Geld ist nicht gleich Geld. Geld ist entweder Bargeld oder Buchgeld: cash oder virtuell

Die drei Begriffe: Buchgeld, Giralgeld, virtuelles Geld

Jeder gibt sein Geld nur zu einem (sehr) geringen Teil in Form von Scheinen oder Münzen aus: beim Eisessen, im Restaurant oder kleinere Beträge auch beim Einkaufen.

Der mit Abstand größte Teil des Einkommens wird anders verausgabt: Die Miete wird per Dauerauftrag überwiesen. Ebenso die Stromrechnung und andere regelmäßige Ausgaben. Für größere Einmalausgaben erhält man eine Rechnung, die mittels Banküberweisung beglichen wird, egal ob mit schriftlichem Formular, am Bankautomaten oder Onlinebanking. Und Online-Einkäufe werden oft mit völlig anderen Gelddienstleistern abgerechnet, z.B. mit PayPal.

Statistisch und im Durchschnitt gesehen macht der Bargeld-Anteil daher nur etwa 10% aus. Die 'restlichen' 90 Prozent sind sogenanntes Buchgeld oder auch als Giralgeld bezeichnet. Der Begriff Buchgeld entstamm älteren Zeiten, als man noch von Buchhaltung und Buchführung sprach bzw. mit "Büchern" auch das schriftliche Rechenwerk von Unternehmen verstand - die Zahlen wurden dort (hand)schriftlich festgehalten. Die Bezeichnung Giralgeld bezieht sich auf das Girokonto, das heutzutage jeder hat.

Egal ob Buchgeld oder Giralgeld: Inzwischen werden die Zahlen über die ganzen Gelder weltweit in Computern erfasst und dort gespeichert - vom ausgedruckten Kontoauszug mal abgesehen, den man sich manchmal schicken lässt. Deswegen kann man mit einem dritten Begriff auch von virtuellem Geld sprechen. Wir werden diese Umschreibung benutzen, weil sie die Realität am Besten beschreibt. 

Die berühmte Geldverkehrsgleichung

Sie ist vergleichsweise einfach. Aber sie bringt einen wesentlichen Zusammenhang auf den Punkt: Dass es nämlich einen Zusammenhang gibt zwischen der umlaufenden Bargeldmenge und dem Umstand, ob es Inflation gibt oder nicht.

So sieht die Formel bzw. der Zusammenhang aus:

Das Bruttoinlandprodukt (BIP) multipliziert mit dem jeweiligen Preisniveau ist gleich der Menge aus Bargeld mal (Bargeld)Umlaufsgeschwindigkeit.

Als Formel:

BIP (real) x P = M x V

 

"P" steht für den Preisindex der einzelnen Güter und Dienstleistungen, die im BIP erfasst werden. "M" ist die englische Abkürzung für "Money". Mit "V" wird die Umlaufsgeschwindigkeit beschrieben. Damit ist die - theoretisch gedachte - Umwälzung des vorhandenen Bargeldes gemeint. Anders gesagt: "V" steht für die Zahlungsgewohnheiten in einem Land: Welchen Stellenwert hat Bargeld, wie oft wird bargeldlos bezahlt. In Deutschland setzt sich die Geldmenge aus 10% Bargeld und 90% Giralgeld zusammen. In den USA beispielsweise ist der Bargeldumlauf sehr viel geringer, weil dort fast alles mit Kreditkarte oder anderen modernen Zahlungsmöglichkeiten bezahlt wird. Selbst ein Eis kann man dort mit Karte bezahlen.

Die Konsequenzen aus der Formel. Oder: die politischen Empfehlungen

Wenn nun

  • die Umlaufgeschwindigkeit des Bargeldes konstant ist bzw. die Zahlungsgewohnheiten weitgehend unverändert bleiben (und das tun sie)
  • und die Wirtschaft nicht wächst, das BIP also ebenfalls konstant bleibt,

dann ist alles in Ordnung.

Wenn aber

  • die Umlaufgeschwindigkeit des Bargeldes konstant ist
  • und die Wirtschaft wächst, das BIP also zunimmt,

dann kommt es schnell zu einem Problem: Das Bargeld reicht nicht mehr aus. Anders gesagt: das potenzielle Wachstum wird abgewürgt, weil die Menschen und Unternehmen nicht genügend (Bar)Geld haben, um alles zu bezahlen.

Dann muss der Staat bzw. die staatliche Notenbank einspringen: Indem sie die (Bar)Geldmenge erhöht. Und zwar in dem Umfang, wie die Wirtschaft wächst.

Das sind die potenziellen Folgen dabei:

  • Gelingt es,die Geldmenge im notwendigen Rahmen zu erhöhen, dann ist alles in Ordnung.
  • Gelingt es nicht bzw. ist die Frischgeldzufuhr größer als die Wachstumsrate des BIP, dann kommt es zu Preissteigerungen. Bzw. Inflation.
  • Ist die Frischzufuhr an Bargeld zu gering, kann es zur Deflation bzw. Stagflation kommen. Konkret: die Preise verharren oder sinken oder steigen nicht im üblichen Rahmen. Und dann - so die Theorie - verfallen alle in Agonie.

Was sich als vergleichsweise einfach darstellt, ist umzusetzen weitaus schwieriger. Jedenfalls dann, wenn es so gehandhabt wird, wie es derzeit beispielsweise in Deutschland, aber auch anderen Ländern praktiziert wird: Die Geldmengensteuerung der Zentralbank (Notenbank) läuft über das private Bankensystem. Was da von hinten hineingepumpt wird, muss vorne nicht unbedingt wieder herauskommen.

Und genau das kann die Geldmengensteuerung konterkarieren. Bzw. staatliche Versuche, das Wachstum positiv zu beeinflussen, abschwächen oder gar unmöglich machen. Eine Situation, die der unsrigen im Augenblick weitgehend entspricht (siehe dazu das Kapitel Helikoptergeld? Die aktuelle Situation.

Wie die Frischgeldzufuhr derzeit funktioniert und wie man alles anders arrangieren könnte, findet sich im Kapitel Geldmengensteuerung + Finanzierungskarusell: Banken oder Staatshaushalt?

Wer die Geldverkehrsgleichung erfunden hat

Sie wurde zuerst von dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Irving FISHER bereits Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt und 1911 erstmals veröffentlicht. Aber nicht groß beachtet. Schon garnicht in Europa, denn da kam ersteinmal der 1. Weltkrieg dazwischen, dann die Weltwirtschaftskrise und der große Börsencrash 1929. Danach dann der 2. Weltkrieg und erst danach entstand das, was wir heute Globalisierung nennen: in der Wirtschaft und der Politik, aber auch in der Wissenschaft.

Wiederbelebt wurde FISHER's Geldverkehrsgleichung in den USA in den 60er Jahren durch Milton FRIEDMAN, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Chicago University. FRIEDMAN war "Monetarist" und baute in den 60er Jahren (20. Jahrhundert) die sog. Chicagoer Schule auf, die den Vorrang der Geldpolitik in der staatlichen Wirstchafts- und Finanzpolitik betonte. Außerdem war er glühender Verfechter der reinen Marktwirtschaft und kämpfte gegen einen zu großen Staat, den er als Feind Nr. 1 für das freie Spiel der Kräfte in der Marktwirtschaft ansah.

FRIEDMAN griff die FISHER'sche Formel auf und entwickelte daraus geldpolitische Empfehlungen. Er erhielt dafür und seine anderen geldpolitischen Veröffentlichungen 1976 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften - es war die wirtschaftspolitische Ära, als sich Angebots- und Nachfragetheoretiker gegenseitig (wissenschaftlich) bekämpften. Also z.B. Milton FRIEDMAN versus Anhänger von John M. KEYNES.

Vieles, was FRIEDMAN gelehrt und geschrieben hat, ist längst überholt. Auch bei sogenannten Markt-Apologeten oder Angebotstheoretikern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Staatswesen sinnvolle Rahmenbedingungen setzen und wirtschaftliche oder auch soziale Aufgaben übernehmen muss, die der Markt nicht leistet. Beziehungsweise nicht leisten kann. Aber die wissenschaftliche Diskussion über die unterschiedlichen Gründe von Marktversagen entfachten sich erst später.

Und einiges, was FRIEDMAN gefordert und gelehrt hatte, ist auch in sich selbst nicht konsistent - so vertrat er beispielsweise als glühender Verfechter der reinen Marktwirtschaft - ähnlich wie Irving FISHER - die Meinung, dass der Staat Kreditinstituten, also Banken eine 100%ige Mindestreserve vorschreiben sollte. Er forderte also einen erheblichen staatlichen Eingriff in das, was die Banken heutzutage als eines ihrer Geschäftsmodelle betrachten: aus (Giral)Geld noch mehr (Giral)Geld zu machen. Was das genau bedeutet, erklären wir erst später im Kapitel "Giralgeldschöpfung und die unendlichen Geldmassen weltweit" (NOCH NICHT ONLINE).

An dieser Stelle empfehlen zunächst wir die Lektüre um das Finanzierungskarussell: Banken oder Staatshaushalt? Dort beschreiben wir, über welche Wege das notwendige Bargeld in den Wirtschaftskreislauf gelangen kann.

Danach dann die Überlegungen Weshalb das Helikoptergeld gerade im Wohnungsbau Sinn machen würde.

Hinweis: Alle diese Texte (die bei uns "Kapitel" heißen), können Sie auch direkt aufrufen und verlinken unter www.ansTageslicht.de/billigwohnen.

(JL)