Anfang 1934 bestellt Wirtschaftsminister Dr. Kurt SCHMITT den Aufsichtsratsvorsitzenden des »Kaufhof«, gleichzeitig Präsident der Internationalen Handelskammer, Abraham FROWEIN, nach Berlin. SCHMITT: er könne die »Warenhausfrage « zwecks endgültiger Klärung solange nicht dem Führer vorlegen, solange noch Juden in der Geschäftsleitung tätig seien.
Jetzt müssen auch Julius SCHLOSS und Franz LEVY ihren Schreibtisch räumen. »Für ihr 25jähriges, besonders erfolgreiches Wirken im Dienste der Firma gebührt beiden Herren besondere Anerkennung und bleibender Dank«, heißt es lapidar im Geschäftsbericht, der im September 1934 vorgelegt wird. Alfred TIETZ, bis dahin noch als Mitglied im Aufsichtsrat geduldet, muß die Firma nun endgültig verlassen. Diese Funktion hatte Alfred TIETZ inzwischen aus Amsterdam wahrgenommen, wohin die Familie zunächst geflüchtet war. Da Alfred TIETZ im Aufsichtsrat des größten niederländischen Kaufhauses De Bijenkorf sitzt, an dem die TIETZens auch finanziell beteiligt sind, ist es ihm erlaubt, dort ein Büro zu unterhalten. Ein offizielles Bleiberecht hat die Familie nicht; sie gelten als »nicht-naturalisierte« Holländer.
Als die deutschen Truppen 1938 in Österreich einmarschieren und anschließend die Tschechoslowakei überfallen, versuchen Familie TIETZ so schnell wie möglich aus Europa wegzukommen. Das gestaltet sich schwierig. Das naheliegendste, Palästina, ist dicht: Palästina steht unter der Verwaltung der Engländer, und die lassen jüdische Flüchtlinge nur noch im Rahmen einer bestimmten Quote, die sehr niedrig ist, hinein. Die Briten wollen es sich nicht mit den arabischen Anrainern verderben.
Da es für die USA ebenfalls kaum Einreisemöglichkeiten gibt, greift die Familie TIETZ zu, als in Amsterdam plötzlich Visa für Chile auf dem Schwarzmarkt auftauchen. Zwei Wochen vor Auslaufen der »Simon Bolivar« Anfang November 1939 beschließt Alfred TIETZ, seinen achtzehnjährigen Sohn Albert Ulrich als ‘Pionier’ vorauszuschicken; er selbst wolle, da er geschäftlich noch zu tun habe, umgehend nachkommen. Der Sohn muckt auf: »Entweder es besteht hier eine Gefahr, zu bleiben, dann fahren wir alle zusammen, oder eine Gefahr besteht nicht, und dann brauchen wir auch nicht zu gehen!«
Alfred TIETZ gibt drei Tage vor Auslaufen der »Simon Bolivar« alle Tickets zurück. Am Tage der ursprünglich geplanten Abfahrt des Sohnes Albert Ulrich gehen die TIETZens ins Konzert. Als sie - wieder zu Hause - wie gewohnt die Nachrichten übers Radio hören, meldet der holländische Rundfunk um 22 Uhr, daß wenige Stunden zuvor ein Schiff auf eine magnetische Mine gelaufen und sofort gesunken wäre. Der Name des Schiffes: »Simon Bolivar«.
Im Dezember 1939 erhält die Familie dann doch noch Visa für Palästina. 55 Tage, bevor die deutschen Truppen auch in Holland einfallen, gelingt den TIETZens die Emigration. Am 15. März 1940 erreichen sie in Marseille - nach einem abenteuerlichen Transport durch Frankreich - das - vorläufig - letzte Schiff nach Palästina, die »Patria«. Das völlig überfüllte Schiff »Patria«, das sich total verdunkelt, heimlich übers Mittelmeer nach Haifa schleicht, trifft dort am 29. März 1940 im Hafen ein. Die TIETZens sind gerettet. Vom »Gelobten Land« hat Alfred TIETZ allerdings nicht mehr viel. Er stirbt ein Jahr später, wenige Wochen nach seinem 58. Geburtstag.
1948 können Mutter Margarete und Sohn Albert Ulrich TIETZ in die USA emigrieren. Margarete TIETZ, die sich und ihre Familie in Palästina mit einem kleinen Gästehaus finanziell über Wasser gehalten hatte, engagiert sich in vielen sozialen Einrichtungen in den USA. Sie stirbt 1972 im Alter von 85 Jahren. Die »Kaufhof«-AG - nach 1945 im Lande des »Wirtschaftswunders« schnell wieder zu Umsatz und Geld gekommen - hatte sich kulant gezeigt und die ehemaligen Aktionäre und Vorständler im Rahmen der Wiedergutmachung großzügig abgefunden.
Das Schiff “Patria” wird wenige Monate später, am 25. November 1940, im Hafen von Haifa explodieren und rund 270 Menschen, die alle unter britischer Quarantäne standen und nicht an Land durften, in den Tod reißen. Nur ein Teil überlebt.