Ermittlungen und Recherchen

Vorbemerkung:

Behörden haben mehr Möglichkeiten zu ermitteln als recherchierende Journalisten. Staatsanwälte und Kriminalisten haben - im Prinzip - Zugang zu allen Behördenakten, können Zeugen einvernehmen und ggfs. zwangsvorladen und mit richterlicher Genehmigung sogar Durchsuchungen durchführen.

Journalisten haben solche Optionen nicht. Dafür sind sie flexibler in der Planung von Recherchen und müssen sich nicht an Dienstwege, Reisekostenregeln und andere (überholte) Strukturen und Vorgaben des Staatsapparates halten. Journalisten müssen verschlossene Wege durch Kreativität bei der Recheche ausgleichen.

Geheimdiensten stehen praktisch alle Wege offen - sie werden von niemandem wirklich überprüft, denn was sie machen, ist "geheim".

Und so gibt es zu den Terrorvorfällen unterschiedliche Erkenntnisse - je nachdem, wie weit jemand kommt und wieviel Engagement dahinter steht. Für Beamte gibt es tariflich geregelte Arbeitszeiten und Dienstvorschriften. Recherchierende Journalisten kennen so etwas eher nicht. Deswegen kommen sie manchmal weiter als verbeamtete Staatsdiener.


Brandanschlag auf die Israelitische Kultusgemeinde 1970 in München

47 Jahre hatte die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe gebraucht, um zum Ergebnis zu kommen, dass die Ermittlungen eingestelltwerden (müssen): "mangels weiterer erfolgversprechender Ermittlungsansätze."

Absturz der Swissair 1970

Schweizer Bundesanwälte haben 2017 eine zweite Ermittlung zum Absturz eröffnet. Angehörige der Opfer hatten Druck gemacht. Das Verfahren wurde im August 2018 endgültig wegen Verjährung eingestellt, das FBI-Papier aus formalen Gründen zurückgewiesen: „Die unbelegte, nicht überprüfbare These eines Mitwirkens zweier nicht identifizierter Westdeutscher beim Bau der Sprengsätze stellt strafprozessual keine relevante Tatsache dar, sondern eine Vermutung aus dem nachrichtendienstlichen Bereich“, so die Begründung der Bundesanwaltschaft Bern.

Im Februar 2020 veröffentlichte die "Neue Zürcher Zeitung" eine Recherche, die, gibt sie das Geschehen richtig wieder, im Umfeld des Swissair-Absturzes vor allem deutschen Behörden eine Mitverantwortung gibt. Danach ist Israels Geheimdienst Mossad den Attentätern KADDUMI und JAWHER Tage vor den Anschlägen auf die beiden Flugzeuge auf die Spur gekommen. Die Israelis hörten die teils privaten Telefonate der nach Deutschland gereisten Araber mit ihren Familien im Nahen Osten ab. Sie werteten sie aus und erfuhren dabei von den Anschlagsplänen.

Unter Berufung auf ein Gespräch mit einem ehemaligen hochrangigen US-Agenten berichtete die Schweizer Zeitung: „Aufgrund dieser Geheimdienstinformationen ergriffen die israelischen Sicherheitsbehörden... Maßnahmen, mit denen sie … Flugzeuge der El Al aus dem Schussfeld nahmen“. Sie lenkten die Fracht von israelischen Jets um: auf Flugzeuge der AUA und der Swissair.

Um es auf diesen Maschinen nicht zu einer Explosion kommen zu lassen, warnte der Mossad den deutschen Bundesnachrichtendienst vorab und informierte sie über die Anschlagspläne. Laut Angaben des US-Agenten ist „die Information aus Israel zum Schluss an das Landesamt für Verfassungsschutz in Hessen gelangt“ - und blieb dort schlicht liegen. „Eine mögliche Erklärung wäre, dass man in Deutschland, im Gegensatz zu Israel, damals wenig sensibilisiert war für Terroranschläge und man dem Hinweis zu wenig Beachtung schenkte“. Der Informant sagte der Neuen Zürcher Zeitung, in USArchiven gebe es „stapelweise“ Akten zum Absturz-Desaster in Würenlingen. Sie seien alle „unter Verschluss“.

Wo, wissen wir (derzeit) nicht.

Das Telex an alle LKA's und andere Behörden: Warnung vor einer "konspirativen taetigkeit palestinensischer terroristen" wenige Wochen vor dem Olympia-Attentat

Dokumente zu finden, die schon 50 Jahre zuvor offenbar viel zu schnell in der Ablage P(apierkorb) wichtiger Behörden gelandet sind - das ist nicht so leicht, wie wir bei den Recherchen zum Thema des Terror in den Jahren 1970 und 1972 erfahren konnten. Bei der Vorarbeiten für einen Bericht der Dortmunder Ruhrnachrichten im Mai 2022 suchten wir nach dem Fernschreiben, mit dem die Polizei der Ruhrgebietsstadt mehrere Wochen vor dem Anschlag auf die Olympischen Spiele von München im Jahr 1972 ihre Kollegen bundesweit über ein brisantes Treffen in einem Hotel informiert hatte. Das Treffen war Teil der Planung von palästinensischen Terroristen mit deutschen Rechtsextremen. Niemand reagierte.

Das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL berichtete erst 2012 über den Vorgang, ohne das Fernschreiben in vollem Wortlaut zu veröffentlichen. Doch weder bei der Polizei in Dortmund noch bei Archiven in Nordrhein-Westfalen ließen sich 2022 die eineinhalb Seiten auftreiben.

Auf Ratschlag des Polizeipräsidiums kam es aber zu einem Kontakt mit dem Bayerischen Landeskriminalamt. Das verwies an das Staatsarchiv des Freistaats, wo ältere Aktenbestände routinemäßig untergebracht sind. In einem längeren Telefongespräch recherchierten wir gemeinsam mit dem Archivleiter Gerhard ÜRMETZ am anderen Drahtende mit mehrfach wechselnden, passenden Stichworten im digitalen System des Archivs. Nach etwa zehn Minuten rief FÜRMETZ: "Ich habs"!

In seiner anschließenden EMail hieß es: "Dank Ihrer genauen Hinweise konnte ich das gesuchte Fernschreiben der Dortmunder Polizei vom Juli 1972 in einem bereits archivierten Akt des Bayerischen Landeskriminalamtes zu Errmittlungen gegen Abu Daoud feststellen (LKA 836)."

Das Olympia-Attentat in München 1972

Dazu gibt es inzwischen mehrere Filme und Dokus. Sogar Steven SPIELBERG hat sich des Thema's angenommen. Alle Filme finden sich - den Titeln nach - auf WIKIPEDIA.