Weil Alexander jetzt im Fokus von Polizei und der übergeordneten Behörde “Gestapo” ist, er dort als ehemaliger “KZ-Häftling” registriert ist, gelingt es ihm nicht, eine feste Arbeitsstelle zu finden. Er muss improvisieren.
Von Hause aus wurden ihm handwerkliches Geschick in die Wiege gelegt. Das nutzt er und macht das, was er heutzutage machen würde: Dinge reparieren und in Ordnung bringen, wenn neue Techniken normalen Menschen das Leben erschweren. In unseren Tagen wären das Computer, WLAN-Anschlüsse und digitale Telefonverbindungen. Zu Alexander's Zeiten sind es vor allem die Radios, auch “Volksempfänger” genannt. Er wird schnell zum Spezialisten. Die Küche zu Hause in der Grenadierstrasse 31 gleicht an manchen Tagen eher einer elektrischen Bastelstube als einem Essplatz, denn es gilt kaputt gegangene Röhren auszutauschen (heute: Chips), Wellenlängen einzustellen (heute WLAN-Verbindungen) und viel anderes. Die Einkünfte aus diesen Tätigkeiten sind unregelmäßig. Nicht einfach für eine stetig wachsende Familie, denn 1935 und 1937 werden die Kinder Nr. 5 (Reni) und Nr. 6 (Judith) geboren.
Für steten Geldfluss sorgt Lina. Sie unterhält ebenfalls ein Mini-Geschäft, repariert Socken, flickt und näht für andere Kleidungsstücke wieder zusammen. Und sie hat vor allem einen ganz wichtigen Job: Sie ist Hauswartin des großen Mietgebäudes, muss die Treppen regelmäßig putzen und am Monatsende für den Besitzer die Mieten kassieren. Dafür darf die WEBER-Familie kostenfrei wohnen zuzüglich eines kleinen Minigehalts.
Aber das sind nur die finanziellen Probleme. Die größeren werden durch die Umstände verursacht. Für Juden wird das Leben immer schwieriger. Und gefährlicher. Die Kinder, soweit sie zur Schule gehen und am Wochenende in die Synagoge, merken davon nicht so viel. Aber die Eltern machen sich immer mehr Sorgen. Bis zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin halten sich die Nazis und die vielen Mitläufer in den Amtsstuben, Behörden und Unternehmen noch zurück. Doch kaum ist das öffentliche Spektakel zu Ende, werden überall die Daumenschrauben angezogen:
- Die Nürnberger Rassegesetze “zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre”, 1935 maßgeblich entwickelt und verfasst von einem Ministerialrat, der nach 1945 Konrad ADENAUER's rechte Hand werden wird, verbietet fortan die Eheschließung zwischen Juden und Nichtjuden sowie den außerehelichen Geschlechtsverkehr. Verstöße werden als “Rasseschande” mit Gefängnis bestraft.
- Immer mehr Städte und Kommunen verbieten Juden den Zutritt zu Kinos, Parkanlagen und Gaststätten.
- Jüdische Lehrer dürfen keinen Privatunterricht mehr an arische Deutsche erteilen.
- Jüdische Kinder dürfen nicht mehr mit nichtjüdischen Kameraden in ein- und derselben Klasse sitzen.
- Ähnliches gilt für Krankenhäuser: strikte Rassentrennung.
- In den Ausweispapieren muss die mosaische Religionszugehörigkeit ausgewiesen sein.
- Einführung einer jüdischen Kennkarte und vieles andere mehr.
Immer mehr Deutsche jüdischen Glaubens verlassen ihr Land. Noch geht es. Für junge Männer, kräftig und gesund und ohne Anhang, ist es nicht allzu schwierig, ein Land zum Auswandern zu finden. Aber für eine ganze Familie, insbesondere eine große, also Vater, Mutter und (derzeit noch) sechs Kinder, ist dies unmöglich.
All das hält Lina nicht davon ab, anderen zu helfen. Beispielsweise Menschen, die zur Gruppe der Sinti und Roma gehören und einst in den 20er Jahren vor den Pogromen in ihren Ursprungsländern nach Berlin ins Scheunenviertel geflohen sind. Jetzt wollen sie wieder weg. Sie ahnen, was auf sie zukommen würde. Lina begleitet sie auf den Wegen in die Amtsstuben, wenn sie Ausreisepapiere beantragen.
Die sogenannte Reichspogromnacht des 9. auf den 10. November 1938, in der sich der Mob auf den Strassen austobt und die Nazis Feuer in den Synagogen legen, übersteht die Familie Weber schadlos. Gleichzeitig ist es das Jahr, in dem Alexander eine feste Anstellung bei einem kleinen Elektroinstallationsgeschäft findet: jetzt hat er ein festes Einkommen. Die Familie nutzt es, in eine größere Wohnung umzuziehen: eine Parallelstrasse weiter in die Dragonerstrasse 48.