„Kooperieren“ bedeutet immer auch: Man muss selbst bei einem gemeinsamen Ziel
unter einen Hut bringen.
Was dabei notwendige Essentials sein können, ist im Lehrbuch (3. Aufl.) auf S. 231f beschrieben. Hier sollen dazu einige Fallbeispiele Zeugnis abgeben. Denn es war schon immer eine ausgesprochen empfehlenswerte Strategie:
Vier Augen sehen mehr als zwei
und ähnlich verhält es sich mit den Ohren.
Wenn zwei Köpfe über einem Problem brüten, dann kommt die Lösung meistens schneller und oft ist sie dann auch origineller.
Und man kommt arbeitsteilig auch rascher zum Ziel, meistens jedenfalls.
Außerdem: vier Augen und zwei Köpfe entdecken eher einen Fehler als wenn man alleine arbeitet.
Dies praktizieren immer mehr Journalisten und Redaktionen.
Einer der bekanntesten Rechercheverbünde:
Begonnen hatte es mit einer Zusammenarbeit zwischen SZ und NDR, seit 2014 ist auch der WDR mit dabei. Es ist eine informelle, aber eingespielte Zusammenarbeit. Der Rechercheverbund hat weder eine eigene Website noch einen gemeinsamen Etat. Er arbeitet themenbezogen zusammen. Nicht immer sind alle drei dabei. Die Zusammenarbeit basiert auf dem spezifischen Know-how einzelner Journalisten in dem Verbund. Da die Ausspielwege (TV, Print, Online) unterschiedlich sind und fast immer spezifische Vorbereitungen benötigen, läuft jede Recherche und Veröffentlichung anders.
Aber: Veröffentlichungen erfolgen immer abgesprochen zu einem einheitlichen Termin.
Eine fachlich-wissenschaftliche Darstellung dieses investigativen Rechercheverbundes lässt sich in der Online-Fachzeitschrift “Journalistk” lesen: Kooperation trotz Konkurrenz.
Das eben genannte Stichwort “Konkurrenz” stellt bei Kooperationen ein Schlüsselkriterium dar.
Üblicherweise würden bei intensivem Wettbewerb zwei Konkurrenten nicht zusammenarbeiten. Das widerspräche schon dem Gestaltungsprinzip, denn wie es so treffend heißt: "Konkurrenz belebt das Geschäft." Und deswegen ist eine solche Situation mehr als selten.
Die Konkurrenz bezieht sich dabei weniger auf die Art des Mediums als vielmehr auf das Publikum. Anders gesagt: die Zielgruppe der User und die Reichweite. Zwei Tageszeitungen, die in unterschiedlichen Orten berichten, sind keine Konkurrenten, ebensowenig ein Printmedium und ein Fernsehsender bzw. ein TV-Format, das unterschiedliche Nutzer bedient.
So gesehen könnten - theoretisch - SPIEGEL und Focus zusammenarbeiten; die Leserschaft überschneidet sich kaum - Focus-Leser meiden das Hamburger Nachrichtenmagazin und umgekehrt greifen SPIEGEL-Leser so gut wie nie zu Focus. Allerdings würde es inhaltlich kaum passen. Wenn DER SPIEGEL und Report Mainz (Bericht nicht archiviert !) beispielsweise am 6. November 2006 über “Sicherheitsmängel” an deutschen Flughäfen berichten, passt das: die unterschiedlichen Nutzergruppen erhöhen die Reichweite und die Aufmerksamkeit zu diesem Problem.
Ähnlicher Fall: Zwei (nur potenzielle) “Konkurrenten” haben ein gleiches oder ähnliches Anliegen, so dass es inhaltlich zu temporärer Zusammenarbeit kommen kann - ungeachtet der dispersen Leserschaft. Wir haben ein solches Beispiel dokumentiert:
1999 beginnt in Tschetschenien der Zweite Tschetschenienkrieg in aller Brutalität. Die russische Staatsmacht duldet keine Freiräume. Der erste Krieg (1994-1996) hatte rund 100.000 Tschetschenen das Leben gekostet. 200.000 sind in benachbarte Republiken geflohen. Was damals geschah, hatte vor allem die russische Journalistin der Novaya Gazeta, Anna POLITKOVSKAJA, der Weltöffentlichkeit mitgeteilt: Grausamkeiten über Grausamkeiten.
Aus Europa gesehen liegt das Land sehr weit weg. Und die neuerlichen Kampfhandlungen des russischen Militärs lassen nichts Gutes ahnen. Die beiden Moskaukorrespondenten von SZ und FR, Tomas AVENARIUs und Florian HASSEL, die sich natürlich kennen, wollen den Krieg in das Blickfeld der westlichen Öffentlichkeit bringen und reisen deshalb heimlich und inkognito, weil verboten, in das zerschundene Land, interviewen Menschen und machen Fotos, die sie ab 2002 in ihren jeweiligen Blättern veröffentlichen. Die Absprache: Alles gemeinsam machen, schon aus Sicherheitsgründen, und ebenso gemeinsam zu abgesprochenen Terminen veröffentlichen.
Für diese Kooperation und die Aufmerksamkeit für diesen Krieg haben beide 2003 einen “Wächterpreis der Tagespresse” zugesprochen bekommen: www.ansTageslicht.de/Tschetschenien.
Der Redakteur eines Boulevardblatts in den Neuen Ländern, das es nicht mehr gibt, stolpert über diverse Ungereimtheiten: Ein Wessi, der jetzt im Osten Firmen und Arbeitsplätze retten will. Aber der Mythos, mit dem sich der Unternehmer umgibt, passt nicht zu dem, was er macht. Der Redakteur darf erst mal nicht schreiben, was er weiß. Erst als die Staatsanwaltschaft nach einer internen Untersuchung in der Treuhandanstalt Halle selbst durchsucht, kann er veröffentlichen. Sein Chefredakteur kommt nicht mehr umhin, sein ok zu geben.
Gleichzeitig laufen auch in der Regionalzeitung in Göppingen, wo der Wessi-Unternehmer als hoch angesehen gilt, Nachfragen von Gewerkschaften aus Halle ein. Die dortige Redaktion schließt sich jetzt mit den Kollegen in Halle kurz. Und so kommt es zu einer effektiven Zusammenarbeit, weil beide Redaktionen ihre Informationen austauschen. Der Verdacht erhärtet sich: Korruption vom Feinsten. Der Unternehmer landet im Gefängnis.
Die “Stiftung Freiheit der Presse” würdigt diese Kooperation mit einem “Wächterpreis der Tagespresse”: www.ansTageslicht.de/Treuhandanstalt-Halle.
Fussball verbindet. Nicht nur Fans, es können auch Journalisten sein. Das gemeinsame Fußball-Idol: Borussia Dortmund - ein besonderer Fußballverein. Erst Meisterschaft, dann Größenwahn. Die Bosse wollen eine Aktiengesellschaft daraus machen. Um mehr teure Spieler einkaufen zu können.
Das geht schief. Und endet beinahe in der Pleite. Aber die Öffentlichkeit wacht auf: “Kicker” und “SZ” haben hohe Reichweiten. Die beiden maßgeblichen Journalisten, Fredde RÖCKENHAUS in Dortmund, der als Freelance auch für die SZ schreibt, sowie Thomas HENNECKE vom “kicker’” können die Fußballfans und andere Fürsprecher für ausreichend Widerstand gegen die Pläne finanziellen Größenwahns rechtzeitig mobilisieren.
Weil beide Medien unterschiedliche Erscheinungstage haben, kommen die ‘großen’ Enthüllungen abgesprochen immer Montags zur Veröffentlichung, weil da der “Kicker” erscheint. Diese Abstimmung kommt aber erst nach einer Weile zustande. Die dann festgelegten Spielregeln:
Letzteres ist schon deswegen wichtig, weil sich die Fußballbosse zur Wehr setzen.
Wir haben diese Geschichte, für die die beiden maßgeblichen Journalisten 2005 den “Henri-Nannen-Preis” für die “beste investigative Leistung” erhalten haben, in zwei Varianten dokumentiert. Vergleichsweise kompakt unter SZ, kicker, dpa und Ruhr-Nachrichten sowie ausführlich unter www.ansTageslicht.de/Borussia. Dort v.a. im Kapitel “Ein ungewöhnlicher journalistischer Doppelpass”.
Dieses Beispiel skizziert die Entstehungsgeschichte jener Recherchen und Veröffentlichungen, die das geheime weltweit verstreute Gefängnissystem von CIA und US-Regierung ans Tageslicht brachten: effiziente Verhörmethoden durch Bedrohung und Folter, aber außerhalb des Rechtsstaats USA. Im Mittelpunkt steht der britische Journalist Stephen GREY mit seinem 2006 veröffentlichten Buch »Das Schattenreich der CIA. Amerikas schmutziger Krieg gegen den Terror«.
Die Rekonstruktion von GREY’s Recherchen und seinem Netzwerk sowie die »Karriere« dieses Themas, konkret: die Enthüllung weltweit, erfolgte im Rahmen einer Diplomarbeit im Jahr 2007 im Rahmen des Projekts ansTageslicht.de.
Eine kompakte Darstellung gibt es hier unter Das Schattenreich der CIA. Ausführlicher dokumentiert ist alles unter www.ansTageslicht.de/ElMasri, dort insbesondere im Kapitel “Wie die Welt von den geheimen Foltergefängnissen erfuhr”.
Es begann, wie auch zwei Jahre zuvor bei Offshore-Leaks 2013, mit der Anfrage eines anonymen Whistleblowers bei der Süddeutschen Zeitung: Interessiert? Natürlich interessiert!
Seltsamerweise war der Whistleblower bei der New York Times und dem Wall Street Journal aufgelaufen, beide hatten nicht reagiert. Und auch die Plattform Wikileaks hatte keine Anstalten gemacht, zu antworten.
Aber bei der SZ, dort bei den damals beiden Investigativjournalisten Frederik OBERMAIER und Bastian OBERMAYER, war das Informationsangebot mehr als willkommen. Beide hatten auch die Leaks zuvor gemanagt.
Es begann mit den ersten Gigabites. Am Ende waren es 2,6 Terrabyte. Zum Vergleich: Die EPSTEIN-Files mit ihren 3,5 Millionen PDF-Seiten, rd. 2.000 Videos und 180.000 Fotos machen nur einige Hundert Gigabyte aus. Jetzt wird es fast die zehnfache Menge: 11,5 Millionen Dokumente zu rd. 214.000 Briefkastenfirmen, arrangiert und betreut von der in Panama residierenden Kanzlei MOSSACK FONSECA. Unverarbeitbar für eine einzige Redaktion.
Die Folgen für viele Geldwäscher, Waffenschieber, Oligarchen, aber auch Politiker waren drastisch: Der pakistanische Premierminister musste gehen, ebenso der isländische Premier: Sie wurden geoutet. Über Wladimir PUTIN wissen wir jetzt, dass einer seiner engsten Jugendfreunde, der russische Cellist Sergej ROLDUGIN über ein 2 Milliardenkonto verfügt, obwohl er selbst von sich aus immer sagte, er wäre “kein Millionär”. Mag durchaus sein, dass er nicht selbst …
Wir setzen diese Enthüllung weitgehend als bekannt voraus. Wer Details erfahren will, kann dies auf der Plattform des ICIJ (International Consortium of Investigative Journalists) tun: Panama Papers.
Hier interessieren die Spielregeln dieses gigantischen Netzwerks. Sie sind zusammengestellt in einem Beitrag der beiden SZ-Journalisten in dem Sammelband “Investigativer Journalismus in Deutschland” (Hg. Andrea Claudia HOFFMANN), der wiederum auf deren Buchveröffentlichung beruht: OBERMAIER, F. & OBERMAYER, B (2016): Panama Papers. Die Geschichte einer Enthüllung.
Je mehr Leute zusammenarbeiten, umso schwieriger und zeitaufwendiger wird es, alles zu koordinieren und auf die Einhaltung vereinbarter Spielregeln zu achten:
Bei den Panama Papers hat das geklappt. So wie bei den anderen.
lässt sich sagen, dass bei Kooperationen gleich welcher Art
Wie die im Einzelnen aussehen (können), hängt vom jeweiligen Thema, der Recherchesituation, den beteiligten Medien (Print, TV, Online) und den kooperierenden Journalisten ab. Die hier skizzierten Beispiele können Hinweise geben.