"House of Wirecard"

Vorbemerkung

Dieser Text gehört zum Thema “Was nicht sein kann, das nicht sein darf.” 

Dieses bekannte Zitat des Schriftstellers Christian MORGENSTERN, das er seinem kritischen Protagonisten “Palmström” (1910) in den Mund gelegt hatte, bzw. das Phänomen, das damit angesprochen wurde, ist uralt. Die alten Römer sprachen von “Quod volumus credimus libenter”, zu deutsch: “Wir glauben, was wir gerne glauben”. Psychologen und Kommunikationswissenschaftler sprechen von “Wahrnehmungsfiltern” und mentalen Verdrängungseffekten.. 

Für investigativ arbeitende Journalisten hat das Zitat eine besondere Bedeutung: Man darf sich nicht blenden lassen. Egal, ob es um einen Promi oder VIP geht, jemanden, der ein hohes Amt in der Politik oder Wirtschaft ausübt, oder eine Person, deren Image und Ruf “außer Zweifel” steht.

Anders gesagt: Man sollte auch das Unmögliche und Nichtvorstellbare für potenziell möglich halten. Und im Zweifel mit dem Recherchieren beginnen.

Wir skizzieren im Folgenden ein aktuelles Beispiel, bei dem jeder noch irgendwelche Erinnerungsfetzen im Hinterkopf haben dürfte. Wir erzählen hier nicht die ganze Geschichte - aus Zeit- und Platzgründen. Wir machen auf die vielen Merkwürdigkeiten, Ungereimtheiten und Widersprüche, die soegannten MUWs aufmerksam, die - eigentlich - jedem hätten auffallen müssen, spätestens dann, als die ersten kritischen Presseberichte über Wirecard kursierten.

Hinweis: Diese Site können Sie direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/Wirecard.

Übrigens: Bei dieser finanziellen, aber auch politischen “Pleite”, haben rd. 20.000 Aktionäre insgesamt 7 Milliarden Euro verloren.

Johannes Ludwig


7 Monate vor den endgültigen Pleite: Angela MERKEL "die richtigen Fomulierungen" mit auf den Weg gegeben

November 2019:

Angela MERKEL, amtierende Bundeskanzlerin, rüstet sich für ihre China-Reise. Mit im Gepäck: Ein Troß von Vertretern der deutschen Wirtschaft, Topmanager, mit denen sie sich gerne umgibt. Zu Besuch: Ein alter Bekannter: (Vormals “Dr.”) Karl-Theodor Freiherr von und zu GUTTENBERG (CSU) gibt sich die Ehre, zuletzt Verteidigungsminister unter seiner “Chefin”, der sich bis 2011 mit einem Doktortitel schmücken konnte. Dann kam es raus: Plagiate. Und nicht wenige. Die Universität Bamberg entzog ihm den Doktorgrad, GUTTENBERG musste zurücktreten, obwohl die Kanzlerin meinte, sie hätte doch “keinen wissenschaftlichen Angestellten eingestellt.” Ein fränkisches Gericht sprach gar von “Betrug”.

GUTTENBERG ist nicht in eigener Sache zu Besuch. Inzwischen Unternehmensberater mit eigenem Unternehmen (Spitzberg Partners) spricht er im Auftrag des in den allermeisten Medien immer noch ge-hypten Zahlungsdienstleisters Wirecard. Die Chefin möge sich doch bitteschön bei den zuständigen Stellen in China dafür verwenden, dass Wirecard ein dortiges Unternehmen kaufen bzw. eine sogenannte Payment Lizenz erwerben könne. 

Das Bundeskanzleramt mit seinem jährlichen Etat von rund 5 (!) Milliarden Euro beschäftigt an die 900 Mitarbeiter. In allen möglichen Abteilungen. Auch solche, die Nachrichten auswerten, Zeitungen und anderes lesen und jeden Morgen der “Chefin” das Wichtigste in kompakter Form zukommen lassen. Jeder, der in diesem Amt residiert, macht das so.

Was sich bei Wirecard zu dieser Zeit abspielt, kann man lesen. Das (deutsche) “Handelsblatt” (HB) agiert vorsichtig. Die Redakteure der britischen “Financial Times” (FT) schreiben Klartext, sprechen von unstimmigen Bilanzen; Geldern, die es nicht zu geben scheint; merkwürdigen Zahlungsflüssen innderhalb des Wirecard-Konzern. Mit in diesem Spiel: Geschäftstüchtige “Shortseller”, die auf fallende Aktienkurse von Wirecard spekulieren und damit viel Geld verdienen wollen, jeweils einige Hunderte Millionen - “business as usual” an den Aktienmärkten.

“Business as usual" auch im Kanzleramt. Die “Chefin” sagt zu, der Freiherr von und zu GUTTENBERG ist erleichtert und verspricht, ihr “die richtigen Formulierungen” mit auf den weiten Weg rechtzeitig zukommen zu lassen.

Und so geschieht es. Die deutsche Bundeskanzlerin legt gute Worte in China ein - für ein Unternehmen, bei dem in der Bilanz 1,9 Milliarden Euro schlichweg fehlen. Denn die gibt es gar nicht. Aber das wird erst in sieben Monaten, am 18. Juni 2020 bekannt, als das hoch gehypte Unternehmen selbst den “Betrug” eingestehen muss. Sich aber als “Opfer dubioser Machenschaften” sieht.

Und so wurde das Unwahrscheinliche real: Die Kanzlerin als Missionarin für ein Betrugsunternehmen, bei dem an die 22.000 Aktionäre wenige Monate danach runde 7 Milliarden Euro verloren haben.

Später wird MERKEL in einer Pressekonferenz sagen, das Kanzleramt habe von all dem nichts gewusst.

"House of Wirecard"

Betrug bei Wirecard vermutet ein bei der britischen Wirtschaftszeitung “Financial Times” (FT) angestellte Redakteur Dan McCRUM bereits im Jahr 2014. Er sieht sich die diversen Bilanzen von Wirecard und jenen Firmen an, die Wirecard immer wieder dazu kauft. Offenbar ist da ein kleiner Konzern im Entstehen. Aber die Zahlen können “nicht stimmen”, so Dan McCRUM in seinen ersten Artikeln über Wirecard, die aufmerksam gelesen werden. Wirecard aus dem kleinen Aschheim nordöstlich von München ist inzwischen immerhin an den internationalen Börsen gelistet. Und wird in drei Jahren im deutschen “DAX” die Commerzbank verdrängen.

Da die Zahlen ge-fakt sind, konkret: aufgeblasen, die Gewinne - rein fiktiv - jedes Jahr größer in den Bilanzen ausgewiesen werden und die offiziellen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, die die Jahresbschlüsse von Wirecard prüfen, das nicht merken, setzt immer wieder ein Hype um diese Aktien ein. Taucht ein nicht unbedingt positiver Bericht in der “FT” auf, fällt der Kurs. Wirecard gibt dann eine Pressemitteilung heraus, in der es von Erfolgsmeldungen nur so strotzt, und der Kurs schießt wieder in die Höhe.

Auch eine in den USA arbeitende Redakteurin, Susanne KROEBER, wundert sich. Sie schreibt für das “J Capital Research”, ein Blatt für Anleger und Investoren. Weil sie es genau wissen will, was Wirecard in Asien treibt, weil dort vor allem der Großteil der Gewinne entsteht, jedenfalls laut den Bilanzen, reist sie selbst dorthin. Und staunt nicht schlecht: Die Geschäftsräume einer der Tochtergesellschaften von Wirecard in Kuala Lumpur (Malaysia) sind leer. Keine Schreibtische, keine Telefone, nichts. Ihr Bericht und ihre Reportage werden kaum wahrgenommen.

Aufmerksamkeit indes erfahren die ersten Berichte der FT unter dem Titel “House of Wirecard”. Sie erscheinen wenige Monate, nachdem Dan McCRUM auf Wirecard auferksam wurde. Die beiden maßgeblichen Herren in Aschheim, Markus BRAUN und Jan MARSALEK, sind “not amuzed”. 

Und noch weniger erfreut es sie, als wenige Monate später, Anfang 2016, der anonyme “Zatarra"-Reports eines anonymen Shortsellers in London die Runde macht. In dem sind viele Zahlen dokumentiert und merkwürdige finanzielle und organisatorische Zusammenhänge zwischen dern diversen Wirecard-Firmen erläutert. Der Kurs sackt auf der Stelle in den Keller.

Jan MARSALEK tobt. Und schaltet eine weltweit bekannte Detektei ein: “Kroll” aus London. Mit “Incestigations, Diligence und Compliance” wirbt. Was die “Schmutzabteilung” macht, bekommen nicht nur einige Shortseller zu spüren, sondern auch der FT-Journalist. Er wird rund um die Uhr bewacht, unbekannte Männer folgen ihm auf Schritt und Tritt und beginnen zu drohen. Runde 50 Millionen Pfund lässt sich Jan MARSALEK das kosten. Für Wirecard offenbar “peanuts”.

Nichtsdestotrotz: Dan McCRUM lässt sich von seinen Recherchen nicht abbringen und erst recht nicht, als sich ein Whistleblower aus Asien bei ihm meldet - mit vielen Unterlagen.

Die Berichterstattung der “FT” verdichtet sich: inhaltlich und von der Häufigkeit. Erste Medien in Deutschland steigen an: Berichte, die man auch im Bundeskanzeramt lesen kann.

Im Hintergrund wirbelt Wirecard, schaltet die Kanzlei “Bub Gauweiler & Partner” ein, die Dan McCRUM wegen Verletzung des Geschäftsgeheimnisgesetzes auf Schadensersatz verklagen, während Wirecard weitere 1,4 Milliarden Euro von Investoren einsammeln kann - das Geschäft läuft.

Auch das “Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen” (BaFin) wird aktiv. Es stellt Ermittlungen an. Und stellt im April 2019 Strafanzeige. Gegen Dan McCRUM - ein halbes Jahr, bevor Karl-Theodor Freiherr von und zu GUTTENBERG bei Angela MERKEL auftaucht.

Am 18. Juni 2020 ist dann der größte deutsche Wirtschaftskrimi zu Ende. Niemand hatte das sehen wollen. Der kometenhafte Aufstieg eines deutschen Unternehmens in die Weltliga der internationalen Finanzen hatte alle geblendet. Bis auf einige Journalisten, die den vielen Merkwürdigkeiten und Widersprüchen nachgegangen waren.

Wie seine Recherchen von Statten gingen, hat Dan McCrUM in seinem 2022 erschienenen Buch beschrieben: “House of Wirecard. Wie ich den größten Wirtschaftsbetrug Deutschlands aufdeckte und einen Dax-Konzern zu Fall brachte”. 

"Können Sie Hinweise geben?"

“Hinweise zum Aufenthaltsort von Han MARSALEK?” fragt(e) die Polizei auf Tausenden von Plakaten, die ab August 2020 bundesweit an Litfaßsäulen, Bahnhöfen und in öffentlichen Gebäuden hingen.

Der nämlich, kaum war das Betrugsunternehmen aufgeflogen, selbst ausgeflogen war. Irgendwo hin, keiner wusste wo, alle suchten nach ihm. Bis heute.

Der polizeilichen Suche war kein Glück beschiedem. MARSALEK war erfolgreich untergetaucht, es kursierten die wildesten Gerüchte und Hypothesen. Geld hat(he) er wohl genug, manche rechnen ihm Hunderte von Millionen zu, keiner weiß etwas genaues. Nur, dass sehr viel Geld verschwunden ist. Neben dem vielen Geld, das nie exisitiert hatte, konkret die 1,9 Milliarden, immerhin ein knappes Drittel der letzten Bilanz, aber auch die war erfolgreich frisiert.

Und auch die Zielfahnder blieben erfolglos. MARSALRK war wie vom Erdboden verschwunden.

Das was Staatsanwaltschaft und Polizei, den deutschen geheimen Diensten unterschiedlichster Arten nicht gelang, gelang dann doch. 

Nicht den amtlichen Stellen.

Journalisten des Hamburger “SPIEGEL” hatten die Fährte aufgenommen. Und waren erfolgreich. Konnten des international Gesuchten in Moskau aufspüren. Hatte zwar fünf Jahre lang gedauert, aber ebenso lange waren auch Polizei und die Geheimen hinter ihm her. 

Wie das gelang, haben die SPIEGEL-Journalisten Mitte September 2025 beschrieben: “So hat der SPIEGEL Jan Marsalek aufgespürt”.

Quintessenz: Unmögliches ist möglich geworden.

Johannes Ludwig