Stalina GUREVICH, Anwältin von Michael BEKETOV, gibt bekannt, dass ihr Mandant aus dem Koma erwacht ist: „Mein Klient ist aus dem Koma erwacht, er hat seine Reflexe wieder. Die Ärzte beurteilen seinen Zustand als schwierig, aber stabil.“ Zudem weist sie darauf hin, dass BEKETOV’s Zimmer nicht bewacht wird: „Das ist damit verbunden, dass niemand Wachpersonal einteilen kann, weil überhaupt keine Ermittlungen geführt werden.“
Ihrer Meinung nach ist der Grund für die schlechten Ermittlungen keine böse Absicht, sondern die übliche russische Nachlässigkeit. Sie führt jetzt selbst Ermittlungen durch.
Sie hat auch eine völlig andere Erklärung, die sie mit Andrej STOLBUNOV teilt, Vorsitzender einer überregionalen öffentlichen Organisation "Gerechtigkeit", der BEKETOV die Anwälte zur Verfügung gestellt hat. Beide vermuten, dass der Bürgermeister selbst nichts mit dem Anschlag zu tun hat, da er gegen BEKETOV bereits gerichtlich vorgeht. „Im März fangen in Chimki die Bürgermeisterwahlen an, dabei ist es nicht ausgeschlossen, dass irgendjemand auf diese Weise den Vorsitzenden der Administration ins schlechte Licht stellen will, denn jeder in der Stadt wusste über seine Gegenwehr gegen BEKETOV“, – sagt die Anwältin.
Und noch eine Vermutung hält sich: Personen aus der Wirtschaft kommen in Frage, die ihr Geld in Bauobjekte an der neuen Maut-Autobahn investiert haben, die aber durch die Demonstrationen der Waldschützer gestört werden.
Julia ZHUKOVA, Leiterin der Presseabteilung des Untersuchungskomitees bei der Staatsanwaltschaft des Podmoskowje, sagt, dass es im Moment keine offiziellen oder konkreten Tat-Versionen gibt, denen die Ermittler nachgehen.
Ein weiterer großer Artikel von Elena KOSTYCHENKO erscheint in der Novaya Gazeta, Titel: "Niemand sucht nach mir".
Dieses Mal geht es um den mutmaßlichen Täter – den ehemaligen Kriminalpolizei (Miliz-)Beamten. Obwohl der BEKETOV-Fall derzeit zu Aufgaben der Staatsanwaltschaft des Moskauer Gebiets gehört, arbeitet die Miliz von Chimki immer noch daran mit – sie unterstützt das Untersuchungskomitee bei operativen Maßnahmen.
„Nachdem die „Novaya“ berichtet hat, dass die Untersuchung faktisch nicht stattfindet, haben die Miliz-Mitarbeiter von Chimki sich geweigert, offiziell mit unseren Korrespondenten zu sprechen. Dafür haben sie aber inoffiziell angegeben – vor uns und vor den Verwandten von Beketov: „Man schimpft mit uns, wir haben aber schon den Mörder gefunden!““ – schreibt KOSTYCHENKO in ihrem Artikel.
Danach berichten die Miliz-Mitarbeiter, dass bei dem Anschlag auf den Journalisten, ein ehemaliger Kriminalpolizeimitarbeiter verdächtigt wird, der im Jahr 2003 entlassen wurde.
Nach ihren letzten Informationen gehörte er zu einer kriminellen Organisation verschwand aber nach dem Anschlag aus der Stadt – jetzt wird nach ihm gefahndet. „Sucht aber selbst nicht nach ihm […] Denn, er schießt zuerst – erst dann denkt er nach“ – warnen die Miliz-Mitarbeiter.
Die Journalisten finden den Verdächtigen recht schnell – geschossen hat er auf sie nicht. Der ehemalige Beamte Jurij B. sagt, dass er nicht vor hat sich zu verstecken. Am Tag des Anschlages und danach sei er in Chimki gewesen. Nur am letzten Donnerstag und Freitag sei er nicht da gewesen – er besuchte seine Schwester. Seinen Nachnamen habe Jurij schon gehört, den Namen "Michael" erfuhr er aus den Zeitungen, nach dem Anschlag.
Dabei erzählt Jurij, dass er BEKETOV (nicht persönlich) aus den früheren Zeiten, durch den ehemaligen Bürgermeister KORABLIN kennt (KORABLIN führte einen politischen Kampf gegen STRELCHENKO auch nach seinem Amtsabtritt) und, dass er nach dem Vorfall mit BEKETOVs Auto, auf Bitte von KORABLIN, eine Anzeige in BEKETOVs Namen verfasst hatte, die im Nachhinein durch die Medien ging.
Zudem erzählt der Verdächtige, dass KORABLIN BEKETOV schätzte und über den Journalisten sagte: „Er ist einer von denen, die ohne Fallschirm springen […] solche Leute brauchen wir“ - erinnert sich Jurij und kommt zu der Schlussfolgerung: „Sieht so aus, dass man diesen fanatischen Journalisten benutzt hat.“
Zu den Beschuldigungen sagt der Verdächtige, dass diese eigenartig seien, denn seit dem Anschlag auf Michael BEKETOV, habe er keinen einzigen Anruf von den Ermittlern erhalten und kein einziger Miliz-Mitarbeiter sei zu ihm gekommen. Er ist sich sicher, dass seine (früheren) bestechlichen Kollegen ihm die Schuld in die Schuhe schieben wollen, die er seinerzeit an die Verwaltung der Kriminalpolizei (Miliz) des Moskauer Gebiets verraten hatte. Jetzt sind sie an den Ermittlungen beteiligt und würden sich so rächen.
„Ich werde selbst zu der Generalstaatsanwaltschaft fahren und einen Antrag stellen. Ich verstecke mich nicht. Jeder der Milizionäre hat meine Handy-Nummer. Sollen die mich anrufen […] und mich vernehmen.“
Daraufhin entschließen sich die Journalisten den Ermittlern zu sagen, wo sich der mutmaßliche Täter befindet - denn er will vernommen werden. Jedoch weigert sich die Miliz von Chimki die Adresse des Verdächtigen aufzuschreiben. Begründung: sie helfen bei den Ermittlungen jetzt nur im operativen Bereich. Den Fall hat jetzt die Miliz des Moskauer Gebiets, darum sollen die Journalisten sich dorthin wenden – Telefonnummern der neuen Ermittler bekommen sie jedoch nicht. Also rufen sie im Polizeipräsidium des Moskauer Gebiets die operativen Diensthabenden an – diese weigern sich auch die Information aufzunehmen. Danach versuchen sie es in der Untersuchungskanzlei. Dort bitten die Journalisten eine Frau, sie mit den Ermittlern zu verbinden oder einfach die Adresse des Verdächtigen aufzuschreiben. Die Kanzlei-Mitarbeiterin fordert aber die Nummer des Falls (Information die für Leute „von der Straße“ nicht zugänglich ist). „Wenn sie die nicht kennen, kann ich Ihnen nicht helfen.“ - sagt die Frau aus der Untersuchungskanzlei. „Aber wir wollen Ihnen helfen!“ - entgegnen die Journalisten. „Ich fürchte, das wird Ihnen nicht gelingen.“ – heißt es am anderen Ende der Leitung.
Danach wollen die Journalisten wissen, wie die Chimki-Medien zu dem Anschlag auf Michael BEKETOV stehen. „Als Journalist interessiert uns Beketov überhaupt nicht“ - sagt Svetlana Anatolevna ZAPOROZHEC, Generaldirektor der Holding `Chimki SMI´ (zu der das städtische Radio und TV gehört).
Ihr Mitarbeiter, Korrespondent Dmitrij NOVOKSCHONOV erklärt, warum die Medien in Chimki über den Anschlag auf BEKETOV kein einziges Wort berichtet haben: „Wir haben uns entschlossen nichts zu berichten, bis eine offizielle Version mitgeteilt wird.“ Der Korrespondent gibt zu, dass BEKETOV ein Profi im Journalismus ist, schlägt dann aber einen anderen Ton ein: „Seine Vorliebe zum Alkohol und den Mädchen von der Leningradka. Er ist sehr konflikthaft, zudem inadäquat. Er hat die Administration angeschwärzt.“
NOVOKSCHONOV ist Autor des Films „Die Nichteinverstandenen“ über die Opposition in Chimki. In diesem spielt BEKETOV einen der Haupt-Antihelden und wird darin als Haupt-Organisator von bestellten Protesten bezeichnet, deren Ziel es ist: „die Macht in der Stadt zu übernehmen, konkreter, die Kontrolle über das Budget“. Als Beweis wird z.B. ein junger FSB-Mitarbeiter gezeigt, deren Gesicht verdeckt ist. Er demonstriert ein Video: „auf dem jemand (man sieht nicht wer) jemandem (man sieht nicht wem) Geld übergibt“ – schreibt KOSTYCHENKO. Im Off-Text heißt es, dass es die Bezahlung für die Teilnahme bei einer Demonstration gegen STRELCHENKO ist.
Dieser Film wurde, zwei Wochen vor dem Anschlag, mehrfach in der Primetime, im Chimki-Fernsehen, gezeigt.
Später konnte man ihn sich auf der Website der Administration (bis zum 25.11.2008) angucken.
Zwischen der Chimki-Stadtverwaltung und den Chimki-Medien herrscht ein familiäres Verhältnis: Svetlana Anatolevna ZAPOROZHEC ist die Ehefrau des stellvertretenden Bürgermeisters, Yevgeniy Ivanovich ZAPOROZHEC. Deren Tochter wiederum arbeitet im Polizeipräsidium des Moskauer Gebiets, das im Fall-BEKETOV ermittelt.
Svetlana Anatolevna gibt ihre Sicht der Dinge (im Bezug auf den Anschlag auf BEKETOV) preis – eine inoffizielle Version des Geschehens, die innerhalb der Stadtverwaltung kursiert: „Er hätte sich weniger mit den Prostituierten und Gastarbeitern beschäftigen sollen, dann wäre alles in Ordnung“.
NOVOKSCHONOV ergänzt das Kommentar seiner Chefin: Es seien, Zuhälter die auf BEKETOV den Anschlag verübt haben, weil – so seine Vermutungen – es sich herausgestellt habe, dass BEKETOV zu Zeiten des Anschlags, Mädchen bei sich im Haus gehabt habe, die er für einen Tag bezahlt hat aber drei Tage behielt. Der Ermittler der Chimki-Miliz, Jurij KOBYLJAZKIJ bestätigt, dass auch diese Version in Betracht gezogen wird