"Fleisch!" Vorleistung für die erfolgreichen "2 + 4" - Gespräche?

Diese (Hintergrund)Geschichte stellt den dritten Teil der Serie Vom ‘heißen’ “Kalten Krieg” bis zur Deutschen Einheit dar, rekonstruiert von Dietmar SEHER, seinerzeit Politischer Korrespondent der NRZ ("Neue Ruhr Zeitung"), Büro Bonn. Sie ist mit allen Teilen zentral aufrufbar unter www.ansTageslicht.de/DeutscheEinheit. Der nachfolgende Text unter www.ansTageslicht.de/Fleisch


1990

Es ist der 7. Januar. Der Mauerfall liegt acht Wochen zurück. Was aus den beiden deutschen Staaten wird? Das ist offen. Die Einheit? Für viele ein Tabu. Die Bundesregierung denkt darüber nach, aber nur vorsichtig. Konkretere Pläne gibt es noch nicht. Da klingelt im Bonner Zuhause von Horst TeELTSCHIK das Telefon. Beim außenpolitischen Berater von Kanzler Helmut KOHL (CDU) meldet sich an diesem Sonntagmittag der sowjetische Botschafter. Julii KWIZINSKIJ bittet um einen Termin mit TETSCHIK's Chef. Möglichst schnell. Worum geht es, fragt TELTSCHIK. Um Hilfe, sagt der Botschafter. Um welche Hilfe, fragt TELTSCHIK. „Fleisch“, sagt KWIZINSKIJ.

Horst TELTSCHIK hat den ungewöhnlichen Anruf in seinem 1000-Seiten-Wälzer „Die 329 Tage bis zur deutschen Einigung“ aufgeschrieben. Das 1,7 Kilo schwere Tagebuch ist seit Herbst 2024 erhältlich. Es entstand unter Mitarbeit des Wiener Historikers Michael GEHLER und gibt chronologisch und detailliert den politischen und auch wirtschaftlichen Handel wieder, der sich vor 35 Jahren zwischen der überraschenden Öffnung der innerdeutschen Grenzen am Abend des 9. November 1989 und dem Vollzug der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 abgespielt hat. Einer der wichtigsten Händler und Boten an dieser Front: TELTSCHIK selbst. 

So öffnet sein Buch spannende Einblicke in die Wende-Tage. Das gilt für Details. Wie es zur 10-Punkte-Erklärung KOHL's kam, in der erstmals von einer staatlichen Einheit Deutschlands die Rede war. Dass der Kanzler wenig später die Einheit lieber noch mal, vielleicht sogar um zehn Jahre, aufschieben wollte. Dass Helmut KOHL Angst ums eigene Leben hatte, weil sein Freund, der Bankmanager HERRHAUSEN, Chef der Deutschen Bank,, in eine tödliche Terror-Falle geraten war. Dazu das Zitat aus dem Notizblock: „Wenn sie das System treffen wollen, müssen sie den Spitzenmann treffen“. 

Doch wer TELTSCHIK's Aufzeichnungen liest, dem erscheint auch manche Geschichtsdarstellung über den großen Umbruch am Ende des 20. Jahrhunderts fragwürdig. Nicht Proteste auf den Straßen von Ost-Berlin und Leipzig, nicht trickreiche diplomatische Schachzüge waren danach entscheidende Trigger des weltpolitischen Bebens. Es war die große wirtschaftliche Not des damaligen Ostblocks. „Fragen des Bimbes“ seien für das Zustandekommen der deutschen Einheit wichtiger gewesen als die Montagsdemos, hat KOHL später im Pfälzer Dialekt eingeräumt. Aber, überraschend und mit bisher unterschätzter Bedeutung, wohl auch Fragen der Ernährung von 270 Millionen Sowjetbürgern. TELTSCHIK dazu: „Die Sowjetunion hatte im Winter 1989/90 eine riesengroße Versorgungskrise“.

Michail Sergejewitsch GORBATSCHOW

GORBATSCHOW auf dem XI. Parteitag der SED mit HONECKER. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1986-0421-049-Rainer MITTELSTÄDT. CC-BA-SA 3.0

Gott gebe uns einen milden Winter“. Das Stoßgebet wird dem damaligen Kreml-Chef Michail GORBATSCHOW nachgesagt. TELTSCHIK erfuhr von sowjetischen Bergarbeitern, die keine Seife zum Waschen mehr hatten und greisen Russinnen, die an den U-Bahnhöfen ihre alten BH's verkaufen mussten. Sowjet-Rentner konnten für die Monatsrente gerade fünf Pfund Fleisch kaufen. Tauben wurden als Festmahl auf der Straße eingefangen. Die „Literaturnaja Gazeta“ schrieb: „Es kommen bereits Morde wegen Kleidung vor“. Und in Leningrad wurde eine Frau in einer Menschenmenge totgedrückt, die gerade einen Zuckerladen belagerte. 

Die Not weit im Osten und die folgende spontane bundesdeutsche Nothilfe, die damals größte überhaupt, ist dreieinhalb Jahrzehnte später ein fast vergessener Vorgang. Doch: „Diese Themen waren für mich vorrangiger als die Frage nach der DDR“, schreibt der KOHL-Berater heute. Die Staaten unter der Kontrolle des Kreml und die führende Sowjetunion selber standen finanziell vor dem Ruin. Ihre Industrien und Landwirtschaften hörten auf zu funktionieren. Ihre Staatsverwaltungen operierten ins Leere. Hunger machte sich breit. Die USA unter Präsident George H.W. BUSH, ebenfalls um Hilfe gebeten, zögerten. So fühlte sich der Bundeskanzler an entscheidenden Tagen nicht als Treiber der Entwicklung. Er war ihr „Getriebener“.

Montag, 8. Januar 1990, keine 24 Stunden nach dem Hilferuf. TELTSCHIK ist bei KOHL. „Ich berichte über den Anruf Kwizinskii“, notiert der Berater ins Tagebuch. Und: „BK zur sofortigen Hilfe bereit. KWIZINSKIJ soll um 16 Uhr zu ihm kommen“. Schon für 11 Uhr zitiert der Chef Landwirtschaftsminister Ignaz KIECHLE (CSU) ins Kanzleramt. „Er soll prüfen, wieviel Fleisch in der kürzest möglichen Zeit zu liefern ist.“

Staatliche Hilfe

Westdeutschlands Politikergarde weiß, wo die Schätze ruhen. Ignaz KIECHLE und Kanzleramtschef Rudolf SEITERS mobilisieren immense Reserven der Nato, des Bundes und des (West-)Berliner Senats aus dem Kalten Krieg. Es ist der staatliche Vorratskeller, der größte der westlichen Welt überhaupt, der zunächst unter hoher Geheimhaltung geplündert wird. Die Waren lagern in Bunkern und stillgelegten Gasometern, viele davon im Westen Berlins. Die waren - Ironie der Geschichte - nach der sowjetischen Blockade der geteilten Stadt 1948 zum Zweck der Versorgungssicherung umgerüstet worden. KOHL entscheidet, das alles zu opfern. Ab Mitte Februar 1990 fließt sechs Wochen lang von hier ein gigantischer Warenstrom im Wert von zunächst 220 Millionen D-Mark in Richtung Sowjetunion:

  • 52.000 Tonnen Rindfleischkonserven,
  • 50.000 Tonnen Schweinefleisch,
  • 20.000 Tonnen Butter,
  • 15.000 Tonnen Milchpulver und
  •  5.000 Tonnen Käse. 

Parallel zu den Lebensmitteln gibt es Kleider, Medikamente, Decken.

Nur einen Winter später wiederholt sich der Transfer. Diesmal öffentlich. Der Kanzler rekrutiert die westdeutsche Bevölkerung zum Spenden. Die Einheit ist längst vollzogen. KOHL nutzt die Stimmung, um an das Dankeschön-Gefühl der Bundesbürger zu appellieren: „Die Sowjetunion steht vor einer schweren Bewährungsprobe“, heißt es in seinem Aufruf vom 30. November 1990, „der Winter steht bevor. Es droht Hunger in vielen Städten und Dörfern. Ich glaube, wir alle spüren die Pflicht und die Bereitschaft, unseren sowjetischen Nachbarn zu helfen“.

Foto: RIA Novostie Archive, Bild #428452 - Boris BABANOV. CC-BY-SA 3.0

Und private Hilfe

Prompt spendeten die Bundesbürger 800 Millionen D-Mark. Auch der deutsche Staat ging nochmal an seine Vorräte. Alleine 30 Millionen Dosen Fischkonserven vom Hering in Tomatensauce bis zum Thun und 30 000 Tonnen Zucker, dessen Knappheit Berichten nach allerdings hausgemacht war. GORBATSCHOW‘s strenge Einschränkungen beim Alkoholverkauf hatten dazu geführt, dass die Bevölkerung Zuckerbestände zur heimischen Wodkaproduktion abzweigte. Botho von Sayn-Wittgenstein, der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, flog im Kanzlerauftrag nach Moskau, um den konkreten Bedarf zu eruieren und die Transporte zu organisieren.

„Bis zum Ende des Jahres 1990 hatten wir für zwei Milliarden D-Mark Versorgungsgüter geliefert“, errechnet TELTSCHIK. Entscheidend: Er nennt auch den psychologischen Nutzen, den dies für das Zustandekommen der Wiedervereinigung gehabt hat. „Die prompte Hilfe, die wir leisteten bis hin zu Nylonstrümpfen, war gegenüber GORBATSCHOW einer der Beweise, dass auf Helmut KOHL Verlass war“. Genau das war die Absicht des Kanzlers.

Wie stark der Hilfseffekt dagegen für die Hilfesuchenden war? Es bleiben Fragezeichen. Die größte private Initiative hat 1990 Rupert NEUDECK organisiert, bis zu seinem Tod 2016 Chef der humanitären Organisation „Kap Anamur“ aus Troisdorf. 24 Sattelschlepper mit je 20 Tonnen Ladung schickte er auf die Reise nach Moskau und ins sibirische Prokopjewsk. Er gab sich später zurückhaltend. Größtes Problem sei ja gewesen, dass die Ware überhaupt ankommen konnte. Kriminelle Banden seien aufgetaucht, „manche Lastwagen sind spurlos verschwunden“. NEUDECK heuerte deshalb Bergleute zum Wacheschieben an. Und der Visumzwang für Begleiter und die Notwendigkeit, alle Waren über ein zentrales Zollamt in Moskau zu liefern? Vieles sei „ein Albtraum“ gewesen. Von Albträumen erzählen jedoch auch die Empfänger. Ärzte eines sowjetischen Krankenhauses hofften auf medizinische Instrumente und Arzneien. Ihr Entsetzen beim Auspacken der durch MP-bewaffnete Posten bewachten Spende eines Kölner Kosmetikkonzerns geriet umso größer. 70 Fässer auf 16 Paletten waren bis oben hin voll mit Ölpflegetüchern für Säuglinge.

“2 + 4”

Nicht nur die Kilozahlen von Fleisch und Zucker waren am Ende entscheidend für das Ja der Sowjetunion zur deutschen Einheit. Weit mehr noch waren es die Summen an Dollar und D-Mark, die nach langem Pokern von Bonn nach Moskau geflossen sind. 60 Milliarden sollen es an Exportbürgschaften, ungebundenen Finanzspritzen, als Entgelt für den Truppenabzug der 400 000 Rotarmisten aus der DDR und für ihren Wohnungsneubau auf sowjetischem Boden gewesen sein. Ein Preis der Einheit. Nach Schätzung leitender deutscher Ermittler wie dem Berliner LKA-Mann Uwe SCHMIDT sollen sich dabei Rotarmee-Generäle persönlich reich gemacht haben. SCHMIDT: „Die Milliardensummen sind wohl überall gelandet, nur nicht im Wohnungsbau“. 

Mit weiteren zweistelligen Milliardenforderungen setzte GORBATSCHOW Kanzler KOHL noch wenige Tage vor der Nacht der Wiedervereinigung unter Druck. 

KOHL gab nach. Er wurde der Einheitskanzler. 

Dem Kreml-Chef erging es schlechter. Gegner stürzten ihn 1991.