einen „freien Mitarbeiter“, Ulrich Z., der teilweise rund 16.000 Euro im Monat verdient.
Ulrich Z. war früher bei Unicef Bereichsleiter „Mittelbeschaffung“ und ist inzwischen pensioniert. Er wird mit diversen Projekten beauftragt. Vereinbartes Tageshonorar: 850 Euro, das später auf 700 € täglich reduziert wird. Bis Mai 2007 wird der rüstige Rentner seine Rente um rund 260.000 € (aus Spendengeldern) aufstocken können – dank Unicef.
Aus dem veröffentlichten Zahlenwerk in den jährlichen Geschäftsberichten des Kinderhilfswerks (Klick auf das Bild oben) gehen solche Informationen nicht hervor: Das Spendenaufkommen im Jahr 2005, rund 190 Millionen Euro, wird in einer dürren Tabelle und einer kleinen Grafik erklärt
GARLICHS will die Büroräume im Unicef-eigenen Gebäude in Köln erweitern. Er trägt seine Idee, die Räume eines Gewerbemieters zu kündigen, um dann einen größeren Besprechungsraum sowie einige zusätzliche Büros zu haben, dem Vorstand vor, der damit einverstanden ist.
GARLICHS macht daraus mehr: er lässt die gesamte Geschäftsstelle aufwendig modernisieren. Kosten: rund 1 Million Euro (Spendengelder)
Heilbronn ist in beiden Jahren Unicef-Partnerstadt. Rund 1,5 Mio € spenden die Heilbronner an Unicef. Was die Einwohner nicht wissen: Victor L., einer der „freien Mitarbeiter“ von Unicef, Victor L., kassiert dafür Provisionen. Insgesamt 191.500 €
GARLICHS unterschreibt einen weiteren Vertrag mit einem „freien Mitarbeiter“, Victor L. Ihm stehen danach 12% an Provisionen an all jenen Geldern zu, die er für Unicef beschaffen kann
Im Kieler Büro der früheren Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, Heide SIMONIS, SPD, seit 2006 ehrenamtliche Vorsitzende des Unicef-Kinderhilfswerks ist, geht ein anonymes Schreiben ein. Der Absender ist ganz offenbar ein Insider aus dem deutschen Unicef-Apparat, der auch weiß, was in der Kölner Bundesgeschäftsstelle vorgeht:
SIMONIS reagiert: sie alarmiert den geschäftsführenden Vorstand bereits einen Tage später und regt eine Sondersitzung des Vorstands an. Zur Vorbereitung bittet der Vorstand den Unicef-Verwaltungschef Manfred BOOS um entsprechende Unterlagen
Sondersitzung des Unicef-Vorstands. Der Unicef-Geschäftsführer, der - seltsamerweise - gleichzeitig auch im Vorstand sitzt, der den Geschäftsführer – eigentlich – kontrollieren soll, weist alle Vorwürfe in Bausch und Bogen von sich. Begründung: sein Tun sei durch seinen Vertrag, den er vor rund 18 Jahren Jahren mit Unicef geschlossen habe, sowie durch die Unicef-Satzung gedeckt.. GARLICHS Vertrag hebelt tatsächlich die Satzung in vielen Punkten aus. Dies bestätigt auch der Schatzmeister im Vorstand, Peter von der HEYDT.
SIMONIS, erst seit 1 ½ Jahren im Amt, sowie die anderen Vorständler akzeptieren diese Erklärung, machen aber zur Auflage, dass derlei künftig nicht mehr vorkommen dürfe
Nachdem der anonyme Informant das Gefühl hat, dass sich auf sein Schreiben vom Mai hin an die „liebe Frau SIMONIS“ nichts tut, verschickt er den Brief nebst einigen Unterlagen ein zweites Mal: an den Hauptstadt-Redakteur der Frankfurter Rundschau (FR) in Berlin, Jörg SCHINDLER. Auch der reagiert sofort. Er beginnt zu recherchieren, um die Vorwürfe, soweit sie nicht durch Unterlagen untermauert sind, zu verifizieren
Jörg SCHINDLER konfrontiert den Unicef-Geschäftsführer GARLICHS mit den recherchierten Vorwürfen. Er streitet alles ab. Zu den Vorwürfen des hohen Honorars für Ulrich Z. sagt er beispielsweise wörtlich: „Das ist Unsinn“
Nur kurze Zeit nach Eingang des anonymen Briefs an die Frankfurter Rundschau (FR) beginnt die überregionale Tageszeitung mit ihrer ausführlichen Berichterstattung. Auf zwei Seiten werden die Vorwürfe detailliert dargestellt: “Für die Kinder Welt – aber nicht nur“. Hier geht es zu den Seiten im Original-Layout.
Parallel dazu erscheint der große Bericht auch im Kölner Stadtanzeiger, der ebenfalls zur Zeitungsgruppe DuMont Schauberg mit Sitz in Köln gehört. Dort hat auch Unicef seinen Sitz.
Unicef-Geschäftsführer GARLICHS verbreitet daraufhin eine schriftliche Stellungnahme: die Vorhaltungen bedürften der „richtigen Einordnung“. Alle Praktiken seinen üblich. Im übrigen habe der geschäftsführende Vorstand, darunter auch Heide SIMONIS, hätten
SIMONIS hat diese Stellungnahme, die GARLICHS auch im Namen des geschäftsführenden Vorstands verbreitet, nicht unterschrieben
Die FR legt nach: „Unicef-Affäre, die nächste“. Die FR macht einen weiteren Vorwurf öffentlich:
GARLICHS hat seit 2006 mehrere Aufträge an eine Unternehmensberatung vergeben, ohne dass der geschäftsführende Vorstand im Einzelnen davon informiert war: bis Mai 2007 immerhin 1,3 Millionen Euro (Spendengelder). Darunter einen Vertrag über ein „Marketing-Informationssystem“ für 460.780 €.
Nutznießer dieser Aufträge: die Fa. Dastani Consulting GmbH in Gießen. Das Besondere: Die für den Bereich „Aquisition“ bei Dastani zuständige Mitarbeiterin arbeitet inzwischen für Unicef im Bereich „Mittelbeschaffung“, also für die Auftraggeberin.
Als Reaktion auf die Vorwürfe der der FR kündigt das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das in Deutschland die Spendensiegel verleiht, an, das Spendensiegel für Unicef zu überprüfen
Die FR lässt nicht locker und berichtet erneut auf zwei Seiten:
SIMONIS, die davon zum ersten Mal aus der Zeitung erfährt, ruft erneut eine Sondersitzung des geschäftsführenden Vorstands ein. Termin: morgen, Samstag, 1. Dezember, 14 Uhr. Sie will einen externen Wirtschaftsprüfer beauftragen. Gleichzeitig fordert sie GARLICHS vor der Presse auf, bis zur Klärung aller Vorwürfe sein Amt ruhen zu lassen.
Auch die Staatsanwaltschaft reagiert auf die Zeitungsberichterstattung der FR: Sie entschließt sich, gegen GARLICHS ein Ermittlungsverfahren wegen Untreue einzuleiten. Noch am Nachmittag fahren Hilfsbeamte der Staatsanwaltschaft, Polizisten, bei Unicef vor und lassen sich einschlägige Unterlagen aushändigen.
In Heilbronn, jener Stadt, in der die Bürger 2005/2006 fast 1,6 Millionen Euro für das Kinderhilfswerk gespendet hatten, lesen auch die Redakteurinnen die FR. Sie vernetzen sich mit Jörg SCHINDLER von der FR in Berlin und berichten ebenfalls an diesem Tag: "Beraterhonorare belasten Unicef" und "Unicef-Affäre reicht bis Heilbronn"
Die kurzfristig anberaumte Sondersitzung dauert 5 Stunden. SIMONIS kann sich gegen die Mehrheit im geschäftsführenden Vorstand nicht durchsetzen, insbesondere nicht gegen den Wortführer, der gleichzeitig ihr Vorgänger war, Reinhard SCHLAGINTWEIT, der dem Geschäftsführer den Rücken stärkt:
SCHLAGINTWEIT regt zusätzlich an, dass man sich „positive Aussagen“ für die Presse überlegen solle.
SIMONIS gibt zu Protokoll, dass ihr bis heute keine lückenlosen schriftlichen Unterlagen über die öffentlich bekannt gewordenen Honorare etc zugegangen sind. Sie unterschreibt das Protokoll der Krisensitzung daher nicht.
Ein Ergebnis wird von allen mitgetragen: ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer soll die fraglichen Vorgänge durchleuchten.
Inzwischen kommt es auch zu Reaktionen an der Basis: bei den vielen ehrenamtlichen Helfern und in den rund 130 Unicef-Arbeitsgruppen im ganzen Land. Der Geschäftsführer setze die unentgeltlich arbeitenden Arbeitsgruppen „nach Mc-Kinsey-Methoden gnadenlos“ unter Druck
Die FR wartet mit einer weiteren Neuigkeit auf: Dietrich GARLICHS ist in Personalunion
GARLICHS ist damit sowohl im gemeinnützigen Unicef („Deutsches Komitee für Unicef“) als auch in der dazu parallel bestehenden Unicef-Stiftung sowohl Geschäftsführer als auch im Vorstand.
Inzwischen hat das Vorstandsmitglied Rolf SEELMANN-EGGEBERT, von Beruf ARD-Journalist, in einem Brief versucht, Unicef-Mitarbeiter zu beruhigen:
„Juristisch nicht beanstandbar heißt nicht, dass in der Geschäftsstelle alles optimal gelaufen ist. ... Wie ist einer ehrenamtlichen Mitarbeiterin, die sich eine Woche lang die Beine in den Bauch steht, um auf dem Weihnachtsmarkt Grußkarten zu verkaufen und damit vielleicht 700 Euro für Unicef erzielt, wie ist es den Spendern zu vermitteln, dass dieses Geld dem Tageshonorar des Beraters entspricht?“ Dennoch habe der Vorstand auf der Sondersitzung das Verhalten des Geschäftsführers nicht als „rechtlich bedenklich“ gewertet und ihm deshalb das Vertrauen ausgesprochen
Die Berichte über die Unicef-Praktiken kommen dem Hilfswerk denkbar ungelegen – in der Weihnachtszeit ist für Unicef Hochkonjunktur beim Spendengeldersammeln. Jetzt wenden sich die beiden „Nationalen Botschafter“ von Unicef, Sabine CHRISTIANSEN und Joachim FUCHSBERGER, an die rund 8.000 Ehrenamtlichen. Sie sind offenbar schlecht informiert. FUCHSBERGER meint zu den Vorwürfen: „Anonym, und daher fragwürdig“. GARLICHS drückt es herzhafter aus: alles nur „polemisch“
Um vom Weihnachtsgeschäft zu retten, was zu retten ist, werden die rund 8.000 Ehrenamtlichen, die sich tagelang die Beine in den Bauch stehen, in einem internen Arbeitspapier gebrieft. Beispiel: Wenn jemand fragen sollte, warum der Geschäftsführer gleichzeitig auch im Vorstand sitzt, solle man darauf hinweisen, dass diese Konstruktion „bewusst so gewählt“ sei, „damit der Geschäftsführer den Vorstand unmittelbar ... über alle wichtige Vorgänge informiert.“
Inzwischen meldet sich der Heilbronner Bürgermeister Helmut HIMMELSBACH. Er möchte wissen, für welche Leistung ein Unicef-Berater fast 200.000 Euro an Provisionen bei den Heilbronner Spenden einkassiert hat.
Die Situation wird von Tag zu Tag fataler: die Spendenbereitschaft der Bundesbürger sinkt drastisch – das Thema Unicef steht in allen Zeitungen. Spender stellen kritische Fragen, in Köln ermittelt die Staatsanwaltschaft, die ehrenamtlichen Sammler werden immer wütender: in den Ländern der Dritten Welt hungern die Kinder, in Köln streichen Berater satte Provisionen ein, und was der Geschäftsführer verdient, weiß keiner; nur dass Unicef für ihn eine Lebensversicherung abgeschlossen hat – Versicherungshöhe ebenfalls unbekannt
Mehrere Unicef-Arbeitsgruppen schreiben einen Brief an eine Vertreterin des Vorstands: „Folgende Aspekte liegen uns dabei am Herzen“: Die Unterzeichner mahnen Reformen an: u.a.
Die Tageszeitung Heilbronner Stimme interessiert sich vor allem, was in Heilbronn gelaufen ist. Heute lautet ihre Überschrift: "Unicef zahlte Provision auch für Lidl-Spende". Firmensitz von Lidl ist Neckarsulm, in direkter Nachbarschaft von Heilbronn.
Der frühere Lidl-Chef Stefan ROHRER hatte 2006 exakt 500.000 € locker gemacht: für die jungen Opfer der Tsunami-Katastrophe. Dass davon 30.000 Euro für einen Vermittler bzw. Berater abgehen, der mit der Spende überhaupt nichts zu tun hatte, wusste ROHRER nicht
Die FR veröffentlicht weitere Beraterverträge und Informationen zu Honoraren:
Vorstandssitzung von Unicef. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hat schnell gearbeitet und stellt die Ergebnisse ihres Untersuchungsberichtes vor:
Sie Zusammenfassung des KMPG-Sondergutachtens lesen Sie hier. Die Prüfer monieren u.a. im Detail: „Die den 16 Projekten zu Grunde liegenden Vereinbarungen sind in 8 Fällen seitens Unicef nicht unterschrieben und entsprechen damit nicht der uns vorgelegten Unterschriftenregelung“.
Nach der fünfstündigen Sitzung, in der über die Bewertungen von KPMG gesprochen wurde, stimmt SIMONIS der Einschätzung des restlichen Vorstands zu, nach der es weder Verstöße gegen die Satzung noch gegen Gesetze gegeben habe.
An der Basis wächst der Unmut weiter. Es hagelt Beschwerden, die in der Kölner Zentrale eingehen. Die Unicef-Arbeitsgruppen Niederrhein und München fordern in einem offenen Brief den Rücktritt von Geschäftsführer GARLICHS. Es gehe weniger darum, ob einzelne Vorgänge „juristisch sauber“ seien, sondern „um soziale Werte, Moral und ethische Grundregeln, die ein Geschäftsführer in einer solchen Organisation haben muss.“
Die Münchner schreiben : „Was uns zutiefst verärgert, ist die Ignoranz und Arroganz der Geschäftsführung“.
GARLICHS wiederum will SIMONIS loswerden
In einem Interview mit der FR rechtfertigt die ehrenamtliche Unicef-Vorsitzende Heide SIMONIS ihr „Einknicken“ bei der Vorstandsvorsitzung: Die Wirtschaftsprüfer hätten „keine persönliche Bereicherung“ festgestellt, aber in Zukunft würde, was die Vergabe von Aufträgen anbelange „eine noch größere Sensibilisierung an den Tag gelegt und alles schriftlich fixiert werden müssen.“ Sie kündigt außerdem an, dass die Wirtschaftsprüfer von KPMG Verbesserungsvorschläge entwickeln würden. Deshalb: "Ich bin und bleibe Vorsitzende"
Dr. Karlheinz MUSCHELER, Professor für Bürgerliches und Stiftungsrecht an der Uni Bochum, kritisiert die Struktur der Unicef-Stiftung, wie die FR berichtet: Stiftung von Unicef in der Kritik: eingeschränkte Kontrollmöglichkeit
Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das in Deutschland für die Erteilung der Spendensiegel zuständig ist, gibt eine Pressemitteilung heraus: „UNICEF verliert das DZI Spendensiegel“:
„ Mehrere Gründe waren dafür ausschlaggebend: UNICEF Deutschland hat dem DZI die Zahlung von Provisionen an Spendenwerber trotz entsprechender Fragen im jährlichen Prüfungsverfahren verschwiegen. Eine jetzt abgeschlossene Nachprüfung des DZI ergab neben weiteren Mängeln im Auskunftsverhalten, dass UNICEF bei den Provisionszahlungen gegen Spenden-Siegel-Standards verstoßen hat. Nach Einschätzung des DZI muss die Management-, Leitungs- und Aufsichtsstruktur von UNICEF Deutschland durchgreifend verbessert werden, damit sich derartige Fehler nicht wiederholen."
Ob der kontinuierlichen Berichterstattung durch die FR - alle anderen Medien halten bis dato vornehm zurück und greifen die Informationen und Vorwürfe der FR bisher nicht auf - gerät Geschäftsführer GARLICHS dennoch so unter Druck, dass er sich des Beistands zweier Rechtsanwaltskanzleien bedient. Es sind sehr bekannte Kanzleien, die auch recht teuer sind. Mit hohen Honoraren indes hat GARLICHS, wie man inzwischen weiß, keinerlei Probleme.
Auf diese Weise versucht die Unicef-Geschäftsführung, den Redakteuren möglichst viele Knüppel zwischen die Beine zu werfen, wenn man schon die freie Presseberichterstattung nicht verhindern kann. Die beauftragen Anwälte arbeiten für ihr Geld gut: sie legen noch das unscheinbarste Wort auf die (juristische) Geld- bzw. Goldwaage.
Beispiel:
Die FR hat gerade berichtet, dass ja auch „jetzt“ die Staatsanwaltschaft ermittelt. GARLICHS versucht nun mithilfe seiner (teuren) Anwälte eine so genannte Gegendarstellung durchzusetzen, aus der hervorgeht, dass die Staatsanwaltschaft dies bereits „im Dezember 2007“ gemacht hatte.
Gegen eine solche Formulierung vorzugehen macht man entweder, wenn man nichts anderes zu tun hat, oder eben, um andere gezielt aufzuhalten
"Unicef-Helfer für Neuanfang" und "Von einer Provision wurde nie gesprochen" - so lauten die Überschriften der FR an diesem Tag:
Die FR setzt jetzt erstmal auch ihre Leser davon in Kenntnis, dass Unicef inzwischen 2 Anwaltskanzleien beschäftigt, um "die Berichterstattung anzugreifen".
So sehen an diesem Tag die beiden Zeitungsseiten aus:
Dieser Samstag markiert eine Zäsur. Mehrere Dinge geschehen an diesem Wochenende:
Die Frankfurter Rundschau berichtet wieder ganz groß: auf der Titelseite: "Unicef der Lüge überführt". Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG fordert von Unicef, sofort seine Pressemeldung aus dem Netz zu nehmen, weil sie nicht die ganze Wahrheit wiedergebe. Unicef hat nämlich verbreitet, dass keinerlei Verstöße festgestellt worden seien.
Natürlich ist in "unserer Sonderuntersuchung sehr klar von Verstößen die Rede", schreibt der zuständige Abteilungsleiter bei KPMG, Dieter JOHN: "Somit besteht ein Widerspruch zwischen unseren Feststellungen und der Unicef-Presseerklärung".
Auf den Seiten 2 und 3 veröffentlicht die FR u.a. ein Interview mit der zurückgetretenen ehrenamtlichen Vorstandsvorsitzenden: "Es sind bei Unicef Verstöße festgestellt worden".
Auch bei SPIEGEL ONLINE erklärt SIMONIS in einem Interview, weshalb sie zurückgetreten ist: "Es hatte keinen Zweck mehr":
Jetzt kommt Tempo in die Affäre: Das Unicef-Komitee fordert eine außergewöhnliche Mitgliederversammlung:
Bundeskanzlerin Angela MERKEL fordert eine rasche Aufklärung des Skandals. Die frühere Geschäftsführerin von Unicef bis 1988, unmittelbare Vorgängerin von GARLICHS, Katharina SCHIPPERS, bedauert den Rücktritt von SIMONIS, weil man eigentlich gerade auch mit ihrer Person einen Neuanfang beginnen wollte: "Je mehr jedoch ans Tageslicht kommt, desto enger schließt dieser Vorstand mit dem ins Zwielicht geratenen Geschäftsführer auf. Warum? ... Weil er als Genehmigungs- und Kontrollorgan versagt hat"
Heide SIMONIS fordert in einem weiteren Interview mit der FR die verbliebenen Vorstandsmitglieder zu Konsequenzen auf: "Das Problem von Unicef ist nicht Heide Simonis".
In der Wochenzeitung DIE ZEIT erscheint ein zusammenfassender Bericht Die Entzauberung des Guten von Christian DENSO.
Die ersten Großspender wenden sich von Unicef ab, meldet die FR. Und ein hochrangiger Vertreter vom New Yorker Hauptsitz des UN-Kinderhilfswerks hat sich kurzfristig für einen Besuch in Deutschland angesagt, denn nicht nur große Sponsoren, sondern auch rund 10.000 Fördermitglieder hat Unicef in Deutschland durch die Affäre verloren
Unicef-Chef gibt auf titelt die Frankfurter Rundschau an diesem Tag auf der ersten Seite.
Auf den Seiten 2 und 3 dann weitere Aspekte: neben der Rücktrittserklärung von GARLICHS, der diese Funktion damit 18 Jahre lang innehatte, berichtet die FR vor allem darüber, dass deutschlandweit eine breite Diskussion über die (nicht ausreichend vorhandene) Transparenz im Spendenwesen eingesetzt hat:
Diese Diskussion wird die nächsten Tage prägen
Jetzt stellt sich heraus, dass die 500.000-Euro-Spende des Lidl-Konzerns, die für die Tsunami-Opfer gedacht war, dort garnicht angekommen ist. Vielmehr ist das Geld in die Unicef-Stiftung geflossen und wurde an den Finanzmärkten angelegt. Das hat jetzt sogar der verbleibende Vorstand auf einer weiteren Sondersitzung selbst bemerkt.
Zwei GARLICHS-kritische Mitglieder geben auf - der Rest will vorerst bleiben, darunter der 79jährige Reinhard SCHLAGINTWEIT, der vor 20 Jahren - als Vorgänger von Heide SIMONIS - GARLICHS eingestellt hatte.
Der Unicef-Vorstand bricht auseinander berichtet die Frankfurter Rundschau. Trotzdem bleibt der Altvorstand weiter im Amt
Widersprüche über Widersprüche: Unicef kann immer noch nicht erklären, weshalb von der Lidl-Spende (500.000 €) 30.000 € an einen Berater gegangen waren, der mit dieser Spende überhaupt nichts zu tun hatte. Davon abgesehen, dass der Rest des Geldes überhaupt nicht den Tsunami-Opfern zugute gekommen war
Die von Unicef beauftragten (teuren) Rechtsanwälte können zwei Gegendarstellungen von GARLICHS in der FR durchsetzen:
Gleichzeitig berichtet die Zeitung, weshalb das DZI das Spendensiegel aberkannt hat:
Heide SIMONIS talkt mit Reinhold Beckmann: "Ich bin da reingekommen wie eine Donnerhexe in diesen Laden". Und: „Wir haben unendliche Zeit damit verloren, um rauszufinden, wie die Lage aussieht. Und wir haben soviel Kraft verbraucht, um uns gegenseitig zu bekämpfen.“
Der Kölner Stadtanzeiger, ein Schwesterblatt der FR, die ebenfalls zur Zeitungsguppe DuMont Schauberg gehört, veröffentlicht ein bemerkenswertes Interview mit Reinhard SCHLAGINTWEIT, dem Interimsvorsitzenden seit SIMONIS' Rücktritt:
"Wir haben aus den Fehlern gelernt, haben Veränderungen auf den Weg gebracht, die mehr Transparenz schaffen.". Aber:
"Man muss unterscheiden zwischen berechtigter Kritik an einzelnen Fehlern und der pauschalen und ungerechtfertigten Verurteilung von Unicef, die wir in den letzten Wochen erlebten. ..."
Unicef vor dem Bundestagsausschuss für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Der Interimsvorsitzende Reinhard SCHLAGINTWEIT, 79 Jahre, macht keinen guten Eindruck, spricht von einzelnen Fehlern und falsch ausgefüllten Formularen und mokiert sich ansonsten über die ungerechte Berichterstattung in den Medien, wie die FR berichtet
Nicht allen Medien gefällt, was die Frankfurter Rundschau seit Ende November öffentlich thematisiert. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), widmet den Vorgängen 2 ganze Seiten. Titel: "Wie Heide Simonis mal eben Unicef ruinierte". Der Politikredakteur Volker ZASTROW, der sich als intimer Kenner des Geschehens wähnt, schreibt gleich zu Beginn, wie er das sieht, was andere als "Affäre" betrachten:
"Im Hühnerstall wurde eine Vorstandsvorsitzende gesucht. Da wählten die Hühner die alte Füchsin. Sie galt als kräftig und elegant, hatte Führungserfahrung und dieses gewinnende Lächeln. Und sie war wirklich dankbar für den Job.
Doch schon am nächsten Morgen war die Füchsin fort, der Hahn hatte ihr ins Auge gestochen. Er selbst lag mit abgerissenem Kopf im Stall, zwischen Blut und Federn, versehrten Hühnern und zerbrochenen Eiern. Daraufhin wurde der Hühnerstall zum Saustall erklärt und der Hahn posthum zum Tode verurteilt. Er sei für all das verantwortlich. ..."
Die Diskussion um mehr Transparenz ist in vollem Gange - zumindest (auch) das hat die Unicef-Affäre bewirkt. Die deutsche Spendenbranche soll sich nach dem Willen der Politiker tiefgreifend verändern und will es auch aus freien Stücken tun: Die gläserne Sammelbüchse überschrift die FR ihren Bericht
Eine Woche vor der Wahl eines neuen Vorstands kann sich der alte restliche Vorstand doch noch dazu aufraffen, geschlossen zurückzutreten
Der neue Vorstand ist gewählt. Und es gibt einen neuen (ehrenamtlichen) Vorstandsvorsitzenden: Jürgen HERAEUS, ein (ehemaliger) erfolgreicher Manager eines großen Edelmetallkonzerns (Heraeus aus Hanau). HERAEUS gilt als "ehrbarer Kaufmann". Und er spricht auch gleich über die Fehler der Vergangenheit und die Lehren daraus: "Wir werden alle Zahlen offenlegen"
Unicef legt inzwischen alle Zahlen offen. Bestand in der Ägide des Duos SCHLAGINTWEIT (Vorstand) und GARLICHS (Geschäftsführer und Vorstand) das Zahlenwerk zu rund 100 Millionen Euro an Spenden aus ganzen 2 (in Worten: zwei) Seiten - so z.B. zuletzt das Kapitel Finanzen 2006, so hat der neue Geschäftsbericht für 2007, in dem jetzt auch erklärt wird, wohin das Geld genau fließt, viele Seiten mehr: 8 Seiten für die Programme, 8 Seiten für die Finanzen, die auch in Form eines übersichtlichen Jahresabschlusses ausgewiesen werden. Hier geht es zum transparenten Geschäftsbericht 2007:
Auf seiner Internetseite hat Unicef jetzt auch einen eigenen Menüpunkt eingerichtet: Transparenz bei Unicef
Die Frankfurter Rundschau arbeitet ein weiteres Thema von Unicef auf: Es geht um das Millionenerbe eines reichen Kunstsammlers, der sein Vermögen u.a. in Form von Gemälden Unicef vermacht hatte. Geschätzter Wert: runde 600 Millionen Euro.
Der schwäbische, unverheiratete und kinderlose Arzt, Kunstsammler und Multimillionär Dr. med Gutsav RAU war zum Schluß sehr krank, stand unter Vormundschaft und war noch zu Lebzeiten von Personen mit zweifelhaften Motiven umgeben. Auch hatten sich seit dessen Ableben bereits andere gemeldet, die ebenfalls das Erbe antreten wollten:
Der neue Vorstandsvorsitzende Jürgen HERAEUS stellt sich den Fragen der FR: "Was sind uns unsere Kinder wert?"
Das Kinderhilfswerk wird in Kürze eine neue Geschäftsführerin haben: Regine STACHELHAUS. Die FR titelt: Top-Juristin wechselt zu Unicef.
Unicef hat den Neuanfang geschafft
(JL)