
Am Anfang stand keine Enthüllung, sondern eine Gewohnheit. Ich lese regelmäßig Zivilklagen, die in großen amerikanischen Städten eingereicht werden. In den USA sind Gerichtsakten öffentlich, oft samt E-Mails, Verträgen und Zeugenaussagen als Beweismittel. Für Journalisten ist das eine außergewöhnliche Quelle. Über den Hinweis eines amerikanischen Anwalts stieß ich dort auf einen Namen, den ich in diesen Akten nicht erwartet hätte: die Bayerische Versorgungskammer.
Die Versorgungskammer ist Deutschlands größte öffentlich-rechtliche Versorgungsgruppe und zugleich eine bayerische Behörde. Sie verwaltet die Altersvorsorge von rund drei Millionen Menschen, von Ärzten und Apothekern über Architekten und Rechtsanwälte bis zu den Abgeordneten des Landtags. Über Fonds der Münchner Deutsche Finance hatte sie Hunderte Millionen Euro in amerikanische Luxusimmobilien gesteckt, in Projekte, an denen der New Yorker Entwickler Michael Shvo beteiligt war. Shvo war 2018 wegen Steuerbetrugs verurteilt worden. Kaum jemand in Bayern ahnte davon.
Die Versorgungskammer stritt den Skandal zunächst ab. Dann verklagte sie die Abendzeitung und mich persönlich.
Den Antrag auf einstweilige Verfügung haben wir vor Gericht abgewehrt. Von da an kam es juristisch auf jedes einzelne Wort an, und gleichzeitig war das der Moment, in dem ich mich richtig in die Geschichte festgebissen habe. Lange fühlte es sich an wie ein Kampf gegen Windmühlen. Dass die Serie trotzdem weiterlaufen konnte, verdanke ich unseren Justiziaren Holger Weimann und Stephan Kabosch und einer Chefredaktion, die trotz des enormen juristischen Aufwands jederzeit hinter der Recherche stand.
Der größte Teil der Arbeit bestand aus Papier.
Ich habe Gerichtsakten aus den USA ausgewertet, Handelsregister und Amtsblätter in Luxemburg, wo die Fonds sitzen, Geschäftsberichte, Landtagsdrucksachen und interne Unterlagen.
In die Welt der Immobilienfinanzierung und der Marktanalysen musste ich mich erst mühsam einarbeiten. Viele Zahlen habe ich selbst nachgerechnet, weil die offiziellen Angaben nicht zusammenpassten. Die Versorgungskammer nannte anfangs 611 Millionen Euro, die in Projekte mit Shvo geflossen seien, ihr Vorstandschef sprach wenig später von 800 Millionen. Inzwischen räumt die Behörde selbst ein, dass es rund 1,6 Milliarden Euro waren, fast dreimal so viel wie zunächst angegeben.
Weitere Fakten ließen sich über Anfragen von Landtagsabgeordneten offenlegen. Und weil mehrere Fondsgesellschaften keine erreichbare Presseadresse haben, verschicke ich manche Anfragen bis heute per Fax.
Parallel wuchs Schritt für Schritt ein Netzwerk: Anwälte, Branchenkenner und Beteiligte der Geschäfte in den USA, Hinweisgeber in der Behörde selbst, bis hin zu einem früheren Geschäftspartner in der Türkei, der schon 2020 schriftlich vor überzogenen Ausgaben gewarnt hatte.
Viele dieser Gespräche liefen vertraulich, und dabei bleibt es. Zum Netzwerk gehören inzwischen auch Versicherte, die ich regelmäßig darüber auf dem Laufenden halte, was der Fall für sie bedeutet.
Der Text vom 18. September 2025, für den ich für das Wächterpreis-Stipendium nominiert wurde, beginnt im Arbeitsgericht München. Dort wehrte sich ein früherer Abteilungsleiter der Versorgungskammer gegen seine fristlose Kündigung. Die Behörde warf ihm ein „nicht angemessenes Näheverhältnis“ vor, vor allem zu Shvo.
Um diese Szene herum habe ich zusammengetragen, was bis dahin niemand öffentlich gemacht hatte: Nach Auskunft des Innenministeriums waren bereits 163 Millionen Euro abgeschrieben, ein Warnbrief des türkischen Geschäftspartners lag der Abendzeitung vor, und in New York vertrat die Kanzlei eines früheren Anwalts von Donald Trump Geschädigte in Klagen gegen das Investorengeflecht.
Genauso wichtig war mir der Schulterschluss mit Kollegen anderer Medien, vom Wall Street Journal und dem San Francisco Standard bis zur Augsburger Allgemeinen, der Immobilienzeitung und der FAZ. Für die amerikanischen Partner habe ich Texte ins Englische übertragen. Es ging nie um Konkurrenz, sondern darum, gemeinsam stärker zu sein. Irgendwann saßen die amerikanischen Kläger in den Räumen der Abendzeitung, zusammen mit einem Kollegen und zwei Fachanwälten für Kapitalmarktrecht, ein früherer Anwalt von Donald Trump war per Video zugeschaltet. Eine kleine Münchner Zeitung war plötzlich der Ort, an dem die Fäden zusammenliefen.
Der Landtag befasste sich in zwei Geheimsitzungen mit der Versorgungskammer. Nach den Veröffentlichungen schaltete die Behörde selbst die Staatsanwaltschaft München I ein, die daraufhin prüfte, ob ein Anfangsverdacht besteht. Zwei Führungskräfte mussten gehen. Die Staatsregierung wollte ausgerechnet die Berichtspflichten der Versorgungsanstalten per Gesetz streichen, was die Opposition als „Verantwortungs-Flucht per Gesetz“ kritisierte. Nach eigener Prognose der Versorgungskammer drohen Verluste von bis zu 853 Millionen Euro, rund 392 Millionen davon waren Ende 2025 bereits realisiert.
Die Geschichte zieht weiter Kreise. Die Deutsche Finance hat die Versorgungskammer inzwischen vor einem Gericht in Delaware verklagt, die Bafin hat im Juni 2026 bei der Fondsgesellschaft der Deutsche Finance einen Sonderbeauftragten eingesetzt. Das Arbeitsgericht München erklärte die Kündigungen des früheren Abteilungsleiters im März 2026 für unwirksam, weil die Behörde eine Frist versäumt hatte. Im November verhandelt das Landesarbeitsgericht in zweiter Instanz.
Die besten Geschichten entstehen aus Reibung, aus Konfrontation, aus Menschen, die Fragen stellen, kritisieren oder klagen. Es braucht viele vertrauliche Hintergrundgespräche, die im Text nie auftauchen. Und es braucht einen kühlen Kopf, wenn die Anwaltsschreiben kommen. Dann gilt es, ruhig zu bleiben und den Druck in die Recherche zu lenken. Nicht jede Spur trägt, auch das gehört dazu. Deshalb gehe ich offen in jede Recherche und höre beide Seiten fair an.
Unterstützt haben mich im Ressort Natalie Kettinger, Lisa Albrecht und Martina Scheffler, außerhalb der Redaktion vor allem Jonas Voss vom Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt, der Filmemacher Rodney Sewell und Christof Paulus von der Augsburger Allgemeinen. Die Serie umfasst inzwischen mehr als zehn Teile.
Abgeschlossen ist sie nicht.