ONLINE-Ergänzung zu Kapitel 3.2 - Einkreisen:

Dirty Harry: 5 Berichte in der Illustrierten stern

von Rolf LAMPRECHT und Leo MÜLLER


(1/5) Dirty Harry und seine Tricks


Wie ein dubioser Detektiv mit Hilfe eines Münchner Polizisten zum großen V-Mann aufstieg und nun Opfer von Betrügereien abzockt

stern Nr. 20 vom 7.5.1998 - mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und der G+J Pressedatenbank

Alles schien im Leben Münchners Harald Reinhard Krügel schiefzugehen. Der gelernte Koch eröffnete ein Restaurant und ging pleite. Dann stieg er in den Gebrauchtwagenhandel ein und machte Bankrott. Auch mit dem Gesetz hatte Krügel oft Probleme. Insgesamt 45 Einträge weist seine kriminalpolizeiliche Akte aus: Betrug mit illegal erworbenen Schecks, Urkundenfälschung zur Erlangung von Betäubungsmitteln, Automatendiebstahl, Unterschlagung eines Kraftfahrzeugs, Amtsanmaßung, Körperverletzung und Freiheitsberaubung.  Ermittelt wird jetzt gegen ihn wegen des Verdachts der Abgabe einer falschen eidesstattlichen Versicherung, Förderung der Prostitution und der Verleumdung. 

Trotz allem ist Harald Reinhard Krügel, genannt »Harry«, heute mit 39 Jahren ein gemachter Mann: Er bewegt Hunderttausende auf seinen Konten, trägt eine goldene Rolex und fährt zwei Mercedes-Limousinen der S-Klasse.  Der Mann aus München-Pasing betreibt im Nachbarort Gräfelfing einen »Sicherheitsdienst«, über den er schreibt: »Das Team besteht aus hochqualifizierten Profis aus Wirtschaft und Recht".  Ausgezeichnete Verbindungen nach Canada, USA, Südamerika und Bahamas garantieren schnelle Ergebnisse.«  Mit den »hochqualifizierten Profis« meint Krügel sich und seinen Mitarbeiter Hermann Steingraber, der fünf Jahre lang Bodyguard beim früheren Republikaner-Chef Franz Schönhuber war.

Krügel verdankt seine beeindruckende Karriere nicht zuletzt dem Kriminalhauptkommissar G.... H...., „Sonderfahndung Polizeipräsidium München«.  Der baute ihn zu einem der geschäftstüchtigsten V-Leute in der deutschen Halbwelt auf. H.... schanzte seinem Dirty Harry auch Detektiv-Aufträge zu und soll für ihn im Polizeicomputer Personen und Fahrzeuge abgeklärt haben. 

Umgekehrt soll Hauptkommissar H.... zehn Prozent von Krügels Honoraren kassiert  haben, heißt es in einer Strafanzeige die bei der Staatsanwaltschaft München II eingegangen ist.

Wenn es erforderlich war, fuhren der Bulle und der Privatfahnder auch zusammen auf Recherche. Zum Beispiel vergangenes Jahr nach Bolivien. Da nahm H.... bei seiner Dienststelle Urlaub und reiste mit Krügel drei Wochen lang zu einem per Haftbefehl gesuchten Millionenbetrüger, mit dem Harry damals ins Geschäft kommen wollte.

Krügels Masche, nach der auch andere Privatermittler in Deutschland arbeiten: Sie machen sich an Opfer und Täter von Anlagebetrügereien heran, spielen sie gegeneinander aus und versuchen beide Seiten abzuzocken. 

Wie das funktioniert, illustriert der Fall des Sterne-Kochs Alfons Schuhbeck aus dem oberbayerischen Waging. 1986 tauchte in seinem »Kurhausstüberl« der Düsseldorfer Finanz-Jongleur Lutz Winkler auf und machte Schuhbeck schmackhaft, daß man Gewinne von bis zu 40 Prozent einstreichen kann, wenn man ihm sein Geld anvertraut.  Schuhbeck biß an. zunächst riskierte er nur ein paar Zehntausende. Und das Wunder geschah: Winkler kam wenige Wochen später zum Zahltag.  Der Appetit wuchs.  Bald wurden es Hunderttausende, und dann ging es richtig rund.  Von Tisch zu Tisch sprach sich im »Kurhausstüberl« die Kunde von Winklers wunderbarer Geldvermehrung herum.

Mit Plastiktüten und Handtaschen voller Scheine drängte sich Schuhbecks betuchte Kundschaft vor seiner Küchentür, während er die Trüffel hobelte. »Nehmts euern Scheißdreck und stellts ihn ins Wohnzimmer, da stehn schon ein paar Millionen in der Eckn«, wehrte der hemdsärmelige Urbayer seine geldgierige Kundschaft ab.

Die Verlockung war so groß, daß manche sogar zur Bank liefen und Darlehen aufnahmen, um bei Winklers Roulette nichts zu verpassen. Winkler flog manchmal täglich nach Bayern, um seinen Kunden behilflich zu sein. Gelegentlich fuhr er auch in seinem tiefergelegten, von AMG getunten 600er Mercedes mit goldlackierten Radkappen vor.

Der Düsseldorfer, der die Millionen meistens in äußerst riskante Spekulationsgeschäfte mit kanadischen Aktien steckte, kam mit den Placierungen kaum noch nach.  Der gelernte Anstreicher hatte sich das Jonglieren mit anderer Leute Geld mühsam beibringen müssen.  Das Millionen-Verschieben verlangte ihm fast übermenschlichen Einsatz ab.  Sein Hausmeister konnte beobachten, wie sich sein Chef aufopferte: »Ich habe mal gesehen, wie er auf der Toilette urinierte und gleichzeitig mit zwei Telefonen in der Hand mit Kanada und irgend jemand anderem telefonierte.« Schuhbeck wurde es immer unangenehmer anderer Leute Geld für Winkler zu sammeln  und die gigantischen Gewinne wieder auszuzahlen.  Da wußte Experte Winkler Rat und überredete Schuhbeck, in Monaco Präsident der neugegründeten Firma »International Financial Corporation« (IFC) zu werden. Er bekam ein präsidentenwürdiges Drei-Zimmer-Appartement in Monte Carlo und die  IFC ein Konto bei der dortigen Citibank, wo nun der Geldstrom zusammenlief.

Im September 1992 endeten die märchenhaften Zustände jäh. Lutz Winkler wurde  unter dem Vorwurf des Betrugs verhaftet.  Mehr als 100 Millionen Mark sollen zwischen München, Monte Carlo und Montreal verschwunden sein.  Ihrem schönen Geld trauern so prominente Figuren nach wie der Schnulzen-Sänger Costa Cordalis, der TV-Entertainer Michael Schanze, die Tennis-Sportlerin Sylvia  Hanika oder der Sportmanager Ion Tiriac.

Auch Alfons Schuhbeck büßte sieben Millionen Mark ein. Schlimmer noch, der unvorsichtige Küchenmeister wurde mit zur Rechenschaft gezogen: Er kassierte einen Strafbefehl über ein Jahr Gefängnis auf Bewährung und 250 000 Mark Geldstrafe wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung.

Den größten Verlust beklagte Dr.  Bernd Olbricht, der einst sein Erbteil an der Kosmetik-Firma »Wella« versilberte.  Er hatte 21,8 Millionen Mark bei Winkler verloren. 

Nun kam die Stunde von Detektiv Harry Krügel.  Er tauchte im Sommer 1994 bei Olbricht auf und bot sich als Geldeintreiber an.  Krügel stellte sich als V-Mann der Sonderfahndung des Münchner Polizeipräsidiums, des Bayerischen Landeskriminalamtes und des Bundeskriminalamtes vor.  Als Beleg für seine Seriosität zog er einen Vertrag mit dem LKA aus der Tasche.   Das verfehlte seine Wirkung nicht.

Gut machte es sich auch, daß Krügel Neuigkeiten mitbrachte: Auch Schuhbeck sei ein Schurke, der habe Millionen von Anleger-Geldern verbunkert.  An die könne man rankommen.  Olbricht wollte die Botschaft gern glauben und gab Krügel den Auftrag.

Fortan fungierte Olbrichts Sekretariat als Krügels Reisebüro. Der Millionär organisierte und zahlte und Harry flog um die Welt - immer auf der Jagd nach dem Geld, 150000 Meilen allein im vergangenen Jahr.  Per Handy meldete er sich aus Monte Carlo und Toronto, aus Düsseldorf und vom Waginger See. Die Erfolgsmeldungen rissen nicht ab: Mal entdeckte Krügel Schuhbeck-Konten in Liechtenstein dann in Mailand.  Aber er brauche viel Zeit, um da ranzukommen, vertröstete er Olbricht.

Was der nicht wußte: Im August 1995 versuchte Detektiv Harry, auch mit Schuhbeck ins Geschäft zu kommen.  Er bot dem Koch an, ihm die sieben Millionen Mark wieder zu beschaffen, um die der von Winkler betrogen worden war.  Krügel verlangte 150000 Mark Vorschuß, sonst gehe nichts.  Schuhbeck ließ ihn jedoch abblitzen.  Er habe »schon genug Geld« an einen Düsseldorfer Detektiv namens Wolfgang Ufer gezahlt, der nach dergleichen Masche wie Krügel arbeitet und mittlerweile wegen Betruges angeklagt ist.

Nachdem sein Doppelspiel gescheitert war, tat sich Harry Krügel mit dem Münchner Magazin »Focus« zusammen.  Die Spezialisten für »Fakten, Fakten,Fakten«  meldeten sich im Spätsommer 1997 bei Olbricht und erzählten dem betrogenen »Wella«-Erben, sie wollten zusammen mit Krügel groß in den Fall einsteigen.  Im fernen Kanada habe Schuhbeck die Millionen gebunkert.  Zumindest könne man nun dort Beweise in die Hand bekommen,  um den Gejagten endlich des Betrugs zu überführen. Diesmal mußte wenigstens Olbricht nicht zahlen. Für den Trip über den Ozean machte laut Krügel ..... die Kasse auf.

Obwohl das Team weder eine Mark von Schuhbeck noch irgendeinen Beweis für einen Betrug entdeckte, brachte das Magazin den dubiosen Detektiv in zwei Berichten groß raus: »Harald Krügel ...förderte Belastendes zutage.«  Schuhbeck wurde zum Betrüger gestempelt und die Münchner Staatsanwaltschaft öffentlich unter Druck gesetzt, gegen den Sterne-Koch vorzugehen.

Gleichzeitig bestürmte Harry Krügel seinen Zahlmeister Olbricht, Schuhbeck wegen  Betrugs anzuzeigen.  Doch Olbricht zögerte.  Da half »Focus« nach und »bedrängte mich stark«, sagte er dem STERN.  Im November 1997 gab Olbricht nach.  Seither ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft gegen Schuhbeck – bislang ohne konkretes Ergebnis.

Harry Krügel hat derweil einen anderen großen Fisch im Visier. Zusammen mit dem skandalumwitterten V-Mann-Kollegen Helmut Gröbe, der wegen Meineids per Haftbefehl gesucht wird, will Dirty Harry den nach Südafrika geflohenen mutmaßlichen Hamburger Millionenbetrüger Jürgen Harksen zur Strecke bringen. » Dann«, so Krügel, »setze ich mich zur Ruhe.«

 

Zu dieser Story gab es im nachfolgenden Heft (stern Nr. 21 v. 14.5.1998)

folgende Gegendarstellung:

„Gegendarstellung: Im stern Heft 20/98 wird unter der Überschrift 'Dirty Harry und seine Tricks' auf Seite 208 dargestellt, Focus habe sich mit dem Münchner Detektiv Harry Krügel im Fall Schuhbeck zusammengetan. In diesem Zusammenhang behauptet der stern wörtlich: 'Im fernen Kanada habe Schuhbeck die Millionen gebunkert... Für den Trip über den Ozean machte laut Krügel 'Focus' die Kasse auf.'  Hierzu stelle ich fest: 'Für den Trip über den Ozean' hat Focus keine Zahlungen an Herrn Krügel geleistet.

München, den 07. 05. 1998

Helmut Markwort 

alleinvertretungsberechtigter Geschäftsführer der Focus Magazin Verlag GmbH“

 

Anm. d.  Red.: Die Darstellung beruht auf Angaben von Krügel selbst.


(2/5) Zwei V-Männer im Zwielicht

Kontakte zur rechten Szene, Steuerhinterziehung, Betrug, Meineid: 
Die Münchner Polizei und das BKA haben ihre Spitzel offenbar nicht im Griff

stern Nr 21 vom 14. 5. 1998

Morgens um sechs machte die Nachtstreife der Innsbrucker Flughafen-Polizei ihre  letzte Runde durch die Abflughalle.  Routinemäßig überprüften die Beamten die Pässe der wenigen Passagiere.  Bei Helmut Gröbe, geboren am 17. 9. 1945 in München, erschien am Computer das Warnsignal 'Haftbefehl'.

Zehn Jahre lang war Gröbe für das Bundeskriminalamt (BKA) an den Brennpunkten der organisierten Kriminalität in Europa, den USA und Südamerika auf der Jagd nach Drogendealern, Millionenbetrügern, Geldwäschern und ausgebrochenen Häftlingen.  In Wiesbaden wurde VP 572 gefeiert wie ein Held. Doch mittlerweile hat sich herausgestellt, daß 'der Rattenkönig', wie ihn ein ARD-Film nannte, seine Erfolge offenbar häufig durch falsche Anschuldigung und Meineid erzielt hat.  Deshalb wurde er per Haftbefehl gesucht.

Am Tag vor seiner Festnahme hatte sich Gröbe mit einem alten Freund aus München  getroffen: mit dem Privatdetektiv Harald Krügel, dessen Machenschaften der STERN vergangene Woche enthüllte ('Dirty Harry und seine Tricks').  Auch Krügel trat als V-Mann für das BKA, das Bayerische Landeskriminalamt und die Sonderfahndung des Münchner Polizeipräsidiums auf.  Seine Spezialität sind 'Ermittlungen und Aufklärung im Bereich des Anlagebetrugs'. Mit dem Versprechen, ihr verlorenes Geld zurückzuholen, zockt Krügel bei Opfern  Beträge von 150 000 Mark aufwärts ab.  Als Partner erschienen auf seinen Briefbögen die Münchner Rechtsanwälte Sewarion Kirkitadse und Peter Mattil mit Adresse und Telefonnummer.

Obwohl die Stadt München Krügel schon 1996 die Ausübung seines Gewerbes verboten hatte, brachte 'Focus' den angeblichen Super-Detektiv in zwei Geschichten groß raus (siehe auch Gegendarstellung, hier im Anschluß an „Dirty Harry 1“ !).  Eine Informantin von 'Focus' war nach Unterlagen, die dem STERN vorliegen, eine gewisse Maria Bertram.  Sie wurde vom Landgericht Traunstein 1997 dazu verurteilt, 14 Millionen Mark zurückzuzahlen, die sie zum größten Teil von einer Anlegergemeinschaft ergaunert  hatte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Ihr seitenlanger Strafregisterauszug enthält zum Beispiel eine Verurteilung wegen versuchter räuberischer Erpressung von Hans-Dietrich Genscher und Alfons Goppel.  Sie wurde in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen und zehn Jahre unter Führungsaufsicht gestellt.

Unterdessen sind neue Vorwürfe gegen Harry Krügel aufgetaucht. Er soll zusammen mit seinem Mitarbeiter Hermann Steingraber eine renommierte Münchner Heilpraktikerin um ein Vermögen erleichtert haben.  Die Frau hatte bereits Millionen an Anlagebetrüger verloren.  Da tauchten Krügel und Steingraber bei ihr auf und redeten ihr ein, sie müsse ihr restliches Geld bei Banken in Kitzbühel und Kapstadt in Sicherheit bringen.

Die Frau überwies nach heftigem Drängen 1,8 Millionen Mark.  Als sie wieder zur Besinnung kam und ihr Geld zurückforderte, rückte Steingraber eine Hälfte unter Abzug von 20 000 Mark Gebühren wieder heraus. Krügel aber behauptet, er habe der Frau die anderen 900 000 Mark bar in die Hand gedrückt.  Nun ist der Staatsanwalt eingeschaltet.

Trotz solcher Methoden genoß Dirty Harry bei seinem V-Mann-Führer Gert Hartl großes Wohlwollen.  Der Münchner Kriminalhauptkommissar soll ihm, so eine Anzeige, Aufträge zugeschanzt, Druck auf säumige Zahler ausgeübt und zehn Prozent von Krügels Honoraren kassiert haben.  Aufgrund des STERN-Berichts prüft die Münchner Staatsanwaltschaft nun die Einleitung von Ermittlungsverfahren gegen Krügel und Hartl.

Manchmal spielte Hartl auch selbst Privatdetektiv.  So fuhr der Beamte am 30. September 1996 in privatem Auftrag an die Cote dAzur, um in einem Scheidungsfall zu ermitteln, und logierte fürstlich in dem Fünf-Sterne-Hotel 'Hilton' in Cannes für umgerechnet 700 Mark pro Nacht.

Der Polizist nahm offenbar keinen Anstoß an den Kontakten seines V-Mannes zur rechten Szene: Harry Krügel hat auch für den DVU-Chef Gerhard Frey gearbeitet. So rüstete er dessen festungsartig abgeschottete Parteizentrale in München-Pasing mit einem Sicherungs- und Alarmsystem aus, wie Krügel dem STERN bestätigte.

Krügels Mitarbeiter Steingraber war jahrelang Leibwächter des früheren Republikaner-Chefs Franz Schönhuber.  In einer Anzeige, die die Staatsanwaltschaft München I derzeit bearbeitet, wird  ihm vorgeworfen, einen Kontrahenten mit Informationen aus Kriminalakten unter Druck gesetzt zu haben. Nun fragt sich, ob die Informationen von Hauptkommissar Hartl stammen, der seinen Freund Krügel häufiger mit Daten aus dem Polizeicomputer versorgt haben soll.  Sollten auf diese Weise vertrauliche Informationen auch an Rechtsextreme geflossen sein, dann wäre dies ein ungeheuerlicher Datenschutz-Skandal.

Auch der Fall des V-Mannes Helmut Gröbe droht sich zur Affäre auszuwachsen. Gröbe kassierte für seine oft faulen Tips vom BKA ein Vermögen. Doch Steuern zahlen mochte er nicht: Der V-Mann schuldet dem Fiskus 800 000 Mark.

Gegen Gröbes Führungsbeamten im Bundeskriminalamt und den Verbindungsbeamten des BKA in Miami, wo Gröbe ein Restaurant betrieb, laufen disziplinarische Untersuchungen.

Der Fall ist zum Politikum geworden.  Bundesinnenminister Manfred Kanther hat  einen Bericht über Gröbes Treiben angefordert.  Eine interne 'Prüfgruppe' des BKA tut sich aber schwer, weil wichtige Akten fehlen.  Erste Erkenntnisse legen den Verdacht nahe, daß das Bonner Innenministerium aufgrund falscher Angaben des BKA parlamentarische Anfragen in Sachen Gröbe unkorrekt beantwortet hat.


(3/5): "Die sollen in die Füße schießen"

Neues von 'Dirty Harry': Der dubiose Münchner V-Mann Harry Krügel hat einen Kumpel beauftragt, 
zwei STERN-Redakteure massiv zu bedrohen

stern Nr. 27 vom 26.6.1998

Der Mann, der das Handy des STERN-Redakteurs Rudolf Lambrecht anrief, hatte eine kräftige bayerische Stimme.  Langsam und deutlich sagt er in etwa wörtlich:  'Ich werde meinen Namen nicht nennen.  Ich stehe dem Herrn Krügel sehr nahe.  Am Samstag hat sich der Herr Krügel mit drei Leuten aus Kiew getroffen, die der  Rechtsanwalt Kirkitadse beschafft hat.  Ich war am Montag in der Schweiz und habe für Herrn Krügel von der Bank 25 000 Dollar geholt. Das Geld bekommen die Leute aus Kiew. Die haben von Herrn Krügel den Auftrag, Sie und Ihren Kollegen Müller in die Füße zu schießen.'  Dann brach das Gespräch ab.

Kurz zuvor hatten Rudolf Lambrecht und Leo Müller in dem Bericht 'Dirty Harry und seine Tricks' (STERN Nr. 20/1998) enthüllt, wie der zwielichtige Privatdetektiv Harald 'Harry' Krügel mit Hilfe des Kriminalhauptkommissars Gert H. von der Sonderfahndung des Münchner Polizeipräsidiums als V-Mann Karriere machte und die Opfer von Anlagebetrügern abzockt.

Da die STERN-Redakteure herausgefunden hatten, daß Krügel auch dubiose Verbindungen in Staaten des ehemaligen Ostblocks unterhält, nahmen sie den anonymen Drohanruf ernst und schalteten die Münchner Staatsanwaltschaft ein. Ermittler der Kriminalpolizei klärten jetzt mit Hilfe der Daten aus dem D2-Rechenzentrum, von welchem Anschluß das Handy von Rudolf Lambrecht angerufen worden war.  Es handelte sich um das Funktelefon von Josef Junginger, einem Kumpanen von Dirty Harry.

Der Rest war Routine.  Hausdurchsuchung und fünf Stunden Vernehmung, dann das Geständnis.  Krügel habe ihn zu dem Anruf angestiftet und ihm keine Ruhe mehr gelassen, verteidigte sich Junginger.  Zur Begründung habe der Detektiv gesagt: 'Die sollen nichts mehr schreiben.'  Nun wird gegen Junginger wegen Nötigung ermittelt.

Auch Krügel und sein Polizisten-Freund H. haben Besuch von Staatsanwalt und Kripo bekommen.  Laut richterlichem Durchsuchungsbeschluß besteht der Verdacht, daß H. die Privatgeschäfte Krügels durch die Abklärung von Personen- und Fahrzeugdaten im Polizeicomputer förderte und dafür 'Entgelt' nahm.

Über diese und andere Vorwürfe gegen Gerd H. ist das Münchner Polizeipräsidium nachweislich seit dem 5.  Februar 1998 durch eine Anzeige informiert.  Doch es geschah offenbar nichts.  Auch jetzt, wo sich der Verdacht offensichtlich erhärtet, weigert sich die Behörde nach eigener Auskunft noch immer, hausinterne Maßnahmen zur Aufklärung des Falles zu ergreifen.  Anfragen des STERN werden seit mehr als fünf Wochen nicht beantwortet.  Statt dessen beschwert sich das Polizeipräsidium jetzt beim Presserat darüber, daß der STERN Namen und Dienstgrad sowie ein Foto des Sonderfahnders bei einem privaten Ermittlungstrip an die Cote d'Azur veröffentlicht habe.

Auch gegenüber einem Typen wie Harry Krügel erweist sich das Polizeipräsidium seit Jahren als äußerst nachsichtig.  Ohne Folgen für die Zusammenarbeit konnte der Privatfahnder im März 1995 dreiste Werbung für seinen 'Sicherheitsdienst' machen: 'Durch . . . eine lückenlose ständige Zusammenarbeit mit den BKA-Stellen im Ausland, mit dem Bayerischen LKA, der Sonderfahndung München und Dienststellen des PP (Polizeipräsidiums) München ist dieser Sicherheitsdienst immer auf Erfolgskurs.'

Was einem Kunden passiert, der auf solche Sprüche baut, mußte eine Münchner Geschäftsfrau erleben, die 600 000 Mark an einen Betrüger verloren hatte. Krügel, dem das Münchner Kreisverwaltungsreferat Gewerbeverbot erteilt hat, schrieb der Frau für teils sinnlosen Rechercheaufwand eine überhöhte Rechnung. Als die Klientin nicht zahlen wollte, bekam sie Post von Dirty Harry: 'Ich gebe  Ihnen hiermit bis Freitagmittag, den 22. 12. 95, Zeit, den Restbetrag von DM 5192,55 per Scheck auszugleichen.  Sollte es nicht der Fall sein, werde ich mich  mit Ihrem Arbeitgeber . . . in Verbindung setzen . . .' Sollte auch der Arbeitgeber nicht für die Schulden aufkommen, sehe er sich gezwungen, seine Forderung 'an bestimmte Personen zum Kauf anzubieten'.  Die Frau bekam Angst, daß Krügel ihr kriminelle Typen ins Haus schicken könnte,  und zahlte.

Harry Krügel pries als einen 'Schwerpunkt' seiner Arbeit auch 'bewaffneten Personenschutz' an.  Um Eindruck zu machen, präsentierte er einem Bekannten mal einen Trommelrevolver und ließ ihn auch damit schießen.  Um den gekonnten Umgang mit Waffen ins rechte Bild zu setzen, ließ er im Frühjahr 1997 einen Werbefilm herstellen, bei dem vor allem sein Kompagnon Hermann Steingraber in Aktion trat, der Bodyguard beim Ex-Rep-Chef Franz Schönhuber war.  Auf einem Schießstand in Ismaning bei München ballerte er zusammen mit ein paar finsteren Typen vor laufender Kamera herum.  Woher die Waffen - zum Teil mit Schalldämpfer - und die mehrere hundert Schuß 9mm-Munition stammten, wußte der Zeuge nicht.

Dann wurde der Schauplatz gewechselt.  Ausgerechnet im Keller des Gerichtsgebäudes an der Nymphenburger Straße in München ging es mit Kampfsportdemonstrationen weiter.  Den Zugang zu dem staatlichen Trainingsraum, wo sich sonst Beamte aus Justiz und Vollzug körperlich ertüchtigen, hatte nach Darstellung des Zeugen ein Justizangestellter verschafft, einer, der auch zu Krügels Freunden gehört. 


(4/5) "... schieße ich Dir den Schädel weg"

Monatelang deckte die Münchner Polizei einen dubiosen Sonderfahnder. 
Erst als er einen Zeugen bedrohte, wurde er suspendiert

stern Nr. 11 vom 11.3.1999

Der Brief beginnt mit Worten: »An das radenschwein«. Er ist an einen ehemaligen Münchner Polizeibeamten gerichtet und enthält eine Morddrohung: ». . , schieße ich Dir den Schädel weg«.  Nach dem Verfasser muß die Polizei nicht lange suchen.  Er sitzt in ihren eigenen Reihen: Gerold H. von  der »Sonderfahndung« des Polizeipräsidiums München.

Sechs Seiten hat der Kriminalhauptkommissar am 10. Februar randvoll getippt, eine unsägliche Ansammlung übelster Beleidigungen und Bedrohungen. » Beim Leben meiner Tochter« schwört H. dem »Schwein« Rache, falls der ehemalige Kollege in einem Zivilverfahren gegen ihn aussagt: »Dann kannst Du Polizeischutz incl. deiner Familie für den Rest Deines beschissenen Lebens beantragen!!!... Du krummnasiges, x-beiniges Arschloch.«  Weitere mögliche Zeuginnen werden als »Sado-Maso-Schlampen« bezeichnet, eine Münchner Prinzessin nennt er »Ex-Nutte«.  Unterzeichnet ist das Pamphlet mit »Mister 10 % alias Gerd H.«.

»Mister zehn Prozent« so wurde Hauptkommissar H. in einem STERN-Bericht über die Machenschaften seines dubiosen V-Mannes Harry Krügel genannt (STERN Nr. 20/1998: »Dirty Harry und seine Tricks«).  Trotz 45 Ermitdungsverfahren gegen ihn (unter anderem wegen Urkundenfälschung, gefährlicher Körperverletzung, Diebstahls) war Privatdetektiv Krügel 1990 vom Münchner Polizeipräsidium zum Spitzel ernannt worden.  Gemeinsam mit H. machte er sich nun daran, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, wobei er allerdings jederzeit in alte Gewohnheiten zurückfiel.  Doch von nun an endeten die diversen Verfahren, darunter allein vier Anklagen wegen Betrugs oder Untreue mit Bewährungs- oder Geldstrafen.

Wie nahe sich der V-Mann und sein Hauptkommissar im Laufe der gemeinsamen Jahre  kamen, ist umstritten.  Dem STERN liegen Informationen darüber vor, daß H. von seinem V-Mann zehn Prozent der Einnahmen als Provision gefordert und bekommen haben soll, womit er sich erpreßbar gemacht hätte.  Außerdem soll H. für Krügel öfter den Polizeicomputer angezapft und dafür ebenfalls kassiert haben.  Beide Vorwürfe werden von ihm bestritten. Unbestritten ist, daß beide häufig gemeinsam unterwegs waren, beispielsweise 1996 in Santa Cruz, Bolivien, wo sie einen per Haftbefehl gesuchten Anlagebetrüger besuchten.  Bei einer Vernehmung sagte der Ganove später aus, die beiden Fahnder hätten mit ihm über den Aufbau eines Sicherheitsunternehmens in Südamerika verhandelt.

In Cannes war es auch ganz nett.  Dort ermittelte H. im September 1996 in privatem Auftrag in einer Eheangelegenheit.  Allein die Nacht im Fünf-Sterne-Hotel »Hilton« kostete umgerechnet 700 Mark.

Am 3.  Februar 1998 wurde das Polizeipräsidium München von Krügels Ex-Frau über das seltsame Gespann und seine Aktivitäten informiert.  Doch die eingeschaltete Staatsanwaltschaft stellte ein Ermittlungsverfahren ein. ohne jemals Zeugen vernommen zu haben. » Der Herr H. ist und bleibt an seinem Platz«, erklärte Polizeisprecher Scherer damals auf Nachfrage.

Am 7.  Mai 1998 erschien dann der kritische STERN-Bericht über Dirty Harry und seinen Freund und Helfer bei der Polizei, der Gerold H. bis heute offensichtlich zur Weißglut treibt. Kurz danach passierte etwas Unheimliches.  Per Handy ließ ein zunächst unbekannter Mann die STERN-Redakteure Rudolf Lambrecht und Leo Müller wissen, die Russen-Mafia sei damit beauftragt worden, ihnen »in die Füße zu schießen«.  Der Anrufer wurde ermittelt und erklärte, von Krügel mit dem Drohanruf beauftragt worden zu sein.

Wenig später, am 12.  Mai 1998, wurde beim Kriminalkommissariat 246 in München-Neuperlach die »Ermittlungsgruppe Stern« (EG Stern) gebildet, um »die Vorwürfe gegen Herrn Krügel und KHK H.« zu untersuchen.  Es ging dabei vor allem um die Bereiche »Verrat von Privatgeheimnissen, Verletzung des Dienstgeheimnisses und Bestechung/Bestechlichkeit«.

Die Kameraden und Kollegen machten es sich denkbar einfach. Statt beispielsweise den privaten Auftraggeber, der den Sonderfahnder H. einer ehelichen Schnüffelei wegen nach Cannes gesandt hatte, zu vernehmen, fragten sie  »bei Interpol Frankreich« an, ob H. unter seinem Namen im Hotel gewohnt habe. Die Antwort »nein« genügte der »EG Stern«, um die Ermittlungen zu diesem Vorwurf einzustellen.  Dabei hatte H. nachweislich in dem Hotel in Cannes gewohnt - er wurde bei dieser Gelegenheit dummerweise sogar fotografiert. 

Was die Bolivienreise betrifft, taten sich die Ermittler schon etwas schwerer, den Kollegen zu entlasten.  Für die Reise gab es keinen dienstlichen Anlaß, und es fanden sich zwei Tickets  mit den beiden Namen H. und Krügel.  Die Rechnung dafür aber lautete allein auf  Krügel und nach den Unterlagen in der beschlagnahmten Buchhaltung des V-Manns wurde sie auch von ihm allein bezahlt.  Schlechte Karten für H., der damit in den Verdacht geriet, bestechlich zu sein.   Doch zum Glück besann sich eine Mitarbeiterin Krügels darauf, daß Hauptkommissar  H. seinen Anteil selbst bezahlt haben »soll«.  Obwohl es dafür in den Büchern keinen Beleg gab, glaubten die Ermittler der Dame.

Anfang August 1998 legte die »EG Stern« ihren Abschlußbericht voreinen zehnseitigen Persilschein für den Kameraden und Kollegen H. Von seinem Freund Krügel war darin sowieso nicht groß die Rede, nachdem sich dessen Anwalt gemeldet hatte, »wobei er namens seines Mandanten die Vorwürfe zurückwies«.

Kriminalhauptkommissar Gerold H. wähnte sich auf der Siegerstraße. Mit dem Persilschein der »EG Stern« im Rücken glaubte er auch in dem Zivilverfahren, das er gegen den STERN angestrengt hatte, beste Karten zu haben - falls nicht ein ehemaliger Kollege gegen ihn aussagt, der allerlei über H. und  Krügel weiß.

Am 10.  Februar 1999 sorgte H. für klare Verhältnisse. setzte sich an seine Schreibmaschine und bedrohte den Ex-Kollegen, den er im Verdacht hatte, Material gegen ihn verbreitet zu haben, mit Mord.

H.s Rechnung ging jedoch nicht auf.  Zwar wurden die staatsanwaltschaftlichen  Ermittlungen gegen ihn und seinen V-Mann auf Grundlage der Erkenntnisse der »EG Stern« am 1.  März 1999 eingestellt.  Doch der Leitende Oberstaatsanwalt Manfred Wick von der Staatsanwaltschaft München I sah sich nach dem Auftauchen des Drohbriefes gezwungen, ein neues Verfahren gegen H. zu eröffnen.  Wick: »Es wird nun auf breiter Fläche ermittelt.«  Schlechte Zeiten auch für Freund Krügel.  Ohne den Schirm und Schutz des Münchner Polizeipräsidiums stand der Privatdetektiv Anfang März wegen Meineids vor dem Amtsgericht München. Dort wunderte sich Richterin Susanne Hemmerich-Schöpf ein bißchen, daß einer wie er ständig nur Bewährungsstrafen bekam, und beendete diese Serie mit acht Monaten Gefängnis ohne Bewährung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Unter Druck kommt auch der Münchner Polizeipräsident Roland Koller, der H. bis zum Gehtnichtmehr gedeckt hatte.  Koller muß derzeit ohnehin um Amt und Würde fürchten. Denn die einst wegen ihrer »Münchner Linie« gerühmte Polizei ist in den vergangenen Wochen und Monaten dank prügelnder, mobbender und betrunkener Beamter in die Schlagzeilen geraten.

Es ist inzwischen eine lange Liste, die Münchens Polizei vorgeworfen wird. Sie beginnt mit dem Oktoberfest 1998. 16 Besucher berichteten damals über brutale Übergriffe in der berühmt-berüchtigten Wiesn-Wache. Einer der Kläger, ein 28jähriger Student, gab zu Protokoll, an einen Bürostuhl gefesselt, verprügelt und massiv bedroht worden zu seinunter anderem damit, ihn mit einer blutigen Spritze aus einem Fixerbesteck zu beruhigen.  Die Vorwürfe haben sich bestätigt.  Gegen einen 35jährigen Beamten wird inzwischen wegen Körperverletzung im Amt ermittelt.

Am 28.  November erschießt eine 23jährigc Einsatzleiterin einen 48jährigen und dessen Bruder mit einem einzigen Schuß.  Sie war mit einem stumpfen Messer bedroht worden.  Die Polizei spricht von Notwehr.

In der Silvesternacht ballerten zwei Beamte in ihrer Inspektion insgesamt 34 Schüsse in die Wand des Dienstraums - angeblich aus Freude darüber. einander wiederzusehen. Eine Beamtin, die den Vorfall meldete wurde derart gemobbt, daß die gesamte Dienstgruppe aufgelöst und anderen Inspektionen zugeteilt wurde. Für alle Münchner Reviere gilt seit 29.  Januar ein »absolutes Alkoholverbot«. 

Vorläufiger Höhepunkt ist der Selbstmord der 22 jährigen Polizeibeamtin Silvia Braun. die sich am 14.  Februar in ihrem Auto erschoß, weil sie die Anzüglichkeiten der Kollegen in der  Polizeiinspektion 14 nicht mehr ertragen mochte.

Schwarze Schafe gibt es überall, sagt dazu Polizeipräsident Roland Koller, 57, ein Mann, der Haydn hört, Waffen sammelt und Glockenblumen liebt.  Um ihn zu retten, haben sich nun sämtliche Direktions- und Abteilungsleiter des Führungsstabs der Münchner Polizei vor ihren Präsidenten gestellt und »gegen die Stimmungsmache« protestiert.  Da aber war die Morddrohung ihres Kameraden H.  gegen den ehemaligen Kollegen und möglichen Belastungszeugen noch nicht auf dem Tisch des Präsidiums.

Der Empfänger, der das bedrohliche Pamphlet als Fax übermittelt bekam, hat lange gezögert, es Staatsanwaltschaft und Polizeiführung zu überlassen. » Wir glaubten an eine Fälschung und haben uns deshalb erst noch bei Herrn H. rückversichert, ob das wirklich alles von ihm so geschrieben wurde«, sagt sein Anwalt Josef Nachmann.  Die Antwort kam prompt. » Selbstverständlich“, so der Hauptkommissar Gerold H., »wurde der Brief von mir - von wem sonst - geschrieben und unterzeichnet.«  Und weil er befürchtete, das Fax könnte nicht gut genug zu lesen sein, legte er gleich noch eine Kopie dazu.

»Es ist nicht zu fassen, daß mein Mandant vor einem Münchner Polizeibeamten um sein Leben fürchten muß«, sagt Anwalt Nachmann.  Ein schwacher Trost für ihn: Kriminalhauptkommissar Gerold H. wurden nun endlich doch vom Dienst suspendiert. 


(5/5): Eine Reise nach Bolivien

Neue Vorwürfe in der Affäre um einen dubiosen »Schattenmann«. 
Jetzt beschuldigt sein V-Mann-Führer weitere Kriminalbeamte der Korruption

stern Nr. 12 vom 18.3.1999

Der Münchner Polizeipräsident Roland Koller gerät immer stärker unter Druck. Zunächst hatte der STERN aufgedeckt, daß sein Sonderfahnder Gerold H. mit dem kriminellen V-Mann Harry Krügel gekungelt und dann Morddrohungen verschickt hat (STERN Nr. 11/1999: ». .. schieße ich Dir den Schädel weg«).  Neue Recherchen belegen, daß die Kumpanei zwischen Kollers Polizeipräsidium und V-Mann Krügel viel weiter ging als bisher bekannt. Kollers Behörde hat die Geschäfte des als Betrüger und Urkundenfälscher vorbestraften Privatdetektivs, genannt »Dirty Harry«, jahrelang sogar gefördert. 

Einen Beweis dafür hat der Bundesverband Deutscher Detektive (BDD).  Am 29. März 1995 verlangt er vom Polizeipräsidium (PP) Auskunft über eine Annonce, die  in der Münchner »Abendzeitung« erschienen war.  Darin brüstete sich der »Sicherheitsdienst H.  Krügel« mit »einer ständigen Zusammenarbeit .., mit der Sonderfahndung München und Dienststellen des PP«.  Der BDD wollte wissen, ob es sich um eine »Irreführung« handle.  Zwei Monate später bestätigten Dirty Harrys Schutzengel: »Es ist richtig, daß Herr Krügel mit einer Dienststelle des Polizeipräsidiums München zusammenarbeitet . . .«  Diese Auskunft, für Krügel bares Geld, war nach einem dem STERN vorliegenden Papier falsch: Bereits am 14.  Mai hatte er in einem von der Sonderfahndung akzeptierten Schreiben seine Dienste »aufgrund der hohen Arbeitsauslastung in meiner Detektei« gekündigt.

Krügel aber setzte die geschäftsfördernde Botschaft ungehindert auf sein Briefpapier und verbreitete noch im Oktober 1998 seine Anzeige aus der »Abendzeitung« im Internet. Mehr noch: er hatte ein »Anerkennungsschreiben« von  der Sonderfahndung, unterschrieben von seinem Freund Gerold H.  In dem Zertifikat wurden ihm »stets korrekte Mitarbeit . . , und ein hohes Maß an Professionalität« bescheinigt.

Daß auch diese Bestätigung falsch war, war im Präsidium bekannt. Informationen,  die von V-Mann Krügel gekommen seien, habe man mit Mißtrauen betrachten müssen räumte der Beamte H, in einer Vernehmung ein. Warum dann das falsche Lob?  Eine Erklärung könnten die Unternehmungen des Duos sein. Harrys Geschäftsidee war es, sich an Opfer von Anlagebetrügern heranzumachen und sie erneut abzukassieren. Hauptkommissar H. assistierte ihm gelegentlich bei den Geschäften.

Als Krügel mal im Münchner Hotel »Königshof« einen neuen Kunden köderte, saß Gerold H. brav mit am Tasch und stellte sich als Kripobeamter vor.  Er unterstütze den Detektiv bei dessen Privatermittlungen, ließ er den betrogenen Anleger nach dessen Aussage wissen.  Das wirkte.  Krügel bekam den Großauftrag.  Nachdem »Dirty Harry« seineu Job erledigt hatte, war der Klient, der schon gut 20 Millionen Mark zuvor verloren hatte, um ein paar gefälschte Papiere reicher und um weitere 400000 Mark ärmer.  Bei Krügels Aktivitäten in dieser Sache hatte  der Polizist sogar noch beim Registergericht Papiere besorgt.  Und wenn Harry Krügel Personen-Abfragen aus dem Polizei-Computer brauchte, konnte er sich vertrauensvoll an Freunde im Präsidium wenden, wie Kriminalhauptkommissar Gerold H. mittlerweile eingestanden hat.

Als Krügel zu einem Millionenbetrüger nach Bolivien fuhr, war Gerold H, mit von  der Partie. Nachdem der Beamte in den Verdacht geriet von Krügel Reisekosten und Honorar erhalten zu haben, somit bestechlich zu sein, breitete das Präsidium wieder den Schutzmantel aus.  Die Reise sei privat gewesen und »von ihm selbst bezahlt« worden,erklärte das PP dem STERN.  Der Beamte aber ließ durch seinen Anwalt wissen, die Reise sei »dienstlich« veranlaßt gewesen. Geld will H. für Dienstleistungen von Freund Harry natürlich nicht angenommen haben. 

Als die Staatsanwaltschaft München I gegen ihn wegen Verdachts der Bestechlichkeit ermittelte, schonte er sein Haus nicht mehr, das ihn so lange fürsorglich behandelt hat. Gerd H. beschuldigt jetzt auch Kollegen, darunter einen Leitenden Kriminaldirektor, der Korruption.

Der Leitende Oberstaatsanwalt Manfred Wick zum STERN: »Wir ermitteln jetzt gegen den Beamten wegen des Verdachts der Strafvereitelung im Amt, der Beleidigung und Bedrohung.  Sollten sich bei den Ermittlungen neue Tatsachen hinsichtlich des Verdachts der  Bestechlichkeit ergeben,dann werden wir auch in dieser Richtung wieder ermitteln.«


Alle Artikel von Rudolf LAMPRECHT und Leo MÜLLER