Die Zeiten sind politisch aufgeladen. Seit dem Sechs-Tage-Krieg im Nahen Osten 1967 eskaliert der Terror. Flugzeuge werden entführt. Bomben explodieren. Über einen Knast-Kumpel, den Rechtsextremen Udo ALBRECHT, den Pohl schon 1960 kennenlernte und der lange vor 1970 enge Drähte in die nahöstliche Szene geflochten hat, ist ALBRECHT's und POHL's „Nationalsozialistische Kampfgruppe Großdeutschland“ mit Terroristen aus ARAFAT's "El Fatah" in Kontakt gekommen. Die Fatah hat sich die Olympischen Spiele als Tatort für ihren bisher größten Anschlag ausgesucht. Ihr Kalkül: Mit dem Kidnapping von Israels Olympiateam lässt sich weltweit Schlagzeilen erzeugen - und damit Aufmerksamkeit für die Lage der Palästinenser. Dabei ist es egal, ob die als einheimische Unterstützer zu werbenden Laufburschen politisch rechts oder links angesiedelt sind. Eine ausgeprägte Judenfeindlichkeit ist wichtig. Anders als ALBRECHT, der nach Autoklau- und Sprengdelikten gerade in einem österreichischen Gefängnis sitzt und mit dem er von Dortmund aus unter dem Codewort „James“ kommuniziert, steht POHL den Palästinensern zeitnah zur Verfügung.
Ende Juni /Anfang Juli 1972 kommt es zum Erstkontakt von POHLl und Abu DAOUD. Der Ort ist eine Kneipe mit Namen „Die alte Zeit“. Dort fühlt sich der Deutsche vom Gegenüber beeindruckt. „Ein charismatischer Mensch von hoher Statur. Wenn er einen Raum betrat, guckten alle auf. Gesicht und seine Hände hatten Folternarben“. Er habe „Bedrohliches“ an sich gehabt, so Pohl. „Ich ahnte, der kann über Grenzen gehen“. Für einen Abenteurer wie ihn verlockend. Zum Treff für weitere Gespräche in diesen Tagen wird der „Römische Kaiser“, das Hotel an der Kleppingstraße, wo sich der Palästinenser eingebucht hat.
Der Dortmunder bringt einen Schotten aus Bochum als Dolmetscher mit, ein John CAMPELL laut Fernschreiben. Dieser Schotte, auf dessen Aussagen offenbar wichtige Teile des Warntelex der Dortmunder Polizei fußen, gibt einige Rätsel auf. Die DDR-Staatssicherheit, die POHL's Lebenslauf detailliert verfolgt hat, mutmaßt später, der Dolmetscher könne ein westlicher Agent gewesen sein. Vielleicht aber hat der Schotte im Zeugenverhör bei der Dortmunder Polizei einfach nur erzählt, was er beim Übersetzen erfahren hat, denn die Gespräche mit Abu DAOUD „zogen sich über eine Woche hin und und dienten einem vorsichtigen Ausloten von Bereitschaft und Angebot“, so POHL fast 50 Jahre später. Nach Beschreibungen des Deutschen redete man bei diesen Dortmunder Treffs über die Beschaffung von drei hochwertigen Kraftfahrzeugen, um die Abu DAOUD POHL bittet, über die Vermittlung eines Passfälschers und darüber, dass Pohl den Araber für einige Zeit quer durch die Bundesrepublik chauffieren soll. Zusätzlich ist ein Freipressen des in Österreich einsitzenden Udo ALBRECHT Thema gewesen. Doch wusste der Deutsche am Ende konkreter, dass sein Gesprächspartner ein Attentat auf die Spiele von München vorbereitet? POHL streitet solche Vorkenntnis ab. Zumindest für diesen Zeitpunkt.
Während die Polizei im Ruhrgebiet erste Ermittlungen führt und das Fernschreiben aussendet, nutzen Abu DAOUDund Willi POHL Dortmund als Ausgangspunkt mehrerer Erkundungstouren. POHL hat mit Geldscheinen, die ihm Abu DAOUD im „Römischen Kaiser“ übergeben hat, die drei Fahrzeuge beschafft. Zwei werden in den Libanon überführt, mit dem dritten fahren sie in den vorolympischen Wochen 1972 nach Frankfurt und Köln zu Treffen mit weiteren Unbekannten. Arabisch sei da gesprochen worden, sagt POHL, der kein Arabisch versteht. In Köln seien gutgekleidete, möglicherweise libysche Diplomaten aufgetaucht. Vielleicht hätten sie die Waffen für das Münchner Attentat geliefert, spekuliert er später. Mit dem Westfalen Wolfgang ABRAMOWSKIi, dem inzwischen engagierten Passfälscher, fährt er Ende Juli über Italien nach Beirut zu den arabischen Auftraggebern.
Das Fernschreiben aus Dortmund vom 12. Juli 1972 enthält wichtige Erkenntnisse. Es nennt nicht nur Namen, die aktenkundig sind und mit dem Terrorismus in Zusammenhang stehen. Es nennt auch erstmals eine Verbindung zwischen Palästinensern und deutschen Rechtsterroristen. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft leitet in diesem Juli ein Verfahren wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung ein. Das alles ist alarmierend. Eigentlich. Doch außerhalb Dortmunds passiert - nichts. Erst im November werden Münchner Staatsanwälte das Verfahren ihrer Dortmunder Kollegen von Juli übernehmen, zwei Monate nach dem Attentat. Warum wurde die Warnung von anderen Behörden nicht ernstgenommen?
Ein erfahrener Kriminalpolizist, dem wir den Vorgang vorgelegt haben, warnt vor voreiligen Schlüssen aus einem Abstand von fünf Jahrzehnten. Es könne sein, dass im Juli 1972 durchaus Ermittlungen gestartet wurden, die ins Leere gelaufen sind. Nur sei dies vielleicht nie schriftlich festgehalten worden. Ergo: Niemand weiß mehr davon. Und da sei auch diese dreifache Formel „eee“ im Telex-Kopf auffällig. Es sei die Kennzeichnung einer nur geringen Dringlichkeitsstufe.