Carl DIEM: eine kleiner Chronologie der Aufarbeitung in Würzburg

22.6.1882

Carl Diem wird in Würzburg geboren


1936

In seiner Funktion als Generalsekretär des olympischen Organisationskomittees ist Diem maßgeblich an der Organisation der Olympischen Spiele in Berlin beteiligt. Nach Anweisung Joseph Goebbels initiert er zusammen mit Theodor Lewald und nach einer Idee von Alfred Schiff den ersten Olympischen Fackellauf der Neuzeit


18.März 1945

Vor Angehörigen der Hitlerjugend und des Volkssturms hält Carl Diem im Kuppelsaal des Berliner Olympiageländes die sogenannte "Sparta-Rede" und ruft zu einem "finalen Opfergang für den Führer" auf. Während in der Hauptstadt bereits das Artilleriefeuer der Sowjets zu hören war vergleicht Diem die Jugend des NS-Staates mit der militarisierten Jugend Spartas und zitiert den Dichter Tyrtaios mit den Worten "Schön ist der Tod, wenn der edle Krieger für das Vaterland ficht, für das Vaterland stirbt". In den Tagen nach der Ansprache, die der Historiker Frank Becker Jahrzehnte später als "Durchhalterede" bezeichnen wird, kommen in der Schlacht um Berlin hunderte Jugendliche bei dem Versuch ums Leben, Panzerverbände der einmarschierenden sowjetischen Truppen mit Handfeuerwaffen und Panzerfäusten aufzuhalten


1957

Würzburg verleiht dem "großen Sohn" die Sportplakette in Gold


17.12.1962

Diem stirbt in Köln


1981

Die Würzburger Mehrzweckhalle in der Feggrube wird in "Carl-Diem-Halle" umbenannt


1985

Im Rahmen einer Rede zur Entwicklung der Olympischen Spiele stellt der ZDF-Chefredakteur Reinhard Appel die Rolle Carl Diem's als deutsches Sportidol erstmals öffentlich in Frage


Ende der 80er Jahre

Diem's Rolle im Nationalsozialismus wird zunehmend kritisch beleuchtet


1989

Die Würzburger GRÜNEN fordern erstmals die Umbenennung der "Carl-Diem-Halle"; der Versuch scheitert am Abstimmungsergebnis in der Stadtratssitzung


26.10.1995

Reinhard Appel (Ex-ZDF-Chefredakteur) erinnert in der ARD-Sendung Monitor an die "flammende Rede" Diem's in den letzten Kriegstagen


1996

Ein erneuter Anlauf zur Umbenennung der Würzburger Halle scheitert


Januar 2002

Carl Diem's Opferrede vom 18.3.45 wird vom Landgericht Darmstadt bestätigt. Das ergab sich in Folge einer Klage, die der Sohn des ehemaligen Sportfunktionärs Diem, Carl-Jürgen Diem, gegenüber den beiden Vizepräsidenten des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) angestrengt hatte. Theo Rous und Rüdiger Nickel hatten die Grundeinstellung des Würzburger Sportidols als "undemokratisch, nationalistisch, inhuman und rassistisch" bezeichnet. In ihrer Einschätzung bezogen sich die beiden hauptsächlich auf die sogenannte "Opferrede" Diem's


22.1.2002

"Carl Diem: Nazi oder Sportpionier?" - Mit dieser Überschrift beginnt die Berichterstattung in der MAIN-POST. Die bis heute etwa 70 Artikel des Autors Andreas Jungbauer, die sich mit der umstrittenen Figur Carl Diem auseinander setzen, leisten einen wesentlichen Beitrag zur Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit des Würzburger Sportidols. Jungbauer wird für seine Arbeit im Mai 2004 mit dem "Wächterpreis der Tagespresse" ausgezeichnet


5.11.2002

Gespräch zwischen der Oberbürgermeisterin Pia Beckmann und dem VWS-Präsidium


10.4.2003

Gegen den Widerstand der Würzburger Sportgremien und der eigenen Parteifreunde in der CSU setzt die Oberbürgermeisterin Pia Beckmann zum ersten Mal die Verleihung der Carl-Diem-Plakette aus. Der MAIN-POST zufolge will sich Beckmann zunächst ein eigenes Bild von den neuen Erkenntnisse über das Sportidol Carl Diem machen. Anlass dazu bietet ein Gutachten von Dr. Peter Dohms, dem Direktor des Düsseldorfer Stadtarchivs 


Mai 2003

Mit großer Mehrheit stimmen die Teilnehmer des Verbandstages des Würzburger Sports, einer Veranstaltung des Verbands der Würzburger Sportvereine (VWS), für die Beibehaltung der Namen der Carl-Diem-Plakette sowie der Carl-Diem-Halle. Zur Abstimmung kommt es auf ausdrücklichen Wunsch des VWS-Vorsitzenden Karlheinz Frick. Zum Zeitpunkt der Abstimmung sind  lediglich rund 30 der insgesamt 115 im Verband organisierten Sportvereine vertreten


29.9.2003

Im Hinblick auf die bevorstehende Abstimmung findet im Würzburger Rathaus eine Experten-Diskussion zur historischen Figur Diems statt. Ziel dieser Anhörung ist die Bewertung der Frage, ob Carl Diem sich als Vorbild für heutige Generationen eigne und somit weiterhin Namensgeber für eine Halle und eine Sportplakette sein kann


2.10.2003

Mit einer Mehrheit von 24 zu 19 Stimmen spricht sich der Stadtrat von Würzburg für eine Umbenennung der Carl-Diem-Halle sowie der Carl-Diem-Plakette aus. Für die Plakette wurde bereits wenige Wochen nach der Abstimmung der neue Name "Verdienstmedaille für besonderes Engagement für den Würzburger Sport“ gefunden. Hinsichtlich des Hallennamens soll eine Kommission zunächst prüfen, ob die Namensrechte an einen Marketingpartner verkauft werden


25.5.2004

In einer Abstimmung des Stadtrats wird das Sponsoring-Angebot angenommen, das der Stadt Würzburg von Seiten des Mode-Unternehmens s.Oliver vorliegt. Die Rottendorfer Firma erhält gegen die jährliche Zahlung von 50.000 Euro die Namensrechte an der Mehrzweckhalle für einen Vertragszeitraum von zunächst fünf Jahren. Die Kosten für den Austausch des Hallennamens und der von der Namensänderung betroffenen Straßenschilder trägt die Stadt


8.9.2004

Umbenennung der Würzburger Carl-Diem-Halle in "s.Oliver Arena" 


10.3.2009

Beginnend mit dem dritten Band erscheint die vielbeachtete Diem-Biografie „Den Sport gestalten. Carl Diems Leben (1882-1962)“, die der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) bei dem Historiker Frank Becker in Auftrag gegeben hatte. Statt zu einer Klärung führt die Biografie jedoch nur zu neuen Diskussionen um das Würzburger Sportidol, in deren Verlauf dem Autor von Seiten der DOSB-Vertreter auch unwissenschaftliches Arbeiten vorgeworfen wird


6.12.2010

Im Zuge der Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Autor und Historiker Frank Becker und seinen Auftraggebern vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) veranstaltet das Zentrum für Antisemitismusforschung die wissenschaftliche Konferenz "Sport und Nationalsozialismus: Erinnerungspolitik oder kritische Forschung?". Als einer der Referenten spricht Becker zum Thema "Kontroversen um Carl Diems Rede vom 18. März 1945"


10.-11.12.2010

Unter dem Titel "Erinnerungskultur im deutschen Sport. Carl Diem und andere 'große Männer' der (Sport-)Geschichte" lädt auch der DOSB zu einer Tagung, die in den Räumen der Deutschen Sporthochschule Köln stattfindet. Im Verlauf des Kongresses sollen Carl Diem und weitere Repräsentanten des deutschen Sports auch mit Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Politik und Kultur verglichen werden.

Mehr über den Ausgang und die Diskussionen um Carl DIEM unter Neue Diskussionen um Carl DIEM