Erik WESTERMANN: Ein Kommentar zu seiner eigenen Berichterstattung

“Wenn Mitgefühl Schaden anrichtet - Über den Fall meines Lebens”

Lange habe ich diesen Text vor mir hergeschoben. Doch es führt kein Weg daran vorbei. Mehrfach habe ich umfangreich über den Fall Josephine R. berichtet und zuletzt versucht, Ursachen für das Justizversagen herauszuarbeiten. Bisher betraf das so gut wie immer die Fehler anderer.

Doch es ist an der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, welche Verantwortung bei der Presse lag – und damit bei mir. Denn ich habe im Zusammenhang mit den Prozessen und Verurteilungen berichtet, dass sich Menschen des Missbrauchs an einer jungen Frau schuldig gemacht hätten. So habe ich unbewusst Unwahrheiten verstärkt und sie vielen Lesern zugänglich gemacht. Und wurde dadurch Teil des Unrechts, ich machte es größer.

Die Betroffenen leiden darunter bis heute. Die Eltern von Josephine R. saßen fast zwei Jahre in U-Haft, ihr Ex-Mann fühlt sich noch immer verfolgt, die Eltern von Miriam A. wurden zu Ausgestoßenen. Nachbarn tuscheln, sie drehen sich weg: Ist man erst einmal als Sexualstraftäter gebrandmarkt, bleibt etwas hängen – selbst, wenn Gerichte einen für unschuldig erklären.

Als ich am 2. Juni 2022 in Saal 141 des Landgerichts Braunschweig zum ersten Mal mit der Welt von Josephine R. in Berührung kam, ertappte ich mich bei dem Gedanken: Das ist der Fall meines Lebens. Ein Satz, der sich bewahrheitet hat, wenn auch anders als erwartet.

Was da berichtet wurde, übertraf alles, was mir in zehn Jahren als Gerichtsreporter

zu Ohren gekommen war. Es war schlimmer als die Morde aus gekränkter Eitelkeit, die Totschläge aus verdrehter Liebe, die selbsternannten Gangster. Die vermeintlich systematische Abrichtung einer Frau zur „Sex-Sklavin“. Eine regelrechte Hölle. So schien es. Eine Frau, die angeblich hilflos um Gehör flehte. Die Erzählung von Josephine R. hat eine unglaubliche Kraft entfaltet, wie ein Virus infizierte sie einen nach dem anderen – auch mich.

Als dann ihre Lebensgefährtin gestand, Teil des Vergewaltiger-Ringes zu sein, war plötzlich alles vorstellbar. Eine junge Frau in Handschellen, mit schüchternem Blick aus dunklen Augen, die einräumte, ihre Partnerin sadistisch gefoltert, erniedrigt und missbraucht zu haben. Dass das System hier längst befallen war, noch bevor der Prozess gegen Josephines Eltern begann, haben nur wenige erkannt. Das alles schien unglaublich, aber wahr.

Dabei gab es früh Widersprüche, ich hatte immer wieder ein Störgefühl. Doch für jeden Widerspruch schien sich eine Erklärung zu finden. Dass sich alle Beteiligten längst in einem Netz aus Scheinbeweisen verheddert hatten und Zirkelschlüssen aufsaßen? Man hätte es als Außenstehender erkennen können. Doch ich hatte mich genauso so verstrickt wie viele andere. Dabei wäre es meine Rolle als Journalist gewesen, diesen Widersprüchen nachzuspüren und sie zu prüfen.

Stattdessen kam ich über meine Zweifel hinweg. Warum? Diese Frage habe ich mir im Nachhinein oft gestellt. Ich denke, es hat etwas mit einer tiefen Angst zu tun: Was schließlich, wenn alles stimmt? Ich will Betroffenen von Straftaten Gehör schenken, will auch ihnen gerecht werden. Anders als das in früheren Zeiten gang und gäbe war, wo sich weder Justiz noch Behörden oder Presse groß um die Opfer geschert haben. Ich fühlte mich mit meinen Zweifeln wie ein schlechter Mensch, es war eine Scham. Was, wenn ich ihr Unrecht tue? Und das gegen die Mehrheit der Meinungen in diesem Prozess? Ich brachte es nicht über mich. Ein Fehler.

Josephine R. agierte planvoll, sagen Fachleute. Geschickt. Wer einmal am Haken war, rutschte immer tiefer in ihre Welt. Menschlich nachvollziehbar. Doch eine funktionierende Lüge hat zwei Seiten: Auf der einen steht jemand, der die Unwahrheit sagt – auf der anderen jemand, der sie glaubt.

Und die Lüge im Fall Josephine R. war zu erkennen: Polizisten sahen sie, die Rechtspsychologin Bettina Reinhold, der Staatsanwalt, der die Verfahren gegen ihren Ex-Mann einstellte und dafür kein Gutachten brauchte. Es gab warnende Stimmen, Rechtsmediziner attestierten: Die Verletzungen der jungen Frau, sie wirkten wie selbst zugefügt. Doch die Mahner wurden ignoriert oder ins Abseits gestellt, und auch hier wurde ich Teil des Fehlers, als ich von einem „Polizeiskandal“ schrieb.

Das Verfahren kannte lange nur eine Richtung: dem vermeintlichen Opfer alles zu glauben. Dabei hätte ein Blick auf ähnliche frühere Fälle stutzig machen müssen. Man braucht nicht lange in Lexika über Justizirrtümer zu blättern, unter „M“ wie „Missbrauch“ findet sich eine Reihe von Treffern, gleich zwei davon aus Niedersachsen. Im Jahr1994 beschuldigte eine junge Frau ihren Vater Adolf S., sie zehnmal vergewaltigt zu haben. Die Parallelen sind augenfällig: Auch „Amelie“ war psychisch krank, es gab eine Borderline-Diagnose und Klinikpersonal, das ihr blind glaubte.

Zehn Jahre später behauptete eine 15-Jährige, seit ihrer Kindheit im Griff eines Mädchenhändlerrings gewesen und über Jahre vergewaltigt und gefilmt worden zu sein. Auch sie mit einschlägigen Diagnosen. Die angeblich eingeritzten Wörter, die ausgedrückten Zigaretten, an die Wand geschlagene Babys: Fast alles im Fall um den Straßenbahnfahrer Ralf W. erinnert an Josephine R. Das Thema Missbrauch, es ist ein emotionales – und damit anfällig für menschengemachte Fehlurteile.

Der Tag, an dem das Inszenierung zusammenbrach, war ein Tag im Frühsommer 2024. Stück für Stück schälte sich die Wahrheit heraus. Eine Lüge dieser Größe? Ich hatte sie nicht für möglich gehalten. Die Drohbotschaften, die Mails, die Videos und Tonmitschnitte angeblicher Taten, die Fotos und Wunden, ein Tagebuch, Protokolle von Vergewaltigungen und Briefe, Kataloge von Regeln und Strafen: alles erfunden.

Im ersten Moment war ich unendlich erleichtert, dass es die düstere Welt, die Josephine R. beschrieb, doch nicht zu geben scheint. Danach setzte die Erkenntnis ein, was die Fehler – und damit auch meine Berichterstattung – im Leben anderer angerichtet hatten. Dass ich meinem eigenen Anspruch nicht gerecht geworden bin.

Eine Weile lang gab es immer noch Momente, in denen die alte Furcht davor wieder aufstieg, einem Opfer Unrecht zu tun: Was, wenn doch alles stimmte? Wenn ich etwas übersehen habe? Immer wieder Augenblicke, in denen ich noch einmal auf die Fakten geschaut habe. Doch die Angst ebbte schließlich ab.

Die allumfassende Antwort, wie sich so etwas zukünftig verhindern lässt, habe ich noch nicht gefunden. Sicher ist eines: Jeder einzelne, der an diesem Fall in irgendeiner Form beteiligt war, muss sich fragen: Habe ich genau hingeschaut, alles getan? So schwer es sein mag, sich mit eigenen Unzulänglichkeiten auseinanderzusetzen, die öffentliche Aufarbeitung ist unerlässlich, damit sich Fehler nicht wiederholen.

Im besten Fall erinnert Josephine R. uns an einige fundamentale Dinge: Dass guter Wille und Betroffenheit schlechte Ratgeber sind, die in die Befangenheit führen. Dass es einen klaren Blick braucht, um zu einem objektiven Urteil zu kommen, und Emotionen ihn trüben. Dass man Zweifeln nachgehen muss und nicht der Herde folgen darf. Das ist es, was ich mitzunehmen versuche. Für all die tatsächlichen Opfer da draußen. Und die Unschuldigen, die hoffentlich nie dazu werden. Auch wenn das für einige von ihnen zu spät kommt.