So sieht der Ablauf des Jahres der eigentlichen Affäre aus:
- DER SPIEGEL bzw. der Rechercheur Hermann RENNER lässt sich nicht lumpen - die "Fibag-Affäre" wird durch neue Informationen und Dokumente gefüttert, die das Nachrichtenmagazin präsentieren kann: vor Gericht und im Heft. Mehr dazu unter Das Vorspiel
- im Bonner Bundestag setzen SPD und die FDP, obwohl letztere zur Regierungskoalitiongehört, einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss durch. Der soll die "Fibag"-Vorwürfe klären
- da FRANZ Josef STRAUSS immer noch auf die alte Verteidigungsstrategie der vorrangig bzw. ausschließlich atomaren Vergeltung setzt, was im Ernstfall bedeuten würde, dass man auf einen konventionellen Angriff - mangels konventioneller Masse - mit einem Atomschlag reagieren müsste, was wiederum den Gegenschlag des Angreifers auslösen würde, wäre die Welt wohl am Ende.
Genau darüber machen sich mehrere hohe Militärs - wie auch AUGSTEIN und andere SPIEGEL-Journalisten - Sorgen. Sie fühlen sich bestätigt, weil auch die USA unter KENNEDY - unabhängig des Schweinebuchtdesasters auf Kuba - eine differenzierte Abwehrstrategie verfolgt: mittels eines "flexible response". Die Luftwaffengeneräle stehen hinter FJS - er hat ihnen mit dem "Starfighter" ein wunderbares Spielzeug beschert und Generäle pflegen nicht in der Pilotenkanzel zu sitzen. Anderer Meinung hingegen sind Vertreter des konventionellen Heers.
Einer von ihnen, Alfred MARTIN, Oberst im Generalstab der Bundeswehr, nimmt im Frühjahr über Rudolf AUGSTEIN's Bruder, den Rechtsanwalt Dr. Josef AUGSTEIN, vorsichtig Kontakt zum SPIEGEL auf. Er tauscht sich künftig mit Conrad AHLERS aus, dem stellvertretenden Chefredakteur, der gleichzeitig einer der Militärfachleute beim SPIEGEL ist.
Als eines der ersten Gesprächsergebnisse erscheint am 13. Juni ein kleiner, aber informationsgeladener Bericht im Blatt: Stärker als 1939?
Den liest auch ein Hochschulprofessor für "Staatsrecht" an der Universität Würzburg: Prof. Dr. Friedrich-August Johannes Wilhelm Ludwig Alfons Maria Freiherr von der HEYDTE, kurz Prof. Dr. Friedrich August von der HEYDTE.
Seit 1933 Mitglied der NSDAP und eifriger Verfechter der Zeitschrift Totenkopf, das Mitgliedsblatt der SS, ist HEYDTE nach 1945 aktives Mitglied der CSU. Als begeisterter Teilnehmer des Zweiten Weltkriegs, bei dem er sich viele militärische Auszeichnungen erworben hatte - u.a. bekam er von Adolf HITLER das Ritterkreuz mit Eichenlaub höchstpersönlich überreicht - ist der Gelehrte auch im Nachkriegsdeutschland ein überzeugter Anhänger militärischer Stärke. Er agiert - sozusagen im Nebenberuf - als "Oberst der Reserve" bei der Bundeswehr. Eine Beförderung auch im Nachkriegsdeutschland wird ihm nicht versagt bleiben. Nach der "SPIEGEL-Affäre" wird er in den Stand eines "Brigadegeneral der Reserve" erhoben.
Von der HEYDTE ist für den SPIEGEL kein Unbekannter. Der konservative Staatsrechtler aus Würzburg wirft dem Hamburger Magazin schon länger landesverräterische Machenschaften vor, spricht und schreibt von "gesinnungslosen Publizisten" und veröffentlicht solcherlei eifrig in diversen Pamphleten, die er über die CSU streuen lässt. DER SPIEGEL setzt sich juristisch zur Wehr und gewinnt.
Der Würzburger Freiherr ärgert sich. Und der Artikel "Stärker als 1939?" kommt ihm wie gerufen. Vielleicht lässt sich doch nochmals ein Angriff gegen das "gesinnungslose" Blatt starten. Doch jetzt ist ersteinmal Sommer und damit Ferienzeit...
Zu dieser Zeit - mit Beginn des Monats Juli - fahren über die unterschiedlichen Meeresrouten (Route 1: Schwarzes Meer > Mittelmeer > Atlantik; Route 2: Arktischer Ozean > Atlantik) aus dem riesigen Reich der Sowjetunion ungewöhnlich mehr Frachter auf den atlantischen Ozean. Sie haben alle ein Ziel: Kuba.
Was niemand weiß und niemand wissen kann: Es handelt sich um eine der geheimsten Militäroperationen. Alle Anweisungen und Befehle wurden und werden nur mündlich ausgeführt. Weil es keine Funksprüche und sonstige medialen Übertragungen (Telefon, Telefax) gibt, versagt das weltumspannende US-Abhörsystem der National Security Agency (NSA) bei dieser gigantischen Operation, die unter dem Code "Anadyr" sorgfältig vorbreitet wurde.
Die Frachter haben sensibles Gut versteckt: Raketentechnik vom Feinsten und auf dem allerneuesten Stand. Flugabwehrraketen, Abschussrampen, aber auch die Raketen des allerneuesten Typs wie der "SS-4" und der "SS-5". Ebenfalls auf den Frachtern gut getarnt: nukleare Sprengköpfe.
CHRUSCHTSCHOW sieht nicht mehr ein, dass die USA in der Türkei atomare Jupiterraketen aufgestellt haben, die Moskau in fünf Minuten erreichen könn(t)en. Jetzt will er sich revanchieren: mit Atomraketen auf Kuba, die Washington in 5 Minuten angreifen und zerstören könn(t)en.
Von all dem ahnt die Welt noch nichts ...