Crowdsourcing: die Veröffentlichung und die Folgen

Wie die Journalisten einen Autounfall als Mord rekonstruieren konnten, ist unter Forbrydelsen: Die Recherche beschrieben. Hier dokumentieren wir, was danach geschah.


Eine interaktive Karte generiert Crowdsourcing

Ab 1. Juni 2008 ging es Schlag auf Schlag. Der erste Artikel verwies auf den zweiten, der auf den dritten, undsoweiter. 

Längst war aus den geplanten drei Teilen eine Fortsetzungsserie geworden. Jeden Tag etwas Neues, das die Geschichte dem strukturellen Problem immer näher brachte: Kommt die Polizei, wenn man sie dringend braucht? Wie steht es um die Funktionstüchtigkeit der Polizeireform?

Wurde die anlaufende Berichterstattung mit großem Interesse aufgenommen, so erwies sich das YouTube-Video als Flop.

Als Top aber stellte sich die interaktive Google-Karte heraus. Immer mehr Leser/User meldeten sich, konnten und wollten ähnliche Vorfälle erzählen. In knapp zwei Wochen waren dies annähernd 200 Fälle. 74 davon griff das Spezial-Investigativteam auf. Und in neun dieser Fälle endete die Geschichte mit einem Tod:

 

Um die Leser/User nicht nur als Zulieferer zu benutzen, sondern ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie bei dieser Geschichte aktiver dabei sein konnten, wenn sie wollten, hatten sie auch Zugriff auf die vorher dafür aufbereiteten Recherchematerialien der Redakteure. Auf die Chronologie aller bisher recherchierten Ereignisse sowie die Dokumentation aller mit Behörden geführten Telefonate.

Fotograf Erik REFNER war ab sofort nur noch auf Achse, fuhr durch das ganze Land, interviewte die Menschen, die etwas zu erzählen hatten, machte kleine Videos daraus: Studenten, Bankiers, Rentner, Leute aus der Ober- und der Unterschicht. Alle ihre Erlebnisse gingen online. Und mit jedem neuen Video – bzw. jedem neuen Beispiel, bei dem die Polizei nicht gekommen war – nahmen die Zugriffe auf Website und google-maps-Karte zu. Die öffentliche Wahrnehmung der Geschichte und des dahinter stehenden grundsätzlichen Problems multiplizierten sich.

Natürlich blieb die Aufmerksamkeit, die die Zeitung und ihre Website generierten, sowie die beginnende öffentliche Diskussion darüber der Administration und Politik nicht verborgen. Und so blieb dem Justizministerium nichts anderes übrig, als zu reagieren. Der Minister setzte eine eigene Untersuchung in Gang.

Deren Ergebnis: Die offizielle Anzahl von Fällen, in denen die Polizei bei Hilferufen nicht gekommen war und bei denen es um Verbrechen gegangen war, wie sich danach herausstellen sollte, betrug 300.

Und wieder bekamen die Redakteure dezente Hinweise. Darauf, dass in dieser Untersuchung bzw. der offiziellen Zahl von „300“ nicht alle Fälle eingegangen wären. Morten CRONE und Morten FRICH zögerten nicht, den aussichtslosen Versuch zu unternehmen und um Einblick in die zentralen Unterlagen dieser Untersuchung nehmen zu dürfen.

Nach mehreren Monaten kam die Antwort: Sie durften. Eine Verweigerung hätte die Behörden und die Politik bei einem derart großen öffentlichen Interesse wohl ziemlich ‚alt‘ aussehen lassen.

Jetzt stieg die Statistik erneut: CRONE und FRICH addierten weitere 150 Fälle – die inoffizielle Zahl lag nun bei 450.

Zwischen Juni und Oktober publizierten CRONE und FRICH rd. 500 Nachrichten, ausführliche Berichte und kleinere Online-Beiträge. (Nur) Online waren die Videos all derer, die von ihren eigenen Erlebnissen bzw. ihre ‚Geschichte‘ in Kurzform erzählten. Unterm Strich war es eines der ergiebigsten Themen hinsichtlich Publizieren und Rezeption, die die Zeitung Berlinske Tidende angestoßen hatte.

Die politischen Folgen

Da könnte es ein kleineres Problem geben,“ ließ der dänische Premierminister und spätere NATO-Generalsekretär (2009-2014), Anders Fogh RASMUSSEN, im Oktober verlauten. Ein ungewöhnliches Statement, war doch der MP eher dafür bekannt, jegliche Kritik an sich und seiner Politik einfach abperlen zu lassen. „Da gibt es nicht das geringste Problem“, lautete einer seiner Standardsprüche. Doch diesesmal war es etwas anders, als RASMUSSEN sich kurz und knapp zu der Berichterstattung von Berlinske Tidende äußern sollte. Und nur wenig später, im November, war es dann soweit: Das dänische Regierungskabinett entließ den Nationalen Bevollmächtigen für die Polizei. Der hatte die ganze Zeit ebenfalls jegliche Kritik abgewehrt und alle ‚Pannen‘ in den 300 offiziellen Fällen den zu hohen Erwartungen der Menschen zugeschoben. Der Zeitung hatte er gedroht und ebenso den Redakteuren, sie bei allen Gelegenheiten versucht, zu diskriminieren.

Jetzt setzte die Regierung einen neuen Polizeibeauftragten ein. Und erhöhte das Budget für das Polizeiwesen um 850 Millionen Dänische Kronen, umgerechnet rd. 110 Millionen Euro, um künftig mehr Personal am Telefon und im Außendienst zu haben. Bzw. sie gab das ausdrückliche Versprechen: Wenn jemand die Polizei um Hilfe ruft (damals via „911“, heute: “112”), dann wird sie auch kommen.

Johannes Ludwig


Was man aus diesem Beispiel lernen kann, ist im nächsten Kapitel beschrieben: Crowdsourcing: Lessons Learnt