Zwei Monate später, im Sommer 2007, kaufte sich der Axel Springer-Verlag noch größer ein: für weitere 520 Mio € besaß er danach die Aktienmehrheit an der PIN Group S.A.: insgesamt 71 Prozent.
Ende November 2007 entschied die Bundesregierung die Einführung eines Mindestlohns für Briefzusteller. Axel Springer kündigte massiven Widerstand an, animierte am 9. Oktober 2007 die PIN Mitarbeiter zu einer Demonstration gegen den Post-Mindestlohn.
Am 14. Dezember entschied sich der Bundestag für einen Mindestlohn auch für Briefzusteller. Der Kostenvorteil, niedrige Löhne, war dahin.
Der Aktienmehrheitsbesitzer, die Axel Springer AG, wollte daraufhin keine weiteren Finanzmittel in die PIN Group AG mehr stecken. Der Verlag hatte bisher rund 620 Mio. Euro investiert. Argument: mit einem hohen Mindestlohn würde man pleite gehen (müssen): ein finanzieller Verlust von fast 60 Mio. Euro sei schon jetzt absehbar.Der ehemalige Vorstandschef der Springer AG, Prof. Jürgen RICHTER, dazu in einem kritischen Beitrag von report mainzam 10.12.07:
„Die Thematik Mindestlohn, die jetzt so stark politisch reingekommen ist, gefällt mir natürlich aus der Sicht nicht, dass man hier versucht Managementfehler, die in der Vergangenheit und in den letzten Jahren passiert sind, jetzt auf das Thema Politik abzuwälzen, das finde ich im Grunde genommen nicht richtig. Man sollte hiermit auch eingestehen, dass man hier vielleicht bei der Beurteilung des Marktes und der Zukunftschancen, Fehler gemacht hat."
Und ganz konkret zu den absehbaren Verlusten:
"Ich meine schon, dass man ein wenig zu hoch gepokert hat. Es war ja klar, dass es eine Art Verdrängungswettbewerb werden würde, nach dem 1.1.2008. Und was mich hier bei dem ganzen Thema so besonders wundert, ist, dass obwohl es heute noch keinen Mindestlohn gibt, jetzt schon quasi, nach Presseberichten, Illiquidität droht. Das kann ich, ehrlich gesagt, nicht nachvollziehen."
Die letzten Wochen des Jahres 2007 waren von ‚Verhandlungen’ zwischen dem Verlagshaus und Günter THIEL, dem Chef der PIN Group, geprägt; er wollte das Unternehmen für 1 € zurückkaufen, um nach einem neuen Investor zu suchen. Springer lehnte das ab. Günter THIEL kündigt daraufhin am 17. Dezember 2007 seinen Rücktritt als Chef der PIN Group S.A. an, sein Nachfolger wird Sanierungs- und Insolvenzexperte, Anwalt Horst PIEPENBURG, der das Unternehmen erst einmal weiterführt.
Am 21. Dezember 2007 sind 7 von insgesamt 91 Gesellschaften der PIN Group gezwungen, einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens zu stellen. Bis zum Ende des Jahres mussten drei weitere Gesellschaften den Antrag auf Insolvenz stellen.
Nach der Entscheidung für den Mindestlohn, garantiert die PIN Group ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Stundenlohn von 9,80 Euro. Bis Ende Januar 2008 müssen allerdings weitere 19 Gesellschaften den Insolvenzantrag stellen.
Nach dieser fehlgeschlagenen Expansionsstrategie plant Springer seinen Rückzug aus dem Post-Geschäft und erklärt sich bereit, die Mehrheit von PIN an andere Mitgesellschafter oder neue Investoren zu verkaufen. Konzernchef DÖPFNER versucht nun zu retten, was noch zu retten ist. Um einen dreistelligen Millionenverlust zu vermeiden, will dr Axel Springer Konzern seinen 12%igen Anteil an Stamm- und Vorzugsaktien der ProSieben Sat.1 Media AG verkaufen. Ursprünglich wollte Springer die Mehrheit an diesem Fernsehsender übernehmen.
ansTageslicht.de führte ein Gespräch mit Thomas SCHULZ, Geschäftsführer der verantwortlichen Pressestelle der PIN Group AG, rw Konzept GmbH in Köln, über die aktuelle Lage des Unternehmens:
ansTageslicht.de: „Wie sieht die aktuelle Lage der PIN AG aus?“ (Stand Januar 2008)
Antwort: „Bis heute mussten 37 der insgesamt 91 Gesellschaften, sowie die Holding Insolvenz beantragen. Davon sind 19 Gesellschaften zahlungsunfähig. Da erst kürzlich ein Finanzier abgesprungen ist, braucht das Unternehmen bis Ende Februar einen neuen Investor, um den Finanzierungsplan durchsetzen zu können. Die 91 Gesellschaften müssen dafür zusammengeführt werden. Durch den Mindestlohn ist besagtes Finanzkonzept um zwei Jahre zurück geworfen worden.
ansTageslicht.de: „Beeinflusst die derzeitige Situation eine flächendeckende Briefzustellung?“
Antwort: „Nein, da die Gesellschaften sich im Insolvenzverfahren befinden. Die Angestellten erhalten die nächsten drei Monate ihren Lohn weiter – die Arbeitgeberschaft für Briefzusteller zahlt.“
ansTageslicht.de: „Der Mindestlohn für Briefzusteller wurde entschieden. Wie verhält sich die PIN Group AG?“
Antwort: "Die PIN Group wird in Zukunft allen Briefzustellern 9,80 Euro Stundenlohn zahlen.“
ansTageslicht.de: „Plant die PIN Group AG eine Erhöhung des Portos?“
Antwort: „Nein, in naher Zukunft eher nicht. Der Wettbewerb muss bleiben.“
ansTageslicht.de: „Was denkt die PIN Group AG nach den ganzen Vorkommnissen über das Wettbewerbsverhalten in Deutschland?"
Antwort: „Bundespräsident KÖHLER und Dr. Bernhard HEITZER, Präsident des Bundeskartellamts teilen unsere Meinung. Unter solchen Umständen ist kein Wettbewerb in der Briefbranche möglich! Die Deutsche Post behält weiterhin ihr Monopol. Trotz der Privatisierung der Deutschen Post, muss diese keine Mehrwert- und Umsatzsteuer zahlen, die PIN Group muss! Auch muss die Post für ihre Briefzusteller keine Arbeitsunfallversicherung abschließen, die privaten Briefzusteller müssen das machen!“