Bestseller in Babywindeln

Der US-Geheimdienst hat im Kalten Krieg das von freien Meinungen abgeschottete Osteuropa mit liberalem Lesestoff versorgt und zehn Millionen Bücher durch den Eisernen Vorhang geschmuggelt - vom Roman bis zur Frauenzeitschrift „Madame“. Ein britischer Autor spricht vom „best gehüteten Geheimnnis“ jener Jahre vor 1990. 

Eine Rekonstruktion von Dietmar SEHER.

Diese Geschichte ist Bestandteil der mehrteiligen Serie Vom heißen ‘Kalten Krieg’ bis zur Deutschen Einheit, aufrufbar zentral unter www.ansTageslicht.de/DeutscheEinheit. Die “Babywindel”-Story lässt aich ansteuern unter www.ansTageslicht.de/Babywindeln.


Sowjetischer Vasallenstaat Polen, 70er Jahre

Von Zeit zu Zeit erhielt der Erzbischof von Krakau Bücherpäckchen. Nie hatte er sie bestellt. Aber er freute sich über die gedruckten Geschenke, wenn er sie am Kardinalssitz im Wawel hoch über der südpolnischen Stadt auspackte. Den Absendern schickte er freundliche Dankeschön-Karten. Denn man schrieb die 1970er Jahre. Es herrschte Kalter Krieg. Die kommunistischen Regime versuchten, ihre Bevölkerungen von objektiven Informationen und freien Meinungen abzuschneiden. Und bei den Präsenten handelte es sich oft um verbotene Literatur, deren Lesen im sozialistischen Polen zu langer Haft führen konnte.

Erster Besuch des neugewählten Papstes Johannes II in seiner Heimat Polen 1979. Quelle: WIKIPEDIA - gemeinfrei

Wer wirklich hinter den Päckchen steckte? Das ahnten wohl weder Karol Kardinal Woityla noch die als Vermittler genutzten Versender. Im Oktober 1978 allerdings, unmittelbar nachdem das Konklave in Rom den polnischen Bücherempfänger zum Papst mit dem Namen Johannes Paul II. gewählt hatte, bekam US-Präsident Jimmy CARTER Besuch eines CIA-Beamten. Der erzählte stolz: Mit Woityla sei jetzt ein Empfänger aus ihrer geheimen „Aktion Buchprogramm“ Oberhaupt der Katholischen Welt.

Geheimdienste im Kalten Krieg, erst recht die gefährlichsten im Rang von CIA, Mossad oder KGB, setzten Agenten ein, nutzten Abhörgeräte und wahrscheinlich nicht selten Mordwaffen. Aber einen Bücherversand? 

The CIA Book-Club

Der britische Guerdian-Journalist Charlie ENGLISH hat Anfang 2025 die Geschichte „The CIA-Book-Club“ aufgeschrieben und in englischer Sprache veröffentlicht. Seine spannend recherchierte Story rundet das immer noch lückenhafte Wissen darüber ab, mit welchen gezielten Mitteln der Westen das Ende des Sowjetreiches herbeiführte und den Mauerfall und den großen Umsturz in Osteuropa in den Jahren 1989 und 1990. 

Dieser Buchclub, schon betrieben seit Anfang der 1950er Jahre und unter dem Decknamen „International Literary Center Ltd.“ besonders intensiv gegen Ende der Ost-West-Konfrontation aktiv, hatte seinen Hauptsitz im New Yorker Stadtteil Manhattan, 475 Park Avenue South. Die Mannschaft dort unter ihrem Chef, dem Top-Agenten George MINDEN, sorgte nicht nur für den massenweisen Vertrieb verbotener westlicher Bücher in Osteuropa, um die Bürger dort mit reellen Informationen auszustatten. Sie unterhielt auch eigene Druckereibetriebe und Verteilzentren in Amerika, Skandinavien und vor allem Paris. Die Adressaten der CIA-Produkte lebten in Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Tschechoslowakei und mit dem Schwerpunkt in Polen. Polen sollte das Kernland werden, um den Ostblock zu knacken. 

Die USA starteten Anfang der 1980er Jahre weitere massive Unterstützungen für die Gewerkschaft Solidarnosz zur Finanzierung eines Untergrund-Netzwerkes, das Propagandamaterial herstellen konnte. Dafür sollen zwischen 50 und 100 Millionen von Priestern tranportierte Dollar via Vatikan in Lech WALESAs Gewerkschaftskasse geflossen sein soll. Schon im Frühjahr 1989, Monate vor dem Mauerfall in Deutschland, kippte das kommunistische Regime in Warschau.

Die Bestsellerliste

Die in den Ostblock geschafften CIA-Titel waren in der übrigen Welt Bestseller mit Millionenauflagen. 

Neben George Orwells Zukunftsroman „1984“ gehörte Alexander Soltschenitzyns Buch „Archipel Gulag“ zum geheim Angelieferten, das in Babywindeln verpackt das östliche Ziel erreichte. Boris Pasternaks „Doktor Schiwago“ konnte auf der Brüsseler Weltausstellung 1958 im Pavillon „Civitas Dei“ (Stadt Gottes) von sowjetischen Besuchern mit nach Hause genommen werden. Philosophische Texte von Albert Camus und Hannah Arendt gingen versteckt in Lkw, Flugzeugen oder Fährschiffen gen Ost. Mit im Sortiment der New Yorker Zentrale war aber auch Unpolitisches aus Kultur und Unterhaltung: Die „Geschichte der modernen Malerei“ von Herbert Read oder Magazine wie „Marie Claire“ und die deutsche Frauenzeitschrift „Madame“. 

Besonders brisant für polnische Empfänger indes: Fitzgibbons Buch „Katyn: Ein Kriminalfall ohne Parallelen“ über den Massenmord an 4.400 polnischen Offizieren 1940 nahe Smolensk durch die Sowjets. Moskau hatte die Täterschaft immer bestritten und räumte sie erst 1990 ein.

Der Erfolg des geheimen und US-finanzierten „Buchprogramms“, so hat es Charlie ENGLISH herausgefunden, war sensationell. Zehn Millionen Exemplare, entweder fertig gebunden oder als Druckvorlage, wurden zwischen den 1950ern und 1990 durch die eigentlich undurchdringlichen Grenzen geschmuggelt. In den letzten Jahren waren es jährlich mehr als 300.000. Was auffällt: Westdeutschland als Transportweg mit der langen Frontlinie zu Osteuropa mied die CIA. In diesem zentralen Bereich des Eisernen Vorhangs wurde die professionell arbeitende DDR-Staatssicherheit als ein zu hohes Risiko eingeschätzt. Zudem wertete die DDR zum Beispiel Orwells „1984“ über einen fiktiven Staat, in dem ein „Wahrheitsministerium“ jeden Bürger unter scharfer Kontrolle hielt, als „staatsfeindliche Hetze“. Nach einer in ENGLISs Buch veröffentlichten Karte gab es allerdings auch in der Alt-Bundesrepublik einen Verbindungsmann: Andrzej WIRGA in Köln. Solidaritäts-Gewerkschafter WIRGA und seine Frau Jolanta hatten damals das „Hilfskomitee Solidarnosz“ in Mainz gegründet. Und die Frankfurter Buchmesse wurde nicht nur einmal zur zentralen Kontaktbörse, über die Lieferungen vereinbart wurden. 

Schmuggelware "Buch"

Bücherschmuggel ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Er war immer ein politisches Instrument. Und er ist am Ende meist erfolgreich gewesen. 

  • Über 400 Jahre setzte der Vatikan ihm unliebsame Werke auf eine Index-Liste, was alleine schon manche versteckten Transfer provozierte. 
  • Ende des 17. Jahrhunderts war im katholischen Habsburgerreich die Lutherbibel für tabu erklärt worden. Haft oder Ausweisung drohte allen, die mit dem Werk erwischt wurden. So entstand dort ein Schmuggelweg, über den die verbliebenen Evangelischen in Österreich, die ihrem Glauben verborgen nachgingen, mit Bibeln und Gesanbüchern versorgt wurden. Er führte vom Druckort Urach in Württemberg über Passau bis ins italienische Triest. 

Schmuggler waren nicht selten Viehhändler, die ganz legal ihre Kühe nach Deutschland brachten und auf dem Rückweg, illegal, frommes Lesegut schleppten. 

  • Zwischen 1866 und 1904 enstand der nächste Kanal, diesmal zwischen Preußen und Russland. Über ihn gelangten rund drei Millionen litauischsprachige Bücher nach Litauen, obwohl Russlands Zar die litauische Sprache verboten hatte. Die Schmuggler, „Bücherträger“ genannt, werden heute als Volkshelden verehrt - zumal ihnen bei Verhaftung Lager in Sibirien oder die Erschießung gedroht hatte.

Eine Panne hält den Schmuggel nicht auf

Aufgeflogen wäre bald auch die CIA-Operation. 1984, am 23. März, war das: Im Hafen Swinoujscie macht die Fähre „Wilanow“ aus Kopenhagen fest. Die polnische Zollkontrolle übernimmt. Dabei fällt einem Offizier auf, dass ein sehr langer Lkw mit medizinischem Gut, darunter einem Zahnarztstuhl, eigentlich einen viel zu kurzen Laderaum aufweist. Misstrauisch geworden reißt er die Frontwand der Ladefläche ein Da kippen ihm 800 Bücher entgegen. „Scheiße“, schreit er, „reaktionäre Propaganda“. Der französische Lkw-Fahrer Jacky CJALLOT wird festgenommen. Dass dieser Schmuggel nur kleiner Teil einer riesigen CIA-Operation war, die seit Jahrzehnten kommunistische Zensur unterlief ? Das erkennt der Offizier nicht. 

Der Franzose darf Monate später ausreisen. 


Hinweis zum Buch:

Charlie ENGLISH (2025): The CIA-Book-Club. The best-kept secret of the cold war. William Collins Verlag, United Kingdom