Crowdsourcing: Lessons Learnt

Den Weg der Recherche, wie man einen Autounfall letztlich als Mord outen kann, haben wir im ersten Kapitel dokumentiert: Forbrydelsen: die Recherche. Was danach geschah unter Crowdsourcing: die Veröffentlichung und die Folgen. Hier geht es darum, was man daraus lernen kann.


Vier Lehren

sind es, die die Redaktion und das spezielle Investigativteam aus dem journalistischen Crowdsourcing gezogen haben:

  • Üblicherweise ist eine Geschichte (bzw. auch Recherche) dann zu Ende, wenn sie publiziert ist. Ein Journalist ist dann meist schon längst am nächsten Thema dran. Hier war es anders: Mit der Veröffentlichung begann erst die eigentliche Geschichte.
    Anders gesagt: Dies kann man als ‚Normalfall‘ betrachten, wenn die Geschichte für andere relevant ist und sie auf ein strukturelles Problem hinweist, für das eine Lösung benötigt wird.
  • Mit der gesamten Aktion veränderte sich auch die Wahrnehmung von Journalisten in der Politik: Redakteure kommen nicht nur wegen einer schnellen Geschichte. Sie treten auch an andere heran, um über bestimmte Dinge zu schreiben, um sie letztlich zu verändern, sprich zu verbessern.
    Das kann die Akzeptanz sowie die Hilfsbereitschaft ganz allgemein erhöhen.
  • Bei Follow-up-Recherchen bzw. –Geschichten kann man auf den Zufall setzen. Man kann aber auch die Rezipienten, also die Leser/User direkt auffordern, ihre eigenen Erfahrungen und Informationen zur Verfügung zu stellen, und sie damit aktiv einbinden.
    Das erhöht die öffentliche Wahrnehmung der publizistischen Tätigkeit. Und verspricht relevantere Ergebnisse. Und kann aus einem Einzelfall statistische Evidenz generieren. 
  • Bindet man die Leser/User aktiver mit ein, etwa dergestalt, dass Sie auch Zugriff auf das haben, wie man als Journalist bisher vorgegangen ist, und wie die Behörden auf Anfragen (nicht) reagiert haben, steigert dies offenbar das Interesse und die Motivation der Leser/User, um mitzumachen. 

Weitere Folgen:

Im Januar 2009 wurde das vierköpfige Redaktionsteam mit dem renommierten „Cavling“-Preis ausgezeichnet. Ministerpräsident RASMUSSEN, der bei dieser Zeremonie anwesend war, bedankte sich ausdrücklich für die Arbeit der Reporter. Obwohl er sich anfangs sicher ziemlich darüber geärgert hatte. Aber letztlich war er froh, dass es jetzt Verbesserungen gab, die er politisch ohne großen Widerstand durchsetzen konnte.

Im März 2009 wurde das Konzept des publizistischen Crowdsourcing erneut eingesetzt. 

Eltern eines 14 Monate alten Säuglings hatten sich an die Redaktion gewandt. Ihr Baby hatte eine Batterie verschluckt. 11 Ärzte innerhalb 14 Tagen hatten ihnen nicht geglaubt und eine Röntgenaufnahme verweigert. Das Baby starb.

Innerhalb weniger Monate verbreitete sich auch diese Aktion „In der Hand des Arztes“ wie ein Lauffeuer durchs ganze Land. Und löste wiederum entsprechende Reaktionen aus. Und begann öffentlichen Druck auszulösen. Mit dem Ergebnis, dass sich wiederum viele Dinge veränderten. Konkret: verbesserten.

mehr ...

Die gesamte Geschichte nebst komplettem Ablauf bis hin zur Rückgängigmachung der Polizeireform haben Morten CRONE und Morten FRICH in einem Ebook in dänischer Sprache zusammengefasst: Forbrydelsen artikler ebook 2009-11-15_425S (423 Seiten, 6 MB)

Eine Zusammenfassung der polizeilichen Ermittlungen in dänischer Sprache gibt es auf 13 Seiten: Ronnei-Polizeiermittlungen_ebook

Der erste Artikel der gesamten Serie ist z.Zt. (noch) im Online-Archiv. Wir haben ihn sicherheitshalber – wie die anderen Materialien – in unser eigenes Archiv downgeloadet: Forbrydelsen – kapitel 1

Eine Darstellung der journalistischen Vorgehensweisen und angewandten Methoden bei dieser Geschichte haben die Autoren Lene BIDSTRUP, Maria Houen ANDERSEN und Mads HEY im Rahmen einer größeren Seminararbeit an der Journalistik-Fakultät der Roskilde-Universität erstellt (112 Seiten): Forbrydelsen_speciale

Morten CRONE, bei dem der erste anonyme Anruf aufgelaufen war und der die Geschichte in Gang gesetzt hat, können Sie kontaktieren unter mcr[at]berlingskemedia.dk

Johannes Ludwig