Mutter und Tochter retten drei Frauen - Gertrud SCHOENBERNER und Anna SCHOENBERNER-MÜLLER

Rekonstruiert und aufgeschrieben von Nicolas BASSE

Vorbemerkung

Der nachfolgende Text ist ein Gastbeitrag, der zuvor im Berliner “Tagesspiegel” am 24. August 2024 erschienen war und hier mit freundlicher Genehmigung des Autors ebenfalls dokumentiert werden kann. Nicolas BASSE ist Herausgeber und Betreiber des Blogs “Black” & “Mieze”, der ebenfalls Geschichten zu “Widerstand und zu Verfolgung in der NS-Zeit” dokumentiert und dabei den "Blick auf seltene Geschichte(n) aus der Hauptstadt wirft.

Die Geschichte der drei SCHOENBERNER-Frauen auf dieser Site ist direkt aufrufbar unter www.ansTageslicht.de/Schoenberner


Geschäftsgebäude Kantstrasse/Ecke Joachimsthalerstrasse im Umbau 2024

Ein kantiger Bau, auf der Fassade ein Wabenmuster: Der einst größte Standort von „Karstadt Sports“ in Berlin sticht noch immer hervor. An der Kreuzung von Joachimsthaler Straße und Kantstraße, unweit des Bahnhofs Zoo, gab es auf vier Etagen ein riesiges Angebot an Fußbällen, Fitnessgeräten oder Skiausrüstungen – bis zur Schließung im Jahr 2020.

Unsichtbar ist heute hingegen die Vergangenheit des Ortes unter dem Nazi-Terror. Ehe in den 1950er-Jahren ein Warenhaus entstand, lebten an dieser Stelle zwei mutige Frauen: Gertrud SCHOENBERNER (geboren 1874) und ihre Adoptivtocher Anna SCHOENBERNER-MÜLLER (geboren 1894). Sie waren Widerstandskämpferinnen gegen das NS-Regime. Ihr Wohnort war die Kantstraße 159. Dort, wo heute (2024) das Geschäftsgebäude (mal wieder) umgebaut wird.

Die Geschichte von Gertrud SCHOENBERNER und Anna SCHOENBERNER-MÜLLER ist nirgendwo in Berlin dokumentiert. Das ist erstaunlich, denn fernab ihrer Heimat sind die beiden Frauen schon vor langer Zeit geehrt worden. Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem hat sie nach ihrem Tod als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt – als zwei von nur etwas mehr als 650 Deutschen. Die Auszeichnung erfolgte am 27. August 1997. Ihre Namen sind seitdem auf der Ehrenmauer im Garten der Gedenkstätte verewigt.

Verfolgt und verzweifelt – dann fand sie Schutz 

Mommsenstrasse 55 in Berlin-Charlottenburg heute

Die Ereignisse hinter der Ehrung führen zurück ins Jahr 1942 – und zu Alice SCHNEIDER-DIDAM, einer Jüdin. Geboren im Jahr 1882 in Düsseldorf, lebte sie mittlerweile in Berlin, zuletzt in Charlottenburg, dort in der Mommsenstrasse 55, einem sog. Judenhaus, in dem jüdische Bewohner räumlich konzentriert wurden, denen im Rahmen der Umgestaltung der Reichshauptstadt mitten im Krieg die Wohnung gekündigt worden war oder deren Wohnungen aufgrund von Bombenangriffen nicht mehr existierten. Jetzt lebten dort über 110 jüdische Bewohner, zusammengepfercht in den Wohnungen. Auch Alice SCHNEIDER-DIDAM.

In jenem Sommer 1942 war sie tief verzweifelt. Denn seit Anfang des Jahres wurden auch aus der Mommsenstrasse 55 und angrenzenden Häusern die ersten jüdischen Menschen von der Gestapo abgeholt und verschleppt. Niemand wusste, wohin. Man konnte es nur ahnen. Aber nicht wirklich wissen.

Alice SCHNEIDER-DIDAM versuchte, sich das Leben zu nehmen, überstand aber ihren Suizidversuch. Anschließend wurde sie im Jüdischen Krankenhaus im Ortsteil Berlin-Gesundbrunnen behandelt.

Die Klinik durfte ihren Betrieb auch unter dem NS-Regime aufrechterhalten. Die Nazis missbrauchten das Haus zugleich jedoch als Sammellager für die Verschleppung von erkrankten Jüdinnen und Juden. SCHNEIDER-DIDAM trat deshalb die Flucht an, als sie nicht mehr Patientin des Krankenhauses war. Sie ging im Herbst 1942 in den Untergrund. Die vorläufige Rettung erfolgte durch Gertrud SCHOENBERNER und Anna SCHOENBERNER-MÜLLER. Die Frauen nahmen die ‘untergetauchte’ Jüdin auf, als sie um Hilfe bat.

Mehr als ein Jahr lang versteckten sie SCHNEIDER-DIDAM in ihrer Wohnung, versorgten sie auch mit Lebensmitteln. Mitten in der Millionenstadt erforderte das viel Mut und besondere Umsicht, die Gefahr war groß, entdeckt zu werden.

Eine Bombennacht vernichtete die sichere Wohnung

Das Haus in der Kantstraße 159 wurde jedoch in der Bombennacht vom 15. November 1943 zerstört. Zu dieser Zeit begannen die bis dahin schwersten alliierten Luftangriffe auf Berlin. Die britische Royal Air Force schlug bald auch dem Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche tiefe Wunden, die Gefechtsspuren an dem Gotteshaus stammen vor allem vom 22. November 1943.

Die Kirche lag in Sichtweite des zerbombten Hauses der SCHOENBERNER-Frauen. Die Widerstandskämpferinnen hatten ihre Wohnung verloren – und Alice SCHNEIDER-DIDAM brauchte ein neues Versteck. Sie trennte sich von ihren Retterinnen, tauchte anderswo unter und überlebte am Ende das NS-Regime.

Gertrud SCHOENBERNER und Anna SCHOENBERNER-MÜLLER blieben in Berlin. Sie setzten ihren Kampf gegen die Nazis an ihrem neuen Wohnort fort. Nach dem November 1943 lebten die Widerstandskämpferinnen im Deisterpfad 31 in Zehlendorf. Hier nahmen sie zwei weitere bedrohte Frauen auf: Rosa JAERSCHKY-ZACHARIAS (geboren 1865) und deren Tochter Lola JAERSCHKY (geboren 1902). Diese beiden Frauen wurden von den Nazis ebenfalls rassistisch verfolgt. Die Mutter war Jüdin. Die Tochter galt unter dem NS-Regime als sogenannter „Mischling ersten Grades“.

Die Verbindung zwischen den vier Frauen bestand schon zuvor. Rosa Jaerschky-Zacharias hatte im Herbst 1942 die rettende Begegnung zwischen Alice Schneider-Didam und Gertrud Schoenberner vermittelt. Die Schoenberners waren Patientinnen ihres Mannes Paul JAERSCHKY. Der Arzt verstarb 1941

Mutter und Tochter V waren danach von der Deportation bedroht. Ihre Flucht führte sie in die Wohnung der Widerstandskämpferinnen. Die ‘untergetauchten’ Frauen blieben ab dem 13. September 1944 im Deisterpfad 31. Sie wurden hier von den SCHOENBERNER-Frauen verborgen und versorgt – bis zur Befreiung durch die Rote Armee am 24. April 1945.

An diesem Tag wurden die Kampfhandlungen in Zehlendorf eingestellt, mehr als eine Woche vor dem Ende der gesamten Schlacht um Berlin. Rosa JAERSCHKY-ZACHARIAS und Lola JAERSCHKY verließen ihr Versteck am 26. April 1945.
 

Die Ehrung wurde zur Familienangelegenheit

Die Spuren verlieren sich danach. Gertrud SCHOENBERNER verstarb im folgenden Jahr. Die JAERSCHKY-Frauen lebten nach ihrer Rettung in der Scharfestraße 4-6 im Stadtteil Berlin-Zehlendorf. Rosa  Rosa JAERSCHKY-ZACHARIAS verschied hier im Januar 1954. Sie starb an Altersschwäche.

Anna SCHOENBERNER-MÜLLER durfte noch eine besondere Ehre erleben. Sie wurde im Programm „Unbesungene Helden“ anerkannt. Der Senat von West-Berlin zeichnete unter diesem Titel zwischen 1958 und 1966 mehr als 750 Berlinerinnen und Berliner aus, die unter dem Nazi-Terror jüdische Mitmenschen unterstützt beziehungsweise gerettet hatten.

Die Ehrungen erfolgten alle auf Anregung der Jüdischen Gemeinde. Sie wurden in der Politik maßgeblich befördert von dem sozialdemokratischen Innensenator Joachim LIPSCHITZ (1918-1961). Gertrud SCHOENBERNER wurde die Auszeichnung posthum zuerkannt. Anna SCHOENBERNER-MÜLLER schied 1967 aus dem Leben. Die Sterbeurkunde wies sie als „frühere Hausgehilfin“ aus. Ihr letzter Wohnsitz war die Stindestraße 3 in Steglitz. Aber auch dort erinnert nichts an die Rettungstaten, die ihr mit ihrer Mutter gelungen waren – genauso wenig wie im Deisterpfad und der Kantstraße.

Die Anerkennung der beiden Widerstandskämpferinnen als „Gerechte unter den Völkern“ wurde schließlich eine Familienangelegenheit. Gertrud SCHOENBERNER's Neffe Gerhard SCHOENBERNER, damals Leiter des Hauses der Wannseekonferenz, regte die Auszeichnung in Yad Vashem in den 1990er-Jahren an.

Sie retteten drei Leben – und blieben doch unbekannt

Die Frauen konnten einst drei Leben retten. Sie sind dennoch unbekannt geblieben. Ihre Geschichte ist in dieser Hinsicht kein Einzelfall. Die Lebenswege vieler „Gerechter unter den Völkern“ aus Deutschland sind in ihrer Heimat noch heute verborgen. Frauen sind zudem auch mit Blick auf den Widerstand gegen das NS-Regime deutlich weniger bekannt geworden als Männer – wie so oft in der Geschichte.

Die Berlinerin Elisabeth „Lilly“ WUST ist eine Ausnahme. Sie lebte in der NS-Zeit als Hausfrau in Schmargendorf. Ihr Leben wurde unter dem Titel „Aimée und Jaguar“ in den 1990er-Jahren verschriftlicht und verfilmt. Sie ist daher deutlich sichtbarer geworden als viele andere Berlinerinnen, die ebenfalls „Gerechte unter den Völkern“ sind.

Die Schneiderin Stephanie HÜLLENHAGEN ist dafür ein Beispiel. Sie rettete in ihrer Wohnung in Gesundbrunnen eine Jüdin. Zu nennen sind auch Hildegard SCHAEDER, eine Kirchenhistorikerin aus Wannsee, oder Charlotte ERXLEBEN, die ein Bordell in Mitte besaß und dort auch selbst Sexarbeit leistete, oder Marie BURDE, eine Lumpensammlerin aus dem Wedding. Die Namensliste ließe sich ergänzen, auch um die SCHOENBERNER-Frauen.

Fate: survived“ – viel mehr als das, was die Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem über die weiteren Lebenswege von Gertrud SCHOENBERNER und Anna SCHOENBERNER-MÜLLER berichtet, lässt sich auch über deren Biografie nicht sagen. Details über ihre Familienverhältnisse liegen genauso im Dunkeln wie der Grund für die Adoption von SCHOENBERNER-MÜLLER. Einem Telefonbuch von 1934 zufolge lebten die beiden auch einmal in der Kufsteiner Straße 51 in Schöneberg.

Es gäbe viele Möglichkeiten, die SCHOENBERNER's zu ehren

Das Hausnummernschild gibt es noch heute, ist aber nicht das Original

Das Haus in der Kantstraße 159 war auch nach dem Zweiten Weltkrieg eine Ruine. Der Wiederaufbau blieb aus. Die noch erhaltenen Mauern wichen dem „Kaufhaus am Zoo“, eingeweiht im November 1949. Der besagte Bau war die erste „Markthalle“ der Nachkriegszeit in Berlin. Ihr Abriss erfolgte aber bereits nach wenigen Jahren. Der danach errichtete Neubau liegt noch heute dort, wo die Joachimsthaler Straße und die Kantstraße aufeinandertreffen.

Das Haus wurde im November 1956 zum Standort einer „Bilka“-Filiale. Sie stand für freudige Aufbruchstimmung in den Nachkriegsjahren und neue Kauflaune in der Wirtschaftswunderzeit. Das Haus mit der markanten Fassade, ein Wahrzeichen im damaligen West-Berlin, steht unter Denkmalschutz. „Bilka“ hielt sich hier bis in die 1990er-Jahre, gab den Standort dann auf. „Karstadt Sports“ folgte, eröffnete 1996 und blieb für beinahe 25 Jahre. Der inzwischen eingetretene Leerstand des Hauses wird nicht von Dauer sein, das Warenhaus soll zu einem Kulturzentrum umfunktioniert werden.

Es wäre die passende Gelegenheit, Gertrud SCHOENBERNER und Anna SCHOENBERNER-MÜLLERmit einer Gedenktafel zu ehren. Auch Stolpersteine wären eine geeignete Möglichkeit der Ehrung. Das gilt für AliceSCHNEIDER-DIDAM sowie Mutter und Tochter JAERSCHKY. Das gilt aber auch für die SCHOENBERNER-Frauen. Die Verlegung erfolgt inzwischen auch für Widerstandskämpferinnen und -kämpfer gegen das NS-Regime.

Die Zahl der Straßennamen und Mahnmale zur NS-Zeit ist in ganz Berlin sehr hoch. Die Zahl der noch fehlenden Erinnerungsorte ist es aber auch. Gedenken kann zudem auf vielfache Weise erfolgen. Gertrud SCHOENBERNER war einst Studienrätin bzw. “Oberlehrerin” (siehe den Auszug aus dem Adressbuch von 1934 ganz oben). Sie verweigerte jedoch unter dem Nazi-Terror den Treueeid auf Adolf HITLER Das NS-Regime zwang sie deshalb bereits 1933 in den Ruhestand. Deshalb käme auch in Betracht, eine Berliner Schule zur „Schoenberner-Schule“ zu machen. Charlottenburg oder Zehlendorf wären dafür die geeigneten Ortsteile. Hier haben die Frauen ihre Rettungstaten vollbracht, hier sollten sie sichtbar sein.


Nachtrag

Das ehemalige Wohnhaus Kantstrasse 159 hatte im Hof ein Gartenhaus, das nach 1901 von dem Bildhauer Arthur LEWIN-FUNCKE als Atelier genutzt wurde und der gleichzeitig eine künstlerische Schule für Modellieren am lebenden Modell betrieb. Dort hatten sich auch so bekannte Namen wie Lovis CORINTH und der Berliner Maler Hans BALUSCHEK künstlerisch ‘weitergebildet’. Die Ateliers wurden bis 1935 genutzt. Dass das Gebäude nun vollständig in ein Kulturforum transformiert werden soll, knüpft damit an die Historie des ehemaligen Gebäudes an.

Der Text ist aufrufbar unter www.ansTageslicht.de/Schoenberner.

(JL)