Der Terror beginnt - 1970 auf deutschem Boden

rekonstruiert von Dietmar SEHER

Vorbemerkung:

Vor mehr als fünf Jahrzehnten kommt es zu einer Attentats-Welle gegen jüdisches Leben in Deutschland. Die Geschichtsbücher haben die brutalen Taten und die möglicherweise mehr als 50 Todesopfer fast vergessen und auch, dass es durchaus erkennbare Zusammenhänge gab. Deutsche Behörden haben sie nur nicht immer sehen wollen. Was ist damals passiert? Wer steckte dahinter? Und was bedeutet ein FBI-Papier, das von „zwei nicht identifizierten Westdeutschen“ spricht? 1970 führte die belegbare Spur ins linksradikale Lager. Als zwei Jahre später Palästinenser israelische Olypiateilnehmer als Geiseln nehmen, spielen wieder deutsche Extremisten eine wichtige Rolle. Diesmal vom rechten Flügel.


David JAKUBOWIEC wohnt im Altenheim des Israelitischen Gemeindezentrums in der Isarvorstadt von München. Am frühen Abend des 13. Februar 1970 verschiebt der 60jährige seine geplante Reise. Der gläubige Jude hatte zwar schon die Koffer gepackt. Aber er will nicht am nächsten Tag fliegen, sondern lieber später. Zu heilig ist ihm die Sabbatruhe. Gebucht hat er ohnehin nur den Hinflug nach Tel Aviv. JAKUBOWIEC, der die KZ der Nazis überlebt hat, möchte Deutschland endgültig verlassen und in Israel, dem Land der Vorfahren, friedlich alt werden.

Das ist ihm nicht vergönnt. Kurz vor 21 Uhr rasen Einsatzfahrzeuge in die Reichenbachstraße 27. Der Dachstuhl des Gemeindehauses steht in hellen Flammen. In Fenstern stehen Verzweifelte, die schreien: „Wir werden vergast. Wir werden verbrannt.“ Jemand hat im hölzernen Treppenhaus 20 Liter eines Benzin/Öl-Gemischs angezündet. Später findet man einen angekokelten Aral-Kanister in braunem Packpapier. Die Aufzugtür wurde bewusst blockiert, der Fluchtweg so abgeschnitten. Das Feuer konnte sich im berüchtigten „Kamineffekt“ von unten nach oben fressen. David JAKUBOWIEC überlebt das so wenig wie sechs weitere jüdische Bewohner: Regina BECHER, 59. Georg PFAU, 63, Rosa DRUCKER, 59 und Siegfried OFFENBACHER,71, sterben hinter einer Flammenwand. Arie Leopold GIMPELl, 50, wird leblos auf der Toilette gefunden. Max BLUM, 71, ist aus dem 4. Stock in den Tod gesprungen. 15 Menschen werden schwer verletzt.

Fünf Jahrzehnte ist das fürchterliche Verbrechen her. Nach Abschluss eines letzten Wiederaufnahmeverfahrens nannte die Bundesanwaltschaft, Deutschlands oberste Fahnder, am 23. November 2017 als Motiv, „dass sich der Brandanschlag gegen die Bewohner des Altenheims als Teil der jüdischen Bevölkerung in Deutschland richtete“. Damit ist klar: 25 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft gab es im Land der Täter einen tödlichen Ausbruch von Judenhass. Und mehr: Der Anschlag könnte zu einer gezielten Terror-Serie gehört haben, die heute fast vollständig vergessen ist.

Derzeit müssen Juden erneut bangen. Dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober folgen Gewaltausbrüche auf deutschen Straßen. Dabei zählt die Statistik schon zwischen 1950 und 2021 mehr als 100 lebensbedrohende oder -vernichtende antisemitische Taten. 72 Menschen kamen dabei um. Mindestens. Einzelne Morde waren es wie an dem Erlanger Verleger Shlomo LEVIN und seiner Lebensgefährtin Frieda POESCHKE 1980. 1992 wurde die Garderobenfrau Blanka ZMIGROD in Frankfurt erschossen. Es waren Anschläge wie der gegen Israels Olympiamannschaft 1972, die 15 Menschen das Leben kosteten, oder gegen jüdischstämmige Sprachschüler am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn im Jahr 2000. Ein nie geklärter Vorgang.

NZZ vom 21. Februar 1970. Anklicken öffnet den zweiseitigen Artikel als PDF

Eine Konzentration der Ereignisse um die Jahreswende 1969/70 fällt auf.

Am 8. September 1969 wird Israels Botschaft in Bonn Ziel eines Anschlags mit Handgranaten. Am 9. November ist es nur dem fehlerhaften Zünder zu verdanken, dass eine in der vollbesetzten Synagoge in Westberlins Fasanenstraße deponierte Bombe nicht explodiert. Am 10. Februar 1970 stirbt der 32-jährige Ari KATZENSTEIN auf dem Münchner Flughafen Riem, als Palästinenser eine EL Al-Maschine entführen wollen. Drei Tage später kommt es zur Feuernacht in der Reichenbachstraße mit den sieben Todesopfern. Am 21. Februar detonieren Bomben, die in oder via Deutschland ins Gepäck von zwei Flugzeugen geschmuggelt wurden mit dem Ziel Israel. Während die österreichische Maschine in Frankfurt notlandet, explodiert der Sprengsatz im Frachtraum des Swissair-Jets. Flug 330 Zürich-Tel Aviv stürzt nahe der deutschen Grenze bei Würenlingen in einen Wald. Keiner der 47 Insassen, darunter 20 Israelis, hat das überlebt.

Buchtitel 2013

Keines dieser Verbrechen konnte bis heute rechtskräftig aufgeklärt werden.

In seinem 2013 erschienenen Buch „...wann endlich beginnt bei euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?“ geht der Politikwissenschaftler Wolfgang KRAUSHAAR im Fall des Münchner Altenheim-Anschlags einer Fährte nach, die auch der damalige Staatsanwalt Thomas STEINKRAUS-KOCH für möglich hielt:

Linksextremisten der „Tupamaros Südfront“ im Umfeld von Fritz TEUFEL, Dieter KUNZELMANN und den späteren RAF-Terroristen Rolf HEIßLER, Brigitte MOHNHAUPTund Irmgard MÖLLER, die damals zusammen in der Münchner Metzstraße wohnten, könnten gemeinsam mit der ihnen eng verbundenen palästinensischen Organisation PFLP die Tat geplant haben.

Eine Bekennerbrief-Fährte in die NPD stellte sich dagegen offenbar als Fälschung heraus.

Wie belastbar ist die Spur in den Linksextremismus? In seinen Reihen gab es 1969 gewaltbereite Antisemiten. Einzelne drohten Juden unter Schlagworten wie „Schalom und Napalm“ mit Gewalt. Am 9. November war es nach allen vorliegenden Belegen KUNZELMANN's Gruppe mit dem Bombenleger Albert FICHTNER gewesen, die die Brandbombe in der Berliner Synagoge platziert hatte. Zwar beteuerte die Bundesanwaltschaft im Einstellungsbeschluss zum Altenheim-Anschlag: Sie habe in alle Richtungen ermittelt und Beweiskräftiges nicht mehr finden können. Zumal das vielleicht wichtigste Asservat, der Aral-Kanister, schon 1995 vernichtet worden ist. Aus Vermerken des Bundeskriminalamtes (BKA) geht jedoch hervor, dass der Münchner Altenheim-Brand innerhalb der entstehenden RAF Schocks ausgelöst hat. Die spätere Top-Terroristin Gudrun ENSSLIN soll ihre Komplicin MÖLLER zusammengestaucht haben: „Ihr Arschlöcher. Gut, dass die Sache den Neonazis untergeschoben wurde“. Eine Ohrenzeuge-Aussage dazu liegt vor.

Acht Tage nach dem Altenheim-Brand erfolgen die Attentate auf zwei Passagierflugzeuge, die von München und Zürich nach Israel unterwegs sind.

Swissair-Flugkapitän Karl BERLINGER registriert nach dem Start in Zürich am 21. Februar um 13.14 Uhr einen Druckabfall. Er ruft den Kontrollturm: „Wir müssen zurück“. Es habe eine Explosion im Frachtraum gegeben. Die nächste Viertelstunde wird für die Insassen zur Höllentour. „Feuer an Bord“, meldet das Flugzeug um 13.26 Uhr. 13.27 Uhr: Die Navigationsgeräte fallen aus. 13.33 Uhr: Rauch im Cockpit. „Ich kann nichts mehr sehen“, hören die Lotsen. Nahe der deutschen Grenze bei Würenlingen rast der Jet mit 700 km/h dem Erdboden zu. „330 is crashing, goodbye everybody“, ruft Copilot Armand ETIENNE. Der Abschied.

Zwei Sprengsatz-Pakete an einem Tag. Beide mit dem Ziel Tel Aviv. Beide mit baugleichen Höhenzündern. Das eine in Frankfurt aufgegeben, das andere, tödliche, offenbar in München in einen Zubringerflug nach Zürich. Die Spur der Ermittler führt nach dem Hinweis eines Israeli zur radikalsten palästinensischen Terrorgruppe, zum PFLP-Generalkommando, das sich seit dem Sechstagekrieg 1967 einen blutigen Untergrundkampf mit dem Staat Israel liefert. Zwei Spitzen-Funktionäre werden als Täter enttarnt: Sufian KADDUMIi und Musan JAWHER. Tage vorher waren sie nach Deutschland gereist, hatten sich in Frankfurt und München aufgehalten, dort die Höllenmaschinen zusammengebaut und nach der Aufgabe der Bombenpakete bei der Post wieder nach Nahost abgesetzt. Zwei weitere Palästinenser, die in der Bundesrepublik wohnenden Yasah QASEM und Issa Abu TOBUL, werden unter dem Verdacht der Beihilfe festgenommen, können aber schon bald unbehelligt ausreisen.

Seit fast einem halben Jahrhundert hält sich diese Version von Tat und Tätern. Doch: Ist das die ganze Wahrheit?

Es gibt einen anderen Verdacht.

Irgendwo in Deutschland könnten noch zwei unbekannte ältere Herren leben, vielleicht 80 oder auch 90 Jahre alt. Als junge Männer könnten sie die Bombe in den Flug 330 geschleust und 47 Menschen getötet haben.

FBI-Dokument von 1970. Auf Seite 7 bzw. nach PDF-Zählung 16 der Abschnitt "Profile of the Fedayeen Terrorist". Anklicken öffnet das Dokument

2008 tauchte in der George Washington University, dort am "National Security Archive", eine sieben Seiten lange FBI-Verschlusssache mit ganz eigenem Drehbuch auf: „Arabische Terroristen greifen Westeuropa an. Der Fedayin Terrorist. Ein Profil“. Sie stammt vom Juli 1970. Schweizer Behörden und deutsche Fahnder wollen von ihr nichts gewusst haben.

Die Kapitelüberschrift auf Seite 7 ist den Attentaten vom 21. Februar des Jahres gewidmet und hat Brisanz: „Two unidentified West Germans“.

Danach sind im September oder Oktober des Jahres 1969 zwei junge Männer im Hauptquartier des palästinensischen PFLP-Generalkommando in der jordanischen Hauptstadt Amman aufgetaucht. Sie stellten sich als westdeutsche Sympathisanten der Palästinenser vor. Sie boten Mitarbeit an. Einer wies sich als Elektroingenieur aus. Zum Beweis half er bei einem Bombenbau. Man hielt Kontakt. Am 10. Februar 1970 besuchten wohl KADDUMI und JAWHER, deren Namen in dem FBI-Dokument geschwärzt sind, die neuen Freunde in Frankfurt und baten um Hilfe bei der Höhenzünder-Konstruktion.

Die Westdeutschen halfen den Terroristen, die Höhenmeter mit dem Sprengsatz zu verkabeln“, stellt das FBI fest, das von einem Informanten noch einen weiteren Hinweis erhalten haben will. Die Bomben seien mit israelischer Empfängeradresse verpackt worden. Der erste Deutsche habe ein Paket in Zürich aufgegeben, der zweite in Frankfurt.

Das FBI-Papier, das wir hier präsentieren (siehe Bild), lässt nach weiteren Recherchen den Schluss zu, dass die zeitlich nahen Attentate des Jahresübergangs 1969/1970 im Zusammenhang stehen und von derselben Tätergruppe verübt worden sein können. Denn in der genannten Zeit im Jahr 1969 waren tatsächlich zwei westdeutsche Gruppen bei den Palästinenserführern in Amman. Es waren Vertreter der 1968er-Studentenbewegung. Elf Angehörige des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, kamen im August, unter ihnen Absolventen technischer Fachrichtungen. Fünf Aktivisten der „Tupamaros“ reisten im September mit einem Ford Transit an. Mit dabei: Szenegröße und Antisemit KUNZELMANN, dessen Name im Zusammenhang mit der Altenheim-Brandstiftung genau so fällt wie beim Anschlag auf die jüdische Synagoge in Berlin. Er traf in Amman laut eigenem Tagebuch „Abu LUTOFF“ - der Kampfname für Faruk, den Bruder des mutmaßlichen Swissair-Täters KADDUMI.

Keine Justizbehörde der Welt ermittelt noch wegen der Taten. Die meisten Zeugen und Verdächtigten leben ja auch nicht mehr. KUNZELMANN starb 2018 in Berlin. Geschichtsbücher beschäftigen sich so gut wie nicht mit dem Terror der Jahre 1969 und 1970. Auf den 1073 Seiten der „Erinnerungen“ des verstorbenen damaligen Innen- und späteren Außenministers Hans DIETRICH-GENSCHER werden diese Vorfälle ebennfalls nicht erwähnt..

Wer die Brandstifter und Bombenleger waren? Rechte? Linke? Palästinenser?

Charlotte KNOBLOCH, die über 80-jährige frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte uns dazu: „Es gab zu dieser Zeit eine Szene mit einem gewissen Antisemitismus. Sie könnten ja bei der Tat miteinander verbunden gewesen sein, weil sie einen gemeinsamen Feind hatten“.

Dortmund: die Spur der Neonazis

Diese Zeit“, die Charlotte KNOBLOCH da beschreibt, ist auch zwei Jahre später nicht zu Ende. Der Antisemitismus findet 1972 mit dem Anschlag auf die Olympischen Spiele eine Fortsetzung. Wieder ist München der Tatort. Und wieder spielen deutsche Extremisten eine Rolle. Diesmal andere.

Ein Terrorist mit der Maske. Ein Araber mit dem drohenden Zeigefinger und dem weißen Hut. Die blutigen Leichen junger jüdischer Sportler. Die ausgebrannten Hubschrauber auf dem Flugfeld Fürstenfeldbruck. Solche Bilder haben sich eingeprägt. Im Herbst vor fünf Jahrzehnten nahm der „Schwarze September“ in München Israels Olympiateam in Geiselhaft. Die geplante Befreiung durch deutsche Sicherheitskräfte endete in einem Fiasko. Am 5. und 6. September 1972 starben elf Israelis, fünf der acht palästinensischen Geiselnehmer und der bayerische Polizeibeamte Anton FLIEGERBAUER gewaltsam. Nur wenig bekannt ist: Wichtige Spuren im Vorfeld dieser Terror-Tat führen zu deutschen Unterstützern aus dem rechtsextremen Lager. Innerhalb des deutschen Sicherheitsapparates hatte es Monate zuvor, im Juli, erste Hinweise auf Terror-Vorbereitungen gegeben.

Bis heute ist unklar, weshalb diese nicht ernster genommen wurden. Hätte das Blutbad verhindert werden können? Ein 50 Jahre altes Fernschreiben wirft diese Frage auf:

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Das Telex ist 33 Zeilen lang, verteilt auf eineinviertel DIN A 4-Seiten. Jüngeren kommt es wie ein Relikt aus einer anderen Zeit vor. Keine Emails, keine SMS, keine social media gab es damals. Firmen, Medien und auch Polizeibehörden haben per Ticker kommuniziert. Scheinbar rätselhafte Kürzel zieren den Seitenkopf: +eee nwdopf nr.420 1207 1630=. Jahrzehnte lang blieben dieses Fernschreiben und seine Brisanz verborgen. Es belegt: In der City der Ruhrgebietsstadt Dortmund haben führende palästinensische Terroristen im Frühsommer 1972 den Anschlag auf die Olympischen Spiele von München vorbereitet. Hier haben sie als Helfer eine rechtsextreme deutsche Terrorgruppe angeheuert. Die Dortmunder Polizei hat fast zeitgleich Kenntnis von diesen Vorgängen erhalten und mit dem Schreiben bundesweit Kollegen ausdrücklich vor einem drohenden Terrorakt gewarnt.

Noch sind es 45 Tage bis zur feierlichen Eröffnung der Spiele von München. „Übermittlung auf dem Funkweg verschlüsseln“, setzt der Kriminalhauptkommissar DENKERT vom Dortmunder Polizeipräsidium an die Spitze seines Textes, bevor er das Fernschreiben am 12. Juli 1972 um 16.30 Uhr an sechs Dienstellen im ganzen Bundesgebiet schickt - an die Landeskriminalämter von NRW und Bayern, die Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes, den NRW-Verfassungsschutz, das Polizeipräsidium Düsseldorf und an das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln. Dann schreibt er in der Betrifftzeile den entscheidenden Satz auf, der die frühe, deutliche Warnung enthält:

                                                          „Vermutlich konspirative Tätigkeit palästinensischer Terroristen“.

DENKERT berichtet seinen Kollegen von einem Ereignis einige Tage zuvor. Ein kaufmännischer Angestellter mit Namen Willi POHL habe am 8. des Monats seinem Arbeitgeber, einem Dortmunder Häusermakler, einen Blankoscheck im Wert von 7200 D-Mark gestohlen und sei danach abgetaucht. Der Arbeitgeber hat die Straftat bei der Dortmunder Polizei gemeldet. Der Erstatter der Anzeige hat zusätzlich zu Protokoll gegeben: Vor dem Scheckraub habe der POHL erzählt, er arbeite für arabische Freischärler von der "El Fatah". Der Scheckdieb habe sich eine Woche zuvor mit einem geheimnisvollen Araber getroffen. Der nannte sich „Souli“. Dortmunder Fahnder ermittelten schnell: Im Hotel hat der Mann sich als Wali SAAD eingetragen.

Wali SAAD: ein Tarnname. Der Hotelgast hieß in Wirklichkeit Abu DAOUD. Er war ein hochrangiger Palästinenserführer, zu dieser Zeit nach Yassir ARAFAT die Nr. 3 in der Spitze der palästinensischen El Fatah und mit Ali SALAMEH der Anführer der kleinen, aber gefährlichen Terrorgruppe, die sich „Schwarzer September“ nannte.

Willkommensseite des ehemaligen Hotels "Römischer Kasier"

Aus den in dem Fernschreiben zitierten ersten Untersuchungen der Dortmunder Polizei geht hervor, dass Abu DAOUD mindestens fünf Mal, vom 29. Juni bis 1. Juli und vom 7. bis zum 10. Juli 1972, im Hotel „Römischer Kaiser“ in Dortmund an der Ecke Kleppingstraße/Olpe übernachtet hat. Heute heißt dieses Hotel „Mercure“ und liegt unmittelbar neben dem Rathaus der Stadt. Im „Römischen Kaiser“ muss der Araber, der von dem Kriminalhauptkommissar als „ca. zwei Meter groß, sehr schlank, kleines Bärtchen, schwarze Haare, arabisches Aussehen und dunkler Anzug“ beschrieben wird, zahlreiche Telefonate mit Komplicen in Beirut, Kairo und Tripolis geführt haben. Wahrscheinlich köderte er von hier weitere Helfer für den geplanten Anschlag in München - und vor allem die nötigen Waffen. Abu DAOUD war der Chefplaner des Attentats. Dortmund war, neben München selbst, seine Einsatzzentrale.

Auch Abu DAOUD's deutscher Gesprächspartner, der Scheckdieb Willi POHL, hat Tarnnamen genutzt. Er war eng in der rechtsextremen Szene des Ruhrgebiets verdrahtet. 1972 arbeitete er bei dem Dortmunder Makler. Der Bürokaufmann nahm dort nach eigenen Angaben die Aufgabe eines Geschäftsführers wahr, wenn der Boss nicht da war. So steht es in seinem 2020 neu aufgelegten Buch „Geblendet“, das Willi POHL unter dem Namen Willi VOSS als seine Lebensgeschichte aufschrieb: "Geblendet. Ein Mann drei Leben".

Es gibt einige Widersprüche. Dass er sich schon vor dem Treffen mit Abu DAOUD „längere Zeit im Libanon aufgehalten“ hatte, wie es aus dem Polizei-Fernschreiben hervorgeht, taucht in seiner Autobiografie nicht auf. Er habe damals, 1972, einen Dienstwagen gefahren und in der Saarlandstraße gewohnt, schreibt er. Die Polizei gibt dagegen als seine, nicht offiziell gemeldete, Adresse die Moltkestraße 1 im Osten der City an. Doch verrückt ist sein Leben schon immer verlaufen, kann man sagen. Zuerst „Halbstarker“ und Häftling in Jugendanstalten, lebt Willi POHL alias E.W. PLESS alias Willi VOSS heute in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Hannover. Er ist Ende 70 und hat sich von seiner Vergangenheit längst gelöst.

Dortmund im Frühsommer 1972 - vor dem Münchner Olympia-Attentat

Die Zeiten sind politisch aufgeladen. Seit dem Sechs-Tage-Krieg im Nahen Osten 1967 eskaliert der Terror. Flugzeuge werden entführt. Bomben explodieren. Über einen Knast-Kumpel, den Rechtsextremen Udo ALBRECHT, den Pohl schon 1960 kennenlernte und der lange vor 1970 enge Drähte in die nahöstliche Szene geflochten hat, ist ALBRECHT's und POHL's „Nationalsozialistische Kampfgruppe Großdeutschland“ mit Terroristen aus ARAFAT's "El Fatah" in Kontakt gekommen. Die Fatah hat sich die Olympischen Spiele als Tatort für ihren bisher größten Anschlag ausgesucht. Ihr Kalkül: Mit dem Kidnapping von Israels Olympiateam lässt sich weltweit Schlagzeilen erzeugen - und damit Aufmerksamkeit für die Lage der Palästinenser. Dabei ist es egal, ob die als einheimische Unterstützer zu werbenden Laufburschen politisch rechts oder links angesiedelt sind. Eine ausgeprägte Judenfeindlichkeit ist wichtig. Anders als ALBRECHT, der nach Autoklau- und Sprengdelikten gerade in einem österreichischen Gefängnis sitzt und mit dem er von Dortmund aus unter dem Codewort „James“ kommuniziert, steht POHL den Palästinensern zeitnah zur Verfügung.

Ende Juni /Anfang Juli 1972 kommt es zum Erstkontakt von POHLl und Abu DAOUD. Der Ort ist eine Kneipe mit Namen „Die alte Zeit“. Dort fühlt sich der Deutsche vom Gegenüber beeindruckt. „Ein charismatischer Mensch von hoher Statur. Wenn er einen Raum betrat, guckten alle auf. Gesicht und seine Hände hatten Folternarben“. Er habe „Bedrohliches“ an sich gehabt, so Pohl. „Ich ahnte, der kann über Grenzen gehen“. Für einen Abenteurer wie ihn verlockend. Zum Treff für weitere Gespräche in diesen Tagen wird der „Römische Kaiser“, das Hotel an der Kleppingstraße, wo sich der Palästinenser eingebucht hat.

Der Dortmunder bringt einen Schotten aus Bochum als Dolmetscher mit, ein John CAMPELL laut Fernschreiben. Dieser Schotte, auf dessen Aussagen offenbar wichtige Teile des Warntelex der Dortmunder Polizei fußen, gibt einige Rätsel auf. Die DDR-Staatssicherheit, die POHL's Lebenslauf detailliert verfolgt hat, mutmaßt später, der Dolmetscher könne ein westlicher Agent gewesen sein. Vielleicht aber hat der Schotte im Zeugenverhör bei der Dortmunder Polizei einfach nur erzählt, was er beim Übersetzen erfahren hat, denn die Gespräche mit Abu DAOUD „zogen sich über eine Woche hin und und dienten einem vorsichtigen Ausloten von Bereitschaft und Angebot“, so POHL fast 50 Jahre später. Nach Beschreibungen des Deutschen redete man bei diesen Dortmunder Treffs über die Beschaffung von drei hochwertigen Kraftfahrzeugen, um die Abu DAOUD POHL bittet, über die Vermittlung eines Passfälschers und darüber, dass Pohl den Araber für einige Zeit quer durch die Bundesrepublik chauffieren soll. Zusätzlich ist ein Freipressen des in Österreich einsitzenden Udo ALBRECHT Thema gewesen. Doch wusste der Deutsche am Ende konkreter, dass sein Gesprächspartner ein Attentat auf die Spiele von München vorbereitet? POHL streitet solche Vorkenntnis ab. Zumindest für diesen Zeitpunkt.

Während die Polizei im Ruhrgebiet erste Ermittlungen führt und das Fernschreiben aussendet, nutzen Abu DAOUDund Willi POHL Dortmund als Ausgangspunkt mehrerer Erkundungstouren. POHL hat mit Geldscheinen, die ihm Abu DAOUD im „Römischen Kaiser“ übergeben hat, die drei Fahrzeuge beschafft. Zwei werden in den Libanon überführt, mit dem dritten fahren sie in den vorolympischen Wochen 1972 nach Frankfurt und Köln zu Treffen mit weiteren Unbekannten. Arabisch sei da gesprochen worden, sagt POHL, der kein Arabisch versteht. In Köln seien gutgekleidete, möglicherweise libysche Diplomaten aufgetaucht. Vielleicht hätten sie die Waffen für das Münchner Attentat geliefert, spekuliert er später. Mit dem Westfalen Wolfgang ABRAMOWSKIi, dem inzwischen engagierten Passfälscher, fährt er Ende Juli über Italien nach Beirut zu den arabischen Auftraggebern.

Das Fernschreiben aus Dortmund vom 12. Juli 1972 enthält wichtige Erkenntnisse. Es nennt nicht nur Namen, die aktenkundig sind und mit dem Terrorismus in Zusammenhang stehen. Es nennt auch erstmals eine Verbindung zwischen Palästinensern und deutschen Rechtsterroristen. Die Dortmunder Staatsanwaltschaft leitet in diesem Juli ein Verfahren wegen Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung ein. Das alles ist alarmierend. Eigentlich. Doch außerhalb Dortmunds passiert - nichts. Erst im November werden Münchner Staatsanwälte das Verfahren ihrer Dortmunder Kollegen von Juli übernehmen, zwei Monate nach dem Attentat. Warum wurde die Warnung von anderen Behörden nicht ernstgenommen?

Ein erfahrener Kriminalpolizist, dem wir den Vorgang vorgelegt haben, warnt vor voreiligen Schlüssen aus einem Abstand von fünf Jahrzehnten. Es könne sein, dass im Juli 1972 durchaus Ermittlungen gestartet wurden, die ins Leere gelaufen sind. Nur sei dies vielleicht nie schriftlich festgehalten worden. Ergo: Niemand weiß mehr davon. Und da sei auch diese dreifache Formel „eee“ im Telex-Kopf auffällig. Es sei die Kennzeichnung einer nur geringen Dringlichkeitsstufe.

Doch Mitte des Monats August 1972 schlägt die bundesdeutsche Botschaft im Libanon Alarm. Anders als die Dortmunder Polizei im Monat zuvor nennt sie keine Namen, dafür aber einen möglichen Tatort und einen Tatzeitraum. Von „Attentatsplänen aus Anlass der Olympischen Spiele“ will sie erfahren haben und dass Palästinenser während der Spiele „einen Zwischenfall“ planten.

Die Quelle? Sei zuverlässig.

Nur: Auch dieser Hinweis bleibt liegen in Deutschland. Das Bundesamt für Verfassungsschutz verfügt jetzt über zwei warnende Berichte, aus Dortmund und aus Beirut. Beide ergänzen sich fast ideal. Doch sie werden nicht zu einem einzigen Verdachtsfall zusammengefasst.

Das Attentat in München

Szene aus der ARD-Doku "München '72 - Anschlag auf Olympia

Am 26. August werden die Olympischen Spiele von München eröffnet. Am 5. September, früh morgens, schlägt der „Schwarze September“ zu. Der Terror-Helfer Willi POHL aus Dortmund ist in Wien, als die Geiselnahme bekannt wird. Er soll dort den nächsten Auftrag erfüllen und im neutralen Österreich eine Pressekonferenz der PLO nach einem gelungenen Olympia-Attentat organisieren. Noch immer will er nicht ahnen, um was es dabei genau geht - bis zu dem Moment, in dem er in der Kärntner Straße in einem Geschäft eingeschaltete TV-Bildschirme sieht. Schlimme Bilder aus München flimmern vor der sich drängelnden Menschenmenge. POHL: „Mein Körper war wie gelähmt“. Die Pressekonferenz, die er im Auftrag der PLO managen soll, findet gar nicht erst statt. Er setzt sich am 14. September wieder nach Beirut ins Hauptquartier der Palästinenser ab. Diesmal ist es wie eine Flucht.

Alles kommt anders. Es liegt ein Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Düsseldorf vor. Es geht um illegalen Waffenbesitz.

Am Abend des 27. Oktober stürmt die Polizei die Wohnung von Charles JOCHHEIM, eines früheren SS-Mannes, in München-Solln. Sie vermutet dort die Waffen und nimmt, Zufall?, auch zwei junge Männer fest. Sie nennen sich Conrad BERGH und Heinz Dieter LUCHT. Es sind POHL und ABRAMOWSKI. Das bei ihnen sichergestellte Arsenal ist ansehnlich: Drei Maschinenpistolen, viel Munition, fünf Pistolen, sechs Handgranaten. Auffällig: Die Seriennummern passen genau zu den Waffen, die beim Anschlag auf die Spiele zum Einsatz kamen. Außerdem finden sich Bargeld und zahlreiche belastende Dokumente. Für POHL ist das Leben in Freiheit zunächst zu Ende. Und die Palästinenser haben ihre drei in Deutschland inhaftierten Kämpfer längst durch eine Flugzeugentführung freigepresst.

Nach dem Münchner Attentat

Und es kommt wieder anders als man denkt:

Willi POHL wird nach der Münchner Festnahme zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt und Ende 1974 unerwartet freigelassen. Er selbst ist sicher, dass seine Palästinenser-Freunde dafür einen Deal mit der Bundesregierung ausgehandelt haben: Seine Freiheit gegen die Zusage, keine weiteren Attentate auf deutschem Boden zu verüben.

1975 wechselt POHL die Seiten, spioniert in Nahost als „Ganymed“ für die CIA. Alle Verfahren gegen ihn werden eingestellt. Als Willi VOSS beendet er seine beruflichen Laufbahnen als Autor von "Tatort"-Drehbüchern.


Hinweis

Die Geschichte lässt sich direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/Teror-gegen-Israel. Sie bezieht sich auf die 70er Jahre, als alles begann.

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