Zurück in die Klinik, in den Herbst 2019: Vor dem Oberarzt sitzt eine junge Frau, die niedergeschlagen und zerrissen wirkt. An Josephine R. fallen ihm gleich ein paar Sachen auf. Eine Depression? Die hatten seine Kollegen diagnostiziert, als man sie Anfang des Jahres erstmals der Klinik aufnahm. Reicht als Erklärung niemals, glaubt der Psychiater und Therapeut. Dem Arzt springt ihr Drang sich zu waschen ins Auge, auch träume sie viel, „meist über Tod oder Missbrauch“.
In diesem Text soll der Mann Anfang 60 Mark Kirschner heißen. Er arbeitet in der Klinik „Dr. Fontheim für Mentale Gesundheit“ in Liebenburg am Rande des Harzes, seit 2014 leitet er die Station für Persönlichkeitsstörungen, hierher kam Josephine nach der Geburt ihres Sohnes.
Wenn man Enrico R. fragt, wo sich seine Frau derart verändert hat, dass sie irgendwann drohend zischte „Jeder bekommt, was er verdient“, dann sagt er: hier.
Mit 15 war Josephine schon einmal in der Jugendpsychiatrie gewesen. Nach einem Tag war sie auf eigenen Wunsch gegangen. Auch die ambulante Behandlung im Anschluss hatte sie rasch abgebrochen.
Anders ist es mit Kirschner, er wird Josephines Bezugstherapeut. Von 2019 bis 2022 führen die beiden rund 100 Einzelgespräche. Ein Dutzend Mal wird sie auf seiner Station aufgenommen. Später sagt er, er habe gemerkt, „dass sie eine schwierige Patientin war und sie mir von Anfang an vertraute“.
Sie schreiben einander Hunderte Mails, Briefe und Postkarten. Rund um die Uhr, selbst am Wochenende. Kirschner fährt sie zu Terminen, überlässt ihr ein Mobiltelefon und gibt ihr seine private Nummer. Als Josephine erfährt, dass er gläubiger Christ ist, taucht sie beim Gottesdienst in seiner Kirche auf. Er lehrt sie das Vaterunser. Josephine sagt: Zu glauben war zu Hause verboten. Therapeut und Patientin geben sich Spitznamen: Er ist der Jedi-Meister, sie seine Schülerin. Sie schreibt ihm Dankesgedichte, auch Umarmungen soll es gegeben haben.
„Ich bete jeden Tag dafür, dass Gott mir verzeiht, aber ich habe das Gefühl, er hört mich nicht – wahrscheinlich, weil ich zu unwürdig und schlecht bin“, schreibt Josephine R. ihm in einer E-Mail.
Kirschner antwortet: „Gott hört sie! Er ist da. Bei denen, die leiden und verzweifelt sind.“
Zu Beginn von Josephines Zeit in der Klinik finden sich Befunde in ihrer Krankenakte, die von anderen Ärzten stammen: Zwangsstörungen, Panikstörung, Depressionen, Borderline-Persönlichkeitsstörung.
Doch Kirschner folgt diesen Diagnosen nicht. Ein Nebeneffekt: Josephines Glaubwürdigkeit steigt. Denn Borderline-Patienten gelten als unzuverlässige Zeugen, einige neigen zu Lügen und verdrehen die Realität. Nach seiner Einschätzung ist Josephine vielmehr „eine Traumapatientin mit heftigen Symptomen, die in einer überaus malignen [bösartigen, die Red.] Familie aufgewachsen ist“. So erklärt er es der Familienhelferin und der Mitarbeiterin des Jugendamtes, sein Austausch mit den beiden Frauen ist eng.
Worin ihr Trauma besteht, deutet Josephine rasch an – und Kirschner steigt darauf ein. Gleich zu Beginn ihres ersten stationären Klinikaufenthaltes übergibt sie ihm ein achtseitiges Dokument: ihren angeblichen Lebenslauf seit dem Kindesalter. Darin beschreibt sie, wie sie ihren Körper „zurücklassen“ musste, um dem „Schmutz und den Schmerzen“ zu entkommen, zählt Menschen auf, die ihr – bis heute – etwas antun. Sie bleibt vage, drängt sich nicht auf, zögert – scheinbar von Scham erfüllt. Über ihre Erlebnisse kann sie kaum sprechen, nimmt Kirschner an. So schlimm müssen sie gewesen sein.
Statt zu reden, schreibt Josephine ihm weiter. Insgesamt sechs Trauma-Erzählungen. Berichte über schwarze Messen im Wald, Nadeln in ihren Schamlippen, umgedrehte Kreuze, stundenlange Vergewaltigungen und Männer in allen Körperöffnungen. Sie berichtet, wie ein Fötus mit einem Metallstab getötet worden sei, wie man sie gezwungen habe, eine Mischung aus Blut und Sperma zu trinken. Sie werde verkauft und gequält, von klein auf. Die Täter: kommen im Dutzend, ein großer Ring. Ihre gesamte Familie, ihr Mann: Alle würden dazugehören. Seitenweise Horror, in der Handschrift eines Mädchens.
Immer neue Hinweise gibt Josephine dem Psychiater an die Hand. Sie zeigt ihm Schnitte, Brandmale, Blutergüsse, übergibt ihm vermeintliche Kataloge von Regeln und drakonischen Strafen, die sie seit der Kindheit befolgen müsse.
Regel 3: Ich bin ein Fehler, der passiert ist.
Regel 26: Ich bin nur auf der Welt, um anderen mit meinem Körper Befriedigung und Befreiung von Wut zu schenken.
Regel 33: Wenn ich unser Geheimnis ausplaudere, muss ich mein Leben beenden.
Für den Therapeuten steht fest: Josephine ist Opfer. In ihrem Leben gab es „bisher keine Phase ohne Gewalt“. Wenn sie zu wanken scheint, bestärkt er sie. Sie sei nicht verrückt, sagt er ihr, alles sei wahr. Immer wieder versucht Kirschner, seine Patientin „aus dem Täterkontakt“ herauszuholen. Doch stets kehrt sie dorthin zurück. Es ist zum Verzweifeln.
Josephines Zaudern, ihre Zweifel, ihre Scheu: Kirschner hält all das für das Resultat einer Gehirnwäsche. Man habe ihr „seit dem vierten Lebensjahr beigebracht, dass sie über bestimmte Dinge nicht reden darf“, mit Techniken, „die bis heute wirken“. Eine Art Programmierung des kindlichen Geistes, schließt er aus ihren Erzählungen.
Der Therapeut begleitet sie zu Vernehmungen bei der Polizei, sagt selbst mehrfach aus und reicht vermeintliche Beweise ein, die er gesammelt hat. Auf diesem Wege finden auch die Trauma-Berichte ihren Weg in die Akten. Im ersten Prozess gegen Josephines Eltern fragt ein Richter den Psychiater, ob er je Zweifel an den Erzählungen seiner Patientin hegte?
„Nein.“
Nie. Er nahm alles, was sie sagte, für bare Münze, hält die Polizei später fest.
Der Therapeut, die Familienhelferin, die Jugendamtsmitarbeiterin: Sie sind die ersten drei Menschen, die Josephine glauben. Doch damit eine so große Lüge überzeugt, braucht es mehr.
Jemanden, der sagt: Ich habe den Missbrauch mit eigenen Augen gesehen. Eine Augenzeugin aus dem innersten Zirkel. Person Nummer 4.
Auch diesen Menschen findet Josephine R. in der Psychiatrie von Liebenburg, es ist ihr sechster Aufenthalt dort. Drei Monate teilt sie das Zimmer mit Miriam A. – deren Leben danach nicht mehr sein wird, wie es war.
