In einem Fall ließ sich aus Angaben in Branchenreports eine Höchstmenge für die Produktion herleiten. Im zweiten Fall fand ich einen Insider, der mir die Zahl der tatsächlich hergestellten Geräte verriet. Daraus ergab sich nur ein Bruchteil der von ComRoad auf der Hauptversammlung angegebenen Stückzahlen.
Damit schien das Rätsel gelöst. Kurz vor meiner geplanten Veröffentlichung erklärte Bodo SCHNABEL in einem Interview, es gebe noch einen dritten Hersteller in China – allerdings ohne Namen oder eine Adresse zu nenen. Damit brach meine Geschichte vorerst zusammen. Ich musste die unbekannte Firma finden. Als ich endlich herausfand, dass damit ein Unternehmen namens „VT Electronics“ gemeint war, das es in Wirklichkeit gar nicht gab, hatte ich längst über die Suche nach den Kunden von ComRoad Erfolg gehabt. Jetzt konnte ich nachweisen, dass die Partnerunternehmen in Asien gar nicht so viele Bordcomputer abgenommen hatten, wie ComRoad behauptete.
Und dies war der Weg, wie ich diese Arbeitshypothese ‚wasserdicht‘ machen konnte:
Die Namen und die zugehörigen Länder der 8 Asienpartner hatte ich ja in der Liste der Bankanalysten gefunden und Bodo SCHNABEL hatte sie mir bestätigt. Auf der Hauptversammlung und gegenüber Analysten hatte Bodo SCHNABEL zudem erklärt, wie lange es dauerte, bis ein Partner nach Vertragsabschluss auf Kundensuche gehen konnte und wie viele Testgeräte er bis dahin gewöhnlich abnahm. Nun musste ich noch herausfinden, wer wann Partner geworden war, um eine eigene Umsatzschätzung dafür zu erstellen, wer wann überhaupt wirklich Umsatz machen konnte.
Ich durchforstete alle Pressemitteilungen, Werbebroschüren, Geschäftsberichte von ComRoad. Daraus ergab sich, dass GTS aus Hongkong seit 1999 dazu gehörte und alle anderen Asienpartner erst ab Sommer 2000. Das bestätigte mir auch die Pressestelle von ComRoad. Nun versuchte ich, diese Informationen aus unabhängigen Quellen zu verifizieren, etwa durch Presseberichte. Das gelang aber nur bei „GTS“ aus Hongkong und bei „Globalwatch“ aus Malaysia. Im Internet fand ich Artikel über eine Pressekonferenz im Mai 2001 mit dem „Globalwatch“-Chef. O-Ton: „Globalwatch hat eine exklusive Lizenz von ComRoad für Malaysia gesichert.“ Merkwürdig: Für Malaysia und Hongkong gab es laut SCHNABEL-Liste aus der Bankanalysten-Studie noch einen zweiten Partner, die Fa. „Likom“ (siehe Tabelle vorhin). Was machte die wohl, wenn GTS und Globalwatch Exklusiv-Lizenzen hatten?
Über die anderen 6 Unternehmen fand ich nichts. Die Suche gestaltete sich mühsam, denn außer dem Firmenamen und dem jeweiligen Land, in dem die Firmen domizilierten, gab SCHNABEL nichts preis, auch nicht den Namen der Städte, geschweige denn eine genaue Adresse: „Die mit den Kunden abgeschlossenen Verträge und Vereinbarungen unterliegen der Vertraulichkeit.“
Wie sollten Endkunden aber die Partner finden, wenn die Anschriften geheim waren? Als ich diese Frage Bodo SCHNABEL stellte, brach er den Kontakt zu mir ab.
Ein Kollege und ich versuchten daher, die Asienumsätze für das Jahr 2000 mit den vorhandenen Informationen nachzuvollziehen. Wir fütterten eine Excel-Tabelle mit allen Angaben aus unterschiedlichen Quellen über das ComRoad-Geschäft mit den Bordcomputern bzw. Endgeräten. Ziel dieser Auftstellung war es, eine Art Obergrenze für das Umsatzvolumen zu finden, das ComRoad maximal gemacht haben konnte. Diese Zahlen wollten wir dann mit den Zahlen aus dem Geschäftsbericht vergleichen.
Die Umsätze von „GTS“ kannten wir von meinem Besuch in Hongkong, bei „Globalwatch“ ließ sich eine Umsatzhöchstgrenze auf Basis der Medienberichte schätzen. Bei den anderen sechs Partnern nahmen wir an, dass es sie gab und dass sie seit Sommer 2000 „Partner“ waren.
Im ersten Jahr einer Partnerschaft lieferte ComRoad nach eigener Aussage in der Regel 100 Bordcomputer und den Computerserver, also die Telematikzentrale. Die Preise für die Geräte waren aus offiziellen Preislisten bekannt. Außerdem bekam ComRoad zehn Prozent des Bruttogewinns der Partner als Lizenzeinnahmen. Von der Höhe der Lizenzgebühren hatte ich durch mein Gespräch mit dem „GTS“-Chef und den Presseberichten über „Globalwatch“ eine klare Vorstellung. Die Gesamtumsätze addierten sich daher aus
- den Umsätzen in den Telematikzentralen
- der Anzahl der verkauften Bordcomputer und
- den Lizenzeinnahmen.
Ergebnis unserer sehr vorsichtigen Schätzungen: ComRoad konnte allerhöchstens einen Umsatz in Höhe von 8,795 Mio Euro gemacht haben (vgl. in der Tabelle unter (3)). Die Umsatzlücke zwischen offiziell ausgewiesenem Jahresumsatz (19,9 Mio €) und unseren Zahlen (8,8) betrug demnach 11,1 Millionen Euro – mehr als das, was wir überhaupt an maximalem Umsatz hochgerechnet hatten.
Hier können Sie unsere Schätzungen und Rechnungen nachvollziehen: Es handelt sich um besagte Excel-Tabelle auf drei Seiten (PDF): DAUM_Exceltabelle
Wir wollten SCHNABEL unbedingt mit unseren Ergebnissen konfrontieren. Wir wollten immer noch nicht ganz ausschließen, dass wir doch irgendwie falsch liegen könnten. Auch wenn wir das eigentlich nicht mehr so richtig glaubten. Trotzdem: Wir waren gespannt, wie er uns diese Widersprüche erklären würde.
SCHNABEL konterte: Die „Pilot-Installationen“, die im Normalfall mit 100 Bordcomputern angesetzt waren, könnten sich auch zu mehreren Tausenden addieren. Das war zwar völlig unrealistisch, denn kein Unternehmen der Welt würde mehrere Tausend Testgeräte abnehmen und bezahlen, bevor es mit der Vermarktung beginnen kann.
Wir blieben daher bei den 100 Bordcomputern und rechneten weiter. Wir wählten aber stets die für ComRoad günstigsten Annahmen, etwa den vorteilhaftesten Wechselkurs im gesamten Jahr. Selbst wenn wir unrealistisch optimistische Annahmen zu Grunde legten, wie etwa, dass die ComRoad-Partner keine Kosten hatten, kamen wir auf Umsatzerlöse von höchstens 8,8 Millionen Euro für ComRoad. Das war weniger als die Hälfte der im Geschäftsbericht ausgewiesenen Asien-Erlöse: Dort standen 38 Millionen DM bzw. 19 Millionen Euro. Da auf Asien fast die Hälfte des gesamten Geschäfts entfiel, musste das gesamte Umsatzvolumen – unter der Annahme, dass wenigstens die Umsatzzahlen aus den anderen Regionen stimmten – um mindestens ein Viertel zu hoch ausgewiesen worden sein. Hier die Rechnung nochmals, und diesesmal in Euro: