Betrug bei Wirecard vermutet ein bei der britischen Wirtschaftszeitung “Financial Times” (FT) angestellte Redakteur Dan McCRUM bereits im Jahr 2014. Er sieht sich die diversen Bilanzen von Wirecard und jenen Firmen an, die Wirecard immer wieder dazu kauft. Offenbar ist da ein kleiner Konzern im Entstehen. Aber die Zahlen können “nicht stimmen”, so Dan McCRUM in seinen ersten Artikeln über Wirecard, die aufmerksam gelesen werden. Wirecard aus dem kleinen Aschheim nordöstlich von München ist inzwischen immerhin an den internationalen Börsen gelistet. Und wird in drei Jahren im deutschen “DAX” die Commerzbank verdrängen.
Da die Zahlen ge-fakt sind, konkret: aufgeblasen, die Gewinne - rein fiktiv - jedes Jahr größer in den Bilanzen ausgewiesen werden und die offiziellen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die die Jahresbschlüsse von Wirecard prüfen, das nicht merken, setzt immer wieder ein Hype um diese Aktien ein. Taucht ein nicht unbedingt positiver Bericht in der “FT” auf, fällt der Kurs. Wirecard gibt dann eine Pressemitteilung heraus, in der es von Erfolgsmeldungen nur so strotzt, und der Kurs schießt wieder in die Höhe.
Auch eine in den USA arbeitende Redakteurin, Susanne KROEBER, wundert sich. Sie schreibt für das “J Capital Research”, ein Blatt für Anleger und Investoren. Weil sie es genau wissen will, was Wirecard in Asien treibt, weil dort vor allem der Großteil der Gewinne entsteht, jedenfalls laut den Bilanzen, reist sie selbst dorthin. Und staunt nicht schlecht: Die Geschäftsräume einer der Tochtergesellschaften von Wirecard in Kuala Lumpur (Malaysia) sind leer. Keine Schreibtische, keine Telefone, nichts. Ihr Bericht und ihre Reportage werden kaum wahrgenommen.
Aufmerksamkeit indes erfahren die ersten Berichte der FT unter dem Titel “House of Wirecard”. Sie erscheinen wenige Monate, nachdem Dan McCRUM auf Wirecard auferksam wurde. Die beiden maßgeblichen Herren in Aschheim, Markus BRAUN und Jan MARSALEK, sind “not amuzed”.
Und noch weniger erfreut es sie, als wenige Monate später, Anfang 2016, der anonyme “Zatarra"-Reports eines anonymen Shortsellers in London die Runde macht. In dem sind viele Zahlen dokumentiert und merkwürdige finanzielle und organisatorische Zusammenhänge zwischen dern diversen Wirecard-Firmen erläutert. Der Kurs sackt auf der Stelle in den Keller.
Jan MARSALEK tobt. Und schaltet eine weltweit bekannte Detektei ein: “Kroll” aus London. Mit “Incestigations, Diligence und Compliance” wirbt. Was die “Schmutzabteilung” macht, bekommen nicht nur einige Shortseller zu spüren, sondern auch der FT-Journalist. Er wird rund um die Uhr bewacht, unbekannte Männer folgen ihm auf Schritt und Tritt und beginnen zu drohen. Runde 50 Millionen Pfund lässt sich Jan MARSALEK das kosten. Für Wirecard offenbar “peanuts”.
Nichtsdestotrotz: Dan McCRUM lässt sich von seinen Recherchen nicht abbringen und erst recht nicht, als sich ein Whistleblower aus Asien bei ihm meldet - mit vielen Unterlagen.
Die Berichterstattung der “FT” verdichtet sich: inhaltlich und von der Häufigkeit. Erste Medien in Deutschland steigen an: Berichte, die man auch im Bundeskanzeramt lesen kann.
Im Hintergrund wirbelt Wirecard, schaltet die Kanzlei “Bub Gauweiler & Partner” ein, die Dan McCRUM wegen Verletzung des Geschäftsgeheimnisgesetzes auf Schadensersatz verklagen, während Wirecard weitere 1,4 Milliarden Euro von Investoren einsammeln kann - das Geschäft läuft.
Auch das “Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen” (BaFin) wird aktiv. Es stellt Ermittlungen an. Und stellt im April 2019 Strafanzeige. Gegen Dan McCRUM - ein halbes Jahr, bevor Karl-Theodor Freiherr von und zu GUTTENBERG bei Angela MERKEL auftaucht.
Am 18. Juni 2020 ist dann der größte deutsche Wirtschaftskrimi zu Ende. Niemand hatte das sehen wollen. Der kometenhafte Aufstieg eines deutschen Unternehmens in die Weltliga der internationalen Finanzen hatte alle geblendet. Bis auf einige Journalisten, die den vielen Merkwürdigkeiten und Widersprüchen nachgegangen waren.
Wie seine Recherchen von Statten gingen, hat Dan McCrUM in seinem 2022 erschienenen Buch beschrieben: “House of Wirecard. Wie ich den größten Wirtschaftsbetrug Deutschlands aufdeckte und einen Dax-Konzern zu Fall brachte”.